CFP Sep 20, 2021

Praktiken der Imagination (Florenz/online, 25-27 Nov 21)

online/Kunsthistorisches Institut Florenz – Max-Planck-Institut, Nov 25–27, 2021
Deadline: Oct 1, 2021

Giulia Baldelli

[English version below]

Praktiken der Imagination

Interdisziplinärer Workshop am Kunsthistorischen Institut in Florenz – Max-Planck-Institut, organisiert von Giulia Baldelli, Hana Gündler, Jakob Moser, Forschungsgruppe "Etho-Ästhetiken des Visuellen"

Vor dem Hintergrund zeitgenössischer Debatten über das kreative Potential und das embodiment kognitiver Prozesse gewinnt der Begriff der Imagination, der traditionellerweise zwischen Wahrnehmung und Denken vermittelt, eine besondere Brisanz. Neurowissenschaft, Philosophie des Geistes, Soziologie, Ästhetik und Kunstgeschichte sowie Geschichts- und Kulturwissenschaften beteiligen sich darum seit geraumer Zeit aus ihrer jeweiligen Perspektive und unter je unterschiedlichen Prämissen an einer Wiederentdeckung und Neuaufwertung der Vorstellungskraft. Oftmals wird ihre positive Rolle als Erkenntnisorgan und als produktives Vermögen unterstrichen, wohingegen die ethische und politische Problematik, die sich in der longue durée der Imaginationskritik in besonderem Maße nachzeichnen lässt, weitgehend unterbelichtet bleibt. Die Brisanz einer etho-politischen „Gefahr“ des Imaginativen einerseits und eines Missbrauchs andererseits, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Macht der Einbildung etwa in aktuellen öffentlichen Diskursen häufig gegen den informierten wissenschaftlichen Diskurs ausgespielt wird. Gerade die Einbettung in und die Sensibilität für die Vielschichtigkeit der Historizität des Imaginativen kann hilfreich sein, um aktuelle Fragestellungen und Probleme in ihrer Widersprüchlichkeit zu begreifen.

In der Tat vermittelt das schillernde Begriffspaar phantasia/imaginatio seit Anbeginn nicht nur auf theoretischer Ebene zwischen Sinnlichkeit und Intellekt, sondern umreißt zugleich einen praktisch-ethischen Kampfplatz, auf dem „niedere“ und „höhere“ Seelenkräfte und – je nach Kosmologie – dämonische Mächte um die Vorherrschaft ringen. Dem bildlichen Potential der Imagination wird dabei in der westlichen Kultur eine besondere Verführungskraft zugeschrieben, die das Individuum sowohl im positiven als auch im negativen Sinne beeinflussen kann. Denn es ist im Grenzgebiet der Vorstellungen und Einbildungen, in dem inner-, zwischen- und übermenschliche Konflikte inszeniert und psychologische Hierarchien etabliert werden, die letztlich über das gute und schlechte politisch-religiöse Leben entscheiden. In diesem Kontext erweist sich die Imagination als ein durchaus ambivalentes Vermögen: Entweder steht sie im Dienst der wahren Erkenntnis und Tugend oder sie entfaltet ein unkontrollierbares Eigenleben – einen Exzess des rational nicht mehr zu bändigenden Bildhaften –, das die vorherrschenden politischen, wissenschaftlichen und religiösen Systeme zu untergraben droht. Bezeichnenderweise wird dieses Exzessive der Imagination häufig pathologisiert, dämonisiert und sexualisiert. Dies zeigt sich sowohl in der langen Geschichte der Mönchskrankheit der Melancholie als auch in der Annahme einer spezifisch weiblich konnotierten Disposition zur imaginativ-affektiven Überreizung.

Die Angst vor Lastern und Krankheiten der Imagination ist sicher nicht neu, doch sie erlebte in der Frühen Neuzeit, in der zahlreiche imaginäre Ordnungen simultan ins Wanken gerieten, einen besonderen Höhepunkt. Der Hexenwahn, der Protestantismus und die sogenannte wissenschaftliche Revolution lassen sich zweifellos als tiefgreifende Krisen der Imagination begreifen. Angesichts dieser Krisen wurde die partielle Aufwertung der Imagination, die sich u. a. in den Kunsttheorien der Renaissance, in der neuzeitlichen Philosophie oder in den theologischen Diskursen der (Gegen)Reformation abzeichnete, immer von entsprechenden Formen der Reglementierungen und Instrumentalisierungen begleitet. Die Exzesse der Imagination, die stets auch das Körperliche einschließen, wurden einerseits, wenn sie nicht durch die Zensur verhindert wurden, durch Exerzitien, d. h. durch kollektive und individuelle Praktiken im öffentlichen oder privaten Raum (der Imagination), gebändigt. Andererseits mussten diese Exzesse und ihre Gefährlichkeit beständig imaginiert und materialisiert werden, um die Dringlichkeit ihrer Disziplinierung überhaupt erst zu begründen. Dem Prozess der Materialisierung selbst – also dem Malen, dem Schreiben bzw. insgesamt verschiedenen Formen der Entäußerung – kommt dabei eine grundlegende Rolle zu. Nicht zuletzt, weil auch hier die Grenzen der Imagination diesseits wie jenseits des gesicherten Bereichs des Vorstellbaren beständig neu gezogen und verhandelt wurden, wobei sich Exzess und Exerzitium gegenseitig bedingen.

Der geplante Workshop möchte dieses reziproke Verhältnis zwischen Exzessen und Exerzitien der Imagination untersuchen. Der Fokus liegt auf der Epochenschwelle vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, die sowohl zeitlich als auch geographisch relativ weit gefasst wird, da das Ziel der Veranstaltung nicht in einer möglichst lückenlosen historischen Rekonstruktion von westlichen Imaginationstheorien und imaginären Praktiken besteht. Vielmehr soll der Versuch unternommen werden, die etho-ästhetische, künstlerische und politische Dimension herauszuarbeiten, die in bisherigen begriffsgeschichtlich orientierten Betrachtungen übersehen wurde. Dabei geht es nicht zuletzt darum, kritisch zu analysieren, wie die herrschende Gesellschaft die Kategorie des Imaginativen häufig missbrauchte, um die „Anderen“ zu stigmatisieren und zu disziplinieren. Die Grenzziehung zwischen dem legitim Vorstellbaren und Unvorstellbaren ist nämlich keine rein private kognitive und meditative Praktik, sondern umfasst Rituale, Sprechweisen, Erinnerungsweisen, verschiedene Arten der Wissenserzeugung, künstlerische Produktion und Rezeption, Gestaltungen des öffentlichen Raums oder von Alltagsgegenständen, usw. Dieser Pluralismus ist im Imaginationsbegriff selbst verwurzelt, der seit der Antike gleichermaßen in der Rhetorik, Mnemotechnik, Epistemologie, Psychologie, Poetologie und Kunsttheorie angesiedelt wurde. Dementsprechend sprengt der Workshop zwangsläufig disziplinäre Grenzen und versucht das Problem der Imagination aus unterschiedlichen fachlichen Richtungen – Philosophie, Kunst- und Bildgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft – anzuvisieren.

Weil der Begriff der Imagination wesentlich zur (Vor)Geschichte ästhetischer Theorien gehört, ordnet sich vorliegendes Projekt der interdisziplinären Forschungsplattform der Etho-Ästhetiken des Visuellen unter.

Das Spektrum der Fragen ist breit und könnte sich in den Workshop-Beträgen und der Diskussion etwa entlang folgender Themenbereiche bewegen:
- Warum wird die Imagination in der Frühen Neuzeit besonders stark polarisiert?
- Wie korrespondieren theoretische Diskussionen des Imaginationsbegriffs oder die Einordnungen in dessen Traditionszusammenhänge mit künstlerischen, ästhetischen und ethischen Praktiken im politischen Raum bzw. dem gesellschaftlichen Handeln?
- Welcher produktions- und wirkungsästhetischer Strategien der Imaginationsstimulierung oder -kontrolle bedienen sich Künstler:innen?
- Wie befeuern Zensur und Ikonoklasmen die Macht des Imaginären? Wie geht und wie soll eine Gesellschaft mit sogenannten Trugbildern umgehen?
- In welchen politisch-gesellschaftlichen Kontexten und in welchen Ausformungen manifestieren sich "Exzesse" der Imagination bzw. wann und weshalb werden sie überhaupt als solche be- und verurteilt?
- Welche Formen von Exzessen werden verdammt und welche Regulierungspraktiken eingeführt, um die vermeintliche Gewalt des Imaginären zu unterbinden, die häufig im negativen Sinne den "Anderen" zugeschrieben wird? Und damit zusammenhängend: wie steht es etwa um die stets in Machtdiskurse eingebettete Konstruktion einer typisch weiblich konnotierten Imagination?

Der Workshop findet vom 25. bis 27. November 2021 online und – je nach Möglichkeit – am Kunsthistorischen Institut in Florenz – Max-Planck-Institut statt. Die Beitragenden sind aufgefordert, einen Kurzvortrag von ca. 20 min (mit anschließender Diskussion) zu präsentieren. Wir begrüßen sowohl spezifische case studies als auch methodisch-systematische bzw. theoretische Untersuchungen, die den unterschiedlichsten Fragestellungen und Kulturen gewidmet sein und auch die longue durée frühneuzeitlicher Imaginationspraktiken in den Blick nehmen können. Bitte senden Sie ein Abstract mit max. 2000 Zeichen und einen kurzen Lebenslauf (zusammengefasst in einem PDF) in deutscher, englischer oder italienischer Sprache per E-Mail an: giulia.baldellikhi.fi.it

Wir bitten um die Einreichung des Abstracts bis zum 1.10.2021.
Die Rückmeldung über die Teilnahme am Workshop erfolgt bis zum 8.10.2021.

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Practices of Imagination

Interdisciplinary Workshop at the Kunsthistorisches Institut in Florenz – Max-Planck-Institut, organised by Giulia Baldelli, Hana Gründler, Jakob Moser, Research Group "Etho-Aesthetics of the Visual"

Against the backdrop of contemporary debates over the creative potential and embodiment of cognitive processes, imagination, a concept that traditionally mediates between perception and thought, has acquired particular topicality. From their diverse perspectives and premises, neuroscience, philosophy of mind, sociology, aesthetics, and art history, as well as historical and cultural studies, have long been contributing to a rediscovery and reevaluation of imagination. Whereas its positive role as productive faculty and agency of knowledge is often underlined, concomitant ethical and political problems, traceable in the longue durée of the critique of imagination, remain largely unilluminated. The inherent ethical-political “danger” residing both in the imaginative and its misuse, is evident, for example, in current public discourses, where the power of the imagination is frequently played off against scientific discourse. Yet it is precisely through the embedding in and sensitivity to the multidimensionality of its historicity that the imaginative may enable us to grasp contemporary questions and problems in all their contrariety.

In fact, the conceptual pair phantasia/imaginatio has always mediated between sensuality and intellect on the theoretical level while at the same time delineating a practical-ethical battlefield, where “higher” and “lower” forces of the soul and – depending on the cosmology in question – demonic powers struggle for supremacy. In Western culture, an exceptional seductive power is attributed to the visual potential of the imagination, which may influence the individual in positive as well as negative ways. It is in the borderlands of ideas and illusions that intra-, inter-, and supra-human conflicts are staged and the psychological hierarchies that ultimately determine the good and evil of religious-political life are determined. In this context, imagination proves itself an ambivalent faculty: It is either in the service of true knowledge and virtue or it unleashes an uncontrollable life of its own – an excess of figuration that can no longer be rationally tamed, that threatens to undermine the prevailing political, scientific, and religious systems. Significantly, this excess of imagination is often pathologised, demonised, and sexualised. This is evident both in the long history of monastic melancholia and in the connotative assumption of a specifically female predisposition to imaginative-affective overstimulation.

The fear of vices and diseases of the imagination is certainly not new, but it reached a particular climax in the early modern period, when numerous imaginary orders were simultaneously shaken up. The obsession with witches, together with Protestantism and the so-called scientific revolution can be understood as profound crises of imagination. Given such crises, the partial reevaluation of the imagination, which among other things became apparent in the art theories of the Renaissance, in modern philosophy, or in the theological discourses of the (counter) Reformation, was always accompanied by corresponding forms of regimentation and instrumentalisation. On the one hand, the excesses of imagination – which always included the physical – if not averted by censorship, were tamed by collective and individual practices in public or private space (of the imagination). On the other hand, these excesses and their perilousness had constantly to be imagined and materialised in order to establish the urgency of disciplining them in the first place. The process of materialisation itself, whether in painting, writing, or the other myriad forms of expression, plays a pivotal role in this. Not least because here, too, the boundaries of imagination, both within and beyond the secure realm of the imaginable, were constantly redrawn and renegotiated, and wherein excess and discipline were mutually dependent.

The planned workshop aims to explore this reciprocal relationship between the excesses and disciplining exercises of the imagination. The focus will be on the epochal transition from the late Middle Ages to the early modern period, which will be defined relatively broadly in terms of both time and geography; the purpose of the workshop is not to arrive at an exhaustive historical reconstruction of Western theories of imagination and imaginary practices. Rather, we hope to tease out the ethical-aesthetic, artistic, and political dimensions that have been overlooked in previous historically oriented considerations of the concept. It is therefore more a matter of critically analysing how ruling societies have often misused the category of the imaginative in order to stigmatise and discipline unruly or intransigent “others”. Indeed, the demarcation between the legitimately imaginable and the unimaginable is not confined to private cognitive and meditative practice, but encompasses rituals, ways of speaking, ways of remembering, multiple ways of generating knowledge, artistic production and reception, configurations of public space or everyday objects, and so on. This pluralism is rooted in the very concept of imagination, which since antiquity has been equally situated in rhetoric, mnemonics, epistemology, psychology, poetology, and art theory. The workshop will thus cut across disciplinary boundaries and attempts to approach the problem of imagination from different disciplinary directions, including philosophy, history of art and images, history of science, literary and cultural studies.

Since the concept of imagination is an essential part of the (pre)history of aesthetic theories, this project is part of the interdisciplinary research platform Etho-aesthetics of the Visual.
The range of possible questions is broad and could cover any of the following topics in the workshop papers and discussion:
- Why is the imagination so particularly polarised in the early modern period?
- How do theoretical discussions of the concept of imagination or classifications in its traditional contexts correspond with artistic, aesthetic, and ethical practices in political space or social action?
- What productive and effective aesthetic strategies to stimulate or control imagination do artists use?
- How do censorship and iconoclasm fuel the power of the imaginary? How does and how should a society deal with phantasms?
- In which sociopolitical contexts and in what forms do “excesses” of the imagination manifest themselves, or when and why are they condemned as such in the first place?
- What forms of excess are condemned and what regulatory practices are introduced to prevent the supposed violence of the imaginary, which is often attributed to “others” in a negative sense? And related to this: What may be said about the construction of a typically female connoted imagination, which is always embedded in discourses of power?

The workshop will take place online and at the Kunsthistorisches Institut in Florenz – Max-Planck-Institut, depending on feasibility, from 25-27 November 2021.

Contributors are invited to present a short talk of about 20 min (followed by discussion). We welcome both specific case studies as well as methodological-systematic or theoretical investigations. These can be devoted to a wide variety of questions and cultures and may also focus on the longue durée of early modern imaginative practices. Please send an abstract of max. 2000 characters and a short curriculum vitae (as a PDF) in German, English or Italian by e-mail to: giulia.baldellikhi.fi.it.

Please submit your abstract no later than 1 October 2021.
Confirmation of participation in the workshop will be provided by 8 October 2021.

Reference:
CFP: Praktiken der Imagination (Florenz/online, 25-27 Nov 21). In: ArtHist.net, Sep 20, 2021 (accessed Oct 28, 2021), <https://arthist.net/archive/34848>.

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