CFP Jan 23, 2026

Erbe(n) ohne Erben? Praktiken kultureller Nachfolge

Deadline: Mar 10, 2026

Beate Störtkuhl

Journal für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (JKGE) /
Journal for Culture and History of the Germans in Eastern Europe

[English version below]

Themenausgabe 8 (2027):
Erbe(n) ohne Erben?
Praktiken kultureller Nachfolge in Gebieten mit historisch deutscher Prägung
Herausgeberin: Kornelia Kończal (Univ. Bielefeld)

Die Flucht und Vertreibung von über zwölf Millionen Deutschen infolge des Zweiten Weltkrieges veränderte nicht nur die demografische Zusammensetzung im östlichen Europa, sondern auch die materiellen und symbolischen Landschaften vieler Regionen. Das von den Deutschen hinterlassene Kulturerbe wurde zum Gegenstand komplexer Wechselwirkungen zwischen offizieller Geschichtspolitik und Erinnerungsarbeit ‚von unten‘, wobei zentrale Kategorien der gesellschaftlichen Ordnung wie Nationalismus, Eigentum und historische Verantwortung ausgehandelt wurden.
Nach dem Ende des Kalten Krieges veränderten Prozesse der Privatisierung und Kommunalisierung, die rasche Entwicklung des Tourismus und die europäische Integration die Bedeutung des ‚Erbes ohne Erben‘ sowie den Umgang mit ihm weiter. Das einst umstrittene Kulturerbe wurde nun teilweise als ‚gemeinsames‘ oder ‚geteiltes‘ Erbe umgedeutet, sorgte in manchen Kontexten jedoch weiterhin für Kontroversen oder Konflikte.
In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich der Forschungsstand zu den Themen ‚Kulturerbe‘ und ‚Zwangsmigrationen‘ in Europa dynamisch entwickelt. Das interdisziplinäre Feld der Critical Heritage Studies hat das bis dahin meist als statisches Relikt der Vergangenheit verstandene Kulturerbe rekonzeptualisiert als ein Gefüge gelebter, fortwährend neu ausgehandelter und neu inszenierter Praktiken. Parallel dazu hat die anthropologische Forschung zu Gesellschaften, die in besonderer Weise von Konflikten und Zwangsmigrationen geprägt sind, gezeigt, wie der Umgang mit dem Kulturerbe in Alltagspolitiken, moralische Ökonomien und lokale Deutungen von Verlust, Erinnerung und Zugehörigkeit eingebettet ist.
Dabei wurde bislang eher das materielle als das immaterielle Kulturerbe in den Blick genommen. Dieses Ungleichgewicht kennzeichnet auch die Forschung zum hinterlassenen Kulturerbe in historisch deutsch geprägten Gebieten des östlichen Europas.
Während zahlreiche Studien sich mit der materiellen Kultur – Denkmälern, Gebäuden, Kunstwerken oder Haushaltsgegenständen – befasst haben, wurde das immaterielle Kulturerbe – etwa mündliche Überlieferungen, volkstümliches Wissen, handwerkliche Fertigkeiten und religiöse oder Erinnerungspraktiken – weit weniger systematisch erforscht. Dabei sind es oft gerade diese flüchtigen und körperlich gelebten Formen von Kultur, die sichtbar machen, wie fremd kodierte Kulturlandschaften bewohnt und interpretiert werden.

Das Themenheft des JKGE will diese Lücke füllen und untersuchen, wie das Kulturerbe ‚ohne Erben‘ in ehemals von Deutschen kulturell (mit-)geprägten Gebieten des östlichen Europas nach 1945 angeeignet, verhandelt, übersetzt oder abgelehnt wurde. Der Blick richtet sich dabei sowohl auf das materielle als auch auf das immaterielle Kulturerbe in ehemals von Deutschen bewohnten Gebieten in Polen, Rumänien, der Slowakei, Tschechien, der Ukraine und Ungarn sowie im Baltikum und auf dem Balkan. Von besonderer Relevanz ist die Frage, wie Praktiken der kulturellen Nachfolge durch Machtverhältnisse, soziale Positionierungen und Prozesse kultureller Übersetzung geprägt wurden, und wie sie sich in den aufeinanderfolgenden Kontexten der Nachkriegszeit, des Poststalinismus, des Spätsozialismus und des Kapitalismus entfalteten.
Zugleicht zielt das Themenheft darauf, die interne Vielfalt des ‚Erbes ohne Erben‘ im östlichen Europa zu ermitteln. Anstatt das Kulturerbe in den historisch deutsch geprägten Regionen als homogene Kategorie zu behandeln, soll es als ein Gefüge heterogener ethnischer, ideologischer, regionaler, religiöser und sprachlicher Formationen betrachtet und danach gefragt werden, wie diese Vielfalt im Laufe der Zeit bewahrt, instrumentalisiert, transformiert oder zum Schweigen gebracht wurde.

Wir freuen uns über Beiträge aus der Anthropologie und Ethnologie, der Geschichtswissenschaft und Kunstgeschichte, den Heritage und Memory Studies, der Public History und der Soziologie. Beiträge, die sich auf praxeologische Ansätze, new materialism oder den activist turn in der Erinnerungsforschung sowie auf vergleichende oder transnationale Perspektiven stützen, sind besonders willkommen.

Mögliche Themenbereiche umfassen unter anderem:
• Beziehungen zwischen offiziellen Regimen des Kulturerbes und Alltagspraktiken,
• Generationell und geschlechtlich geprägte Formen des Umgangs mit dem Kulturerbe,
• Funktionen des ‚Erbes ohne Erben‘ in Prozessen der Marken- und Identitätsbildung sowie politischen Mobilisierung,
• Spannungen zwischen bildungsbezogenen und kommerziellen Praktiken,
• ethnische, ideologische, regionale, religiöse und sprachliche Prägungen des hinterlassenen Kulturerbes als mythopoetische Ressource,
• Praktiken der Abweisung, Verweigerung und des Beschweigens als sinnstiftende Modi des Umgangs mit umstrittenem oder unerwünschtem Kulturerbe,
• Methodische Herausforderungen und Innovationen in der Erforschung von Kulturerbe ‚ohne Erben‘, insbesondere im Hinblick auf Abwesenheit, Fragmentierung und archivalische Leerstellen.

Bitte senden Sie ein Abstract Ihres geplanten (unveröffentlichten) Beitrags in deutscher oder englischer Sprache (max. 2.500 Zeichen) sowie einen kurzen Lebenslauf bis zum 10. März 2026 per E-Mail an die Redaktion des JKGE (redaktionbkge.uni-oldenburg.de).

Die für eine Veröffentlichung ausgewählten Beiträge von max. 50.000 Zeichen müssen bis 1. November 2026 in deutscher oder englischer Sprache eingereicht werden.
Sie durchlaufen ein doppelt anonymisiertes Peer Review-Verfahren, bevor sie im Herbst 2027 im JKGE online als Open Access sowie als Print im DeGruyter-Verlag erscheinen werden. (https://www.degruyterbrill.com/serial/jkge-b/html?lang=de).

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Special Issue 8 (2027):
Doing Heritage without Heirs?
Practices of Cultural Succession in Post-German Spaces
Editor: Kornelia Kończal (Bielefeld University)

As a result of the Second World War, over twelve million Germans were expelled from or fled their homelands in East-Central and South-Eastern Europe. This mass displacement reshaped not only the demographic composition of entire regions but also their material and symbolic landscapes. The cultural heritage left behind by German communities has given rise to complex interactions between official politics of memory and grassroots memory work, often reflecting broader tensions surrounding nationalism, ownership and historical responsibility. Since the end of the Cold War, processes of privatisation, municipalisation, touristification and European integration have further transformed the meanings and uses of heritage without heirs. Once-contested cultural legacies have at times been reframed as shared or entangled heritage, while in other contexts they continue to provoke controversy and conflict.

Over the past two decades, research on heritage and displacement has expanded significantly. Critical Heritage Studies has reconceptualised heritage from a static residue of the past into a set of lived, negotiated, and continuously re-enacted practices. In parallel, anthropological research on post-conflict and post-displacement societies has demonstrated how heritage-making is embedded in everyday life, moral economies and local negotiations over loss, memory and belonging. Yet scholarly attention has tended to privilege tangible over intangible heritage. The same imbalance characterises research on the remains of German culture across East-Central and South-Eastern Europe.
While numerous studies have examined material culture – such as monuments, buildings, works of art and household objects – intangible heritage, including oral traditions, vernacular knowledge, craft skills and religious or commemorative practices, has been far less systematically explored. Yet it is often these ephemeral and embodied forms of culture that render visible how post-German landscapes are inhabited and interpreted.

This special issue of the JKGE addresses this gap by examining how heritage without heirs has been engaged with, appropriated, negotiated, translated or refused since 1945 in Europe’s post-German spaces. Bringing both tangible and intangible forms of culture into view, the issue explores a wide range of practices through which processes of cultural succession are enacted or disrupted in the regions that were formerly inhabited by Germans in Czechia, Hungary, Poland, Romania, Slovakia and Ukraine as well as in the Balkan and Baltic countries. Particular attention is paid to how these practices are shaped by power relations, social positioning and processes of cultural translation, and to how they unfold across successive post-war, post-Stalinist, late socialist and capitalist settings.
At the same time, the special issue seeks to capture the internal diversity of heritage without heirs in Europe’s post-German spaces. Rather than treating such heritage as a homogeneous category, it approaches it as an assemblage of heterogeneous ethnic, ideological, linguistic, regional and religious imprints, and asks how this diversity has been preserved, transformed or silenced over time.

We welcome contributions from (art) historians, anthropologists, public historians, sociologists, scholars in cultural, heritage and memory studies. Submissions drawing on practice theory, new materialism, the activist turn in memory studies and comparative or transnational approaches are particularly encouraged.

Topics of interest include (but are not limited to):
• Relations between official heritage regimes and everyday practices,
• Gendered and generational approaches to engaging with heritage without heirs in Europe’s post-German spaces,
• The role of heritage without heirs in branding, identity-making and political mobilisation,
• Tensions between commercial and educational uses of heritage without heirs
• Ethnic, ideological, linguistic, regional and religious imprints of abandoned heritage as a mythopoetic resource,
• Practices of refusal, silence and non-engagement as meaningful modes of relating to contested or unwanted heritage,
• Methodological challenges and innovations in researching heritage without heirs, particularly in relation to absence, fragmentation and archival silences.

Please send, by 10 March 2026, an abstract of the (unpublished) article you are proposing, in German or English (max. 2,500 characters, incl. spaces), together with a brief biographical note to the JKGE editorial office (redaktionbkge.uni-oldenburg.de).

The articles of max. 50,000 characters selected for publication should be submitted, in German or English, by 1 November 2026.
All submissions will undergo a double-blind peer review before being published in the JKGE online in open access and in print by DeGruyter-Verlag in autumn 2027. (https://www.degruyterbrill.com/serial/jkge-b/html?lang=en).

Reference:
CFP: Erbe(n) ohne Erben? Praktiken kultureller Nachfolge. In: ArtHist.net, Jan 23, 2026 (accessed Jan 27, 2026), <https://arthist.net/archive/51556>.

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