Kreativitaet und Kunst (Stuttgart, 1 Apr 11)

Stuttgart, 01.04.2011

Symposium Kreativität und Kunst
1.4.2011 im Kunstmuseum Stuttgart
Kooperation des Kunstmuseum Stuttgart mit der Technischen Universität Berlin

Anlässlich der Ausstellung „Kosmos Rudolf Steiner“ (5.2.-22.5.2011) richtet das Kunstmuseum Stuttgart gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Institut der Technischen Universität Berlin (Forschergruppe „Kulturen des Wahnsinns: Schwellenphänomene der urbanen Moderne“) ein Symposium zum Begriff Kreativität aus. Die Ausstellung besteht aus zwei großen Teilen: In dem ersten Teil wird Rudolf Steiner mit seinen Vorstellungen von Kunst, Gestaltung und Architektur kulturhistorisch in seiner Zeit verortet. In einer zweiten Partie steht die Wirkung Steiners auf zeitgenössische bildende Künstler im Zentrum. Beide Teile verknüpfen sich über einen zentralen Begriff aus Steiners Denkgebäude: Kreativität.

Rudolf Steiner vertrat im Sinne der Romantik die Idee des universalen Schöpfergedankens, der sich für jeden Menschen in der Natur, der Kunst und in einer umfassenden sinnlichen Teilhabe erleben ließe. In einem Dreischritt aus Imagination, Inspiration und Intuition eröffnete sich für ihn eine geistige Wirklichkeit, die über die naturwissenschaftliche Erkenntnis hinausging und eine ganzheitliche Welterfahrung ermöglichte. Diese kreativen Kräfte zu aktivieren und die Sensibilisierung der Sinne durch geistige Schulung zu erlangen, waren Ziele in Steiners Lehre, die seit 1913 in die anthroposophische Bewegung mündete. Sein Kunstbegriff war eng mit der zeitgenössischen Avantgarde verknüpft, indem er die mimetische Naturnachbildung ablehnte und stattdessen das Geistige in der Kunst forderte. Die Malerei Wassily Kandinskys steht bekanntermaßen in engem Zusammenhang mit Steiners Gedankengut.
Auch für die moderne Kunst nach 1960 spielt Rudolf Steiner weiterhin eine wichtige Rolle: Joseph Beuys ganzheitliche Kunstvorstellung und sein Plädoyer, dass jeder Mensch ein Künstler sei, ist ohne Steiner nicht vorstellbar. In der Ausstellung „Kosmos Rudolf Steiner“ werden jedoch auch junge Künstler, wie Katharina Grosse, Olafur Eliasson, Carsten Nicolai, Bernd Ribbeck, Claudia Wieser, Kalin Lindena, Jan Albers und Manuel Graf gezeigt, die sich zwar nicht explizit auf Steiner berufen, sich aber mit den okkulten Tendenzen der Avantgardekunst und mit Steiners Kosmos auseinandersetzen. Anders als für Joseph Beuys ist für sie die Idee des universellen Künstlers nur noch gebrochen denkbar. Damit geht auch einher, dass der Begriff „Kreativität“ in den letzten Jahrzehnten eine grundsätzliche Umwertung über das Künstlerische im engeren Sinne hinaus erfahren hat. Der Begriff wurde gänzlich von der kapitalistischen Konsum- und Arbeitswelt absorbiert. Vor allem Designer, Eventmanager und Marketingexperten haben den Begriff für sich vereinnahmt. In fast jeder Stellenanzeige wird mittlerweile auch Kreativität als „soft skill“ eingefordert und in „Kreativseminaren“ sollen Arbeitnehmer für die neuen Herausforderungen eines globalen, mobilen Arbeitsmarktes fit gemacht werden. Wesentliche Grundzüge des kreativen Menschen sind jedoch vom Künstler entlehnt bzw. entsprechen den tradierten Topoi des Schöpferischen. Der Künstler wird damit zum neuen gesellschaftlichen Rollenideal erhoben, doch kaum ein junger Künstler möchte sich heute als „Kreativer“ bezeichnet wissen. Zentrale Fragen bleiben allerdings erhalten: Ist Kreativität lehr- und lernbar? Gibt es eine spezifisch menschliche Kreativität? Unterscheiden sich Menschen kulturell und psychologisch in der Hervorbringung kreativer Höchstleistungen?
Über Kreativität wird – wie nie zuvor – viel gesprochen, doch innerhalb der Kunsttheorie und -praxis spielt sie keine dezidierte Rolle mehr. Die Muse, die den Künstler küsst, ist offenbar eine überholte historische Vorstellung und dem Bild des Künstlers als Unternehmer und Strategen gewichen.
Seit einiger Zeit wächst hingegen auffällig das Interesse der Kunstszene an sogenannter Outsider Art und dem Phänomen des Kunstdilettanten. Von diesem Bereich versprechen sich sowohl Kunstlaien wie Experten eine unmittelbare Kreativitätserfahrung, die nicht durch akademische Lehre verstellt wurde. Wie bereits die historische Avantgarde der 1920er Jahre entdecken nun Kuratoren, Kritiker und Künstler bildnerische Zeugnisse von Laien wieder. Der neue Dilettantismus erfreut sich als eigene Kunstströmung eines breiten Zuspruchs und wurde natürlich auch vom Kunstmarkt rechtzeitig aufgegriffen.

In dem Symposium „Kreativität und Kunst“ soll die Bedeutung des Begriffs Kreativität in der Zeit von Rudolf Steiner der heutigen Auffassung gegenübergestellt werden. Brüche, Kontinuität und Parallelen sollen in diesen zwei Tagen herausgearbeitet werden. Dabei sind einerseits konkrete Fallbeispiele als auch kunsttheoretische Überlegungen erwünscht.

Programm

09:30
Begrüßung

9:45-10:30
Dr. Simone Schimpf, Kunstmuseum Stuttgart
Vom musengeküssten Genie zum mind-mappenden Querdenker.Eine Einführung zum Verhältnis von Kreativität und Kunst

10:30-11:15
Dr. Julia Voss, FAZ Frankfurt
Eine Kunstgeschichte der Dilettanten

11:15-11:45
Kaffeepause

11:45-12:30
Prof. Dr. Wolfgang Zumdick, Brookes University, Oxford
Alles ist Skulptur. Joseph Beuys’ Kunstbegriff im Licht von Rudolf Steiners Freiheitsphilosophie

12:30-13:15
Prof. Dr. Sabeth Buchmann, Akademie der bildenden Künste, Wien
Subjektiv kreativ? Exemplarische Positionen und Debatten zu Begriff und Topos der Kreativität

13:15-14:45
Mittagspause

14:45-15:30
Prof. Dr. Christoph Wagner, Universität Regensburg
Heilsversprechen der Kunst: Avantgarde versus Esoterik?

15:30-16:15
Prof. Dr. Dieter Mersch, Universität Potsdam
Der kreative Sprung

16:15-16:45
Kaffeepause

16:45-17:30
Prof. Dr. Verena Krieger, Universität für angewandte Kunst, Wien
Kreativität und Widerstand.
Negative Stimulans als Sujet einer „Kunst über das Kunstmachen“

17:30-18:15
Johannes Stüttgen, Düsseldorf
„Kunst ist die Bestimmung des Menschen“. Die Idee der sozialen Plastik bei Joseph Beuys

Teilnahmegebühr 15 € / 10 €. Seminarraum. Begrenzte Teilnehmerzahl
Verbindliche Anmeldung unter 0711 / 216 19 81 oder infokunstmuseum-stuttgart.de

Reference:
CONF: Kreativitaet und Kunst (Stuttgart, 1 Apr 11). In: ArtHist.net, Mar 17, 2011 (accessed Feb 23, 2020), <https://arthist.net/archive/1086>.

Contributor: Ilka Voermann

Contribution published: Mar 17, 2011

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