CFP Feb 1, 2026

Kindheit als sozial- und kulturhistorisches Phänomen (Děčín, 22-23 Oct 26)

Oblastní muzeum Děčín, Oct 22–23, 2026
Deadline: Mar 31, 2026

Birgit Finger

Oblastní muzeum Děčín, p. o., und Schloss Weesenstein, Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gGmbH (SBG), laden zur Konferenz ein „Kindheit als sozial- und kulturhistorisches Phänomen“.

Die moderne Vorstellung vom Kind als einem behüteten und unschuldigen Wesen mit einer eigenen, vom Erwachsenenleben unterschiedenen Erfahrungswelt – die heute als selbstverständlich gilt – ist in Wirklichkeit ein relativ neues Phänomen. Sie ist eng verbunden mit gesellschaftlichen Entwicklungen, dem Aufstieg institutionalisierter Erziehung sowie dem Wandel des Familienlebens vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die tiefgreifenden Modernisierungsprozesse und die damit einhergehenden ökonomischen, sozialen und demografischen Veränderungen haben Familie und familiäre Beziehungen neu definiert. Die bürgerliche Kleinfamilie ermöglichte eine stärkere Orientierung am Kind, das zunehmend zum Gegenstand emotionaler und materieller Investitionen wurde. Auch Staat und Gesellschaft begannen, das Kind als Ressource für die Zukunft wahrzunehmen.
Besonders das 19. und 20. Jahrhundert – geprägt von fundamentalen Modernisierungsschüben, dem Ausbau des bürokratischen Staates, der Entwicklung des Schulwesens, der Medizin und der Sozialpolitik – stellt eine Epoche dar, in der Kindheit in den Fokus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit und öffentlicher Debatten rückt. Staat und Gesellschaft „eignen“ sich das Kind zunehmend als Objekt der Fürsorge, Kontrolle und Investition an, während die Familie weiterhin der Ort bleibt, an dem sich alltägliche Erziehungspraxis, Sozialisation und Identitätsbildung vollziehen.
Eine grundlegende Rolle für die Etablierung der Kindheitsgeschichte als eigenständiges Forschungsfeld spielte zudem die kontroverse These von Philippe Ariès. Er vertrat die Auffassung, dass das Verständnis, Kindheit als besondere Lebensphase zu verstehen, in Europa erst mit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft im 17. Jahrhundert entstand. Seine Interpretation spaltete die Forschung in zwei Lager: Die einen übernahmen sein Bild vom Kind als „kleinem Erwachsenen“ in der Vormoderne, während die anderen seit Jahrzehnten zahlreiches Quellenmaterial vorlegen, das auf eine stabile elterliche Zuwendung und ein klares Bewusstsein für die altersbedingten Bedürfnisse von Kindern hinweist.
Die Konferenz Kindheit als sozial- und kulturhistorisches Phänomen lädt Beiträge aus beiden Forschungstraditionen ein und möchte die Vielschichtigkeit hervorheben, die die Geschichte der Kindheit in verschiedenen Zeiträumen sowie kulturellen und sozialen Kontexten kennzeichnet. Ziel ist es zugleich, Kindheit als dynamisches und facettenreiches Phänomen der Kultur- und Sozialgeschichte zu präsentieren und eine interdisziplinäre Diskussion über Methoden, Quellenzugänge und Anwendungsmöglichkeiten des aktuellen Forschungsstandes – auch in musealer, kuratorischer und populärwissenschaftlicher Praxis – zu eröffnen.
Das Thema richtet sich an Historikerinnen, Archivarinnen, Museumsfachleute und Expertinnen verwandter Disziplinen. Eine zeitliche Eingrenzung ist nicht vorgesehen – willkommen sind Beiträge zur Kindheit vom Beginn der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart.

Das Organisationsteam lädt Interessierte ein, einen Vorschlag für einen Vortrag in Form eines Abstracts von maximal 1.000 Zeichen sowie eines kurzen biografischen Profils einzureichen. Die Vortragszeit beträgt 20 Minuten. Die Beiträge werden in einer digitalen Publikation veröffentlicht. Konferenzsprachen sind Tschechisch und Deutsch. Das Organisationsteam behält sich die Auswahl der Beiträge vor.
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Mögliche Themenbereiche
• Wandel von Familie, Elternschaft und häuslicher Erziehung
• Institutionalisierung der Kindheit: Schule, Gesundheitswesen, Fürsorge, Sozialpolitik, Jugendorganisationen
• das Kind als Objekt von Fürsorge, Kontrolle und Disziplinierung
• Kindheit im Kontext der Modernisierungsprozesse des 19. und 20. Jahrhunderts
• kindliche Erfahrung und Alltag
• visuelle und materielle Kultur der Kindheit
• Quellen und Methoden der Kindheitsforschung
• Darstellungen von Kindheit in Medien, Literatur, Kunst und Museen
• Nutzung der Kindheitsgeschichte in musealer und kuratorischer Praxis
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Vortragsformat
• Dauer des Vortrags: 20 Minuten + Diskussion
• begleitende Präsentation (PowerPoint) willkommen
• Konferenzsprachen: Tschechisch, Deutsch (mit Dolmetschern)
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Zeitplan
• bis 31.03.2026 - Einreichen der Anmeldung und des Abstracts
• bis 15.04.2026 - Begutachtung der Vorschläge und Mitteilung über Annahme/Ablehnung
• 22.–23.10.2026 Konferenz in Děčín
• bis 30.06.2027 Abgabe der Beiträge für die Publikation

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Die Konferenz wird im Rahmen des deutsch-tschechischen Projekts Kindheit und Erziehung im Adel und Bürgertum in historischer Perspektive aus dem Programm Interreg Tschechien–Sachsen 2021–2027 finanziert.

Kontakte: Věra Kuklová vera.kuklovamuzeumdc.cz; Steffen Retzlaff steffen.retzlaffschloesserland-sachsen.de

Reference:
CFP: Kindheit als sozial- und kulturhistorisches Phänomen (Děčín, 22-23 Oct 26). In: ArtHist.net, Feb 1, 2026 (accessed Feb 2, 2026), <https://arthist.net/archive/51611>.

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