Zwischen den Welten –
Karl Gustav Vollmoeller und die Medien der europäischen Avantgarde
„Dr. Vollmoeller […] has been an aeroplane engineer, an archaeologist […], an automobile racer, an aviator, a millionaire, a novelist, a philologist, poet and playwright” – so schreibt der New Yorker Herald am 25.07.1914 unter der Überschrift „Karl Vollmoeller, author of largest stage production“, die die Stadt am East River je gesehen habe. Die größte Bühnenproduktion aller Zeiten war das Mirakel, wobei das wortlose, allein auf Gestik und Körpersemiotik zugreifende Mysterienspiel die Möglichkeit bot, universell verstanden zu werden und fern jeder Sprachbarriere ein weltweites Publikum zu adressieren.
Der Weg Vollmoellers beginnt allerdings in den entschleunigt elitären Kreisen Europas, die den radikalen Anspruch auf Kunstautonomie und die stilistische Verfeinerung der 1890er Jahre bewahrt hatten. Vollmoellers frühes literarisches Schaffen spannt sich zwischen Religion, Mystik und Mittelalterbegeisterung auf und partizipiert deutlich am Ästhetizismus des George-Kreises, dessen avancierter Medieneinsatz ihn inspirierte: Sprache als Medium der Poesie, Briefkultur, Publikationspolitik, Buchgestaltung und Anthologien; inszenierte Außendarstellung in Presse, Fotografie und plastischer Kunst, die in seinen Theater- und Filmproduktionen gipfeln werden.
Vollmoeller verschrieb sich vor dem 1. Weltkrieg dem neuesten künstlerischen Medium: Stumm- und dann Tonfilm. Während seine eigentliche literarische Tätigkeit zurückging (Gedichte, Prosa, Übersetzungen), gehörte er in 1920er und 1930er Jahren zu den Pionieren des Films. In "Ansätze zu neuer Ästhetik. Bemerkungen über eine Dramaturgie des Films" sah Robert Musil 1925 bekanntlich eine Analogie von Kino und religiöser Übung und schrieb „es haben die Kirchen und Gottesstätten aller Religionen in Jahrtausenden die Welt mit keinem so dichten Netz überzogen, wie das Kino es in drei Jahrzehnten tat.“ Kirche und Kino bestimmen das Feld der Weltwahrnehmung auf vergleichbare Weise, schreiben die Theoretiker der Zeit (Lukács, Benjamin, Bloch, Landauer), werden die Zuschauer in ihren Andachtspraktiken an beiden Orten involviert und verpflichtet auf eine gemeinsame Zeugenschaft. Vollmoellers „Große Pantomime in zwei Akten und einem Zwischenspiel“ ging gerade deshalb von einem Wunderbericht aus: „De Beatrice custode“ aus dem Dialogus miraculorum des Caesarius von Heisterbach. Philologisch fundiert und im Umgang mit mittelalterlichen Primärquellen vertraut, bearbeitete er diese Erzählung über heilbringende Eingriffe der Gottesmutter in lyrischer, epischer und theatraler Form sowie in Übersetzungen und filmischen Adaptionen - und schuf einen Welterfolg.
Kaum hatte Vollmoeller sich 1901 vom Bekenntnis zur l’art pour l’art gelöst und den George-Kreis verlassen, wandte er sich der „heranbrechenden Maschinenzeit“ zu. Als einer der wenigen, die sich literarisch wie technisch vor dem ersten Weltkrieg dem Fliegen zuwandten, entwirft er etwa in seinem Fluggedicht "Volare necesse est" ein Lob der eigenen Zeit, das von „fernen Mythen“ berichtet und im „Stahl der Wirklichkeit“ Ikarus zum Flugzeugbauer werden lässt. Von der Technik als vitalistischem Motiv seines Schreibens entfernt sich Vollmoeller erst, nachdem sein Bruder 1911 mit dem Flugzeug tödlich verunglückte. Vollmoellers spätere Geliebte, Lena Amsel, verlor 1929 mit ihrem Bugatti ein Wettrennen gegen den Künstler André Derain, überschlug sich und starb in den Flammen. Tod und Technik scheinen den Refrain in Vollmoellers Leben zu bilden. Zugleich ist seine frühe Entscheidung für die Technik zeittypisch.
Aufruf
Vollmoeller hat ein Werk wie aus Quecksilber hinterlassen. Wir laden zu Tagungsbeiträgen auf, die eine tiefgreifende theoretische Auseinandersetzung mit diesem vielgestalten und ambivalenten Werk Vollmoellers bieten. Die Beiträge können sich auf einzelne Werke, historische Entwicklungen, ästhetische, medienspezifische und technische Aspekte oder übergeordnete theoretische Fragen konzentrieren.
Wir freuen uns besonders über interdisziplinäre Beiträge aus den Bereichen Film- und Medienwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte und Bildwissenschaft, visuelle Kultur, Medienarchäologie, Religionswissenschaft, Anthropologie, Vergleichende Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft, Neuphilologie und Übersetzungswissenschaft sowie Wissenschafts- und Technikgeschichte
Keynote Speakers: Franziska Meier (Göttingen), Alexandre Kostka (Strasbourg) und Kurt Möser (Karlsruhe)
Bitte reichen Sie bis Montag, den 30. November 2026, ein abstract Ihres Vortrags ein: Titel, eine Zusammenfassung von 300 Wörtern und zudem eine kurze biografische Notiz unter ines.kellykit.edu. Die ausgewählten Referent_innen werden bis zum 15. Januar 2027 benachrichtigt.
Eine Auswahl der auf der Konferenz vorgestellten Beiträge wird in einem für 2028 geplanten Sammelband veröffentlicht.
Organisationskomitee: Prof. Dr. Oliver Jehle. Karlsruhe: KIT_Fakultät für Architektur. Institut für Kunst- und Baugeschichte; Dr. Felix Billeter, München: Hans Purrmann-Archiv; Dr. Ines Kelly, Karlsruhe: KIT_Fakultät für Architektur. Institut für Kunst- und Baugeschichte; Maria Leitmeyer, M.A., Speyer: Museum Purrmann-Haus.
Quellennachweis:
CFP: Zwischen den Welten – Karl Gustav Vollmoeller (Karlsruhe, 8-9 Apr 27). In: ArtHist.net, 04.10.2026. Letzter Zugriff 05.10.2026. <https://arthist.net/archive/54538>.