Weißenhof-Symposium 2026: "99 Jahre Weißenhof – Moderne und kein Ende?".
Montag, 30.11.2026, 10–18 Uhr.
Vortragssaal Neubau 2, Am Weißenhof 1, 70191 Stuttgart.
Programm:
10:00 Begrüßung Rektorin Prof. Dr. Eva Maria Seng, ABK Stuttgart
10:15 Begrüßung Prof. Dr. Ole W. Fischer, ABK Stuttgart
10:30 Dr. Linda Marie Kirschey, Staatsgalerie Stuttgart: „Das Erbe moderner Meister:innen und wo es zu finden ist – Eine kritische Rezeption der Bauhaus-Pädagogik und ihre Aktualität am Beispiel von Adolf Hölzel, Ida Kerkovius und Oskar Schlemmer“
11:15 Dr. Márton Orosz, Vasarely Museum Budapest: „Perzeptiver Stadtraum: György Kepes und das Konzept der »Imageability«“
12:00 Dr. Katharina Stolz, Mainz/Stuttgart: „Suche nach der Wahrheit der Architektur“
14:00 Prof. Dr. Nils Büttner, ABK Stuttgart: „Wohnen im Schneck-Haus: ein Selbstversuch“
14:45 Henriette Lutz, Sandra König, Ulrike Schröer, Zürich: „Male Construction – Female Use: Die Moderne aus weiblicher Perspektive am Beispiel der Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich“
16:00 Prof. Dr. Carsten Ruhl, Goethe Universität Frankfurt: „Hausgerippe, Spiegelhaftigkeit oder gar gläserner Spuk? Die Frankfurter Schule und die Geister der Moderne“
16:45 Prof. Dr. Lutz Robbers, Jade Hochschule, Oldenburg: „Moderne/Geschichte als »Vorraum«: Siegfried Kracauer berichtet von der Werkbundausstellung“
17:30 Konklusion/Panel
Organisiert vom Weißenhof-Institut der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Prof. Dr. Ole W. Fischer (Leiter), Prof. Dr. Daniel Martin Feige (Co-Leiter) und Dipl. Ing. Karin Schulte (Akademische Mitarbeiterin). Mit freundlicher Unterstützung der ABK Stuttgart, dem Liszt Institut Ungarisches Kulturzentrum Stuttgart und der Wüstenrot Stiftung.
2027 jährt sich die Ausstellung „Die neue Wohnung“ und die Werkbundsiedlung „Am Weißenhof“ in Stuttgart zum 100. Mal. Während das Jubiläum seinen Schatten vorauswirft, fragt das Weißenhof-Symposium, inwieweit der von Walter Curt Behrendt verkündete „Sieg des neuen Baustils“ (1927) heute noch Relevanz für die Lehre und die kreative Praxis in Design und Architektur besitzt?
Auch wenn die bautechnischen Experimente in der Siedlung heute ebenso kritisch gesehen werden wie die Ausrichtung des „Neuen Wohnens“ auf ein zahlungskräftiges, gebildetes bürgerliches Publikum, an Stelle des „Existenzminimums“, und auch wenn einzelne „Meister“ als pathologische Figuren problematisiert wurden, so scheint die Identifikation der Gestalter:innen mit der „klassischen Moderne“ weiterhin ungebrochen. Auch erlernen Studienanfänger:innen in Design und Architektur weiterhin Grundlagen, die auf moderne Vorbilder von De Stijl, Bauhaus und L‘architecture moderne aufbauen, und werden einer Sehschule unterzogen, die eine Kenntnis moderner Referenzen für die eigene künstlerische Arbeit voraussetzt – und zum Distinktionsmerkmal aufwertet.
Trotz aller Polemiken der Post-Moderne gegen die nackten „weißen Kisten“ und abstrakte Kunst, gegen CIAM und Futura, gegen Stahlrohrmöbel und gegen den paternalistisch-elitären Ton der „Guten Form“ bleibt die Moderne weiterhin fester Orientierungsanker der heutigen Kunst und Gestaltung. „Ist die Moderne unsere Antike?“, fragten vor fast 20 Jahren die Kuratoren der documenta 12, um die universelle Gültigkeit eines zeitlosen Kanons moderner Meisterwerke anzuzweifeln. Ebenso präsentierte 2014 Rem Koolhaas als Kurator der Hauptausstellung der Biennale di Venezia die Moderne als anonym-technische Entwicklung der Elemente und Materialien, entgegen der tradierten Heldengeschichte der modernen Vaterfiguren (und ganz selten Mütter). Und auch das große Bauhaus-Jubiläum von 2019 – gefeiert von einer zentralen Sonderausstellung und ergänzt durch einen Marathon an Tagungen, Ausstellungen und Publikationen – versuchte einerseits das Phänomen „Moderne“ zu multiplizieren, zu internationalisieren und zu dekolonialisieren, und unterstrich andererseits die andauernde Wirkmächtigkeit der Moderne.
Diese Tagung möchte sich diesen kontroversen Fragen stellen: inwieweit kann die „klassische Moderne“ noch als Orientierungspunkt für Design und Architektur dienen? Wie stehen wir heute zu den „Meistern“ der Moderne – nahezu ausschließlich privilegierte europäisch-nordamerikanische Männer? Wo wären alternative Vorbilder zu suchen, die für eine diversere, pluralistische, vielstimmigere Lehre und Praxis taugen? Inwieweit lässt sich diese Frage selbst ohne Rückgriff auf die Moderne beantworten oder ist auf diese angewiesen? Wie soll man auf die Verstrickung der Industriemoderne mit fossilen Energieträgern schauen, auf die modernen Materialien Stahl, Beton, Glas, Aluminium und Kunststoffe, betrieben von kohle-, gas- und stromfressenden Prozessen, und auf den Kult um das Automobil? Wie sind die Grundbegriffe der Moderne in architektonischer und gestalterischer Praxis ebenso wie in der Theorie heute zu bewerten – was wird aus Rationalismus, Funktionalismus, Serienfertigung, Taylorismus und dem damit einhergehenden Universalismus, die zu Wegwerfkultur, anonymen Märkten und Städten, homogener Ästhetik, und zu verlängerten neo-kolonialen Werkbänken beigetragen haben? Und inwieweit wäre ein anderer Universalismus aus dem Geist der Moderne denkbar, der sich kritisch-selbstreflexiv zu diesen Entwicklungen verhält?
Ausgehend vom bevorstehenden Jubiläum der Weißenhof-Siedlung in unmittelbarer Nähe zur Akademie wird dieses Symposium einen kritischen Blick auf die anhaltende Faszination der Moderne werfen, um die Bühne zu bieten für eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Erbe der Moderne und mithin für andere Blickweisen für eine Gestaltung des 21. Jahrhunderts.
Dieses Symposium bildet den Auftakt zur interdisziplinären Projektwoche an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, während der Studierende und Lehrende über Fächergrenzen hinweg offene Formate und Workshops anbieten. Zugleich bildet es den Auftakt für das Jubiläumsjahr 2027, in dem sich die Gründung des deutschen Werkbundes zum 120. Mal jährt, die Weißenhof-Siedlung ihren hundertsten Geburtstag feiert und die iba Stuttgart ihren 10-jährigen Abschlussbericht liefern wird.
Reference:
CONF: 99 Jahre Weißenhof – Moderne und kein Ende? (Stuttgart, 30 Nov 26). In: ArtHist.net, Nov 4, 2026 (accessed Nov 4, 2026), <https://arthist.net/archive/54821>.