CFP 13.10.2021

Becoming a document (Bochum, 5-7 May 22)

Kunstmuseum Bochum, 05.–07.05.2022
Eingabeschluss: 15.11.2021

DFG-Graduiertenkolleg "Das Dokumentarische. Exzess und Entzug"

[English version below]

Call for Papers "Dokumentwerden"

Auf welche Weise wird etwas zu einem Dokument? Bestimmungen des Dokumentarischen legen es üblicherweise nahe, dieses entweder von seiner Funktion her zu bestimmen (in Anlehnung an seine etymologische Wurzel von docere als ‚zeigen‘ und ‚lehren‘) oder aber über einen abgrenzbaren Gegenstandsbereich, der sich wiederum über seine (problematische) Referenz auf die Wirklichkeit definiert. Mit der Fokussierung auf das Dokumentwerden möchten wir die Prozesse – Übersetzungen, Mobilisierungen, Einsätze – in den Blick nehmen, die dem Dokumentarischen zugrunde liegen und eine derartige Zweiteilung unterlaufen. Dokumente (als mediale Artefakte der Dokumentation) erlauben dokumentarische Praktiken, fordern diese sogar ein, verlangen also einen spezifischen Umgang mit konkreten Materialitäten, der ihren Verweisungscharakter in Rechnung stellt. Umgekehrt sind es Praktiken des Zeigens, Bezeugens, Bewahrens oder Darstellens, die Dokumente erst kreieren und mediale Artefakte als Dokumentationen zu lesen erlauben.

Die Jahrestagung des interdisziplinären Graduiertenkollegs 2132 „Das Dokumentarische. Exzess und Entzug” möchte die Potenziale einer solchen prozessualen Bestimmung des Dokumentarischen sowohl in theoretischer Hinsicht als auch am konkreten Gegenstand erproben. Dabei schlagen wir vor, Prozesse des Dokumentwerdens entlang dreier Dimensionen zu ordnen, ohne dass damit eine vollständige Aufzählung möglicher Perspektiven vorgegeben sein soll.

1 | Zeitlichkeit
Wie verhalten sich die Dokumentation von Zeit, die Zeitlichkeit von Dokumenten und Zeitdokumente zueinander? Zum einen soll nach den Temporalitäten des Dokumentarischen gefragt werden – nach der problematischen Referenz des Dokuments auf Vergangenes und Zukünftiges, zum anderen auch nach der Rolle, die der zeitlichen Dimension in der Erzeugung eines Dokuments zukommt.
Wie lässt sich über das Dokumentwerden vor dem Hintergrund gegenwärtiger Diskussionen um Zeitlichkeit nachdenken, die die Behauptung von Evidenz, Gegenwärtigkeit und Heterochronie kritisch in den Blick nehmen und ihnen z.B. queer-feministische, mehr-als-menschliche, dekoloniale Weisen des Dokumentwerdens entgegensetzen? Welche Rolle spielen hier auch die institutionellen und theoretischen Bedingungen und Zeitlichkeiten des Archivs oder forensische Praktiken der Beweisführung (z.B. in wissenschaftlich-künstlerischen Arbeiten von Lawrence Abu Hamdan oder Allan Sekula), in queerer Video-Kunst oder Film-Installationen (z.B. von Boudry/Lorenz oder Sharon Hayes) oder auch in (fiktionalisierenden) dokumentarischen Theateransätzen (z.B. bei Milo Rau, Rabih Mroué, Walid Raad). Vor diesem Hintergrund dokumentarischer Auseinandersetzung mit temporalen Strukturen wäre auch der Anspruch einer (algorithmischen) Datenverarbeitung zu befragen, die Zukunft dokumentierbar zu machen.

2 | (Zusammen)Arbeit
Des Weiteren richtet sich das programmatische Interesse der Tagung auf Prozesse des Arbeitens und Zusammenarbeitens, die auf die Hervorbringung von Dokumenten zielen. Unter welchen Vorzeichen und durch welche Arbeitsprozesse kann etwas zu einem Dokument werden? Welche Akteur:innen sind in diese Prozesse involviert? Welche Formen von (im)materieller oder auch Care-Arbeit stecken im Dokumentwerden und wie lassen sie sich sichtbar machen? Fragen wie diese lassen sich z.B. an die komplexen arbeitsteiligen Produktionsprozesse in Film und Photographie herantragen oder auch an Dokumentarisierungen des Alltags in den Sozialen Medien. Lässt sich das Dokumentwerden als kollaborative Praxis beschreiben? Und welche politischen und ethischen Fragen spielen dabei eine Rolle? Wie wäre – in Anlehnung an Ariella Azoulay – ein ‚Civil Contract‘ des Dokumentarischen zu begreifen?
Darüber hinaus stellt sich die Frage nach dem Dokumentwerden der Arbeit selbst. Wie verhalten sich gegenwärtige und historische dokumentarische Arbeit und die Dokumentation von Arbeit zueinander und wie prägt diese Spannung ihre medialen Formen, z.B. in der Beschreibung von Arbeit als Ausgangspunkt einer marxistischen Gesellschaftskritik bei Friedrich Engels, in Undercover-/Sozialreportagen, der Arbeiterkorrespondenzbewegung in der Weimarer Republik oder auch im wortwörtlichen Dokumentwerden von Subjekten und Arbeitsprozessen unter den Bedingungen von Bürokratie und Verwaltung?

3 | Materialisierung
Schließlich gilt es, das Dokumentwerden als einen Prozess der Materialisierung zu betrachten. In welchem Zusammenhang stehen dokumentarische Praktiken und ihre materiellen Voraussetzungen, inwiefern lässt sich dokumentarisches Material als Ressource begreifen und welche Rolle kommt dem Dokument in einer Ökonomie der globalen Extraktion zu? An dieser Stelle wäre auch eine Verschiebung der Perspektive zu erproben, mit der weniger repräsentational-symbolische Qualitäten von Dokumenten als vielmehr deren materiell-indexikalische Eigenschaften in den Blick geraten – vom Artefakt zum Relikt. Auch ist an Ketten der Übersetzung, Umwidmung und Rekontextualisierung dokumentarischer Infrastrukturen zu denken, die nicht zuletzt den technologischen Stand einer globalen ‚Sicherheitsarchitektur‘ für Praktiken der Gegen\Dokumentation eröffnen, z.B. in den Arbeiten Trevor Paglens oder Natascha Sadr Haghighians. Hinzu kommt in der Auseinandersetzung mit der materiellen Dimension des Dokumentwerdens auch die Thematisierung des ‚Eigensinns der Dinge‘ (Hans Peter Hahn), die Befragung des nicht-intentionalen Überschusses, den jedes Dokument seiner materiellen Beschaffenheit verdankt. So ist beispielsweise auch die schriftstellerische Arbeit eine Arbeit am Papier, dessen Materialität und agency in der Reflexion literarischen Schaffens (z.B. als Schreibszene) selbst zur Sprache kommen.

Für die gemeinsame interdisziplinäre Diskussion dieser Ansätze freuen wir, die Doktorand:innen und Post- Doktorand:innen des Bochumer Graduiertenkollegs, uns insbesondere über Beiträge aus den Medien-, Literatur-, Film-, Kunst-, Bild-, Theater-, Kultur-, Sozial- und Politikwissenschaften sowie über praxeologische Untersuchungen und Formen des artistic research, aber auch über künstlerische Formate. Neben wissenschaftlichen Vorträgen ist die Tagung offen für alternative Präsentationsformen, sowohl in deutscher als auch englischer Sprache.

Für die Beiträge ist eine Länge von 15-20 Minuten vorgesehen. Wir bitten um Abstracts im Umfang von max. 3000 Zeichen und eine Kurzbiographie per E-Mail an dokumentwerden-tagungrub.de. Deadline ist der 15. November 2021.

Organisation:
Tagungsteam:
Website: Kontakt:
Cynthia Browne, Theodor Frisorger, Jana Hecktor, Philipp Hohmann, Vanessa Klomfaß, Tilman Richter, Julia Schade
Marion Biet, Carina Dauven, Vera Mader, Susanne Nienhaus, Anna Polze, Julia Reich, Fynn-Adrian Richter, Jan Harms
rub.de/dokumentwerden-tagung dokumentwerden-tagungrub.de

–––––
Call for Papers: Becoming a document

for the annual conference of the DFG Research Training Group Documentary Practices: Excess and Privation | Ruhr University Bochum

How does something become a document? Definitions of ‘document’ (and the adjective ‘documentary’) usually suggest defining it either in terms of its function (based on its etymological root, docere, meaning ‘show’ or ‘teach’), or in terms of a delimitable subject area, which is in turn defined by its (problematic) reference to reality. In focusing on the process of ‘Dokumentwerden’ (‘becoming a document’), we want to examine the processes – translations, mobilizations, applications – which underlie documentary practices and undermine such a dichotomy. Documents (as media artefacts of documentation) allow documentary practices, even call for them; they thus demand a specific approach to concrete materialities, which takes into account their referential character. Conversely, it is practices of showing, attesting, preserving or presenting that create documents in the first place, and allow us to read media artefacts as documentations.

The annual conference of the interdisciplinary graduate research group 2132, Documentary Practices: Excess and Privation, aims to test the potential of such a processual definition of documentary practices, both from a theoretical perspective and in relation to concrete objects. Here we suggest categorizing processes of Dokumentwerden in terms of three dimensions – though this is not intended as an exhaustive list of all possible perspectives.

1 | Temporality
How do the documentation of time, the temporality of documents, and documents from times past (and present) relate to one another? One area of enquiry here is the temporalities of documentary practice, the problematic reference of the document to past and future events. Another is the role of the temporal dimension in the production of a document.
How can we reflect on the process of Dokumentwerden against the background of contemporary debates on temporality, which critically examine the assertion of evidentness, presentness and heterochrony, countering it with e.g. queer-feminist, more-than-human, decolonial ways of Dokumentwerden? What role is played here by the institutional and theoretical conditions and temporalities of the archive, or by forensic practices of demonstration (e.g. in scientific-artistic works by Lawrence Abu Hamdan or Allan Sekula), in queer video art or film installations (e.g. by Boudry/Lorenz or Sharon Hayes), or in (fictionalizing) documentary approaches to theatre (e.g. in the work of Milo Rau, Rabih Mroué, Walid Raad). Another matter to consider, in light of this documentary engagement with temporal structures, is the claim that (algorithmic) data processing can make it possible to document the future.

2 | (Collaborative) Work
The second focus of the conference programme is on processes of work and collaboration that aim to produce documents. Under what circumstances and by what work processes can something become a document? What actors are involved in these processes? Which forms of (im)material work or care work go into the process of Dokumentwerden, and how can they be made visible? Questions such as these can be applied, for example, to the complex collaborative production processes in film and photography, or to the documentations of everyday life in social media. Can Dokumentwerden be described as a collaborative practice? And what political and ethical questions play a part here? How – to borrow a concept from Ariella Azoulay – might we conceive of a ‘civil contract‘ of documentary practice?
A further question that arises is how work itself becomes a document. How do contemporary and historical documentary work and the documentation of work relate to each other, and how does this tension shape their media forms? Possible examples include the description of work as the starting point for a Marxist critique of society in the work of Friedrich Engels; undercover or socially oriented journalism; the ‘worker correspondent’ movement in the Weimar Republic; or the process by which subjects and work processes literally become documents under the conditions of bureaucracy and administration.

3 | Materialization
Our final concern is to consider Dokumentwerden as a process of materialization. How are documentary practices and their material conditions connected, to what extent can documentary material be understood as a resource, and what role do documents have in an economy of global extraction? At this point it would be good to try out a shift in perspective, focusing attention not on the representational- symbolic qualities of documents, but on their material-indexical qualities – from artefact to relic. It is also worth thinking about chains of translation, reallocation and recontextualization of documentary infrastructures, which open up the technological status of a global ‘architecture of security’ for practices of counter\documentation (Gegen\Dokumentation), e.g. in the work of Trevor Paglen or Natascha Sadr Haghighian. Another element in the exploration of the material dimension of Dokumentwerden is discussion of the ‘obstinacy of things’ (Eigensinn der Dinge, Hans Peter Hahn), examination of the non- intentional excess that each document owes to its material constitution. For example, a writer’s work is work on the paper, and the paper’s materiality and agency find their own expression in reflection on literary creation (e.g. as a scene of writing).

For a joint interdisciplinary discussion of these ideas, we – the doctoral candidates and post-doctoral researchers of the Bochum graduate research group – would especially welcome contributions from media studies, literary studies, film studies, art history, visual studies, theatre studies, cultural studies, the social sciences and political science. We would also welcome praxeological studies and forms of artistic research, as well as artistic formats. The conference is open to alternative forms of presentation as well as scholarly lectures.

Contributions should be 15-20 minutes in length and can be submitted in German or English. Please email an abstract of max. 3000 characters and a short biography to dokumentwerden-tagungrub.de. Deadline November 15th 2021.

Quellennachweis:
CFP: Becoming a document (Bochum, 5-7 May 22). In: ArtHist.net, 13.10.2021. Letzter Zugriff 24.10.2021. <https://arthist.net/archive/35058>.

^