Künstlerische Erinnerungszeichen in KZ-Gedenkstätten von 1945 bis heute: Ästhetik, Funktionen, Rezeptionsformen, Kontroversen
(Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte 2026).
Seit ihrer Befreiung 1945 wurden in zahlreichen ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern künstlerisch gestaltete Erinnerungszeichen geschaffen. Ehemalige Häftlinge waren die ersten, die Sammlungen von in den Lagern entstandenen künstlerischen Artefakten anlegten und provisorische Denkmale errichteten, noch bevor die ersten Gedenkstätten entstanden. Stand am Beginn die Notwendigkeit, das Totengedenken durch eine würdige Gestaltung der Massengräber und die Schaffung von (jüdischen und christlichen) Grabdenkmalen zu ermöglichen, so stellte sich bald auch die Frage nach Formen und Sinngebungen von an die Lebenden gerichteten Denkmalen. Heute existiert auf den ehemaligen Lagergeländen bzw. in den Gedenkstätten eine große Anzahl von skulpturalen bzw. architektonischen, teils monumentalen Erinnerungszeichen. Neben Denkmalen im engeren Sinne gehören dazu auch zahlreiche Kunstwerke und Installationen im Innenraum, persönliche Gedenktafeln, ephemere Interventionen wie künstlerische Workshops etc. In vielen Fällen war ihre Entstehung von heftigen Kontroversen über ästhetische und politische Fragen begleitet.
In den Staaten Ostmitteleuropas fand das Gedenken der Verbrechen der Nationalsozialisten aus der Perspektive des nationalen bzw. kommunistischen Widerstands statt. Die hier entstandenen Werke sind teils – vor allem im ehemaligen Jugoslawien und in Polen – an der künstlerischen Moderne orientiert, teils folgen sie einer vom Sozialistischen Realismus geprägten Heldenikonographie. Auch die DDR errichtete schon früh in ihren drei „Nationalen Mahn- und Gedenkstätten“ Denkmale, die unter selektiver Einengung deutscher Täterschaft den antifaschistischen Widerstand hervorhoben. Während diese Denkmale im Kontext der DDR-Geschichtspolitik eine konstitutive Rolle für die staatliche Selbstlegitimation spielten, wurden in der Bundesrepublik Deutschland Gedenkstätten nur zögernd und vereinzelt errichtet und die Orte der Verbrechen lange Zeit ausschließlich durch Friedhöfe und Zeichen der Totenehrung markiert. Denkmale mit einer allgemeinen, an die Gesellschaft gerichteten Sinnstiftung entstanden erst später, wobei vor allem die internationalen Häftlingskomitees als treibende Kräfte wirkten. Seit Beginn der 1980er Jahre führte zivilgesellschaftliches Engagement für die vergessenen Lager zu grundlegenden Veränderungen. Einhergehend mit der gesteigerten Aufmerksamkeit für den Holocaust an den europäischen Juden und für die Opfer der „Euthanasie“-Programme begannen auch andere, Jahrzehnte lang ignorierte und diskriminierte Opfergruppen (Sinti und Roma, Homosexuelle u.a.), um ihre Anerkennung zu kämpfen. Parallel dazu entstand in Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte eine künstlerische Neubestimmung von Form und Funktionsweise von Denkmalen, die mit Begriffen wie „Gegendenkmal“ und „negatives Denkmal“ gefasst wird.
Die deutsche Einheit bewirkte eine Beschleunigung und Ausweitung dieser Prozesse. Die internationale Aufmerksamkeit für den Holocaust und der außenpolitische Legitimationsdruck auf das geeinte Deutschland sowie der Kampf von Opferverbänden und zivilgesellschaftlichen Gruppen erzeugten ein gesteigertes gesellschaftliches Bewusstsein für die nationalsozialistischen Verbrechen. Während die Gedenkstätten im Bereich der ehemaligen DDR in geschichtspolitischer wie ästhetischer Hinsicht neukonzipiert wurden, wurden in den alten Bundesländern KZ-Gedenkstätten neu gegründet. Einhergehend mit der Setzung des zentralen Holocaust-Mahnmals in Berlin wurden zunehmend auch Denkmale auf ehemaligen Orten der NS-Verbrechen beauftragt. Die sukzessive Etablierung einer staatlichen Förderung von KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik und nicht zuletzt auch die Notwendigkeit, Gedenkorte für zuvor nicht berücksichtigte Opfergruppen zu schaffen, trugen zur Vermehrung künstlerischer Erinnerungszeichen auf ehemaligen KZ-Geländen bei. Hier haben sich die vorausgegangenen Reflexionen über multiperspektivische und transnationale Sinnstiftung sowie die künstlerische Entwicklung neuer Denkmalsformen nachhaltig ausgewirkt. Vielfach wurden Denkmale der Nachkriegszeit mit traditioneller Ikonographie und Formensprache durch Erinnerungszeichen mit kritisch-aufklärerischem oder partizipatorisch-aktivierendem Anspruch ergänzt. Zudem werden vermehrt auch zeitgenössische Medien und Ausdrucksformen in die Gestaltung von Gelände und Ausstellungen einbezogen. Hatte man noch 1993 eine „Randständigkeit von Kunst in den Gedenkstätten“ (Wulff E. Brebeck) beklagt, so verfügen künstlerisch gestaltete Erinnerungszeichen heute in vielen KZ-Gedenkstätten über eine selbstverständliche Präsenz.
Welche Bedeutung haben skulpturale, architektonische, installative Zeichensetzungen auf den ehemaligen KZ-Geländen für das Erleben der Besucher:innen? Wie relevant sind solche ästhetischen Setzungen für die Bildungsarbeit der Gedenkstätten? Wie interagieren Denkmale und Erinnerungszeichen verschiedener historischer Phasen und differenter Interessensgruppen? Was tun mit politisch fragwürdigen Denkmalen? Wie umgehen mit verlorenen frühen Denkmalen und nie realisierten Denkmalsentwürfen? Haben sich die Erwartungen an die neuen Denkmalsformen bezüglich der Aktivierung und Partizipation der Besucher:innen erfüllt? Wie sehen künstlerische Erinnerungszeichen „nach dem Gegendenkmal“ aus? Welches Potenzial haben aktuelle künstlerische Ausdrucksformen und welche Bedeutungen generieren sie? Welche Kontroversen werden heute über künstlerische Gestaltung und inhaltliche Aussage geführt? Gibt es überhaupt noch Bedarf an künstlerischen Erinnerungszeichen in KZ-Gedenkstätten?
Das Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte 2026 hält kritische Rückschau auf die 80-jährige Geschichte der Setzung von und des Umgangs mit künstlerisch gestalteten Erinnerungszeichen in KZ-Gedenkstätten. Nachdem die Forschung der 1990er- und frühen 2000er-Jahre vor allem auf die Entstehung von Denkmalen im Kontext der Gründung von Gedenkstätten sowie auf Gegendenkmale fokussiert hat, soll nun der Blick geweitet werden und auch weniger bekannte, kleinere und provisorische sowie aktuelle künstlerische Interventionen, Installationen und Objekte einbeziehen. Erwünscht sind Beiträge aus Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Gedenkstättenpädagogik, die in exemplarischen Fallstudien, mit Blick auf den politisch-ästhetischen Wandel oder aus einer vergleichenden Perspektive Fragen und Aspekte reflektieren wie zum Beispiel:
- Unterschiede zwischen Denkmalen in ehemaligen Lagern und Denkmalen in Gedenkstätten
- Ästhetisch-politische Kontroversen über die Schaffung künstlerischer Erinnerungszeichen
- Wandel künstlerischer Ausdrucksformen und Ikonografien; Stilkonflikte und Stilpluralität; Interaktion politischer und ästhetischer Paradigmen
- Multiperspektivität, Transnationalität und Pluralität: Sinngebung angesichts von Renationalisierungsprozessen
- Rezeptions- und Nutzungsformen von Denkmalen, ihre Einbeziehung in Veranstaltungen, Gedächtnisrituale, Proklamationen etc.
- Formen und Ziele der Einbeziehung von Denkmalen und Kunstwerken in die Gedenkstättenarbeit
- Verhältnis künstlerischer Erinnerungszeichen verschiedener Provenienz zwischen Koexistenz, Konkurrenz und wechselseitiger Kommentierung
- Geschichte und Bedeutung temporärer Denkmale und nicht realisierter Wettbewerbsbeiträge
- Aktuelle und geplante Kunstprojekte bzw. Denkmalssetzungen in Gedenkstätten
Interessierte senden bitte bis zum 28. Februar 2026 ein Abstract (max. 2.500 Zeichen, CV max. 500 Zeichen) zu einem Vortrag in deutscher Sprache von 25-30 Minuten an verena.kriegeruni-jena.de.
Die Vorträge werden bei Wallstein publiziert. Hierfür ist ein Text von max. 50.000 Zeichen bis Ende Januar 2027 vorzulegen.
Reisekosten sowie Übernachtung und Verpflegung in der Gedenkstätte Dachau werden übernommen. Vortrag und Buchbeitrag werden mit einem Honorar von 400 Euro vergütet.
Diese Ausschreibung richtet sich an Wissenschaftler:innen aller Karrierestufen.
Das Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte wird von der Direktorin des Fritz Bauer Instituts Frankfurt am Main, Prof. Dr. Sybille Steinbacher geleitet. Es findet seit dem Jahr 2000 jährlich im Max Mannheimer Studienzentrum in Dachau statt und hat sich als wichtiges Forum des wissenschaftlichen Austauschs zur Geschichte des Nationalsozialismus etabliert.
Reference:
CFP: Künstlerische Erinnerungszeichen in KZ-Gedenkstätten (Dachau, 16-17 Oct 26). In: ArtHist.net, Jan 10, 2026 (accessed Jan 12, 2026), <https://arthist.net/archive/51442>.