Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft

MARBURGER JAHRBUCH FÜR KUNSTWISSENSCHAFT, Bd. 37, 2010

Herausgegeben von Ingo Herklotz und Hubert Locher

HUBERT LOCHER
Der stimmungsvolle Augenblick. Realitätseffekt und poetischer Appell in Malerei und Fotografie des 19. und 20. Jahrhunderts
(S. 7-46)

Der Beitrag verfolgt den Aspekt der Stimmungsvermittlung als Gestaltung des "Atmosphärischen" in Malerei und Fotografie vor rezeptionsästhetischem Hintergrund und mit Blick auf die Konkretisierung des Begriffs des "sentimentalischen" Gemäldes als eines Äquivalentes zum modernen lyrischen Text. Auf der Grundlage theoretischer Überlegungen werden zunächst ausgewählte Beispiele vorzugsweise deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts vorgestellt. Es wird dann, ausgehend von der Annahme, dass Stimmungsvermittlung maßgeblich über die Verbindung von poetisch-suggestiven Motiven mit realistischen Effekten erfolgt, der Bogen zur künstlerischen Fotografie geschlagen. Sie zielt in frühen Beispielen auf eben diese "im Augenblick" erfasste Synthese, um sich in jüngerer Zeit - etwa bei Alfred Stieglitz, aber auch bei Henri Cartier-Bresson - vom Literarisch-Anekdotischen zu entfernen, ohne den poetischen Appell aufzugeben.

MARKUS SPÄTH
Siegelbild und Kathedralgotik. Die Ästhetik der Siegel englischer Kathedralklöster zwischen Architekturrezeption, Bilderzählung und Poesie
(S. 47-72)

Inwieweit konnte das Rechtsinstrument des Siegels ein Trägermedium für die Verbreitung baulicher Innovation im Mittelalter sein? In England entstanden seit dem frühen 13. Jahrhundert für Religiosengemeinschaften nicht nur ikonographisch, sondern auch medial komplexe Siegelkompositionen. Durch eine in Europa einmalige Herstellungstechnik konnten auf deren Oberflächen vielteilige Kirchenfassaden in aktuellsten Bauformen der englischen Frühgotik geprägt werden, identitätsstiftende Patrone sowie Szenen ihrer Viten in Fenstern und Türen erscheinen sowie deren Ruhm durch Inschriften in kleinster Dimension entlang des Grats zwischen beiden Siegelseiten gepriesen werden. Am Beispiel herausragender Korporationssiegel der Kathedralklöster von Canterbury, Norwich und Ely untersucht der Beitrag nicht nur die makroarchitektonischen Vorbilder der miniaturisierten Bauten auf den Siegeln, sondern auch deren Wechselverhältnis während einer Blütezeit der englischen Architekturgeschichte.

JANA GRAUL
An der Schwelle zur Malerei. Farbige Träger in der Florentiner Zeichenpraxis bis 1500
(S. 73-120)

Die ästhetische Qualität künstlerischer Materialien ist in jüngerer Zeit verstärkt in den Fokus kunsthistorischer Studien gelangt. Daran anknüpfend, geht der Aufsatz am Beispiel der Florentiner Zeichenpraxis des Quattrocento dem Anteil farbiger Träger an Formbildung und ästhetischer Wirkung von Zeichnungen nach. Der erste Teil der Untersuchung behandelt grundlegende Fragestellungen wie die der Stellung des Zeichnens auf farbigem Grund im Werkprozess oder das für dieses Verfahren konstitutive Moment des Ineinandergreifens von Zeichen- und Malpraxis. Die Sonderrolle, die der während des Herstellungsprozesses eingefärbten, traditionell in Venedig verorteten „carta azzurra“ im Florentiner Raum zukommt, findet hierbei eine besondere Berücksichtigung. Der zweite Teil der Studie ist dagegen den innerhalb des 15. Jahrhunderts zu konstatierenden Veränderungen im künstlerischen Umgang mit kolorierten Fonds gewidmet, die im Kontext sich wandelnder Vorstellungen von der Darstellung des Lichts und - damit eng verknüpft - mimetischer Ansprüche analysiert werden.

PETER LÜDEMANN
Vom Ursprung der Menschheit ins Florenz der Medici. Piero di Cosimos Prometheus-Tafeln in München und Straßburg
(S. 121-150)

Als einer der ersten neuzeitlichen Bearbeitungen des Prometheus-Stoffes in den bildenden Künsten sind den um 1515 entstandenen Cassone-Tafeln Piero di Cosimos seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche ikonographische Untersuchungen gewidmet worden. Dessen ungeachtet ist ihr Darstellungsgegenstand bis heute nur teilweise entschlüsselt. Auf der Grundlage einiger weniger, zu Beginn des Cinquecento weit verbreiteter Quellen lässt sich jedoch nicht nur eine kohärente Bilderzählung rekonstruieren, sondern auch ein konkreter Gelegenheitsbezug zwischen den Themen der beiden Werke und deren wahrscheinlicher Entstehung anlässlich einer Hochzeit plausibel machen. Darüber hinaus liefert Pieros eigenwillige Interpretation des antiken Mythos zumindest deutliche Indizien für das kritische Potential und das intellektuelle Format des oft unterschätzten Florentiner Malers.

STEFANO PIERGUIDI
Theatra mundi rinascimentali. Sulla Stanza della Segnatura e la Sala della Guardaroba di Palazzo Vecchio
(S. 151-166)

La tradizionale lettura secondo cui la stanza poi detta della Segnatura sarebbe stata in origine la biblioteca di Giulio II è stata messa in discussione da chi ritiene che quell’ambiente si trovasse sopra le Stanze di Raffaello. Nuove considerazioni supportano l’identificazione della Stanza della Segnatura come biblioteca del pontefice, e consentono di mettere in relazione l’originario programma iconografico dell'ambiente con quello della Sala della Guardaroba in Palazzo Vecchio a Firenze: sebbene la loro funzione fosse diversa entrambi gli ambienti erano stati pensati come un microcosmo che fosse metafora del macrocosmo e chiave della sua conoscenza, attraverso il sapere universale rappresentato dalla cosmografia, dalla cartografia e dall’eredità degli uomini illustri.

LOTHAR SICKEL
Giovanni Battista Pozzos ‚Martyrium der Heiligen Katharina’ für Antonio Bardi. Der wiedergefundene Vertrag und die Querele um den Wert des Gemäldes
(S. 167-182)

Der verschollen geglaubte Vertrag für Pozzos Altarbild vom 2. Mai 1588 führt zu einer Neubestimmung der letzten Schaffensperiode des im Mai 1591 verstorbenen Malers und der Person des Auftraggebers Antonio Bardi aus Colle Val d’Elsa, der als Protégé der Familie Cesi Karriere gemacht hatte. Nach Pozzos Tod klagte Bardi auf Herausgabe des Bildes zu dem im Mai 1588 vereinbarten Preis. Der Streit mit Pozzos Erben endete mit einer Schlichtung durch Jacopo Zucchi und Tommaso Laureti, die das Bild um ein Vielfaches höher, auf 200 Goldscudi schätzten. In seinen diversen Facetten gewährt der Vorgang einen raren Einblick in die Strukturen des römischen Kunstmarkts im späten Cinquecento.

STEPHAN ALBRECHT
Die Planungsgeschichte der Kapelle des Grabtuchs Christi in Turin. Ein neuer Zeichnungsfund
(S. 183-208)

Auf der Grundlage eines neuen Zeichnungsfunds legt der Artikel eine neue Deutung und Chronologie der Kapelle des Grabtuchs Christi am Turiner Dom vor. Vor allem für die ersten Jahrzehnte nach der Translozierung der Reliquie in die neue Hauptstadt der Savoyer liegt nun eine Reihe von bisher unbekannten Entwürfen vor, die von einer intensiven und vielfältigen Planungstätigkeit sechzig Jahre vor der tatsächlichen Realisierung zeugen.

ROSANGELA CUFFARO
Fakhr ad-Din II alla corte dei Medici (1613-1615). Collezionismo, architettura e ars topiaria tra Firenze e Beirut
(S. 209-218)

Il soggiorno dell'Emiro libanese Fakhr ad-Din II presso la corte medicea, agli esordi del diciassettesimo secolo, inaugurò un periodo di fecondi scambi artistici e culturali. Da un lato, maestranze toscane ebbero un ruolo importante nel programma edilizio di Fakhr ad-Din II in patria. Dall'altro, le collezioni fiorentine si arricchirono in quegli anni di numerosi oggetti di arte e artigianato inviati dall'Emiro al Granduca e alla sua famiglia. L'articolo mostra come questa relazione culturale rispecchi un complesso quadro politico, diplomatico ed economico.

GERRIT WALCZAK
Altar gegen Altar. Aufstieg und Ende der Pariser Académie de Saint-Luc
(S. 219-264)

Die Existenz einer zweiten Pariser Kunstakademie, der Académie de Saint-Luc, bildet bis heute einen blinden Fleck in der französischen Kunstgeschichte des 18. Jahrhunderts. Von der Pariser Malerzunft 1649 als Antwort auf die Académie Royale gegründet, unterlag sie zwar nach wenigen Jahren ihrer Rivalin. Der Wiederzulassung im Jahr 1705 folgte jedoch ein Aufstieg, der spätestens seit der Aufnahme eigener Salonausstellungen ab 1751 unübersehbar war. Die Studie analysiert die engen Verflechtungen zwischen den Angehörigen der beiden Pariser Kunstakademien unter dem Zunftwesen, den Ausbildungs- und Ausstellungsbetrieb der Lukasakademie, ihr Protektorat durch die Familie Voyer d’Argenson und den „despotisme révoltant“ der letzten vorrevolutionären Kunstadministration, die 1776 ihre Unterdrückung durchsetzte.

ANNAMARIA VOCI
Wilhelm Bode e il falso Michelangelo
(S. 265-278)

Der Aufsatz rekonstruiert die Geschichte des Erwerbs der Statue eines ‚Johannes des Täufers als Jüngling‘ durch Wilhelm Bode. Diese Statue tauchte am Anfang des 19. Jahrhunderts in Pisa auf einem Trödelmarkt auf und wurde 1875 von einigen italienischen Kunstkennern mit dem ‚Giovannino‘ identifiziert, welchen nach Condivi und Vasari der junge Michelangelo um 1495-1496 für einen Medici geschaffen hatte. 1879 gelang es Bode nach langwierigen, zum Teil abenteuerlichen Verhandlungen, diese Statue von ihrem Besitzer, einem Pisaner Grafen, für die Berliner Museen zu erwerben. Bode war der festen Überzeugung, dass es sich bei der Statue wirklich um ein Werk des jungen Michelangelo handelte, obwohl diese Zuschreibung von Anfang an unter den Fachleuten sehr umstritten war und blieb. Er stützte sich lediglich auf ästhetische Einschätzungen und war stark von der Kunsttheorie Jakob Burckhardts beeinflusst. Im Folgenden einigte sich aber die Forschung darauf, dass die Statue einer späteren Epoche, höchstwahrscheinlich der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, und einem florentinischen Schüler oder Nachahmer Michelangelos zuzuschreiben sei. 1945 fiel die Statue den Bomben zum Opfer.

FRANK ZÖLLNER
„,Eilig Reisende‘ im Gebiete der Bildvergleichung“. Aby Warburgs Bilderatlas ‚Mnemosyne‘ und die Tradition der Atlanten
(S. 279-304)

Der Beitrag erörtert die Entstehungsgeschichte und den experimentellen Charakter von Aby Warburgs Bilderatlas ‚Mnemosyne‘ sowie dessen Erhöhung zu einem methodischen Paradigma der Kulturwissenschaften. Im Kern des Beitrags geht es jedoch um eine historische Verortung von Warburgs Projekt. Hierzu wird Warburgs ‚Mnemosyne‘ in Beziehung gesetzt zu anderen Atlanten des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die verwandten Fragestellungen gewidmet sind. Zu den Vergleichsbeispielen zählen der 1875 erschienene Bilderatlas zur ‚Encyclopädie der Wissenschaften und Künste‘, das ‚Ethnologische Bilderbuch‘ des Berliner Ethnologen Adolf Bastian aus dem Jahre 1887 und der ab 1924 publizierte ‚Bilderatlas zur Religionsgeschichte‘ des Leipziger Religionswissenschaftlers Hans Haas. Zur Sprache kommen mit Herman Wirths ‚Heilige Urschrift der Menschheit‘ (1931-1936) auch die ‚Kulturkreislehren‘ jener Zeit. Abschließend wird darüber reflektiert, wie in Atlasprojekten übergreifende Fragestellungen mit der Präsentation großer Materialmengen produktiv verbunden werden können.

Reference:
TOC: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft. In: ArtHist.net, Jul 13, 2011 (accessed Jun 5, 2020), <https://arthist.net/archive/1643>.

Contributor: Christina Strunck, Kunstgeschichtliches Institut

Contribution published: Jul 13, 2011

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