Wilhelm Schlink (1939-2018)

Nachruf Wilhelm Schlink (25. Dez. 1939 – 29. Aug. 2018)

Wilhelm Schlink war eine besondere Figur in der deutschen universitären Kunstgeschichte; von hagerer Statur und energischem Gang, unkonventionell selbstironisch und bisweilen lachend sarkastisch, hat er aus seiner Berufung zur Kunstgeschichte nie ein verbissenes Geschäft gemacht. Gleichwohl zählte er bis zu seiner Emeritierung als Lehrstuhlinhaber für Kunstgeschichte an der Universität Freiburg/Br. 2005 zu den Referenzfiguren des Faches. Sein Anspruch, ein Generalist zu sein, der auch über die Grenzen des Faches hinaus kundig und neugierig ist – insbesondere gilt das für musikalisches, literarisches und zeitgenössisches künstlerisches Schaffen, zu dem er auch persönlich enge Kontakte pflegte –, verband sich mit einem kritischen Methodenbewusstsein. Aus diesen Gründen war er über lange Jahre als Fachgutachter im Rahmen der DFG und anderen wissenschaftlichen Förderinstituten tätig. Sichtbar und prägend war vor allem Schlinks Wirken als Leiter des Freiburger Instituts seit 1984, wobei er auch seine guten Kontakte mit Frankreich, aber auch mit der Schweiz und Israel, vermittelte. Zahlreiche SchülerInnen sind aus dieser langen Lehrtätigkeit hervorgegangen.

Schlink studierte, nachdem er zunächst in Jura eingeschrieben war, Kunstgeschichte an verschiedenen Universitäten in Deutschland und Paris und wurde bei Herbert Siebenhüner in Würzburg 1968 promoviert. Die Assistentenzeit verbrachte er unter Wolfgang Schöne in Hamburg, wo er sich 1974 habilitierte. Danach lehrte er bis zu seiner Berufung nach Freiburg in Kiel, Frankfurt und Trier. Als Gastdozent war er u. a. in Paris, Jerusalem und Pisa eingeladen. – Seit seinen Qualifikationsarbeiten hat sich Schlink insbesondere mit der mittelalterlichen Architektur Frankreichs beschäftigt. Die 1970 veröffentlichte Dissertation zur Kathedrale von Langres (ca. 1160-1230) stellte den bislang wenig bekannten bzw. als 'Spätling' abgewerteten, mit vielen antiken Reminiszenzen versehenen Bau in die Filiation der Abteikirchen von Cluny III und Clairvaux. Damit wurde auf überraschende Weise bislang unvereinbar Erscheinendes (opulentes cluniazensisches vs. asketisch zisterziensisches Bauen) miteinander verbunden und zugleich eine Differenzierung der französischen Architektur in der Zeit der Gotik außerhalb des Kronlandes erreicht. Schlinks Gabe bestand darin, einerseits Baubestand und Quellenüberlieferung präzise zu analysieren, andererseits überraschende und originelle, dabei tragfähige Beobachtungen, etwa zu tektonischen Prinzipien oder zu Raumwirkungen, anzustellen. Auch die 1978 erschienene Habilitationsschrift zum frühromanischen Bau von St-Benigne in Dijon (kurz nach 1000) behandelte eines der zentralen Bauwerke Burgunds, Verehrungsstätte des Hauptheiligen der Region und mit einer monumentalen, mehrgeschossigen Rotunde östlich des Chores versehen. Trotz der weitgehenden Zerstörung des mittelalterlichen Baues konnte Schlink anhand der guten Quellenlage eine eingehende Rekonstruktion der liturgischen Disposition präsentieren. Das Innovative lag darin, dass dabei nicht allein nach formalen bautypologischen Kriterien gefragt wurde, sondern Chor und Ostbau als komplexe liturgische Topographie dargestellt sind, die gleichermaßen funktional wie räumlich-symbolisch zu fassen ist. Im selben Jahr wie die Arbeit zu Dijon erschien eine knappe, aber dichte Zusammenfassung über die gotische Architektur Frankreichs. Zwar folgt sie prinzipiell einer entwicklungsgeschichtlichen Logik, zeigt aber auch, dass die Großbauten in frömmigkeitsgeschichtlichen und wirkungsästhetischen Zusammenhängen gesehen werden müssen. In kürzeren, gleichwohl äußerst anregenden und häufig umgehend rezipierten Beiträgen äußerte sich Schlink zu weiteren Themenfeldern der mittelalterlichen Kunst, so zu den Perspektiveffekten in gotischen Innenräumen (in Fs. Schöne, 1986), zu der Stifterthematik in den Glasfenstern der Chartreser Kathedrale (in Fs Brenk, 1995), zu den architektonischen Verbindungen zwischen den Münstern von Straßburg und Freiburg (Bull. Cathédrale de Strasbourg 2002) oder zum Skizzenbuch von Villard de Honnecourt (in Fs. Prache, 1999 und in Nouveaux regards sur la cathédrale de Reims, 2008). Was Letzteres betrifft, war es Schlink, der als erster dafür plädierte, Zeichnen, Kommentieren und Schreiben in der berühmten Handschrift konzeptuell voneinander zu trennen, da ihnen je unterschiedliche Zielsetzungen zugrunde lagen. Vor allem aber hat sein 1991 erschienenes Buch zum mittleren Westportal der Kathedrale von Amiens (mit ihrem berühmten Beau-Dieu) die nachfolgende Forschung inspiriert. Die Untersuchung gehört zu den wegweisenden Studien, die auf die bildrhetorischen Strategien der gotischen Portalskulptur achtet und sie mit ihrer komplexen, an der zeitgenössischen praktischen Theologie ausgerichteten Ikonographie verbindet. Auch in einem programmatischen Vortrag 2000 im Louvre (publiziert in Le Monde des Cathédrales, 2003) zur Frage nach der Einheitlichkeit ikonographischer Kathedralprogramme wandte sich Schlink gegen holistische, weil unterkomplexe Interpretationen. Vor allem Sedlmayrs Interpretation der Kathedrale als Abbild des Himmlischen Jerusalems wies er, insbesondere weil dies zeitgenössisch als häretisch gegolten hätte, als ideologisches Axiom pointiert zurück (in Jewish Art 1997/98).

Neben die mediävistischen Arbeiten trat schon seit den 70er Jahren die Beschäftigung mit der Malerei sowie der Kunsttheorie und -geschichte des 19. Jahrhunderts. Immer wieder stand dabei Jacob Burckhardt im Zentrum, insbesondere in der 1982 (und in Umgang mit J. Burckhardt, 1994) erschienenen Untersuchung zu Burckhardts Stellung gegenüber der "Kunsterwartung im Vormärz". Damit griff Schlink – evtl. augenzwinkernd auf die damaligen politischen Umwälzungen reagierend (sein Hamburger Mentor Schöne war ja darin unmittelbar involviert) – ein Thema auf, das unterschwellig die gesellschaftliche Position des Kunsthistorikers in allgemeinem Sinne verhandelte. Denn Schlink ging es um das Selbstverständnis des Kunsthistorikers Burckhardt inmitten von zeitgenössischen Forderungen, die die Kunst wie die Geschichte zum Leitinstrument des Politischen machen sollten. In diesem Zusammenhang entstand auch der lange, einer analogen Problemstellung gewidmete Aufsatz zu "Burckhardts Künstlerrat" (in Städel Jb. 1987). Angesichts dieser Vertrautheit mit der frühen Fachgeschichte und ihrer politisch-gesellschaftlichen Implikationen war Schlink an der umfangreichen und mühevollen Edition der Schriften Jacob Burckhardts beteiligt; den Bd. 18 (2006), dessen Vorlesungen zur 'Neueren Kunst, seit 1550' gewidmet, hat er selbst mitherausgegeben. – Es fügt sich in diese mediävistische Verankerung und die gleichermaßen intensive Vertrautheit mit der frühen Fachgeschichte sowie auch die Verbundenheit mit Frankreich, dass unter Schlink 2003 das Wilhelm-Vöge-Archiv an der Universität Freiburg/Br. eingerichtet werden konnte. Vöge, Gründungsdirektor des dortigen kunstgeschichtlichen Instituts, zählt bekanntermaßen zu den originellen Vordenkern einer Stilgeschichte der mittelalterlichen, zumal französischen Kunst. Mit einem von Schlink 2003 veranstalteten Kolloquium (Wilhelm Vöge und Frankreich, 2004) rückte das wieder mehr ins Bewusstsein. Seit seiner Emeritierung zog sich Schlink entschieden aus dem akademischen Leben zurück, als letzte umfangreichere Publikation erschien 2008 die für ein allgemein interessiertes Publikum konzipierte Werkmonographie zu Tizian. Doch auch diese Thematik stand durchaus nicht isoliert, sondern beruhte auf fallweisen Studien zur Malerei und Kunsttheorie der Neuzeit, wie etwa das Buch zu Poussins Mannalese (1996) erweist, in der, ausgehend von Le Bruns Akademierede zu dem Bild, dieses in seinem bewussten Oszillieren zwischen narrativer Eigenlogik und verweisender Allegorik vorgestellt wird. – Schlinks Stimme einer umfassend, kritisch und engagiert interpretierenden, dabei klare Akzente setzenden europäischen Kunstgeschichte wollte sich nur ungern in den Rahmen akademischer Rituale und Ehrungen einbinden lassen; sie verstummte zunehmend und damit auch die Botschaft intensiv erlebter und vermittelter Zwiespältigkeit kunstgeschichtlicher Forschung zwischen lebensweltlicher Aktualität und historischer Wertschöpfung.

Christian Freigang, Freie Universität Berlin

Quellennachweis:
Wilhelm Schlink (1939-2018). In: ArtHist.net, 13.10.2018. Letzter Zugriff 16.11.2018. <https://arthist.net/archive/19233>.

Beiträger: Christian Freigang, Berlin

Beitrag veröffentlicht am: 13.10.2018

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