CFP Nov 5, 2026

Expressionismus 26/2027: Natur

Deadline: Jan 10, 2027

Kristin Eichhorn

Herausgegeben von Kristin Eichhorn, Johannes S. Lorenzen und Stephanie Bremerich.

Der Expressionismus gilt als eine der Großstadt in besonderem Maße verpflichtete Strömung, und zwar sowohl hinsichtlich seiner Themen (Industrialisierung, Vermassung, Reizüberflutung, Technisierung) als auch hinsichtlich seiner soziokulturellen Verortung im urbanen Raum. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass expressionistische Künstlerinnen und Autorinnen sich intensiv mit der Natur auseinandergesetzt haben – sei es im symbolischen Rückgriff auf bestimmte Naturmotive oder -räume (Landschaft, Meer, Wald, Park, Blumen, Bäume), sei es in der Auseinandersetzung mit der stofflich-materiellen Dimension der Natur und ihren Elementen (Feuer, Wasser, Erde, Luft) oder sei es in der künstlerischen und literarischen Bezugnahme auf raumzeitliche Organisationsprinzipien wie den Rhythmus der Jahreszeiten oder den Wechsel von Tag und Nacht, Ebbe und Flut.
Die Bandbreite an expressionistischen Naturdarstellungen ist groß und überaus divers: Sie umfasst sowohl expressive Evokationen von apokalyptischen, wilden, exotisierten und archaischen Naturräumen als auch sublimierte Darstellungen einer melancholischen und vergeistigten, mitunter neuromantisch anmutenden Natur. Mit dem Fokus auf ‚Natur‘ steht das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt im Expressionismus ebenso zur Diskussion wie Fragen nach der Welt hinter den natürlichen Erscheinungen und der geistigen und natürlichen (kreatürlichen, organischen, materialen) Bedingtheit des menschlichen Subjekts.
Expressionistische Naturdarstellungen gehen auf unterschiedliche Weisen diesen Fragen nach, die zugleich Befragungen der künstlerischen und literarischen Zeichen sind. So drücken die Ablösung von der mimetischen Darstellung sowie die Autonomisierung von Farbe, Linie und Form in expressionistischen Landschaftsgemälden von Künstler*innen der Brücke und des Blauen Reiter gleichermaßen eine Abwendung vom Naturalismus wie eine Hinwendung zum „Nichtnaturellen, Abstrakten und zu innerer Natur“ aus, wie es Wassily Kandinsky in seiner Schrift Über das Geistige in der Kunst formulierte. Ähnliches lässt sich für die expressionistische Literatur behaupten. Auch hier wird Natur ‚entselbstverständlicht‘, wobei das Spektrum von vorgeblich romantischen, zugleich dissoziativen Landschaftsdarstellungen (etwa im Werk Georg Trakls oder Henriette Hardenbergs) über vitalistisch, mitunter auch biologistisch informierte Auseinandersetzungen mit dem Organischen, Triebhaften und Regressiven (etwa Gottfried Benns Gesänge) bis zu pathografischen Naturdarstellungen reicht (etwa in Alfred Döblins Ermordung einer Butterblume, El Hors Die Närrin oder Kasimir Edschmids Der tödliche Mai).
Es lohnt sich zu untersuchen, welcher Art die expressionistische Bezugnahme auf die Natur jeweils ist (figurativ, metaphorisch, symbolisch, allegorisch), wie sich diese Bezugnahme in Poetik und Ästhetik des Expressionismus einfügt, wie Naturdarstellung und Form zusammenhängen und welche Schnittstellen sich dabei zu epistemischen und diskursiven Kontexten (etwa Vitalismus, ‚Primitivismus‘ oder Lebensreform) ergeben. Welche Funktion erfüllt die Natur im Rahmen der radikalen Befragung und Infragestellung des Menschen – als Gesellschafts- oder Triebwesen, als schöpferisches, wahrnehmendes und erkennendes Subjekt? Wie wird Natur im Expressionismus adressiert, wo fungiert sie als Bezugsraum einer verstörten Subjektdisposition und wo tritt sie darüber hinaus als eigenständige corporeality in Erscheinung? Nicht zuletzt war Natur auch lebensweltlich ein wichtiger Bezugspunkt für expressionistische Bewegungszusammenhänge, wie sich an der Bedeutung des Oldenburger Landes für die Brücke und der oberbayrischen Voralpen bei Murnau für den Blauen Reiter oder am Stellenwert subkultureller Kommunen wie auf dem Monte Verità in Ascona zeigt. Zu fragen ist somit auch, welche Rolle der Natur in kunst- und literatursoziologischer Hinsicht zukommt.

Abstracts zu diesen oder anderen thematisch einschlägigen Aspekten von nicht mehr als 2.000 Zeichen senden Sie bitte bis zum 10. Januar 2027 an eichhornneofelis-verlag.de, lorenzenneofelis-verlag.de und stephanie.bremerichuni-leipzig.de. Zudem werden unabhängig vom Thema des Hefts auch immer Vorschläge für Rezensionen oder Diskussionsbeiträge zu aktuellen Forschungsdebatten entgegengenommen, die Phänomene der aktuellen Expressionismus-Rezeption vorstellen und besprechen. Die fertigen Beiträge sollten einen Umfang von 20.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Fußnoten) nicht überschreiten und sind bis zum 1. Juli 2027 einzureichen.

Leider ist keine Vergütung der Beiträge möglich.

Reference:
CFP: Expressionismus 26/2027: Natur. In: ArtHist.net, Nov 5, 2026 (accessed Nov 6, 2026), <https://arthist.net/archive/54825>.

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