Im deutschsprachigen Raum haben Coffee Table Books wenig Tradition, häufiger findet man diese aufwendig gestalteten, zumeist großformatigen Bildbände vor allem im Anglo-Amerikanischen, wo sie in öffentlichen Lounge-Bereichen auf Beistelltischen aufliegen, um Gäste zum gelegentlichen Blättern anzuregen. Die Themen drehen sich um Lifestyle, Schöner Wohnen, Landschaftsaufnahmen oder zeitgenössische Architektur, ästhetisch ansprechende Bildbände mit wenig Text. Eine wissenschaftliche Publikation als Coffee Table Book zu bezeichnen, würde wohl bei den Autor:innen Empörung hervorrufen. Nicht beim Herausgeber dieses Buches, dem Mediävisten Andreas Zajic, Leiter des Spezialforschungsbereichs „Managing Maximilian“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der bewusst auf dieses Format setzt, um Forschungsergebnisse einem kulturwissenschaftlich interessierten Lesepublikum näherzubringen. Er möchte damit „nicht im konventionellen Panzer akademischer Gelehrsamkeit“ (6) steckenbleiben. Hierzu wird zwar auf das klassische Medium Buch gesetzt, doch in einer neuen bewundernswerten Aufmachung: der italienische Comiczeichner Giulio Camagni gestaltete das Cover wie eine Graphic Novel und lieferte in altmeisterlicher Manier noch weitere acht Aquarelle, die er nach mittelalterlichen Vorbildern illustrierte. Der Künstler näherte sich bereits 2022 Kaiser Maximilian I. an, als er ihm eine Comicbiografie widmete. Im Buch von Andreas Zajic, eigentlich ein Sammelband mit Forschungsbeiträgen, aquarellierte Camagni sogenannte „Scharnierobjekte“, das sind Schrift- und Bildquellen, die der Strukturierung des Buches dienen, wie im Vorwort in einer Art Gebrauchsanweisung erklärt wird. Wir finden eine Sammlung von Quellen aus Druckgraphik, Buch- und Glasmalerei, Skulptur sowie Tafelmalerei, ein reicher Schatz auch für die kunsthistorische Frühneuzeitforschung. Zu jedem Beitrag wird noch weiterführende Literatur im Anhang zur Vertiefung angeboten.
Leitthema des Buches ist der „L’homme armé“, der gerüstete Mann. Titelgebend war die gleichlautende Chanson von 1460, die in Musik und Messen um 1500 weithin rezipiert wurde. Der Harnisch steht hierbei als Symbol für die Regierungszeit Kaiser Maximilians I. Der Kaiser als Schutzherr und Kämpfer für den rechten Glauben, ein „miles christianus“. Sein ikonisches Bild in Rüstung findet sich daher in allen Medien wieder. Bildhaft erklärt Zajic in seiner Einführung die allesumfassende Bedeutung des Harnisches für den Kaiser, zur Repräsentation und Legitimation seiner Herrschaft in einer Zeit, in der der Krieg als Mittel zur Durchsetzung politischer Interessen heilig war. Von Niccolò Machiavelli, so erfahren wir, könne kein König je ohne Waffengewalt Gerechtigkeit durchsetzen. Ergänzend dazu: Machiavelli befand sich 1507/08 für sechs Monate am Hof Maximilians in Innsbruck und reflektierte dort u.a. über die Eigenwilligkeit der Tiroler.[1] Inwiefern er direkten Kontakt zu Maximilian hatte, ist nicht überliefert. Die Omnipräsenz von Maximilians Konterfei sehen wir, wenn er als einer der Heiligen Drei Könige in einer Anbetungsszene von 1505/08 auftaucht. Das Kaprizieren nachfolgender Generationen bei der Darstellung Kaiser Maximilians in Harnisch, wird im Vergleich zu Darstellungen seines Vaters Friedrich III., im Krönungsornat oder Prunkkleidung, klar. Die Funktionen des Harnischs reichten von politischer Machtdemonstration seines Trägers, über ein ständisches Statussymbol, hin zu Prunk- und Prestigeobjekten und diente für adlige Feldhauptleute als „social markers“.
Etwas außer Acht gelassen werden dabei kostüm- und kleiderkundliche Forschungen.[2] Und überhaupt, so Zajic, galt der Harnisch als eine Männlichkeitskonstruktion, gleichwohl es auch gerüstete Frauen gab, die als weibliche Kriegerinnen in den Kampf zogen, wie es etwa Johanna von Orléans oder die Hl. Maria mit Harnisch vom Albrechtsaltar in Stift Klosterneuburg von 1435/40 zeigen. Die geharnischte Maria, als Schützerin und Kämpferin im Kriegsgeschehen und im Turnierkampf war im Spätmittelalter als Thema präsent, vor allem im Bereich der Musik, wie die Musikwissenschaftlerin Birgit Lodes berichtet. In Gebeten, Liedern, Motteten findet sich das Motiv des Harnischs und die Aufführung von L’hommé armé-Messen im Umfeld Kaiser Maximilians unterstrich seine Inszenierung als erfolgreicher Feldherr und mächtiger Streiter für den rechten Glauben. Die Verbindung von Christus- und Herrscherlob sehen wir in einem von Albrecht Altdorfer entworfenen Holzschnitt aus dem Triumphzug Kaiser Maximilians von 1516. Darauf die „Musica Canterey“, der Wagen mit den Chorknaben, Sängern und Bläsern der Hofkapelle, die wohl das Kyrie einer L’homme armé-Messe anstimmen. Der Hofkomponist Heinrich Isaac befindet sich auf dem Wagen, ebenso wie Georg Slatkonia, der erste Bischof von Wien, mit deren Porträts sich der Kunsthistoriker Erwin Pokorny beschäftigt. Pokorny widmet sich den porträtierten Zeitgenossen im Triumphzug und lenkt den Blick auf interessante Details, wie Explosionszeichnungen bei der Darstellung des Scheibenrennens, oder den Antrieb eines Wagens mittels Kurbeln und Zahnrädern sowie auf ein Porträt von Albrecht Dürer, der als nackter brasilianischer Ureinwohner gezeigt wird und damit einen witzigen Kontrast zu den gepanzerten Männern Europas bildet. Von der geharnischten Verwaltung lesen wir bei den Historiker:nnen Iris Palenik, Ronald Kurt Salzer und Andrea Singh Bottanova. Sie werteten Korrespondenzen aus, aus denen u.a. hervorging, dass „Geschenkharnische“ mit Boten quer durch Europa versandt wurden und Maximilians „Männer der Feder“ (92), wie Verwaltungsbeamte genannt wurden, nicht nur am Schreibtisch mit dem Mühen der Bürokratie kämpften, sondern auch im Schlachtfeld – natürlich mit für sie eigens angefertigten Harnischen. Und einer der eifrigsten Hofkanzler, Zyprian von Serntein (um 1457-1524) war im seinem Umgangston mit Frauen, im Speziellen mit der Hofdame Barbara von Wolkenstein, geb. von Thun (1483-1509) wenig charmant – seinen übergriffigen Ton würden wir heute wohl sexistisch nennen. Doch was heute befremdet, war damals ein durchaus üblicher Umgangston zwischen Adeligen, wie wir von Christina Lutter, Historikerin mit Spezialgebiet Geschlechtergeschichte, erfahren. Denn die Briefadressatin Barbara von Wolkenstein wusste sich durchaus zu wehren und die Trennung zwischen den Geschlechtern war, bei näherer Betrachtung nicht so hermetisch wie einst angenommen. So gab es für das „Frauenzimmer“ bei Hof zwar offiziell strenge Auflagen, in der Praxis sah es anders aus: drei Mal in der Woche durfte getanzt werden und es galt als Anbahnungsraum für den Heiratsmarkt. Die Männer putzten sich dazu in Rüstungen oder mit Rüstungsteilen modisch heraus, um damit ihre ritterlichen Tugenden hervorzukehren. Bei Mummereien gab es Maskeraden, jedoch nur für die Männer, die in Frauenkleider schlüpfen durften. Frauen wiederum durften bei der Jagd ihren Mann stehen, doch war ihnen im Gegensatz zu den Männern das Tragen von Rüstungen dabei nicht erlaubt.
Frauen begegnen uns in der Zeit Maximilians als erste Kritikerinnen des männlichen Strebens nach militärischem Ruhm, wie es bei Christine de Pizans „Livre des faits d’armes“ nachzulesen ist. Kämpferisch gaben sie sich im Sinne des Kreuzzugsgedankens der „militia christi“, ein Ideal das geistliche und weltliche Tugenden verband und damit Geschlechtergrenzen – zumindest ideell - überwand. Und die Aneignung von männlicher Bekleidung war den Frauen wohl nur in Form des „niederklaids“ vorbehalten, den Unterhosen, die die assyrische Herrscherin Semiramis ihren Dienerinnen vorschrieb, aus Sorge, sie würden sonst ihren Geliebten und Sohn verführen. Semiramis war wiederum der Name einer Kanone, einer Scharfmetze, die damals modernste Feuerwaffe, wie wir aus dem waffenkundlichen Beitrag von Alexandra Burger und Rahul Kulka erfahren. Der Brauch, Geschützen antike Frauennamen zu geben, lässt sich an den prachtvoll illustrierten Zeugbüchern des Kaisers ablesen. Anhand einer eindrucksvollen Philostrat-Handschrift aus den 1480er Jahren, in der König Matthias Corvinus als Jüngling in Harnisch mit antiken Helden verglichen wird, wird das Zusammenspiel von Text und Bild zur gelungenen Engführung von Antike mit der spätmittelalterlichen Gegenwart. Die antiken Reminiszenzen macht die Handschrift zu einem der schönsten Herrscherlobe der Renaissance.
Die klassischen Philologen Elisabeth Klecker, Lukas Ebert und Alex Seidl untersuchten lateinische Texte, die für und über Maximilian I. geschrieben wurden. Die Epik ist das für Waffentaten vorgesehene literarische Genus und zu den Elementen eines Epos zählt auch die Beschreibung von Rüstungsteilen. In der „Aeneis“ sind die vom Schmiedegott Vulkan hergestellten Waffen und Schilde genau beschrieben und in der „Ilias“ ist erstmals der Aufbau eines Schildes angeführt: es besteht aus sieben Lagen Rindsleder mit einer achten Lage aus Bronze.
Maximilians Kreuzzugspläne im Lichte seiner Propaganda werden von den Germanistinnen Sophie Schröcksnadel und Hannah Wunstinger untersucht. Dass dabei das Bild vom gerüsteten Mann zentral ist, erklärt sich von selbst. Die Propaganda in Text und im Bild dient immer der Selbstinszenierung des Kaisers, als vermeintlichen Herrscher über die Christenheit. In dieser Form wurden wohl verletzte Gefühle, wie die verwehrte Kaiserkrönung durch den Papst in Rom kompensiert. Seine Ideen der Aufrüstung, Kaiserkrönung und des Kreuzzuges wurden in Büchern für ein lesekundiges und adeliges Publikum („Theuerdank“) gezielt auch über billige Flugschriften einer breiten Bevölkerung zugänglich gemacht. Dem bildungsfernen Publikum wurden die Texte in Form von Liedern im Wirtshaus oder bei Festen vorgesungen. Dabei wurde nicht nur der Kaiser gerühmt, sondern zugleich der Feind diffamiert – die Schweizer, seien gar schlimmer als die Türken. Teilweise in Deutsch und Latein verfasst, erreichte diese Propaganda auch Adressaten außerhalb des Reiches. Flugschriften die „social media“ der Frühen Neuzeit!
Die Bedeutung neuer Disziplinen für die Erforschung der Vergangenheit, wird aus dem letzten Beitrag ersichtlich. Vertreter:innen aus den Digital Humanities befassten sich mit den komplexen Netzwerken rund um Maximilians I. Hof. Nur im Rahmen von und über soziale Verbindungen konnte Maximilians Propaganda wirksam werden. Ein Netzwerk das eng verbunden war, die Metapher eines gewirkten Kettenhemdes ist dafür wohl etwas hochgegriffen. Zumal es Akteure gab, die Informationen zur Legitimierung von Maximilians Herrschaftsansprüchen nicht immer in Fluss gehalten haben mögen, wie die Vertreter der Reichsstände, die sich bei den Reichsversammlungen gegen die militärischen und zum Teil überzogenen Vorhaben des Kaisers stellten.[3] Dennoch, des Kaisers Netzwerk sorgte dafür, dass das Narrativ des „miles christianus“ weite Verbreitung fand – Stichwort Schneeballeffekt. Am Beispiel des Humanisten Sebastian Brant, der quasi den kaiserlichen Newsletter bediente, wird dies aufgezeigt.
Das Buch liefert einen mutigen und innovativen Beitrag zur Erforschung der Maximilianischen Ära, abseits der Heldengeschichtsschreibung. Sehr begrüßenswert, in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz den Geisteswissenschaften immer mehr den Rang abläuft. Um junge Menschen anzusprechen braucht es neue Wege der Vermittlung. Vorbildlich gelingt hier der Spagat zwischen anspruchsvoller Forschung und verständlicher Wissensvermittlung, die nicht ins Populärwissenschaftliche abdriftet. Hervorzuheben ist noch die englische Übersetzung von Grantley McDonald, damit dieses Coffee Table Book mit wissenschaftlichem Anspruch auch eine englischsprachige Leserschaft erreicht.
[1] Iris Kathan/Christiane Oberthanner, Innsbruck: ein literarischer Stadtführer, Wien 2009, S. 56.
[2] Vgl. Christopher Retsch, Sprechendes Metall? Die Rüstung als Objekt und Bedeutungsträger in Gesellschaft und Kunst des Spätmittelalters, Bamberg 2022 https://fis.uni-bamberg.de/entities/publication/b967b60c-8748-4d83-abcb-f759ef3e4495. Ergänzend vgl. „Waffen- und Kostümkunde. Zeitschrift für Waffen- und Kleidungsgeschichte“. Ikonologische Einführung bei Philipp Zitzlsperger, Lemma „Rüstung“, in: compendium heroicum. Ronald G. Asch, u.a. (Hg.): Helden – Heroisierungen – Heroismen, Freiburg i. Pr. 2021 https://www.compendium-heroicum.de/lemma/ruestung/.
[3] Vgl. Reinhard Seyboth, Reichsreform und Reichstag unter Maximilian I., in: Johannes Helmrath/Ursula Kocher/Andrea Sieber (Hg.), Maximilians Welt, Göttingen 2018, S. 227-258.
Andreas Zajic (Hrsg.): L’Homme Armé. Bilder vom gerüsteten Mann zur Zeit Maximilian I. = Images of Men in Armour at the Time of Maximilian I, Wien: bahoe books 2026
ISBN-13: 978-3-903478-60-2, 199 S., 39,00 EUR
Recommended Citation:
Ursula Marinelli: [Review of:] Andreas Zajic (Hrsg.): L’Homme Armé. Bilder vom gerüsteten Mann zur Zeit Maximilian I. = Images of Men in Armour at the Time of Maximilian I, Wien 2026. In: ArtHist.net, Oct 1, 2026 (accessed Oct 1, 2026), <https://arthist.net/reviews/54494>.
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