Revolution and Canon: International Classicisms around 1800.
In einer Zeit fundamentaler sozialer und politischer Umbrüche, als die emanzipatorischen Bestrebungen der Revolutionen in den Vereinigten Staaten Amerikas und Frankreich internationale Auswirkungen herbeiführten, erlebte die Architektur um 1800 eine Rückbesinnung auf den Kanon der klassischen Formensprache. Diese scheinbare Gegenläufigkeit von bürgerlicher Zeitenwende und kultureller Kontinuität wirft bis heute Fragen historischer und historiographischer Art auf.
Anlass der Tagung ist der 200. Todestag des Karlsruher Baudirektors Friedrich Weinbrenner (1766–1826). Sein Werk und sein Leben zeugen von der inhaltlichen Vielschichtigkeit des klassizistischen Kanons, wie es sowohl im lokalen Umfeld als auch im nationalen und internationalen Vergleich klassizistischer Architekturen jener Jahre bestätigt wird. Weinbrenner war verantwortlich für die architektonische und städtebauliche Umgestaltung der Residenzstadt. Dabei nahm er eine ambivalente Haltung in der Zeitenwende der bürgerlichen Umbrüche ein: Zum einen blieb er leitender Architekt des Hof- und Stadtbauwesens eines Patrimonialstaates (ab 1806 als Großherzogtum Baden), zum anderen sollte die von ihm privat geführte (staatlich geförderte) Bauschule 1825 gemeinsam mit der Ingenieurschule von Johann Gottfried Tulla die erste Polytechnische Schule nach französischem Vorbild im deutschsprachigen Raum bilden. Auch einige der späten Werke Weinbrenners, darunter das Durlacher Brunnenhaus, zeugen vom polytechnischen Geist technischer Innovation, ökonomischer Effizienz und bürgerlicher Emanzipation. Seine Schüler trugen zur internationalen Rezeption seines Werks und zur Verbreitung seiner Architekturlehre bei: mit ihnen gelangten sie bis in die USA, wohin einige seiner ehemaligen Studenten auswanderten. An der räumlichen Ausdehnung solcher Episoden wird greifbar, wie sehr der Klassizismus um 1800 bereits an internationale Netzwerke angeschlossen war, in denen ein Kanon klassischer Formen und Bildungsideale im internationalen Diskurs reflektiert und neu konstituiert wurde.
Durch die Verbindung beider Betrachtungsansätze auf möglichst breiter internationaler Basis beabsichtigt die Tagung, zu neuen Perspektiven und tieferen Einsichten in die mehrschichtigen Bedeutungsstrukturen des Klassischen in der Architektur um 1800 zu gelangen. Dabei sollen
anhand konkreter Werke und Akteure die Architektur und der Städtebau – als akademische Disziplinen aber auch als produktive Tätigkeiten – in Form und Inhalt hinsichtlich ihrer künstlerischen, technischen und sozialen Aspekte befragt werden. Ziel ist es, durch einen dialogischen Austausch zu einer vergleichenden Betrachtung zu gelangen und so eine erweiterte, international vernetzte Vorstellung des Klassischen mit seinen vielfältigen Implikationen um 1800 zu erreichen. Hierfür stecken die fünf thematischen Sektionen der Tagung den Rahmen und die Leitlinien für den Dialog ab.
Program
Thursday, November 19, 2026
9:00 Welcome and Introduction
Prof. Dr. Joaquín Medina Warmburg, Dr. Federico Garrido, Dr. Marco Silvestri (KIT): “Revolutions in the Canon: The Architecture of Classicism as Symbolic Practice”
9:30 Opening Lecture
Prof. Dr. Klaus Jan Philipp (Universität Stuttgart): „Klassizismus – Kanon – Kritik“
10:30 Coffee break
11:00–13:00
Panel 1: The Scientization and Technicization of Classicism
• Prof. Dr. Marcus Popplow (KIT): „Zur Wissensgeschichte des Ingenieurberufes um 1800 in Europa“
• Prof. Dr. Salvatore Pisani (Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz): „Neue hybride Welt. Klassischer Kanon und Technikwende nach 1800 am Beispiel des Pariser Straßenmobiliars“
• Prof. Dr. Christiane Salge (TU Darmstadt): „Vom Unterricht zum Lehrbuch: Verwissenschaftlichung der Architekturlehre um 1800“
13:00 Lunch break
14:30–17:30
Panel 2: Teaching and Design Methods of Classicism
• Prof. Dr. Claudia Shmidt (UTDT, Buenos Aires): “The Problem of Architectural Character in Polytechnic Teaching between Europe and South America around 1800”
• Prof. Dr. Steven Lauritano (Leiden University/Harvard University): “Klassizismus in a Bottle? On Friedrich Weinbrenner’s ‘Drinking Vessels’ ca. 1819”
• Prof. Dr. Adrián Fernández Almoguera (UNED, Madrid): “Silvestre Pérez and the Radical Classicism at Accademia della Pace in Rome”
16:00 Break
• Arch. David Mesa Cedillo (UPC/KIT): „Auf der Suche nach dem Ideal: Schinkels Lehrbuch und seine hermeneutische Position zwischen Klassizismus und Romantik“
• Arch. Marcus van der Meulen (RWTH Aachen): “Building the Modern State: Public Architecture, Education, and State Transformation in Congress Poland, 1815–1831”
17:30 Break
18:00–19:30
Panel 3: Canon and Cultural Heritage of Classicism
• Kunsthist. Celia Guilarte (Museo Nacional del Prado/UNED): “The Symbolic Programm and Conversion of Villanueva’s Museo del Prado”
• Kunsthist. Xiaoruo Cao (Universidad Complutense de Madrid): “On Chinese Architecture and the Classical Measure in Illustrated Archives: From Chinoiserie to World Architectural History”
• Prof. Dr. Julian Hanschke (KIT): „Quellenbasierte Rekonstruktion des Markgräflichen Palais von Friedrich Weinbrenner in Karlsruhe“
19:30 Dinner
Friday, November 20, 2026
9:00–11:00
Panel 4: Territorial and Colonial Strategies of Classicism
• Dr. Maur Dessauvage (Columbia University): “Classicism in an Age of Mass Warfare”
• Dr. Nikos Magouliotis (ETH Zürich): “Classicism, the Greeks, and the Iroquois: Colonialist and Nationalist Discourses on Architecture in Post-Ottoman Greece”
• Dr. Cosmin Minea (New Europe College, Bucharest): “Whitewashing the Nation: The Classicisation of Monuments in the Balkans and the Erasure of the Ottoman Past in the First Half of the 19th Century”
• Arch. Leo Herrmann (University of Edinburgh): “The World According to Classicism: Late 18th-Century Theory and the Invention of Non-European Architecture”
11:00 Coffee break
11:30–13:30
Panel 5: The Concept of Nature and Landscape of Classicism
• Dr. Pedro Duarte Bento (FAUL, Lisbon): “A ‘Natural History of Architecture’ — The Influence of Science on Early 19th Century Architectural Theory”
• Dr. Hannah Schiefer (Universität Siegen): „Architekturen des Ursprungs. Zur epistemischen Funktion des Archaischen bei Winckelmann und Quatremère de Quincy“
• Arch. Sean Yuxiang Li (TU Braunschweig): “Classicalizing Earth: Landbaukunst, Ruralisation, and Earthen Architecture around 1800”
13:30 Lunch break
15:00 Closing Lecture
Prof. Dr. Michael J. Lewis (Williams College, Williamstown): „`Junger Mensch, Sie kennen die Welt zu wenig“: Friedrich Weinbrenners kontinuierliches Lernen und Lehren
Saturday, November 21, 2026
10:00 Excursion, Karlsruhe City Centre
The event is open to the public, and no registration is required.
Venue: Englerstr. 7, Building 20.40, Grüne Grotte (first floor)
Contact: bagikb.kit.edu
Quellennachweis:
CONF: International Classicisms around 1800 (Karlsruhe, 19-21 Nov 26). In: ArtHist.net, 29.10.2026. Letzter Zugriff 30.10.2026. <https://arthist.net/archive/54774>.