26.10.2026, 18:15–19:45
Petra Richter (Düsseldorf)
Kunstwerke schaffen, um die Wirklichkeit zu ändern – Joseph Beuys in Rom und Neapel.
Da für Joseph Beuys der wirtschaftlich weniger weit entwickelte Süden Italiens mit seiner Ursprünglichkeit, Kultur und Geschichte einen besonders geeigneten Resonanzboden für seine gesellschaftsreformerischen Anliegen bot, wurde der Mezzogiorno von 1971 bis 1985 die bevorzugte Region seiner künstlerich-politischen Aktivitäten. In kritischer Reflexion führte deren gesellschaftliche Realität zu Werken, die auf den lokalen und gesellschaftspolitischen Kontext Bezug nehmen, verbunden mit der Aufforderung, das gesellschaftliche Gefüge zu reflektieren und neu auszurichten. Am Beispiel seiner Auftritte in Neapel und Rom in den Jahren 1971 und 1981 soll Beuys’ Bemühen, Lösungen für die gesellschaftspolitischen Probleme anzustoßen, nachgegangen werden.
9.11.2026, 18:15–19:45
Ben Woodard (Dresden)
Animating Form: The art of nature and nature of art in Schelling.
(Der Vortrag findet in englischer Sprache statt)
1807 hielt der deutsche Idealist F. W. J. von Schelling seine Festrede Über das Verhältnis der bildenden Künste zu der Natur. Sie entstand einige Jahre nach seinen umfangreichen Vorlesungen zur Kunst und noch vor der Abfassung seiner berühmten Freiheitsschrift. Darin entwickelt Schelling eine pseudo-platonische Neubestimmung des Verhältnisses von Kunst und Natur: Ein an der Mimesis orientiertes Denken über Kunst, so seine Kritik, verfehlt den grundsätzlich dynamischen Charakter der Natur. Indem Schelling die Natur als tätige Kraft begreift, die sich in der Form selbst anhält und Gestalt annimmt, schließt er die Kluft zwischen seinem naturphilosophischen und seinem idealistischen Projekt. Der Vortrag argumentiert, dass Schellings Betonung der Tätigkeit eine Kunstauffassung eröffnet, die die materielle Hervorbringung des Kunstwerks in den Vordergrund stellt, statt es nachträglich in ein ästhetisches Paradigma einzuordnen.
16.11.2026, 18:15–19:45
Thomas Feuerstein (Innsbruck)
Metabolica. Über Symbole und „Metabole“.
In der Geschichte der Kunst standen sakrale, symbolische, zuweilen ökonomische und vor allem ästhetische Wirkungen im Vordergrund. Landschaften wurden grün und blau gemalt, aber warum Pflanzen grün und der Himmel blau erscheinen, wurde nicht befragt. Der Stoff der Kunst war ein sinnlich emotionales Simulacrum des Lebendigen, aber nicht Teil biologischer und planetarer Prozesse. Dieser Riss zwischen Kunst und Natur, Industrie und Umwelt wurde erst nach Kant in der Romantik zum Thema von Philosophie und Kunst. Zeitgleich diagnostizierte Karl Marx einen „unheilbaren Riß im Zusammenhang des gesellschaftlichen Stoffwechsels, eines Stoffwechsels, der durch die Gesetze des Lebens selbst vorgeschrieben ist". Diesen Riss spüren wir heute als Klima- und Ressourcenkrise, aber auch als kulturelle und soziale Krise. Der Mensch, als animal symbolicum (Ernst Cassierer), wird sich seiner metabolischen Verfasstheit und Verantwortung bewusst und Kunst beginnt die Sphäre der Allegorien, Metaphern und Bilder durch molekulare Erzählweisen zu erweitern.
23.11.2026, 18:15–19:45
Ron Manheim (Kleve)
Beim Wort genommen: Joseph Beuys und der Nationalsozialismus.
Anhand einer großen Anzahl von konkreten Aussagen von Joseph Beuys selbst wird gezeigt, dass der Künstler nie eine kritische Distanz zu seinen eigenen Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus (Schulzeit und Kriegsjahre) entwickelte. Sehr früh einsetzende ideologische Befangenheit führte dazu, dass er vor unterschiedlichen Zuhörerkreisen (darunter auch Schüler) die Nazidiktatur verharmloste und deren mörderischen Antisemitismus aus seiner Gedankenwelt ausklammerte. Im Gegensatz zu Autoren wie H.P. Riegel verwirft der Redner die Auffassung, Beuys sei Anhänger einer nationalsozialistischen Ideologie gewesen. Vielmehr belegt er, dass Beuys – den er im traditionellen Sinn für einen sehr großen Künstler hält – als Ideologe fernab der eigenen Zeit und weit weg von den historischen und zeitgenössischen Realitäten agierte.
24.11.2026, 10:15–11:45
Barbara Strieder (Kleve)
Kreuz und „Christuskraft“ ‒ Religiöse Motive im Werk von Joseph Beuys.
Ausgangspunkt des Vortrags sind frühe Zeichnungen und Plastiken, in denen Joseph Beuys auf der Basis der christlichen Motive Kreuz und Pieta Themenschwerpunkte wie Leiden und Heilung (Erlösung) entwickelte, die für sein gesamtes Schaffen prägend wurden. In kleinen plastischen Arbeiten der späten 1950er und frühen 1960er Jahre vollzog Beuys die Annäherung an christliche Inhalte und ihre Verbindung zum täglichen Leben in einer ungewöhnlichen Formensprache und mit ärmlichen Materialien. In der Aktion Celtic + von 1971 schließlich zitierte Beuys christliche Riten wie Taufe und Fußwaschung, um die Transformation von einem traditionellen zu einem „erweiterten“ Kunstbegriff darzustellen: Dieser bezieht sich nach Vorstellung von Beuys auch auf den Menschen und die Gesellschaft.
7.12.2026, 18:15–19:45
Nicole Fritz (Tübingen)
Bewohnte Mythen. Joseph Beuys und der Volksglaube.
Joseph Beuys war ein Jahrhundertkünstler, dessen Werk und Person bis heute ausstrahlt und die Menschen emotional und intellektuell bewegt. Sein umfangreiches Œuvre ist neben christlichen, schamanistischen und alchemistischen Traditionen auch von mythologischen Traditionen und vom heimischen Brauchtum mitgeprägt. Als Künstler-Schamane forderte er bereits in den 1960er in seinem Energieplan eine neue Einfühlung in die Tier- und Pflanzenwelt. In Zeichnungen, Skulpturen, Multiples und Aktionen machte er auf die entzauberten Beziehungen zu den Energien der Erde, zu den Tieren und nicht zuletzt auch zu den seelischen Kräften aufmerksam. In ihrem Vortrag zeigt Nicole Fritz mit Fokus auf sein umfangreiches zeichnerisches Werk, wie Beuys vorchristliche Traditionen, Volksmagie und Heilkunde im Rahmen seiner individuellen Mythologie im Kontext der Nachkriegskunst produktiv gemacht hat.
Quellennachweis:
ANN: Vortragsreihe der Kunstwissenschaften (Halle/Saale, 26 Oct-7 Dec 26). In: ArtHist.net, 03.10.2026. Letzter Zugriff 04.10.2026. <https://arthist.net/archive/54530>.