CFP 14.02.2026

Fäden. Kulturtechniken der Handarbeit.

Blog des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI), 01.05.2026
Eingabeschluss : 17.03.2026

Laura Reiling

Um Fäden spannen sich diverse Bedeutungsebenen auf: von medien- und texttheoretischen, gerade in der poststrukturalistischen Theorie (Text als ‚Gewebe aus Zitaten‘), erzähltheoretischen, die auf Fragen der Kohärenz zielen (‚roter Faden‘), nämlich die Linearität und Kausalität eines Plots (im Fiktionalen) oder einer Argumentationsstruktur (in Essayistik und Wissenschaft), hin zu rhetorischen und (gendertheoretisch reaktivierten) mythologischen (‚Ariadnefaden‘). Fäden werden vielfach metaphorisch genutzt: Fäden lassen sich lösen, bisweilen kommt es zu Verknotungen, Fäden kann man wieder aufnehmen und verlieren, man kann etwas einfädeln.

Jenseits dessen sind Fäden ein konkretes Element handwerklicher Praxis. Insbesondere für solche (Näh-, Spinn-, Strick- und Web-)Fäden interessiert sich die neue Blogreihe des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Dekorative Objekte wie Tapeten, Vorhänge und Wandteppiche, die aktuell auch im Fokus einiger Ausstellungen stehen (https://www.smk.dk/en/exhibition/anna-thommesen/, https://www.museumangewandtekunst.de/de/besuch/ausstellungen/wolle-seide-widerstand/, https://mdbk.de/ausstellungen/faeden/), sind ebenso Ergebnis dieser Fäden wie Kleidungsstücke. Fäden sind verbunden mit (historischen) Praktiken von Akteur:innen wie der Schneiderin und dem Weber und mit Instrumentarien wie Stick- und Nähnadeln und dem Webstuhl. Referenzen auf Klöppeln, Nähen, Spinnen, Sticken, Stricken und Weben finden sich gleichsam in der Literatur wie in der Bildenden Kunst. Weibliche Figuren der Literaturgeschichte, gerade im Rahmen spezifisch bürgerlicher Vorstellungen weiblicher Privatheit, ziehen sich zum Stricken ins Häusliche zurück, sie lauschen nähend Gesprächen anderer oder arbeiten an Webstühlen. Manche der Figuren vertreiben sich ihre Zeit mit Handarbeit, andere gehen ihr zum Zwecke familiärer Versorgung und Fürsorge nach. Handarbeiten können gleichermaßen Teil der Care-Arbeit sein wie Freizeit und Vergnügen dienen. Man strickt, um Neues zu schaffen, aber man stopft auch Altes, um es zu erhalten, oder flickt sukzessive, teils generationenübergreifend (Patchwork). In der niederländischen Malerei des Goldenen Zeitalters finden sich zahlreiche nähende Frauen. Vermeers Die Spitzenklöpplerin zeigt eine junge Frau in konzentrierter Tätigkeit; die textile Arbeit verweist auf damalige weibliche Tugenden (Fleiß, Besonnenheit, häusliche Ordnung) wie auf die künstlerische Produktion. Handarbeit bleibt in der Kunst präsent: um 1900 etwa bei den nähenden Frauen von Vincent van Gogh und Max Liebermann, in der Arts and Crafts-Bewegung und in den Werken von Vilhelm Hammershøi, in denen Frauen in stillen, leeren Räumen ihrer Handarbeit nachgehen. Für die Gegenwartskunst wäre z.B. Louise Bourgeois zu nennen, in deren Oeuvre Handarbeit nicht als Motiv dient, sondern eine Vielzahl ihrer Werke Arbeiten aus Stoff sind und Techniken wie Nähen oder Stricken Bourgeois erst in die Kunst eingeführt haben. Zu nennen wäre auch Sussy Cazalet, die ihre Aquarellstudien und Papiercollagen in gewebte Kunstwerke umsetzt. Zugleich scheint die Aufwertung und Neu-Kanonisierung weiblicher Kunst eng mit der Aufwertung textiler Techniken, Materialien und Motive verknüpft – was also über die Abbildung von handarbeitenden Figuren hinausreicht. Überdies sind die Herstellungsprozesse im Hinblick etwa auf Verfahren der kollaborativen/kollektiven Handarbeit (in Werkstätten) wichtig sowie kulturräumliche Unterschiede in der Sichtbarkeit von Handarbeit.

Erwünscht sind Beiträge gleichermaßen aus Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften wie aus Technik- und Kulturgeschichte, Kultursoziologie und Ideengeschichte. Zu diskutieren wären bspw. die Zeitlichkeit und der Rhythmus der Handarbeit (und deren Konsequenzen z.B. für die künstlerische Repräsentation), das Verhältnis von Privatem (und Innerlichem) und Öffentlichem, was auch die Räume tangiert (häusliche Arbeit vs. strickende Frauen in Cafés, Zügen etc.), die geschlechtliche Dimension, auch in historischer Einordnung (Tricoteuses während der Französischen Revolution, Frauen in Leineweberfabriken), das Verhältnis von Körper (Hand) und Material sowie Körper und Geist und die Situierung der Handarbeit zwischen Arbeit und (Er-)Schöpfung sowie Ablenkung, Erholung und Muße.

Die kurzen Blogtexte sollen eine Länge von nur 12.000 Zeichen (ca. 4 Seiten) haben (Chicago-Zitation in Endnoten) und erscheinen ab Mai/Juni 2026 mit je eigener DOI auf dem hauseigenen KWI-Blog (https://blog.kulturwissenschaften.de/, ISSN 3054-128X; vergleichbare Reihen gab es zu Klima und Letzten Sätzen).

Bitte schicken Sie Ihre Vorschläge (max. 1/2 Seite) mit einer kurzen biografischen Notiz bis zum 17.3.2026 an Dr. Laura M. Reiling (laura.reilingkwi-nrw.de).

Quellennachweis:
CFP: Fäden. Kulturtechniken der Handarbeit.. In: ArtHist.net, 14.02.2026. Letzter Zugriff 15.02.2026. <https://arthist.net/archive/51756>.

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