CFP 19.01.2026

Kunst - Ausstellung - Diskurs (Kassel, 25-27 Jun 26)

Kassel, 25.–27.06.2026
Eingabeschluss : 15.03.2026

Marius Kemper

[English version below]

Kunst - Ausstellung - Diskurs. Kunst und theoretischer Diskurs auf der documenta und anderen Bühnen der Gegenwartskunst.

Rund ein Jahr vor der Eröffnung der documenta 16 (2027) stellt die Tagung die Frage nach der Relevanz, den Funktionen und Verwendungsweisen theoretischer Diskurse auf Ausstellungen für Gegenwartskunst. Naomi Beckwith, die Leiterin der kommenden documenta, kuratierte zuletzt im Palais de Tokyo in Paris die Ausstellung "ECHO DELAY REVERB", die dem weitreichenden Einfluss der sogenannten „French theory“ auf die US-amerikanische Kunst nachspürte. Diese sei nicht nur linear rezipiert, sondern im Zuge ihrer künstlerischen Übersetzung auch verändert und produktiv missverstanden worden.

Den „discursive turn“ vollzog die documenta bereits 30 Jahre zuvor, als die französische Kuratorin Catherine David die von ihr verantwortete documenta 10 (1997) als Buch in Form einer Ausstellung konzipierte, wodurch der theoretische Diskurs erstmals ins Zentrum der Weltkunstausstellung rückte. Mit der Vortragsreihe "100 Tage – 100 Gäste" und dem mehr als 800 Seiten starken Begleitbuch "Politics / Poetics", in dem ebenfalls zahlreiche Texte französischer Autor:innen enthalten waren, verwandelte sich diese Ausgabe der documenta in einen langen Sommer der Theorie.

Während David im theoretischen Diskurs und insbesondere in poststrukturalistischen und postkolonialen Ansätzen noch unverbrauchte Werkzeuge für ihre kuratorische Praxis fand, erkennt Beckwith dieselben Theorien bereits tief im zeitgenössischen (US-amerikanischen) Kunstbetrieb verankert. Das hat zur Folge, dass Theorien eine aktivistische Kunstpraxis heute oftmals nur noch unbewusst begleiten. Der explizite Rekurs auf Theorien besteht teilweise aus einer freizügigen Kombination unterschiedlicher Denkfiguren sowie der losen und zuweilen erratisch anmutenden Aufnahme von Schlagworten, die vor allem der Selbstlegitimation zu dienen scheinen.

Keine documenta kommt heute ohne theoretischen Diskurs aus. So stand beispielsweise Bruno Latour für die documenta 13 (2012) Pate, und die documenta 15 (2022) wäre ohne die dekolonialen Impulse von Edward Said, Gayatri Chakravorty Spivak oder Walter Mignolo kaum denkbar. Seit den 1990er Jahren wurden Ausstellungen zur Gegenwartskunst nicht nur Diskursplattformen, sondern selbst Teil des theoretischen Diskurses. Umgekehrt lässt sich seit den späten 1970er Jahren eine Ästhetisierung von Theorie beobachten, die sich beispielhaft in der vom Centre Pompidou publizierten Zeitschrift Traverses zeigte, in der theoretische Texte mit Fotografien und Archivalien zu einem Kunstobjekt kombiniert wurden. Der Theorieaffinität der Kunst entspricht gewissermaßen die Kunstaffinität der Theorie.

Vom 25. bis 27. Juni 2026 möchte sich die Tagung "Kunst – Ausstellung – Diskurs" daher mit der wechselseitigen Verschränkung von Kunst und Theoriediskurs sowie den damit verbundenen Attraktionen, Anregungen und Aneignungen auseinandersetzen. Der Aspekt der Ausstellung fungiert hier als Drehscheibe, als Vermittlungsinstanz zwischen Kunst und Diskurs, zwischen Ästhetik und Theorie, zwischen Performance und Reflexion. Die Tagung widmet sich also dieser Verzahnung von Kunst und theoretischem Diskurs und nimmt insbesondere die documenta sowie andere zentrale Bühnen der Gegenwartskunst als Beispiele für das Spannungsverhältnis zwischen ästhetischen Formen und theoretischem Diskurs.

Thematische Schwerpunkte der Tagung sind:

Theorie im Feld der Gegenwartskunst: Einflüsse, Funktionen und Aneignungen

Inwiefern prägen theoretische Ansätze die zeitgenössische Kunst? Auf welche Weise werden diese Theorien in unterschiedlichen regionalen und institutionellen Kontexten – wie beispielsweise der documenta – adaptiert, transformiert oder hinterfragt?

Ästhetisierung der Theorie

Inwiefern lässt sich eine Ästhetisierung theoretischer Diskurse beobachten, in deren Zuge Theorie nicht mehr ausschließlich in textbasierten, monographischen Formaten, sondern in visuellen, räumlichen oder ausstellungsnahen Medien vermittelt wird? Wie verändern sich Form, Rezeption und Autorisierung von Theorie, wenn sie mit Bildern, Archivalien oder gestalterischen Verfahren verbunden wird und eine kunstförmige Gestalt annimmt? Und wie verhält sich diese Transformation theoretischer Diskurse zur gleichzeitigen Theoretisierung der Kunst?

Die Produktion und Zirkulation von Diskursen auf und durch Ausstellungen von Kunst

In welchem Umfang kann Kunst selbst theoretischen Diskurs erzeugen, und welche ästhetischen, kuratorischen oder partizipativen Strategien nutzen Künstler:innen hierfür? Wie fungieren Ausstellungen der Gegenwartskunst als Diskursmagneten und Diskursverbreiter?

Das documenta Institut und die DGS-Sektion Kultursoziologie laden Forschende, Künstler:innen und Interessierte ein, kurze Abstracts einzureichen, die sich mit diesen und anderen Fragen des Verhältnisses von theoretischem Diskurs und Kunst, der Theoretisierung der Kunst und Diskursproduktion durch Kunst, der Ästhetisierung von Theorie und der Ausstellung als Vermittlungsinstanz beschäftigen. Die Tagung richtet sich an Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen, beispielsweise aus den Bereichen Soziologie, Philosophie, Kunst-, Kultur-, Geschichts-, Kommunikations- und Medienwissenschaft, sowie an Künstler:innen und Gestalter:innen. Mit diesem Call wenden wir uns auch an Nachwuchswissenschaftler:innen, beispielsweise Doktorand:innen. Übergreifende und theoriefokussierte Beiträge sind ebenso willkommen wie empirische Fallstudien. Die Vorträge sollen einen Zeitraum von 20 Minuten nicht überschreiten. Reise- und Übernachtungskosten können bezuschusst werden.

Organisation: documenta Institut (Prof. Dr. Heinz Bude, Michael Flörchinger, Marius Kemper), Sektion Kultursoziologie in der DGS (Prof. Dr. Lars Gertenbach)
Einsendeschluss für Abstracts (+ Kurz-CV): 15.3.2026
Umfang des Abstracts: max. 300 Wörter (exkl. Literaturverzeichnis)
Einreichung: kemperdocumenta-institut.de
Veranstaltungsort: Kassel, Fridericianum
Veranstaltungszeitraum: 25. – 27.6.2026
Tagungssprache: Deutsch, Englisch

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Art – Exhibition – Discourse.

About a year before the opening of documenta 16 (2027), the conference will examine the relevance, functions, and uses of theoretical discourse at contemporary art exhibitions. Naomi Beckwith, director of the upcoming documenta, most recently curated the exhibition "ECHO DELAY REVERB" at the Palais de Tokyo in Paris, which traced the far-reaching influence of so-called "French theory" on American art. She argues that this theory was not only received linearly, but also changed and productively misunderstood in the course of its artistic translation.

The documenta had already made the "discursive turn" 30 years earlier, when French curator Catherine David conceived documenta 10 (1997) as a book in the form of an exhibition, bringing theoretical discourse to the center of the world art exhibition for the first time. With the lecture series "100 Days – 100 Guests" and the more than 800-page accompanying book "Politics / Poetics", which also contained numerous texts by French authors, this edition of documenta was transformed into a long summer of theory.

While David found unused tools for her curatorial practice in theoretical discourse, especially in poststructuralist and postcolonial approaches, Beckwith recognizes these same theories as already deeply embedded in the contemporary (US) art world. As a result, theories often only unconsciously accompany activist art practice today. The explicit recourse to theories consists in part of a permissive combination of different figures of thought and the loose and sometimes erratic-seeming adoption of buzzwords that seem to serve primarily to legitimize oneself.

No documenta today can do without theoretical discourse. Bruno Latour, for example, was a key inspiration for documenta 13 (2012), and documenta 15 (2022) would be inconceivable without the decolonial impulses of Edward Said, Gayatri Chakravorty Spivak, and Walter Mignolo. Since the 1990s, exhibitions of contemporary art have not only become platforms for discourse, but have themselves become part of the theoretical discourse. Conversely, since the late 1970s, an aestheticization of theory has been observable, exemplified by the journal Traverses published by the Centre Pompidou, in which theoretical texts were combined with photographs and archival materials to create an art object. The affinity of art for theory corresponds, in a sense, to the affinity of theory for art.

From June 25 to 27, 2026, the conference "Art – Exhibition – Discourse" will therefore examine the mutual intertwining of art and theoretical discourse, as well as the associated attractions, inspirations, and appropriations. The aspect of the exhibition functions here as a hub, as a mediating instance between art and discourse, between aesthetics and theory, between performance and reflection. The conference is thus dedicated to this interlocking of art and theoretical discourse, taking documenta and other central stages of contemporary art in particular as examples of the tension between aesthetic forms and theoretical discourse.

The thematic focus of the conference is:

Theory in the field of contemporary art: influences, functions, and appropriations

To what extent do theoretical approaches shape contemporary art? How are these theories adapted, transformed, or questioned in different regional and institutional contexts, such as documenta?

Aestheticization of theory

To what extent can we observe an aestheticization of theoretical discourse, in which theory is no longer conveyed exclusively in text-based, monographic formats, but in visual, spatial, or exhibition-related media? How do the form, reception, and authorization of theory change when it is combined with images, archival materials, or creative processes and takes on an art-like form? And how does this transformation of theoretical discourses relate to the simultaneous theorization of art?

The production and circulation of discourses at and through art exhibitions

To what extent can art itself generate theoretical discourse, and what aesthetic, curatorial, or participatory strategies do artists use to achieve this? How do exhibitions of contemporary art function as magnets and disseminators of discourse?

The documenta Institut and the DGS Section „Cultural Sociology“ invite researchers, artists, and interested parties to submit short abstracts dealing with these and other questions concerning the relationship between theoretical discourse and art, the theorization of art and discourse production through art, the aestheticization of theory, and the exhibition as a mediating instance. The conference is aimed at scholars from various disciplines, such as sociology, philosophy, art history, cultural studies, history, communication and media studies, as well as artists and designers. This call is also aimed at emerging scholars, such as doctoral students. Cross-disciplinary and theory-focused contributions are just as welcome as empirical case studies. Presentations should not exceed 20 minutes. Travel and accommodation costs are subsidised.

Organization: documenta Institut (Prof. Dr. Heinz Bude, Michael Flörchinger, Marius Kemper), Section „Cultural Sociology“ in the DGS (Prof. Dr. Lars Gertenbach)
Deadline for abstracts (+ short CV): March 15, 2026
Abstract length: max. 300 words (excluding bibliography)
Submission: kemperdocumenta-institut.de
Venue: Kassel, Fridericianum
Event dates: June 25–27, 2026
Conference languages: German, English

Quellennachweis:
CFP: Kunst - Ausstellung - Diskurs (Kassel, 25-27 Jun 26). In: ArtHist.net, 19.01.2026. Letzter Zugriff 21.01.2026. <https://arthist.net/archive/51520>.

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