Q Nov 13, 2001

Gletschersteinpyramide Leipzig-Stoetteritz

Chr.

<Christian.Fuhrmeister.453Hannover-Stadt.de>
Subject: Recherche zur Gletschersteinpyramide Leipzig-
Stoetteritz 1903
Date sent: Tue, 13 Nov 2001 11:06:24 +0100

Betreff: Gletschersteinpyramide Leipzig-Stoetteritz 1903

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe KollegInnen,

dieser Aufruf erreicht Sie ueber die mailinglisten hsozukult,
arthistnet und musprof. Gesucht werden Informationen ueber die
Gletscherstein- bzw. Findlingspyramide in Leipzig-Stoetteritz und
ueber aehnliche Kompositdenkmaeler aus der Zeit um 1900.

Die Pyramide in Leipzig-Stoetteritz wurde 1903 in 200 Metern
Entfernung vom Voelkerschlachtdenkmal (Baubeginn 1898, Einweihung
1913; dazu Hutter (1)) errichtet. Die 6 Meter hohe Pyramide erhebt
sich auf einer Grundflaeche von 5,4 x 5,4 Metern und besteht aus ca.
700 Findlingen (Abbildung und naehere Angaben unter
www.swa-leipzig.de/Beitraege/Bente.htm). Im Jahr 2000 wurde die stark
verschmutzte, zum Teil baufaellige Pyramide sorgfaeltig gereinigt und
restauriert. Seit 1998 erforscht ein multidiziplinaeres Team unter der
Leitung von Prof. Dr. Klaus Bente, Institut fuer Mineralogie,
Kristallographie und Materialwissenschaft der Universitaet Leipzig,
das ungewoehnliche Objekt aus mehreren Perspektiven:
Materialwissenschaft, Mineralogie, Geologie, Denkmalpflege,
Volkskunde, Kunst- und Kulturwissenschaft, Materialikonographie,
Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte und Wissenschaftsgeschichte.
Die materialwissenschaftlichen und petrographischen Untersuchungen (u.
a. Duennschliff-Analysen) haben wichtige Erkenntnisse ueber die
Ursprungsorte der verwendeten Findlinge erbracht.

Ungeklaert ist jedoch, warum die Pyramide ueberhaupt erbaut wurde. Die
Inschrift (Eisenguss-Platte) gibt nur die Erlaeuterung, dass das
"Denkmal" von der "Allgemeinen Deutschen Credit Anstalt" und der
"Leipziger Immobiliengesellschaft in Leipzig" errichtet wurde, "in
deren Felder sie [die Findlinge, Anm. C. F.] zerstreut eingebettet
lagen". Der Text schliesst mit der merkwuerdigen Wendung "Das Denkmal
steht im Schutze edler Menschen." Die wenigen bislang bekannten
zeitgenoessischen Dokumente enthalten keine Angaben ueber Motivation
und Ziele der Initiatoren; auch das 3. Unternehmensgeschichtliche
Kolloquium in Chemnitz im September 2001 fuehrte nicht zur Klaerung
dieser Fragen.

Erklaerungsbeduerftig ist vor allem die Abwesenheit jeglicher
nationaler Untertoene, die seit der Mitte des 19. Jahrhundert mit der
Verwendung der als "urdeutsch" apostrophierten Findlinge einher gingen
(vgl. Fuhrmeister (2)) - um so mehr, als sich das
Voelkerschlachtdenkmal in Sichtweite befindet. Da bislang keine der
'ueblichen' Beweggruende fuer die Errichtung dieser Findlingspyramide
eruiert werden konnten, stellt sich die Frage, ob hier moeglicherweise
postum die wichtige Inlandeistheorie des Leipziger Geologen
Carl-Friedrich Naumann (1797 - 1873) illustriert werden sollte? Damit
waere die Pyramide ein frueher Vorlaeufer der heute weit verbreiteten
Findlingsgaerten. Da der damalige Direktor der Leipziger
Immobiliengesellschaft Dr. Ludolf Colditz (1847-1909) Mitglied der
Johannisloge "Balduin zur Linde" war und das Denkmal als Pyramide
erbaut wurde, liegt auch die Vermutung nahe, dass es sich
moeglicherweise um ein Bauwerk der Freimaurer handelt.

Das Team freut sich ueber alle Mitteilungen - besonders auch ueber
Hinweise auf aehnlich gelagerte Faelle (nicht-national kodierte
Findlingsdenkmaeler des Kaiserreichs). Ist die Gletschersteinpyramide
in Leipzig-Stoetteritz ein singulaeres Objekt?

benterz.uni-leipzig.de
Christian.Fuhrmeister.453Hannover-Stadt.de
pyramiderz.uni-leipzig.de

Anmerkungen
(1) Peter Hutter, "Die feinste Barbarei". Das Voelkerschlachtdenkmal
bei Leipzig. Mainz 1990. (2) Christian Fuhrmeister, Die
Grosssteingraeber als Projektionsflaeche des Zeitgeistes: >>Utopie
einer Heimat<< und >>germanisches Vorzeiterbe<<, in:
Museumsdorf
Cloppenburg, Kulturamt der Stadt Oldenburg, Stadtmuseum Oldenburg
(Hg.), Regionaler Fundamentalismus? Geschichte der Heimatbewegung in
Stadt und Land Oldenburg. Oldenburg 1999, S. 154-175; ders., Findlinge
als Denkmaeler. Zur politischen Bedeutung erratischer Steine (=
Materialien zum Museumsbesuch, Nr. 32, Museumsdorf Hoesseringen),
Uelzen 2000 (erneut in: Friedhof und Denkmal, 45. Jg., 3/2000, S. 83 -
107).

Reference:
Q: Gletschersteinpyramide Leipzig-Stoetteritz. In: ArtHist.net, Nov 13, 2001 (accessed Oct 3, 2022), <https://arthist.net/archive/24746>.

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