CFP Nov 24, 2020

kritische berichte 3/2021: Rassismus in der Architektur / Racism in Architecture

Deadline: Dec 23, 2020

Regine Heß, Technische Universität München /LS Architekturgeschichte und kuratorische Praxis

kritische berichte, 3/2021: Rassismus in der Architektur / Racism in Architecture

HerausgeberInnen / Editors:
Christian Fuhrmeister, München / Regine Heß, München/Zürich / Monika Platzer, Wien


[English version below]

In den letzten Jahren hat das Thema des Rassismus in der deutschen und österreichischen Zivilgesellschaft, in Forschung, Architektur und kuratorischer Praxis weiter an Bedeutung und Brisanz gewonnen. Die HerausgeberInnen dieser Ausgabe der kritischen berichte möchten diesen status quo dokumentieren, reflektieren und weiterdenken: Wie lässt sich Architekturtheorie antirassistisch dekonstruieren? Welchen Spuren von Rassismus begegnen wir in der Architektur, im Städtebau und im öffentlichen Raum?

Diskriminierung, Rassismus und Gewalt sind 30 Jahre nach der deutschen „Wiedervereinigung“ Alltagserfahrungen geworden. Zugleich beeinflusst das wachsende Wissen etwa um kolonialzeitliche Transferprozesse die Planungen für das Humboldt-Forum in Berlin. Nicht weit davon entfernt führt das Projekt „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt“ bis 2024 ein Recherche-, Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm zum Thema Kolonialismus und postkoloniale Gegenwart durch. Vor diesem Hintergrund sind wir weniger an Brüchen als an Kontinuitäten und Prozessen in Gesellschaftssystemen, Ideologien und kreativer Arbeit in Architektur und Kunst interessiert. Welchen Anteil tragen unsere Fächer, Berufe und Institutionen am strukturellen Rassismus in Wissenschaft und Gesellschaft? Wie tragen unsere tradierten wie unbewussten Kanones und Mechanismen des Ein- und Ausschlusses zu diesen Spannungen und Ungerechtigkeiten bei? Wie lässt sich die mangelnde Diversität der AkteurInnen durchbrechen?
Anstöße, AutorInnen zum gemeinsamen Nachdenken einzuladen, sind auch der Schock über die Anschläge und Morde von Halle und Hanau und über den mangelnden Schutz von Jüdinnen und Juden und Schwarzen Menschen. Es ist das Erschrecken über Gewalt, die Ermordung von George Floyd und die Diskriminierung von MigrantInnen und Schwarzen Menschen in Deutschland. Doch zugleich sind auch Empowerment zu beobachten, Demonstrationen und antirassistische Denkmalstürze.
Rassismus im öffentlichen Raum ist sichtbar. Das Wiener Denkmal für Karl Lueger steht mit plastischen, durch KünstlerInnen gestaltete Schande-Schriftzügen da. AnhängerInnen der Identitären Bewegung schlagen sie wieder herunter, wobei sie „Heimat, Freiheit, Tradition – und für Juden Endstation“ skandieren. Die OrganisatorInnen der Dekoloniale erhalten Drohbriefe ins Büro, das absichtsvoll im politischen Raum der Berliner Wilhelmstraße liegt.
Die Veröffentlichung des von der Stadt Wien beauftragten HistorikerInnenberichtes über die Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“ im Jahr 2013 entfachte eine hitzige Diskussion über die politischen Integrität des Architekten Roland Rainer, die 2017 erneut aufflammte, nachdem der Vorplatz der von Rainer erbauten Stadthalle aus dem Jahr 1958 nach ihm benannt wurde. Die Forschungen von Monika Platzer, Waltraud Indrist und Ingrid Holzschuh zeigen den berühmten „Nachkriegsarchitekten“ im Kontext biopolitischer De-Urbanisierungskonzepte. Sein auf „Vorherrschaft über Rasse und Raum“ zielendes Konzept unter dem Titel Die gegliederte und aufgelockerte Stadt zirkulierte in Fachkreisen ab 1944 und erschien sprachlich bereinigt 1957 zeitgleich mit der Ausstellung Interbau 57 in Berlin. In Österreich wird Rainers Modell des verdichtenden Flachbaues in Zusammenhang mit der Entwicklungslinie der Siedlerbewegung der Zwischenkriegszeit (u.a. Adolf Loos, Josef Frank) gestellt. Dabei stellt sich die Frage nach der Deutungshoheit des Modernediskurses, der in Österreich nach 1945 einen anderen Verlauf nahm als in Deutschland. Gleichzeitig werden neuen Quellen erschlossen bzw. Texte anders gelesen, welches dazu führt, dass Protagonisten der Wiener Moderne wie Otto Wagner oder Adolf Loos in Beziehung mit antisemitischen und rassistischen Tendenzen gesehen werden müssen.
Ausstellungen sind Orte, an denen sich Diskurse verdichten. Die documenta war nicht nur unschuldiger Aufbruch, sondern betrieb auch Vergangenheitspolitik: Angeblich die Entartete Kunst rehabilitierend, wurden Mechanismen der Ausgrenzung fortgesetzt. Das nennt Christian Fuhrmeister eine „binäre Struktur“. Diese lässt sich auch auf der Interbau 57 erkennen, die die Moderne nach Berlin zurückbringen wollte, aber aus „rassischen Gründen“ vertriebene ArchitektInnen nicht zum Bauen kamen. Angesichts dieser „binären Struktur“ kann man fragen, welche formalen, räumlichen wie auch geistigen Elemente eines im NS geschulten autoritätsgewohnten Denkens und Handelns nach 1945 weiter wirkten.
„Binäre Struktur“ ist ein Stichwort, das auch das Konzept von „Rasse“ in der modernen Architektur seit der Aufklärung prägt. „Rasse“ als Binärprogramm setzt eine substanzielle humane Differenz und Abwürdigung Schwarzer Menschen voraus. So werden asymmetrische Machtbeziehungen zwischen EuropäerInnen (und von ihnen Abstammenden) und „den Anderen“ legitimiert und fortgeschrieben. In dem jüngst erschienenen Aufsatzband Race and Modern Architecture. A Critical History from the Enlightenment to the Present stellen die AutorInnen fest: „Architectural historians have traditionally avoided the topic of race.” Und weiter: “[…] This book contends that to understand the imbrication of race in modern architectural history, we must not only incorporate previously excluded building practices, but we must look to the heart of the canon, deconstructing that which appears universal, modern, and transparent.”

Wer schreibt welche Geschichte, wer kuratiert Vergangenheit und Gegenwart? Was bedeuten Diversität in der Wissenschaft und im öffentlichen Raum? Was verhindert die Adressierung von Leid und Unterdrückung? Wie kann Dissens artikuliert werden? Welches Narrativ inkludiert Opfer und Geschädigte?

Das Themenheft sucht Beiträge aller Art (wie Texte, Bilder, Montagen, Essays, Interviews, Dokumentationen von artistic research, Ausstellungen etc.), die:
- Erscheinungsformen des strukturellen Rassismus in Gegenwart und Vergangenheit
- Denkmuster und Perspektiven in Wissenschaft und Gesellschaft, in Theorie und Praxis, in Kultur und Wirtschaft
- Prozesse von Migration, Exklusion und Repression
- Rückkopplungseffekte von Globalisierungsdruck und Identitätskonstruktionen
- Manifestationen asymmetrischer Machtverhältnisse
- Rassismus und die Produktion von globaler Architekturgeschichte
- ...
untersuchen und insofern zur kritischen (Selbst-)Reflexion beitragen.

Wir laden ForscherInnen, ArchitektInnen, KünstlerInnen, KuratorInnen, Studierende etc. ein, ein kurzes Abstract mit nicht mehr als 300 Wörtern in deutscher oder englischer Sprache einzureichen. Die Teilnehmenden werden am 6. Januar 2021 informiert. Das Heft ist peer-reviewed.

Bitte schicken Sie die Abstracts bis 23.12.2020 an r.hesstum.de.
Die Deadline für die Einreichung der Beiträge ist der 15. März 2021.

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In recent years, the topic of racism has become increasingly important in German and Austrian society, research, architecture and curatorial practice. The editors of this issue of kritische berichte would like to reflect and think further about this status quo: How can we deconstruct racism in architectural theory? In which fields of architecture and urbanism does racism leave its mark? What traces of racism do we encounter in architecture, urbanism, and public space?

Discrimination, racism and violence have become everyday experiences 30 years after the German "reunification". At the same time, the growing knowledge of colonial transfer processes influences the planning for the Humboldt Forum in Berlin. Not far away from this, the project Dekoloniale Memory Culture in the City is conducting a program of research, exhibitions and events on the topic of colonialism and postcolonial present until 2024. Against this background, we are less interested in ruptures than in continuity and processes in social systems, ideologies and creative work in architecture and art. What part do, or did, our disciplines, professions and institutions play in structural racism in science and society? How do our conscious and unconscious canons and mechanisms of inclusion and exclusion contribute to these tensions and injustices? In addition, how can we overcome the lack of diversity of the actors?
The shock about the attacks and murders of Halle and Hanau and the lack of protection for Jews and People of Color is also an impulse to invite authors to reflect together. It is the horror about racist violence, the murder of George Floyd and of migrants and Black people in Germany. But at the same time empowerment can be observed, demonstrations and racist monuments toppling.
Racism in public space is visible. The Viennese monument to Karl Lueger stands with plastic Shame lettering designed by artists. Followers of the Identitarian Movement strike them down again, chanting "Homeland, freedom, tradition – and for Jews the terminal station". The organisers of the Dekoloniale receive threatening letters at their office, which is deliberately located in the political space of Berlin's Wilhelmstraße.
A study in 2013 commissioned by the City of Vienna and carried out by historians of Vienna’s Street Names since 1860 as "Political Places of Remembrance" sparked a heated discussion about the political integrity of the architect Roland Rainer. It flared up again in 2017 after the square in front of Vienna’s town hall built by Rainer in 1958 was named after him. Research by Monika Platzer, Waltraud Indrist and Ingrid Holzschuh shows the famous "post-war architect" in the context of biopolitical de-urbanisation concepts. His ideology that aimed at supremacy over race and space as laid out in The Structured and Dispersed City which circulated in expert groups from 1944 onward and was published – linguistically neutralized in 1957 – at the same time as Interbau 57 exhibition. In Austria, Rainer's model of condensed low-rise housing is situated in the line of development of Austria’s settlers’ movement of the interwar period (Adolf Loos, Josef Frank, among others). This raises the question of the interpretative sovereignty of the discourse of modernism, which took a different course in Austria after 1945 than in Germany. At the same time, new sources are opened up respectively texts are read differently, which means that protagonists of Viennese Modernism such as Otto Wagner or Adolf Loos must be seen in relation to anti-Semitic and racist tendencies.
Exhibitions are places where discourses condense. The documenta was not only an innocent beginning, but also pursued politics of the past. Supposedly rehabilitating "degenerate art," mechanisms of exclusion were continued. Christian Fuhrmeister calls this a "binary structure". This can also be seen at Interbau 57, which wanted to bring modernism back to Berlin, but architects who had been expelled for "racial reasons" were not encouraged to build. In view of this "binary structure," one can ask which formal, spatial and intellectual elements of a thinking and acting accustomed to authority trained in the Nazi regime continued to operate after 1945.
"Binary structure" is a keyword that has also shaped the concept of "race" in modern architecture since the Enlightenment. "Race" as a binary program presupposes a substantial difference between humans and a degradation of People of Color. In the recently published book “Race and Modern Architecture. A Critical History from the Enlightenment to the Present“ the authors state: “Architectural historians have traditionally avoided the topic of race.” And further: “[…] This book contends that to understand the imbrication of race in modern architectural history, we must not only incorporate previously excluded building practices, but we must look to the heart of the canon, deconstructing that which appears universal, modern, and transparent”.

Who writes what history, who curates past and present? What does diversity mean in science and in public space? What prevents the addressing of suffering and oppression? How can dissent be articulated? Which narrative includes victims and injured parties?

The thematic issue is looking for contributions of all kinds (such as texts, pictures, montages, essays, interviews, documentations of artistic research, exhibitions, etc.) that investigate:
- Manifestations of structural racism in present and past
- Thinking patterns and perspectives in science and society, in theory and practice, in culture and economy
- Processes of migration, exclusion and repression
- Feedback effects of globalization pressure and identity constructions
- Manifestations of asymmetric power relations
- Racism and production of global architectural history
- ...
and thus contribute to critical (self-)reflection.

We invite researchers, architects, artists, curators, etc. to submit a short abstract of no more than 300 words in German or English. Participants will be informed on January 6, 2021. The volume is peer reviewed.

Please submit your abstract to r.hesstum.de until December 23, 2020. Submission deadline is March 15, 2021.

Reference:
CFP: kritische berichte 3/2021: Rassismus in der Architektur / Racism in Architecture. In: ArtHist.net, Nov 24, 2020 (accessed Jan 17, 2021), <https://arthist.net/archive/23993>.

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