CONF Mar 16, 2018

Der Bauer und die Moderne (Innsbruck, 13–14 Apr 18)

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, Apr 13–14, 2018

Dr. des. Peter Scholz

[English version below]

Der Bauer und die Moderne. Konstruktion und Kritik „volkstümlicher“ Bildwelten und die populäre Massenkunst der Gründerzeit

Tagung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum Innsbruck in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Universität Siegen, 13.-14. April 2018.
Organisiert von Peter Scholz, Joseph Imorde und Andreas Zeising

KONZEPT

Franz von Defregger (1835–1921) zählte um 1900 zu den erfolgreichsten und populärsten Künstlern seiner Zeit. Der damals gefeierte Star der „Münchner Schule“ der Historien- und Genremalerei wird allerdings in der heutigen Kunstgeschichtsschreibung kaum noch thematisiert und im Ausstellungsbetrieb weitestgehend übergangen. Auch wenn Defregger in Tirol noch als identitätsstiftend gelten darf, ist sein Werk international nur mehr wenig bekannt.

Einer vornehmlich an Formproblemen interessierten und auf die Innovationen der Avantgarde fokussierenden Historiografie der Moderne erschienen spätestens nach 1945 „Volkstümlichkeit“, Erzählfreude und Humor, die man bisher an Defregger und seinem Umkreis gepriesen hatte, als kunstferne Größen. Das qualitätvolle malerische Handwerk wurde abschätzig als „akademisch“ beurteilt, die bäuerlichen Themen als provinziell abgetan. Allerdings erweist sich die Pejorisierung der volkstümlichen Themen aus heutiger Sicht schon deshalb als paradox, weil andere Maler wie etwa Leibl, Trübner oder Liebermann, die man als „Wegbereiter der Moderne“ feiern konnte, sich intensiv mit bäuerlichen Sujets auseinandergesetzt haben, wenn auch in einer anderen Formensprache.

Fatale Nachwirkung zeitigte zudem die seit 1900 vollzogene Subsumierung der gründerzeitlichen Malerei in den Komplex der Heimatkunst, die zur Zeit des Wilhelminismus zunehmend unter den Einfluss deutschnationaler und völkisch-reaktionärer Kräfte geriet. Für die nationalsozialistischen Ideologen schließlich waren die Werke Defreggers und anderer kompatibel mit ihren eigenen künstlerischen Vorstellungen, passten doch die vielfach patriotischen und gefälligen Sujets der Historien-, Genre- und Landschaftsmalerei in das von der NS-Kunstpolitik propagierte Ideal einer neoakademischen Blut- und Boden-Romantik. Die Nachwirkung dieser Inbesitznahme, die sich noch in der Heimatfilmmotivik der 1950er Jahre zeigt, resultierte in einer bis heute fast durchgehenden Ablehnung der bürgerlich-konservativen Gründerzeitkunst in der akademischen Kunstgeschichte (während sich die Werke auf dem Kunstmarkt freilich größter Beliebtheit erfreuen).

Die Kanonisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts haben zu lange den Blick darauf verstellt, wie stark gründerzeitliche Maler in überaus moderne Prozesse der Kommerzialisierung eingebunden waren. So arbeitete Defregger intensiv mit dem Kunstverlag Franz Hanfstaengl zusammen und vermarktete seine Werke nicht nur in Form von Lithographien, illustrierten Büchern oder Postkarten, sondern gab seine Motive auch für Gebrauchsgegenstände wie Tassen oder Zier-Teller frei. Für die heutige Kunstgeschichtsschreibung, die zunehmend an Phänomenen der Popularisierung interessiert ist und dabei die bürgerlich-idealistische Grenzziehung zwischen hoher und niederer Kunst hinter sich gelassen hat, wird die gründerzeitliche Malerei auch deshalb zu einem wichtigen Untersuchungsgegenstand, weil an ihr die Mechanismen der Bildvermarktung und des Bildkonsums auf breiter Grundlage kontextualisiert werden können.

Die Tagung hat das Ziel, am Beispiel Franz von Defreggers und anderer Maler der „Münchner Schule“ in neuer Weise auf die gründerzeitliche Malerei zu blicken. Sie verfolgt dabei die Absicht, Aspekte ihrer medialen Verbreitung und ihres kommerziellen Erfolgs scharf zu stellen. Es wird darum gehen, die ästhetischen, ideologischen und medialen Grenzen von Kategorien wie „Volkstümlichkeit“ in komplexer Weise zu denken und innerhalb einer sich etablierenden Massenkultur zu bestimmen.


PROGRAMM

FREITAG, 13. April 2018

Moderation: Andrea Gottdang (Salzburg)

9.00 – 09.15
Peter Scholz (Innsbruck)
Begrüßung und Einführung

09.15 – 10.00
Markus Neuwirth (Innsbruck)
„Schwört nicht zu Östreich, wenn Ihr's könnt vermeiden“ (Tell). Der übermalte Landsturm 1809 von Joseph Anton Koch und die Topoi Tirols im 19. Jahrhundert

10.00 – 10.30
Angelika Irgens-Defregger (München)
Zwei Ikonen der Populärkultur. Franz von Defregger und der Heimatdichter Peter Rosegger

Kaffeepause

11.00 – 11.45
Joseph Imorde (Siegen)
Kunst in Reproduktion um 1900

11.45 – 12.30
Helmut Hess (München)
„Künstler oder Producenten künstlerischer Waare?“. Defreggers Zusammenarbeit mit dem Kunstverlag Franz Hanfstaengl

Mittagspause

Moderation: Andreas Zeising (Siegen)

13.30 – 14.15
Ludwig Tavernier (Koblenz)
Kunst für Alle. Franz von Defregger und die Malerei auf dem Weg in die Massenkultur

14.15 – 15.00
Jo Briggs (Baltimore)
Local, Regional, Global. The Changing Reception of Franz von Defregger’s Peasant Paintings

Kaffeepause

15.30 – 16.15
Matthias Memmel (München)
„um einen Ton zum Idealen hin höher gestimmt“. Defreggers Genremalerei und die Krise des poetischen Realismus um 1900

16.15 – 17.00
Rebecca Krämer (Wiesbaden/Koblenz)
Ludwig Knaus. Von der Innovation zum Klischee?

18.00 – 19.00
Heimatabend reloaded: Volksmusik der Defregger-Zeit
Konzert Afelder Dreigesang und 4Kleemusig


SAMSTAG, 14. April 2018

Moderation: Maren Lickhardt (Innsbruck)

9.00 – 09.45
Andreas Zeising (Siegen)
Für Schule und Haus. Zur nachhaltigen Popularisierung gründerzeitlicher Malerei in Kaiserreich und Weimarer Republik

09.45 – 10.30
Felix Steffan (München)
Max Bram und die Genese der Rosenheimer Gemäldesammlung im Kontext zeitgenössischer Kunstauffassungen

Kaffeepause

11.00 – 11.45
Peter Forster (Wiesbaden)
Wilhelm Riefstahls „gesättigter Realismus“

11.45 – 12.30
Yvonne Arras (Balingen)
Friedrich Eckenfelder (1861-1938) und die „Volkstümlichkeit“ in der Malerei des Schwäbischen Impressionismus

Abschlussdiskussion

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The Peasant and Modernism. Construction and Critic of Demotic (“volkstuemlich”) Visual Imagery and the Popular Mass Art of the Gruenderzeit

Conference of the Tirolean State Museum Ferdinandeum Innsbruck in cooperation with the professorship for Art History of the University of Siegen, 13-14 April 2018.
Organized by Peter Scholz, Joseph Imorde und Andreas Zeising

Around 1900, Franz von Defregger (1835–1921) was among the most successful and popular artists of his time. The once-celebrated star of the “Munich School” of history and genre painting is hardly discussed in today’s art historiography, however, and is largely passed over by the exhibition business. Even though Defregger still contributes to Tyrolean identity, his work is largely unknown internationally.

At the latest after 1945, folk imagery (“Volkstümlichkeit”), narrative pleasure, and humor, all of which had been praised in the works of Defregger and his circle, seemed to be elements that were distant from art in a historiography of modernism that was primarily interested in formal problems and focused on the innovations of the avant-garde. The high-quality painting technique was dismissed as “academic,” the rustic themes were discounted as provincial. However, from today’s perspective the derision of traditional motifs seems paradoxical because other painters such as Leibl, Trübner, or Liebermann, who were celebrated as “pioneers of modernism,” worked intensively with rural subjects, albeit in a different style.

In addition, in 1900 the Gründerzeit paintings began to be subsumed into the complex of “Heimatkunst”, which fell increasingly under the influence of German-nationalist and reactionary powers during Wilhelminism, and this subsumption had disastrous repercussions. After all, for the national-socialist ideologists, Defregger’s and others’ works were compatible with their own artistic ideas, as the often patriotic and obliging subjects of the history, genre, and landscape paintings were well-suited to the ideal of the neo-academic blood and soil romanticism propagated by Nazi art policies. The effects of this appropriation, which could still be seen in the “Heimatfilm” motifs of the 1950s, resulted in an almost complete rejection of the middle-class conservative Gründerzeit art in academic art history that has lasted until the present day (while the works admittedly enjoy great popularity on the art market).

For too long, the canonization processes of the 20th century obscured how closely Gründerzeit painters were included in very modern processes of commercialization. Defregger, for example, worked intensively with the art publishing company Franz Hanfstaengl and marketed his works not only in the form of lithographs, illustrated books, and postcards but also released his motifs for commodities such as mugs or decorative plates. For today’s art historiography, which is increasingly interested in phenomena related to popularization and has thereby put aside the bourgeois-idealistic differentiation between high and low art, Gründerzeit paintings are becoming an important research subject in part because they provide a broad base for the contextualization of the mechanisms of picture marketing and picture consumption.

The objective of the conference is to look at Gründerzeit paintings from a new perspective using the example of Franz von Defregger and other painters from the “Munich School” and beyond. It aims to bring aspects of their medial distribution and commercial success into focus, to think in complex ways about the aesthetic, ideological, and medial boundaries of categories such as “Volkstümlichkeit”, and to identify these boundaries within an emerging mass culture.

Reference:
CONF: Der Bauer und die Moderne (Innsbruck, 13–14 Apr 18). In: ArtHist.net, Mar 16, 2018 (accessed Dec 6, 2021), <https://arthist.net/archive/17608>.

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