Ringvorlesung Sommersemester 2025.
Ideengeschichtliche Pfade.
Montag, 18:15 – 19:45 Uhr,
Hörsaal 008, Campus Neuwerk 7, 06108 Halle (Saale).
Globale Krisen erschüttern die Gegenwart und destabilisieren die Weise, in der wir gewohnt sind, die Welt und uns zu verstehen. Damit unterbrechen sie den Automatismus unseres Handelns und bringen dessen Ideengebäude zum Vorschein. Sie machen sichtbar, dass Ideen unser Handeln bestimmen. Und umgekehrt, dass unsere Handlungsweisen auf das Ideengebäude zurückwirken. Daraus ergibt sich zugleich eine Chance. Diese wollen wir als Reflexion der vielfach verschränkten und sich wandelnden Aspekte einer Ideengeschichte aufgreifen, aus der Neues entspringen kann: eine Vielfalt von Geschichtslinien, Übertragungen und Diskontinuitäten, welche Spielräume in der Gegenwart eröffnen können.
Vor 102 Jahren, 1923, gründete Arthur O. Lovejoy mit Gleichgesinnten den History of Ideas Club an der Hopkins University in Baltimore, USA. Lovejoy ging in seiner einflussreichen Publikation Die große Kette der Wesen. Geschichte eines Gedankens (dt. 1985, The Great Chain of Being, 1936) davon aus, dass es Elementarideen, von begrenztem Umfang und unveränderlich, gäbe, die immer wieder in neuer Kombination wirksam würden. Alternativen zu Lovejoy’s kulturgeschichtlichem Ansatz wurden in der Folge von verschiedenen Autor*innen entwickelt, denen die Entwicklungsgeschichte von Lovejoy, trotz seiner Verfolgung interdisziplinärer Entwicklungsstränge, zu linear erschien.
Einflussreich wurde Michel Foucaults Konzept des Diskurses aufgefasst als vielschichtige Verschränkung einer „Praxis des Denkens, Schreibens, Sprechens und auch Handelns, die diejenigen Gegenstände, von denen sie handelt, zugleich selbst systematisch hervorbringt“. Auch wenn sich Michel Foucault in der Archäologie des Wissens (dt. 1973, französ. L’archéologie du savoir, 1969), aus der das Zitat stammt, bewusst und zum Teil polemisch von der Ideengeschichte abgesetzt hat, so entwickelte er seine Diskursanalyse doch in Relation zum History of Ideas Club.
Weitere Alternativkonzepte lassen sich ausmachen. Auf der Bild- und Symbolebene Aby Warburgs Programm der Pathosformel, einer universal aufzufindenden, leibhaftigen Zeichen- und zeitlos gültigen Gebärdensprache für Gefühlszustände, dargelegt in seinem Bilderatlas Mnemosyne (1920er). Sich abstoßend von Warburg und Foucault werden die durch Mieke Bal für die Literatur- und Kulturwissenschaften stark gemachten „travelling concepts“ (Bal, 2006) interessant, also mit Problemstellungen verbundene Begriffe, die in jeweils fachspezifischen Adaptionen eine notwendige Grundlage für interdisziplinäre Dialoge darstellen.
Ideen entwickeln sich nicht linear fortschrittsorientiert evolutionär. Sie wandern zwischen den „Disziplinen“, gehen Solidaritäten ein, werden, gebunden an materielle Träger – wie Bilder, Narrationen, Theoriegebäude, Environments oder Theaterinszenierungen – verkörpert, aktualisiert und transformiert.
Die Vortragsreihe wird Ideen und Diskurse vorstellen, die gesellschaftliche und historische Debatten und Aktionsradien prägen und die durch eventuelle Kontinuitäten oder aufschlussreiche Brüche bestimmt sind. Künstlerische Vorgehensweisen, philosophische und politische Diskurse, kunstpädagogische Denkweisen, Perspektiven der Kunstvermittlung, situative und transdisziplinäre Kontexte sollen im jeweiligen Feld ihrer Eingebundenheit und im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Differenzierungen beleuchtet werden. Denn wir brauchen heute Ideen, die Gemeinschaft neu vorstellen, die Handlungsformen befragen, die ein Vertrauen in künstlerische und transdisziplinäre Prozesse des Denkens und Handelns, der Taktiken und Praktiken setzen, um Möglichkeitsräume zu eröffnen.
Programm:
7. April
Prof. Dr. Nike Bätzner (BURG)
Radikale Sensibilität als Grundlage für künstlerischen Aktivismus
14. April
Prof. Dr. Marita Tatari (BURG)
Die Leerstelle der Idee: Hegemonie und Heteropoiesis
28. April
Prof. Dr. Gila Kolb (Schwyz, CH)
Was meint eigentlich: Zeichnen Können?
5. Mai
Prof. Dr. Miriam Schmidt-Wetzel (Zürich, CH)
In Inter-Aktion: Ideen in, durch und für Kunst und Bildung
12. Mai
Prof. Dr. Nikita Dhawan (Dresden)
Die Aufklärung vor Europa retten: Kritische Theorien der Dekolonisierung
19. Mai
Prof. Dr. Nora Sternfeld (Hamburg) und Oliver Marchart (Wien)
„Alle“. Eine politische und pädagogische Ideengeschichte
26. Mai
Prof. Dr. Cecilia Sjöholm (Stockholm, SWE)
Descartes, images and drives
2. Juni
Prof. Dr. Susanna Lindberg (Leiden, NL)
AI: Artificial Imagination
16. Juni
Prof. Dr. Charlotte Klonk (Berlin)
Im Namen des Volkes gegen das Parlament
23. Juni
Prof. Dr. Sara Burkhardt (BURG)
Material im Prozess – Zur Entfaltung einer Materialbildung
30. Juni
Prof. Dr. Niklaus Largier (Berkeley, USA)
Die Wunderkammer und die Materialität der Imagination
Reference:
ANN: Ideengeschichtliche Pfade (Halle, 7 Apr - 30 Jun 25). In: ArtHist.net, Mar 10, 2025 (accessed Apr 3, 2025), <https://arthist.net/archive/44772>.