REV-CONF Feb 16, 2026

Didaktik und Augenlust – die Biblia pauperum-Handschriften in Gotha und Jena

Forschungsbibliothek Gotha, Schloss Friedenstein, Sep 29–Oct 1, 2025

Report by Monika Müller, Forschungsbibliothek Gotha
Joachim Ott, ThULB Jena
Christoph Fasbender, TU Chemnitz
Editor: Livia Cárdenas

Tagungsbericht der Veranstalter:in

Im Zentrum der interdisziplinären Tagung zur Biblia pauperum standen zwei Armenbibel-Handschriften des deutschen erzählenden Typs aus der Forschungsbibliothek Gotha (Memb. I 54; dat. 1464) und der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (Ms. El. f. 51b; dat. 1462).[1] Sie gehören zu einer Familie von über 80 erhaltenen Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts mit typologisch strukturiertem, meist reich illustriertem Text. In beiden Handschriften ist mit dem Kolophon des Karpfhamer Kaplans Wolfgang Wulfinger ein historischer Name überliefert, der jedoch nur in der Jenaer Handschrift eindeutig als Schreiber erscheint.

Die Forschung zu diesem Handschriftentyp reicht weit zurück und erreichte mit Henrick Cornells Corpus von 1925 einen Höhepunkt. Sie behandelte Fragen der Namensgebung, Funktion, Entstehung, Überlieferung und stemmatologischen Abhängigkeit, seit dem Hamburger DFG-Projekt (2011–2015) verstärkt auch des Layouts und kodikologischen Kontexts. Systematische sprach-, textwissenschaftliche oder paläographische Untersuchungen blieben jedoch aus, Veränderungen des Layoutschemas wurden lange als „Zerfallserscheinung“ gedeutet. Vor allem waren aber die beiden Tagungshandschriften bislang – abgesehen von umsichtigen Katalogbeiträgen – nur am Rande berücksichtigt worden. Eine umfassende interdisziplinäre Analyse der häufig als Schwesterhandschriften verstandenen, tatsächlich aber in Bild und Schrift deutlich differierenden Armenbibeln fehlte.

Zunächst führte Joachim Ott (Jena) in die Besitzgeschichte der Jenaer Armenbibel ein. Über die in den letzten Jahren erschlossenen Urkunden zu Wolfgang Wulfinger hinaus konnte er den in der Handschrift dokumentierten Auftraggeber Lienhart Smacz sowie die nachfolgenden Besitzer Wolfgang Goder und Lucas vom Thaim genauer fassen. Ott zufolge könnte der Kodex ursprünglich als Geschenk für Friedrich den Weisen gedacht gewesen und so nach Wittenberg gelangt sein, um nach dem Schmalkaldischen Krieg 1547 nach Weimar und 1549 nach Jena überführt zu werden.

Monika Müller (Gotha) untersuchte die Funktion und das Deutungsspektrum des Kolophons in der Gothaer Armenbibel. Auf der Grundlage einer philologischen Wortfeldanalyse interpretierte sie den Eintrag als Hinweis auf Wulfinger als Auftraggeber und Käufer. Eine systematische Erweiterung der Materialbasis ist in Vorbereitung. Zudem rekonstruierte sie dessen Wirkungsstätte als Inhaber mehrerer Pfründen in der niederbayerischen Wallfahrtskirche Karpfham sowie die weiteren Besitzer des Kodex. Dieser könnte während des Dreißigjährigen Krieges durch den bibelinteressierten Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg nach Gotha gelangt sein.

Auf der Grundlage einer umfassenden Analyse der Schreiberhände und -gewohnheiten in beiden Tagungshandschriften sprach sich Martin Wagendorfer (München) für eine Herstellung der Handschriften durch zwei verschiedene Schreiber aus. Hinsichtlich des Kolophons der Gothaer Handschrift, das für die Entscheidung über die Frage der Identität der Schreiberhände wichtig ist, hielt er wegen seiner Knappheit eine Entscheidung hingegen für nicht möglich.

Wolfang Augustyn (ehem. München) behandelte im Abendvortrag die Bedingungen zuverlässiger Überlieferung und Abbildfunktion bei Original und Kopie – nicht nur in der umfangreichen Familie der Armenbibeln, sondern auch bei anderen früh- und hochmittelalterlichen Handschriftfamilien wie den Rechtssammlungen des Decretum Gratiani, den astronomischen Handschriften des Arat oder des Physiologus. Im Zentrum stand die Frage, welche Faktoren bei der Kopie, also bei unveränderter Übernahme oder Modifikation der Vorlage, eine Rolle spielten.

Die Schreibsprache der Tagungshandschriften ordnete Wolfgang Beck (Jena) dem nördlichen mittleren Ostoberdeutschen des 15. Jahrhunderts und die Varianten in den Kontext des beweglichen Schreibsystems dieser Zeit ein. Die nahezu identische sprachliche Grundschicht beider Handschriften erklärte er durch ihre gemeinsame Vorlage, während minimale Divergenzen den Befund zweier Schreiberhände stützen. Das Versuchsblatt zu Beginn der Gothaer Handschrift zeige ältere Formen, die im Haupttext fehlen.

Christoph Fasbender (Chemnitz) untersuchte die stemmatologischen Abhängigkeiten des Textes der Tagungshandschriften innerhalb der Untergruppe des deutschsprachigen erzählenden Typus B. Auch er konnte zeigen, dass Jena und Gotha keine direkten Abschriften voneinander sind, sondern auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen. Hinsichtlich der Qualität zeuge der Text nicht von produktiven Ambitionen, sondern vom ausgeprägten Beharrungswillen professioneller Kopisten.

Die bislang weitgehend unbeachtete Literarizität der Texte fokussierte Malena Ratzke (Jena), indem sie den deutschen erzählenden Typus B in seine strukturellen Eigenheiten einordnete und seine starke Rezeptionsorientierung aufzeigte. Nur in dieser Unterfamilie haben drei Textkomponenten die Funktion der Erzählung und Deutung sowie des Gebets. Die häufigen, teils mehrzeiligen Gebetsformeln markieren ihr zufolge eine rezipientenorientierte Frömmigkeit. Metatextuelle Leserlenkung gebe den Rezipierenden Hilfestellung zum Textverständnis und antizipiere mögliche Verständnisprobleme.

Hanna Wimmer (Hamburg) analysierte die visuelle Organisation und Narration in den Biblia pauperum-Handschriften des deutschen erzählenden Typs in Abhängigkeit von Entstehungsbedingungen und Layouttypen. Jena und Gotha sind die jüngsten Vertreter des älteren Layoutschemas. Die Verschiebung weg von zwei Bildgruppen hin zu einer größeren, erzählstrukturierenden Bildgruppe pro Seite markiere eine Neuinterpretation des Typus, bei der die Bilder gegenüber dem Text zurücktreten, die narrative Funktion des Textes hingegen deutlicher werde.

Robert Fuchs und Doris Oltrogge (ehem. Köln) präsentierten die Ergebnisse ihrer bereits vor der Tagung durchgeführten maltechnischen Analyse. In beiden Tagungshandschriften wurden identische, typische Pigmente und Bindemittel des 15. Jahrhunderts verwendet. Charakteristisch für die Gothaer Handschrift sei ein strukturierter, konsistenter Herstellungsprozess mit ursprünglich 41 Bildseiten auf Metallstiftunterzeichnung und stilistischer Homogenität. Im Kontrast dazu sei die Jenaer Handschrift in einem komplexeren Werkprozess mit Polimentvergoldung, Eisengallus-Unterzeichnung und einem Mischtypus aus kolorierter Zeichnung und deckender Malerei entstanden, der einen höheren Ausstattungsanspruch dokumentiere. Die Befunde sprächen für eine Herstellung in derselben Werkstatt, jedoch durch unterschiedliche Teams und künstlerische Praktiken – letztlich auch ein Hinweis auf abweichende Ansprüche der Auftraggeber.

Berthold Kreß (Augsburg) rekonstruierte die ikonographischen Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der relevanten Gruppen (Benediktbeuren, Metten, Tegernsee). Jena und Gotha schließen ihm zufolge klar an die Unterfamilie Metten an und stammen von einer gemeinsamen Vorlage ab, ohne direkt voneinander kopiert worden zu sein. Neuere ikonographische Entwicklungen im deutschen erzählenden Typus – etwa Beschneidungsszenen, Brotvermehrung und der szenisch angereicherte Passionszyklus – verdeutlichten die Erweiterungen gegenüber älteren Traditionen.

Pia Rudolph (München) stellte erstmals eine stilanalytische Untersuchung der Gothaer und Jenaer Handschrift und ihres retrospektiven Stils vor. Sie konnte Parallelen bei Ornament, Figurenstil, Kolorit und Fleuronné der Initialen mit der Buchmalerei Böhmens und Passaus aufzeigen. Überzeugende Analogien beschrieb sie zwischen den Tagungshandschriften und mehreren Handschriften einer in Passau zwischen 1436 und 1465 aktiven Werkstatt, die u. a. für den Passauer Bischof Leonhard von Laiming (gest. 1451) tätig war. Damit schlug sie eine plausible Lokalisierung vor.

Peter Unterburger (München) verortete die zunehmende Verbreitung von Voll- und Teilbibeln im Spätmittelalter in einem grundlegenden Wandel von Frömmigkeit und Literalität. Seit dem IV. Laterankonzil (1215) intensivierten sich Predigt und Seelsorge, insbesondere durch die Bettelorden, zugleich wuchs die Kritik an rein gelehrter Theologie. Reformansätze, etwa bei Jean Gerson, forderten eine auf das Heil ausgerichtete, praktisch nutzbare Theologie sowie seelsorgerliche Handbücher und Bibelhilfen. Die in den Armenbibeln in Auswahl präsentierten Bibeltexte, kombiniert mit christozentrierten Bildern, dienten Meditation, Affektlenkung und der Ordnung religiösen Wissens.

Sibylle Dettmann (Zürich) untersuchte die typologischen Bildserien zu Abendmahl und Judas in der mittelalterlichen Kunst sowie die Funktion der Biblia pauperum als Bildreservoir für die Monumentalkunst. Besonders das Judas-Thema sei nicht nur in der Bibel, in Apokryphen und Legenden zu finden, sondern auch in Kleinkunst und Passionsspielen umgesetzt worden. In den Tagungshandschriften akzentuierten die durch mehrfach illustrierte Verratsszene und Galgenmotiv zu einem Judaszyklus erweiterten Darstellungen nicht nur den Suizid des Judas, sondern auch die Strafe und Gerichtsbedeutung des Themas.

Die Tagung zeigte das Erkenntnispotenzial einer konsequent interdisziplinären Annäherung an die Biblia pauperum-Handschriften von Gotha und Jena. Übereinstimmend belegten die Beiträge, dass beide Handschriften auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen, jedoch weder direkt voneinander abhängig sind noch als homogene „Schwesterhandschriften“ gelten können. Differenzierte Herstellungsprozesse, unterschiedliche Schreiberhände und variierende Ausstattungsansprüche wurden durch die Beiträge deutlich. Die Ergebnisse zu Provenienz, Lokalisierung im Umfeld einer Passauer Werkstatt und zur Einbindung in spezifische ikonographische und textuelle Traditionslinien erlauben eine präzisere Einordnung der Kodizes im kulturellen Kontext des 15. Jahrhunderts als zuvor. Die Ergebnisse sollen zeitnah publiziert werden. Die Tagung wurde durch die Fritz Thyssen Stiftung und den Freundeskreis der Forschungsbibliothek Gotha finanziert.

[1] Konzeption und Organisation: PD Dr. Monika Müller (FB Gotha), Dr. Joachim Ott (ThULB Jena), Prof. Dr. Christoph Fasbender (TU Chemnitz).

Recommended Citation:
Monika Müller, Joachim Ott, ThULB Jena, Christoph Fasbender, TU Chemnitz: [Conference Report of:] Didaktik und Augenlust – die Biblia pauperum-Handschriften in Gotha und Jena (Forschungsbibliothek Gotha, Schloss Friedenstein, Sep 29–Oct 1, 2025). In: ArtHist.net, Feb 16, 2026 (accessed Feb 17, 2026), <https://arthist.net/reviews/51778>.

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