Zur Situation der Chartres-Forschung. Nachruf auf Jan van der Meulen

Von Rüdiger Hoyer

Mit Jan van der Meulen (*1929, †6.1.2011) ist einer der herausragenden kunsthistorischen Mediävisten von uns gegangen. Van der Meulen, gebürtiger Kapstädter und zunächst in seinem Heimatland als Architekt ausgebildet und tätig, wurde rasch zu einem der vielversprechendsten jungen Vertreter der für die deutsche Kunstgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte prägenden Marburger Schule. Nach einem kurzen Intermezzo als Museumsdirektor in Kapstadt promovierte er 1962 in Marburg und widmete sich dann ganz der Bauforschung. Seine kompromisslose Geradlinigkeit, seine äußerst hohen bauarchäologischen Ansprüche und seine der Zeit weit vorauseilende transdisziplinäre Orientierung führten jedoch frühzeitig zum Bruch mit der deutschen Ordinarienuniversität und zur Auswanderung in die USA, wo er von 1968 an zunächst an der Pennsylvania State University, seit 1974 bis zu seiner Emeritierung an der Cleveland State University lehrte.

Van der Meulen hat sich ausgezeichnet als der nach Yves Delaporte zweifellos überragende Spezialist für die Kathedrale Notre-Dame Chartres, deren Baugeschichte, im Sinne einer umfassenden geschichtswissenschaftlichen Erforschung, sein Lebensprojekt war. Als er 1984 fünfundfünfzigjährig mit „Chartres : Biographie der Kathedrale“ (zusammen mit Jürgen Hohmeyer) die Summe einer allein schon durch die zugrundeliegende Material- und Quellenkenntnis geradezu schwindelerregenden Forschungsleistung publizierte, war dies bereits ein Vermächtnis an kommende Forschergenerationen. Dass hier auch, sozusagen als Anregung für künftige Forschungen, einige gewagt erscheinende Vermutungen publiziert wurden, hat es freilich Kritikern leichtgemacht, die Gesamtleistung in geradezu fahrlässiger Weise zu verkennen.

In knappen Worten lässt sich die Logik der van der Meulenschen Chartres-Forschungen wie folgt zusammenfassen. Van der Meulen verifizierte und differenzierte Hans Kunzes 1912 publizierte These einer ursprünglichen gotischen Fassadenplanung als Teil eines Gesamtplanes anhand einer immens detaillierten Erfassung sämtlicher evidenten, anderweitig nicht erklärbaren Unregelmäßigkeiten in Grundriss, Aufriss sowie in der Gestaltung der hypertrophen Figurenportale des Querhauses. Der bauarchäologisch orientierte, sachliche Ansatz van der Meulens, gestützt auf eine erschöpfende autoptische Neuvermessung und photographische Detaildokumentation sämtlicher für den Einzelforscher zugänglicher Partien, auf eine in der besten Tradition der érudition locale stehenden vollständigen Kenntnis des immensen Schrifttums sowie auf eine theologisch und liturgiewissenschaftlich fundierte ikonographische Analyse, von einem herausragenden Einzelmonument ausgehend die methodischen Grundlagen der Disziplin zu reformieren, stand nicht nur zur damaligen Zeit in provokantem Gegensatz zur gerade im Marburger Kreis mächtig propagierten Händescheidungsstilgeschichte mit ihren Datierungtraditionen.

Grundlegend und wegweisend war und ist der 1965 im Bulletin de la Société archéologique d’Eure-et-Loir veröffentlichte zweisprachige Artikel „Histoire de la construction de la cathédrale Notre-Dame de Chartres / Die Baugeschichte der Kathedrale Notre-Dame de Chartres“, trotz des Titels nichts anderes als eine Prolegomenacharakter tragende Zusammenfassung der geplanten mehrbändigen „Monographie raisonnée“. Erschienen ist davon „nur“ der erste, eigentlich als Habilitationsschrift bei Konrad Hecht an der TU Braunschweig gedachte Band zur vorromanischen Ostanlage, und dies auch erst nach manchen Peripetien nicht wie geplant in Frankreich bei der Société archéologique d´Eure-et-Loir, sondern mit siebenjähriger Verspätung 1974 bei Gebr. Mann in Berlin, als van der Meulen Europa schon verlassen hatte. Ergebnissen zu einzelnen Themenkomplexen wurden mehr oder weniger zeitgleich in verschiedenen Aufsätzen publiziert. Eigentlich ein kunsthistorischer Paukenschlag war die erstmals 1978 in Francia, der Zeitschrift des seinerzeit von Karl Ferdinand Werner geleiteten Deutschen Historischen Instituts in Paris, publizierte theologisch-ikonographische Beweisführung zur Deutung der nördlichen Tympanonzone des romanischen „Portail royal“ als Weltschöpfungsdarstellung (statt Ascensio). Diese nie widerlegte Argumentation wurde 1981 in Buchform in den USA publiziert.

Eine Gesamtuntersuchung des spannendsten Teils der Kathedrale, des Westbaus mit dem “Portail royal“ wäre gewiss die Krönung der Arbeit van der Meulens gewesen und sicher von unschätzbarer Bedeutung für die Kunstgeschichte. In besonderer Dichte konzentrieren sich nämlich im Westbau von Notre-Dame de Chartres die Problemkreise, die uns van der Meulen vor Augen geführt hat: Ungesichertheit der üblichen Datierungen, im Rahmen der herrschenden kunsthistorischen Einordnung nicht erklärbare Heterogenitäten, fehlendes Bewusstsein für nachträgliche Eingriffe, fehlendes Wissen um die theologisch-liturgischen Gründe für ein evidentes Stückwerk aus Spolien, das seine Konsistenz gerade aus der Materialisierung seiner historischen Kontinuität gewinnt.

In diesem Zusammenhang kann auch nicht genug die deutlich in der Publikation von 1984 ausgesprochene, plausible Hypothese einer Teilrekonstruktion des nördlichen Querhaus-Portalvorbaus und weiterer Teile des nördlichen Querhauses zur Zeit der Renaissance hervorgehoben werden. Dessen ungeachtet geistert z.B. die eher merkwürdige Statue der Sainte Modeste immer noch als gotische Stilikone des 13. Jahrhunderts auch durch die jüngere Literatur. Auch die Frage, ob die noch ikonischere nördliche Querhaus-„Rose“ nicht eher in eine viel spätere Zeit gehört (man denke an von Saint-Eustache in Paris, einen „gotischen“ Bau der Renaissance), bleibt gerechtfertigt.

Solche Fragen sollten die Kunstgeschichte eigentlich elektrisieren. Sie berühren aber auch das Renommé berühmter Kollegen aus derselben Generation. So ist es tragisch, aber vielleicht nicht erstaunlich, dass die Ergebnisse kaum qualifiziert rezipiert worden sind. Stattdessen hat die bauarchäologische Erforschung der Kathedrale von Chartres nach van der Meulen keinen der Aufgabe gewachsenen, auf den erzielten Ergebnissen und den seither verfügbar gewordenen bauarchäologischen Informationen aufbauenden Kunsthistoriker mehr gefunden. Die „Monographie raisonnée“ der Kathedrale von Chartres gibt es heute so wenig wie 1962. (Die umfangreichen Publikationen des australischen Amateurkunsthistorikers John James haben wenigstens die Materialbasis angereichert.) Van der Meulens Einleitung zu der 1989 erschienenen monunentalen Bibliographie „Chartres : Sources and Literary Interpretation – a critical bibliography“ resümiert selbst am besten die wissenschaftsgeschichtliche Problematik. Obwohl seitdem und seit der umfangreichen Dissertation zum Westbau des Verfassers dieser Zeilen natürlich eine nicht unbeträchtliche Menge von Literatur hinzugekommen ist, brachten neben Margot Fasslers liturgiewissenschaftlichen Untersuchungen im Wesentlichen nur die Publikationen von Jürgen Michler zur farbigen Fassung des Inneren sowie einige weitere denkmalpflegerische Analysen weiterführende neue Erkenntnisse.

Dabei ist bezeichnenderweise die Brisanz der von Anne Prache publizierten Ergebnisse zur Dendrochronologie der Zuganker der Langhausseitenschiffe und der von einer kanadischen Équipe unternommenen Analyse zum Steinmaterial des „Portail royal“ offensichtlich noch gar nicht erkannt worden. In der Tat scheint die Dendrochronologie van der Meulens immer mehr verfestigte Hypothese zu stützen, dass der Brand von 1194 keineswegs der Anlass für den vielleicht schon längst im Gang befindlichen gotischen Neubau war, sondern eher der Auslöser für die Beibehaltung des romanischen Westbaus. Und die Heterogenitäten des Steinmaterials des „Portail royal“ lassen sich wohl kaum auf die materiellen Präferenzen einzelner Bildhauer zurückführen, sondern schlicht darauf, dass dieses Portal das herausragendste Beispiel romanischer Spolienintegration in ein konzeptionell geschlossenes Ganzes darstellt. Allein Jochen Staebel hat in den letzten Jahren prinzipiell ähnlich argumentiert (Mitt. d. Ges. für vergl. Kunstforschung 58.2006, 2/3, S.2-14). Jan van der Meulen wusste, dass die Kathedrale selbst seine außergewöhnlichen individuellen Fähigkeiten überstieg und hat seine Materialien und Erkenntnisse im Sinne einer Arbeitsgemeinschaft in freigiebigster und uneigennütziger Weise mit seinen Studenten geteilt. In der vor diesem Hintergrund entstandenen Schriftenreihe mit dem demonstrativ unkunsthistorischen Titel „Kultstätten der gallisch-fränkischen Kirche“ (Verlag Peter D. Lang) sind ganz erstaunliche Schülerarbeiten, hauptsächlich aus der Zeit an der Pennsylvania State University, publiziert worden, wobei der Untersuchungshorizont auf andere Schlüsselbauten erweitert wurde, wie z. B. die Ostanlage von Saint-Denis, ein Thema, das van der Meulen in den achtziger Jahren während seiner Fulbright-Gastprofessur an der Universität Bonn aufgriff, mit dem Ergebnis der 1988 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen Publikation.

Van der Meulens Publikationsliste (siehe auch die Nachweise in www.kubikat.org, nicht vollständig) zeigt, dass er absichtlich im Sinne der Sache auf die vom deutschen geisteswissenschaftlichen Hochschulwesen geschätzte „thematische Breite“ verzichtet hat. Eine frühe und eine späte Publikation widmen sich interessanterweise dem süddeutschen Barock. Doch am wichtigsten war ihm stets das Verständnis der romanischen und der sog. gotischen Architektur auf der Grundlage geschichtswissenschaftlicher, adäquater Kategorien: die Empathie für die in der Kontinuität der Antike stehende, vorneuzeitliche „anthropologische Situation“. Intensiv an den früh verstorbenen Günther Bandmann anknüpfend („Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger“), ist er dessen kongenialer Nachfolger gewesen.

Die Kathedrale Notre-Dame wird seit längerem intensiv konservatorisch behandelt. Das begann mit der Reinigung der Figurenportale und von Teilen der Verglasung. Die jüngst erfolgte partielle Reinigung und Restaurierung der farbigen Fassung erzeugt mit einem Schlag eine völlige Umkehrung des Raumeindrucks. Es ist Zeit, dass die kunsthistorische Mediävistik den Tatsachen ins Auge schaut. Jan van der Meulen hat dazu mehr als die Grundlagen geschaffen. Sein Forschungsmaterial ist vor Jahren, noch bevor ihn die Alzheimerkrankheit in tragischer Weise zum Verstummen brachte, dem Getty Research Institute in Los Angeles übergeben worden.

Reference:
Zur Situation der Chartres-Forschung. Nachruf auf Jan van der Meulen. In: ArtHist.net, Mar 23, 2011 (accessed Feb 23, 2020), <https://arthist.net/archive/1109>.

Contributor: Rüdiger Hoyer, München

Contribution published: Mar 23, 2011

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