Künstlerische Technik und Rhetorik der Materialität in der ästhetischen Moderne 1920–1980.
Mit dem Geniegedanken etabliert die ästhetische Moderne – beginnend seit dem späten 18. Jahrhundert – einen sowohl werk- als auch künstlerbezogenen Diskurs, der Ideenreichtum, Kreativität und Exzeptionalität in den Mittelpunkt rückt. Als Reaktion der Avantgardebewegungen auf Ermüdungserscheinungen dieser idealistischen Ästhetik wie auch parallel zu dieser etabliert sich in der Reflexion auf künstlerische Techniken, Mittel, Verfahren und Präsentationsformen eine Neuverortung des Künstler-Subjektes: Den Gegenpol zur genialen subjektiven (Ent-)Äußerung markiert sowohl im dichterischen wie auch im Feld der bildenden Künste und der Musik der Fokus auf handwerkliche Angemessenheit und den Umgang mit dem Material. Dabei wird jedoch das Genie-Paradigma nicht einfach vom Paradigma technischer Konstruktivität ersetzt, geht es also nicht darum, zu einem Technikverständnis zurückzukehren, das in dieser den „inbegriff der erfahrungen, regeln, grundsätze, und handgriffe, nach denen bei ausübung einer kunst oder eines gewerbes verfahren wird“ (Grimm Wörterbuch), ausmacht.
Vielmehr kommt es – bis zur Ablösung der ästhetischen Moderne durch postmoderne Ästhetiken um 1970 – zu facettenreichen Überschneidungen zwischen älteren künstlerischen Schöpfungsvorstellungen und neuerem unpersönlichem Herstellungsdiskurs: Reflexionen künstlerischer Technik und Techniken überschreiben, ergänzen und erweitern ältere inspirationspsychologische und metaphysische Produktionsästhetiken: Ob in Walter Benjamins Abgesang auf ästhetische Einmaligkeit im Zeitalter medialer Reproduktion bei gleichzeitigem Aufstieg des Künstlers als sozialpolitischem Akteur, in Gottfried Benns vermeintlichem Verschwinden des Autors in Montage und Zitat („Phase II“), in Adornos Entwicklungsgeschichte der Kunst am Leitfaden angemessener Materialbearbeitung oder im ostentativen Verzicht auf künstlerische Handschrift zugunsten von Serialität, Monotonie und Objekthaftigkeit im amerikanischen Minimalismus (z.B. bei Frank Stella und Donald Judd) – an verschiedenen Stellen (aber allerorten!) entledigt sich die ästhetische Moderne einer subjektkulturellen Prägung im Zeichen technischer Überformung: Nur um Künstler und Dichter durch die Hintertür wieder hereinzulassen? – Dieser Frage möchte der Workshop im interdisziplinären Gespräch nachgehen.
Das Augenmerk soll dabei nicht auf den künstlerischen Techniken selbst liegen, sondern auf deren Reflexion innerhalb eines Kunst- und Dichtungsdiskurses, der poetologische und kunstkritische Äußerungen immer stärker der ‚eigentlichen‘ Kunst und Dichtung gleichstellt, man kann auch sagen: werkförmig aufwertet – und damit zu einem unhintergehbaren, jedoch reflexiv bisher nur unzureichend eingeholten Bezugspunkt in der historiografischen Vermessung ästhetischer Modernität macht.
Beginnend bei der frühen Avantgarde (z.b. Kandinsky) und im Gespräch mit dieser entwickeln sich vermehrt seit den 1920er Jahren Strategien autorschaftlicher Stilisierung und werkpolitischen Engagements im Projektionsraum künstlerischer Materialität und Technik. Während dieser Diskurs einerseits ältere Modi der Semiose und Sinnzuschreibung desavouiert, etabliert er in der Reflexion auf das Wechselverhältnis von „Technik und Materialstand“ (Adorno) neue interpretative Standards. Diese neuen Standards schließen zwar an ältere Fragen nach der Angemessenheit (und den Kriterien für die Angemessenheit) künstlerischer ‚Form‘ an – etwa im Rahmen einer ‚Ästhetik der Buchstäblichkeit‘ – , eröffnen jedoch auch im Raum der Verhandlung sozialer und kritischer Funktion von Kunst neue Argumentationsspielräume, die die neue ‚Buchstäblichkeit‘ in die kommunikative Pflicht zu nehmen suchen.
Die Beiträge erarbeiten einzelkünstlerisch und komparativ orientierte Fallstudien sowie kunstphilosophische und systematische Überlegungen, die dabei helfen sollen, die Rhetorik der Reflexion künstlerischer Technik(en) und Materialität(en) in der ästhetischen Moderne genauer zu vermessen.
Programm
05. März
14.00-14.30
Christian Drobe / Norman Kasper: Einführung
14.30-15.15
Gregor Streim (Jena): ‚Neues Material‘ und Montage
15.15-16.00
Christian Berger (Siegen): Handlungen am Material, Handlungen des Materials: Robert Barrys und Lawrence Weiners ‚Materialismus‘
16.00-16.30
Kaffeepause
16.30-17.15
Philipp Kohl (München): Das neue Sehen der sowjetischen Produktionsskizze
17.15-18.00
Hannah Rhein (Köln): Lynda Benglis Antwort auf einen Künstlerkult — Materialästhetische Untersuchung
06. März
09.00-09.45
Jan Loheit (Halle-Wittenberg): Kunst – Technik – Kritik. Materialästhetik bei Brecht, Eisler und Adorno
09.45-10.30
Birgit Eusterschulte (Berlin): „Something which can never be any specific thing“. Sprache und Materialität im Werk von Robert Barry
10.30-11.00
Kaffeepause
11.00-11.45
Tillmann Heise (Paderborn): Kunst- als Weltanschauung. Technik und Ästhetik in Kasimir Edschmids Essays der 1920er Jahre
11.45-12.30
Inna Skliarska (Halle-Wittenberg): Ein Kristall, ein Haufen Erde, ein Wurzelkopf und ein Telefon. Beuys und die Öko-Sensibilität der Materialien
Ort: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Germanistisches Institut, Ludwig-Wucherer-Straße 2, Raum 18 (Steintor-Campus), D-06108, Halle an der Saale
Konzept / Kontakt: Dr. Christian Drobe (christian.drobegermanistik.uni-halle.de), PD Dr. Norman Kasper (norman.kaspergermanistik.uni-halle.de)
Unterstützt vom Forschungsschwerpunkt „Aufklärung – Religion – Wissen“, der Professur für Neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer (Prof. Dr. Elisabeth Décultot) und der Professur für Komparatistik (Prof. Dr. Daniel Weidner)
Quellennachweis:
CONF: Künstlerische Technik und Rhetorik der Materialität (Halle, 5 Mar 26). In: ArtHist.net, 22.01.2026. Letzter Zugriff 23.01.2026. <https://arthist.net/archive/51551>.