Serielle Produktion und standardisierte Produkte vor der industriellen Revolution.
Der interdisziplinäre Arbeitskreis Materielle Kultur und Konsum in der Vormoderne (AK MKKV) wurde 2016 gegründet und führt seitdem jährliche Arbeitstagungen durch (siehe https://mkkv.hypotheses.org/). In diesem Jahr steht die Arbeitstagung unter dem Titel „Serielle Produktion und standardisierte Produkte vor der industriellen Revolution“ und findet vom 7. bis 8. November 2025 an der Universität zu Köln statt.
Seit dem Ende des Mittelalters kamen zunehmend seriell hergestellte Produkte auf den Markt, die ein standardisiertes Aussehen vorweisen konnten. Dazu zählten Alltagsgegenstände wie Kämme, Würfel oder Rosenkränze genauso wie Brakteaten. Im Bereich der spätmittelalterlichen Frömmigkeit wurden nun Pilgerzeichen in großer Zahl hergestellt. Bestimmte Materialen (keramische Werkstoffe, Metallbleche, bedruckbare Textilien und Papier) sowie bestimmte Verfahren (Drucken, Prägen, Gießen, Abformen) waren besonders für die serielle Produktion geeignet, um standardisiert Produkte zu fertigen.
Aber auch Luxusgegenstände wie gedruckte Bücher gab es nun in größerer Zahl. Selbst bewunderte Gemälde, die als Kupferstiche reproduziert wurden, konnten in dieser seriellen Form größeren Käuferkreisen angeboten werden. Und hoch geschätzte Kunstwerke wie Alabasterplastiken aus Mechelen und Antwerpen waren keine Einzelstücke mehr, sondern wurden in großer Zahl auf den Markt gebracht.
Es stellt sich auch die Frage, ob die Güter der seriellen Produkte eine breitere Teilhabe am Konsum ermöglichten? Oder vermehrten sie nur die Auswahl derjenigen Konsument:innen, die sich ohnehin etwas leisten konnten? Wer stellte die seriellen Produkte her? Welche Reaktionen riefen die seriellen Güter hervor – gab es Abwehrreaktionen der Zünfte gegenüber bestimmten Produkten und/oder Fertigungsverfahren? Welche Rolle spielten das Verlagswesen und die Manufakturen?
Die Tagung wendet sich zentralen Themen der materiellen Kultur- und Konsumforschung zu. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach serieller Produktion in Werkstätten sowie im Verlagswesen, aber auch nach globalen Einflüssen auf Produkte und Geschmack. Außerdem drängen sich Fragen nach kostbaren und preiswerten Rohstoffen, nach Original und Replik auf – wobei unsere heutigen Zuschreibungen nicht den zeitgenössischen Vorstellungen von Wertigkeit entsprechen müssen. Aus dem umrissenen Themenspektrum freuen wir uns über Vortragsvorschläge aus allen zu materieller Kultur und Konsum arbeitenden Disziplinen, die für die Epochen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit unter Berücksichtigung globaler Verflechtung beispielsweise folgende Aspekte thematisieren:
- serielle Produktion: Welche Arbeitstechniken und Werkzeuge wurden benutzt? Waren dafür besondere Qualifikationen oder eher geringere Kenntnisse notwendig? Gab es einen Innovationsschub? Lässt sich einschätzen, wie sehr sich die Produktivität durch das Verwenden von Vorlagen, Stempeln, Schablone usf. steigern ließ?
- standardisierte Produkte: Wer überprüfte die Qualität der Produkte? Wie wurden sie gekennzeichnet, z.B. durch das Einschlagen von Marken oder das Anhängen von Siegeln? Was passierte mit fehlerhaften Produkten – wurden sie zerstört oder billiger verkauft?
- Werbung: Entstanden durch die Produkte, die es jetzt zahlreicher gab, neue Formen der Werbung, die über das bloße Anpreisen der Ware hinausreichen? Für den Buchmarkt wurden z.B. Buchkataloge erstellt und auf Flugblättern Neuerscheinungen beworben.
- Wertigkeit von Materialien: Wie funktionieren heutige Zuschreibungen wie wertvoll/wertlos oder echt/falsch, teuer/billig für die Zeit der Vormoderne? Wurden z.B. Edelsteine durch farbiges Glas ersetzt, um Kosten zu sparen, oder hatten sie ihre eigene Wertigkeit? Wurde Elfenbein aufgrund des fehlenden Nachschubs aus Afrika durch heimische Knochen ersetzt, oder spielten andere Faktoren eine Rolle?
- Verfahren in der Produktion: Welche Verfahren waren besonders geeignet für eine größere Produktion und welche Materialien wurden dafür genutzt?
- Markennamen: Wie trug eine serielle Produktion zur Etablierung von Markennamen bei, z.B. Kölner Borten, Nürnberger Harnische usf.? Wie wurden diese bekannten Namen für Werbung benutzt, die mithilfe gedruckter Informationen zunahm?
- Recycling von Abfällen: Wurde parallel zur seriellen Produktion zugleich ein Stoffkreislauf für Abfälle entwickelt? Welche neuen Produkte entstanden durch alternative Materialien (z.B. Papiermaché, das für Kunstwerke genutzt wurde)?
- globale Einflüsse auf die Produkte: Wie veränderte der gesteigerte Konsum die Nachfrage nach Waren, die nicht aus der Region stammten oder sich an „fremden“ Produkten orientieren (z.B. chinesisches Exportporzellan, Bartmannkrüge oder Iznik-Keramik)?
Wir begrüßen ausdrücklich die Einreichung von Vorschlägen von Kolleg:innen aus dem musealen und konservatorischen Bereich und möchten auch Promovierende ermutigen, thematisch einschlägige Projekte vorzustellen.
Themenvorschläge in deutscher oder englischer Sprache können bis zum 31.05.2025 per E-Mail an Carolin Schmitz und Sabine von Heusinger (carolin.schmitzuni-koeln.de) in folgender Form gesandt werden:
- Abstract (ca. 1500 Zeichen)
- kurzer Lebenslauf mit den wichtigsten Publikationen
Aktiv Teilnehmenden erstatten wir die Übernachtungskosten sowie die Reisekosten bis zur Höhe für eine Bahnfahrt 2. Klasse mit BC 50. Für Flugreisen kann nach Absprache ein Zuschuss gewährt werden.
Reference:
CFP: Serielle Produktion und standardisierte Produkte (Köln, 7-8 Nov 25). In: ArtHist.net, Mar 7, 2025 (accessed Apr 4, 2025), <https://arthist.net/archive/44121>.