CFP 14.03.2026

Leerstellen (Leipzig, 28-29 Oct 26)

Museum der bildenden Künste Leipzig, 28.–29.10.2026
Eingabeschluss : 04.05.2026

Ulrike Saß, Museum der bildenen Künste Leipzig

Leerstellen. Provenienzforschung als Zugang zu jüdischer Kultur und Museumsgeschichte in Sachsen.

Tagung organisiert in Kooperation zwischen dem Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow und dem Museum der bildenden Künste Leipzig.

Provenienzforschung hat die aktive Beteiligung deutscher Museen und Sammlungs-einrichtungen am systematischen Raub jüdischen Eigentums im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung und Entrechtung jüdischer Sammler:innen in den letzten Jahren zunehmend sichtbar gemacht. Die Ergebnisse dieser Forschung zeigen aber auch, wie und auf welche Weisen diese vor 1933 in eine städtische und überregionale Kunst- und Kulturszene eingebunden waren. Daraus resultiert ein neues Selbstverständnis der Kunstmuseen im Kontext der Erinnerung an NS-Unrecht: Ein transparenter und verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Geschichte ist ebenso Aufgabe der Institutionen wie das Erinnern an die jüdischen Familien, die einst mit ihnen verbunden waren, und die Restitution dieses verlorenen Wissens zu den eigenen Beständen.

In diesem Jahr würdigt der Freistaat Sachsen die Gründung des ersten sächsischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden im Jahr 1926 in einem „Jahr der jüdischen Kultur“ mit einem weitgespannten Veranstaltungsprogramm. Am Themenjahr beteiligen sich das Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow (DI) und das Museum der bildenden Künste (MdbK) unter anderem mit zwei Ausstellungen. Die vom MdbK geplante große Sonderausstellung „Vier Wände voller Kunst. Jüdische Familien und ihre Sammlungen in Leipzig“ (Laufzeit: 01.10.2026 bis 31.01.2027) steht im Kontext eines seit 2025 vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts, das die Rolle jüdischer Sammler:innen in der Kunst- und Kulturszene Leipzigs erforscht. Die Ausstellung stellt elf jüdische Familien vor, die in besonderem Maße mit dem MdbK verbunden waren und präsentiert Kunstwerke aus ihren Sammlungen.
Die in das Forschungsprojekt „‚Betrieb und Idee‘. Salman Schockens Universum im Jerusalemer Archiv“ eingebettete Ausstellung „Berlin/Jerusalem. Die Gärten Salman Schockens“ im DI (Laufzeit: 12.10.2026 bis 30.09.2028) widmet sich der erzwungenen Emigration des Unternehmers, Verlegers und Sammlers, der in den 1920er Jahren in enger Verbindung mit sächsischen Kunsthändlern und -museen wie dem König Albert Museum in Zwickau gestanden hatte – und seine eigene Sammlung nach Jerusalem zu retten vermochte.

In der gemeinsam konzipierten Tagung geht es um die Geschichten jüdischer Sammler:innen und ihres Eigentums, Infrastrukturen und Ökonomien des privaten Sammelns sowie auch Restitutionsprozesse und konfliktreiche Gespräche über den Verbleib von Kulturgut nach 1945.
Aus den Perspektiven von Kunstgeschichte, Jüdischer Geschichte und Museumswissenschaft wollen wir der Frage nachgehen, welche Rolle jüdischen Sammlungen für die Entwicklung der Kunst- und Museumslandschaft in Sachsen (mit den Zentren Leipzig, Chemnitz, Dresden und Zwickau) zukommt – und wie und warum die Namen vieler Sammler:innen und Förder:innen aus dem Gedächtnis der Institutionen verschwunden sind. Das Wissen um Sammlungsprofile und Beziehungen zwischen Menschen und Museen ist nur mit großem Aufwand zu rekonstruieren. Welche Bedeutung kommt vor diesem Hintergrund der Erforschung und Sichtbarmachung von Biografien jüdischer Sammler:innen für die aktuelle Museumsarbeit zu? Welche Rolle spielt dabei die juristisch und ethisch notwendige Provenienzforschung am Museum? Welche gesellschaftliche Funktion übernimmt das Museum als Erkenntnis- und Vermittlungsort im Kontext der Erinnerungsarbeit?

Im Zentrum steht die Frage, inwiefern die kunsthistorische Provenienzforschung als ein Zugang zu Fragen nach jüdischer Kultur, Sozial- und Geschmacksgeschichte einerseits sowie als Schlüssel für die Erforschung von Museumsgeschichte und Sammlungspolitik andererseits fungieren kann. Das Organisationsteam lädt Wissenschaftler:innen aller Disziplinen ein, Beiträge einzureichen, die sich einem der zwei folgenden Themenschwerpunkte zuordnen lassen:

Cluster 1: Jüdische Sammler:innen und der Kunsthandel in Sachsen
Der erste Konferenztag widmet sich jüdischen Sammler:innen in Sachsen, Institutionen des Kunstmarktes sowie weiteren Akteur:innen im Kulturbetrieb des beginnenden 20. Jahrhunderts. Wir suchen Beiträge zur professionellen Vernetzung und oft auch freundschaftlichen Verbindung zwischen einzelnen Akteuren. Auch das Ausmaß und die Folgen der Zerstörung der jüdischen Kultur, der Entrechtung, Vertreibung und Ermordung sowie des Raubs der Kulturgüter sollen diskutiert werden.

Cluster 2: Überlebende, Nachfahr:innen und Institutionen: Der Umgang mit geraubter Kunst nach 1945
Der zweite Konferenztag adressiert die Rolle der Museen nach 1945 sowie ihren Bezug zu Mitgliedern der Zweiten und Dritten Generation. Wie kann der Umgang mit jüdischer Geschichte in der DDR adressiert werden? Ist es mit den bisherigen Restitutionen gelungen, einen Schritt zur Versöhnung zu gehen? Sind Kunstmuseen aktuell Orte der Erinnerung an NS-Unrecht?

Wir bitten um die Zusendung eines Abstracts im Umfang von ca. 1.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) als Vorschlag für einen 20-minütigen Vortrag (zzgl. Diskussion) in Deutsch oder Englisch sowie eines kurzen CV bis zum 04.05.2026 an leerstellendubnow.de Eine Benachrichtigung über die Annahme erfolgt bis zum 08.06.2026. Es ist geplant, die Reise- und Übernachtungskosten für aktive Konferenzteilnehmer:innen zu übernehmen. Dies ist abhängig von der Bewilligung eines Förderantrages.

Die Tagung wird organisiert von Prof. Dr. Jörg Deventer (Dubnow-Institut), Dr. Caroline Jessen (Dubnow-Institut) und Dr. Ulrike Saß (Museum der bildenden Künste Leipzig).

Quellennachweis:
CFP: Leerstellen (Leipzig, 28-29 Oct 26). In: ArtHist.net, 14.03.2026. Letzter Zugriff 14.03.2026. <https://arthist.net/archive/51975>.

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