CFP Oct 2, 2026

Panel at DGS Kongress 2027 (Schwäbisch Gmünd, 28 Sep-2 Oct 27)

Pädagogische Hochschule, Schwäbisch Gmünd, Sep 28–Oct 2, 2027
Deadline: Dec 15, 2026

Martina Sauer

[english version below]

Postmigrantische Perspektiven auf Othering: semiotische Rückkoppelungen und widerständige Strategien

Angesichts der internationalen und interdisziplinären Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Semiotik (DGS) in Schwäbisch Gmünd vom 28. 09. bis 02.10.2027 zum Thema „Signs in Motion: Semiotic Perspectives on Migration“, schreiben wir, Martina Sauer (Bildwissenschaft, Sektion Bild), Susanne Hauser (Sektion Architektur) und Natalia Igl (Externe, Literaturwissenschaft) einen Call for Papers für unser transdisziplinäres Panel aus.

„Der Ausgangspunkt der postmigrantischen Idee ist, dass Migrations- und Mobilitätsbewegungen alle Gesellschaften von Anfang an geprägt haben und immer noch prägen, auch wenn dies im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert ist. Gesellschaftsgeschichten sind immer auch Migrationsgeschichten. Selbst in ‚alteingesessenen‘ Familien finden wir bei genauer Betrachtung einen sogenannten ‚Migrationshintergrund‘. So betrachtet gehören Mobilitätserfahrungen zur Familiengeschichte der allermeisten Menschen.“ (Erol Yildiz 2022: 1)

In unserem Panel möchten wir ausgehend von dieser die gesamte Gesellschaft in den Blick nehmenden postmigrantischen Perspektive den Fokus auf die Zeichenprozesse legen, durch die Othering (Spivak 1985) – das „Andersmachen“ bzw. „Geandert werden“ durch migrantisierende und rassifizierende Machstrukturen und Zuschreibungen in Dominanzgesellschaften – Konzepte von Fremdheit und Zugehörigkeit (re-)produziert werden. Weiter möchten wir die Frage stellen, wie Perspektiven entwickelt werden können, die diese Dynamiken herausfordern. Als ein Leittext dient uns dabei Asal Dardans Essayband Betrachtungen einer Barbarin (2021). Darin reflektiert die Autorin, wie die stetige Erfahrung von Othering bei den Betroffenen zu einer permanenten Situation der unfreiwilligen Selbstbeobachtung und internalisierten Fremdheit wird. Darüber hinaus verdeutlicht Dardans jedoch auch, welchen Preis eine Gesellschaft für den dehumanisierenden Blick auf „die Anderen“ zahlt – fällt dieser doch auf die „Andernden“ selbst zurück. Diese Dynamik wollen wir im Panel aus semiotischer Sicht näher beleuchten.

Eine zentrale Rolle spielt in diesem Rückkoppelungsszenario vom Anderen zum „Andernden“ die wechselseitig stattfindende „embodied affectivity“ (Fuchs und Koch 2014) und damit die sich hochschaukelnden, in den Körper einschreibenden Empfindungen gegenüber dem je anderen. Denn auf beiden Seiten dieser ungleichen Machtstruktur fühlen sich die Betroffenen in ihrem Sein bzw. in ihrer Identität nicht nur herausgefordert, sondern bedroht (Sauer 2023). Teil einer auf solche Weise gesteigerten Misstrauensgesellschaft (siehe El-Mafaalani 2025) zu sein, verändert alle Beteiligten.

Othering, so der Ausgangspunkt unseres Panels, manifestiert sich in semiotischer Weise in Raum, Bild, Literatur und anderen Medien – und nicht zuletzt in den Körpern der „Geanderten“ und der „Andernden“ selbst: Während die „Geanderten“ ihre Nicht-Zugehörigkeit wieder und wieder durch ihre Erfahrungen mit alltäglichen, sozialen und symbolischen Grenzen sowie die rassifizierende Abgrenzung ihrer Körper als ‚anders‘ (Yurdakul 2024: 121)‚ zu spüren bekommen‘, stecken auch die „Andernden“ in einer semiotischen Rückkoppelung fest. Der immer wieder durch Othering ausgedrückte Dominanzanspruch bietet auch für diejenigen, die der vermeintliche Mehrheitsgesellschaft angehören, keinen Ausweg aus (intersektionellen) Marginalisierungen, Repressionen, Erschöpfungen und Verhärtungen in der hegemonialen Gesellschaftsordnung.

Besonders deutlich manifestieren sich Erfahrungen des Othering im öffentlichen Raum postmigrantischer Gesellschaften. Hier zeigen sich differenzierte Inanspruchnahmen und damit einhergehende Ungleichheiten, die Konfliktpotential haben: Einladende wie ausgrenzende Räume und Zonen in unterschiedlichen Größenordnungen bestehen nebeneinander, auch wenn sie sich gelegentlich verschränken. Die Grenzen dieser Räume sind für diejenigen, die erwarten, „geandert“ zu werden, lesbar und erkennbar. Und das trifft auch zu für diejenigen, die Exklusionen Anderer, sei es gezielt oder habituell, unterstützen.

Wie lässt sich angesichts dieser Perspektive ein „Feld des Wir“ aufspannen, in dem Verschiedenheit ohne die machtstrukturellen Mechanismen des Othering möglich – in dem es, mit Römhild (2018) Raum für Konvivialität und Post-Otherness gibt? Wie lassen sich die gefühlten Verlustängste gerade der jeweiligen Dominanzgesellschaften bzw. die Gefühle von Bedrohung und Ausgrenzung der migrantisierten und rassifizierten Anderen überwinden? Wie könnte so eine Welt, wie können solche widerständigen Strategien nicht nur theoretisch, sondern – transdisziplinär – konkret bildlich, literarisch oder räumlich gefasst werden?

Während Teilaspekte von Othering eine wesentliche Dimension des Kontaktes einander befremdender Gruppen darstellen, entstehen in postmigrantischen Gesellschaften unzählige Situationen, in denen gemeinsame Interessen der jeweils Anwesenden im Vordergrund stehen: Formen der Zeichenproduktion, die Vielfalt und Differenz explizit nebeneinanderstellen oder aber integrieren und verbinden, sind hier von besonderem Interesse. Mit Yildiz kann die Idee des Postmigrantischen hier transformatorisch wirken, indem sie „marginalisierte Geschichten und Wissensformen sichtbar macht“ und darauf abzielt, „eingeübte hegemoniale Denkmuster“ zu überwinden. Ein postmigrantischer Blick ermöglicht „eine kritische Auseinandersetzung mit hegemonialer Wissensproduktion, eine Revision dessen, was erzählt und was weggelassen wurde“ (Yildiz 2022: 1).

Angesichts des Dilemmas, wie es sich in der aktuellen Weltlage widerspiegelt und damit entgegen der Realität von Othering als grundlegende machtstrukturelle Dynamik hegemonialer Gesellschaften, freuen wir uns über Beiträge hierzu aus unterschiedlichen Perspektiven, sei es

- bildlich
- literarisch
- räumlich architektonisch
- kognitionswissenschaftlich
- entwicklungspsychologisch
- philosophisch
- soziologisch
- u.a.

LITERATUR
- El-Mafaalani, Aladin (2025). Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
- Fuchs, Thomas und Sabine C. Koch (2014). Embodied affectivity: on moving and being moved. Frontiers in Psychology 5, 508. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2014.00508.
- Römhild, Regina (2018). Konvivialität – Momente von Post-Otherness. In: Marc Hill und Erol Yıldız (Hg.). Postmigrantische Visionen. Erfahrungen – Ideen – Reflexionen. Bielefeld: Transcript, 63–71.
- Sauer, Martina (2023). Marshall McLuhan in a New Light. Old and New Methods of Influencing Emotions in Communities of the Electronic Age. In: Lars Grabbe, Andrew McLuhan, und Tobias Held (Hg.). Beyond Media Literacy [Welt Gestalten 7]. Marburg: Büchner, 14–32. https://doi.org/10.11588/artdok.00009303.
- Spivak, Gayatri Chakravorty (1985). The Rani of Sirmur: An Essay in Reading the Archives. History and Theory 24, 3: 247–272.
- Yildiz, Erol (2022). Postmigrantisch. In: Inken Bartels, Isabella Löhr, Christiane Reinecke, Philipp Schäfer und Laura Stielike (Hg.). Inventar der Migrationsbegriffe, 20.01.2022. https://www.migrationsbegriffe.de/postmigrantisch (Zuletzt aufgerufen am 29-06.2026).
- Yurdakul, Gökçe (2024). Postmigrant thinking: Definition, critiques and a new offer. International Migration 62: 120–123. https://doi.org/10.1111/imig.13269.

SCHLAGWORTE
Postmigrantische, Semiotik, Othering, ´Geanderte´, ´Andernde´, Hegemonie, Medien

INFORMATIONEN ZU ORGANISATION UND ABLAUF
Der Kongress wird vom 28. September bis zum 02. Oktober 2027 an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd stattfinden.

Bitte senden Sie Ihr Abstract weitgehend unformatiert und in einem bearbeitbaren Format (idealerweise Word) an: Natalia Igl (natalia.iglhiof.no), Susanne Hauser (hauserudk-berlin.de) und Martina Sauer (msauerbildphilosophie.de). Einsendefrist ist der 15. Dezember 2026. Ihr Abstract soll beinhalten: Titel des Vortrags, Name der Referentin oder des Referenten, Beschreibung des geplanten Vortrags (max. 400 Wörter), Institution, E-Mail-Adresse, Kurzlebenslauf (als Fließtext) und eine kurze Liste einschlägiger Publikationen der Referentin oder des Referenten (max. fünf Titel).

Die Vorträge sollen eine Länge von 20 Minuten nicht überschreiten. Eine Veröffentlichung ausgewählter Beiträge ist geplant. Panelsprachen sind Deutsch und Englisch mit englischen Slides und Diskussion in Englisch. Bitte beachten Sie, dass einzelne Panels ggf. komplett in Deutsch/Englisch sind.

KONTAKT
Für Fragen stehen Ihnen zur Verfügung: Natalia Igl (natalia.iglhiof.no), Susanne Hauser (hauserudk-berlin.de) und Martina Sauer (msauerbildphilosophie.de)

Konzeption und Ausrichtung der Konferenz: Prof. Dr. Daniel Rellstab (1. Vorsitzender der DGS). Weitere Informationen finden Sie unter https://www.semiotik.eu/Kongresse.

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ENGLISH VERSION
Call for Papers

POST-MIGRANT PERSPECTIVES ON OTHERING: SEMIOTIC FEEDBACK LOOPS AND STRATEGIES OF RESISTANCE

In light of the international and interdisciplinary conference organised by the German Society for Semiotics (DGS) in Schwäbisch Gmünd in Germany from 28 September to 2 October 2027 on ‘Signs in Motion: Semiotic Perspectives on Migration’, we, Martina Sauer (Visual Studies, Image Section), Susanne Hauser (Architecture Section) and Natalia Igl (External, Literary Studies), are issuing a call for papers for a transdisciplinary panel.

“The starting point of the postmigrant idea is that migration and mobility have shaped all societies from the very beginning and continue to do so, even if this is scarcely embedded in the public consciousness. Social histories are always also histories of migration. Even in ‘long-established’ families, on closer look, we find a so-called ‘migration background’. Viewed in this light, experiences of mobility form part of the family history of the vast majority of people.” (Erol Yildiz 2022: 1; our translation)

In our panel, drawing on this post-migrant perspective that takes society as a whole into account, we will focus on the signifying processes through which othering (Spivak 1985) – the ‘making of the Other’ or ‘being made into the Other’ through migranticising and racialising power structures and attributions in dominant societies – concepts of otherness and belonging are (re)produced. Furthermore, we will ask how perspectives can be developed that challenge these dynamics. Asal Dardan’s collection of essays Betrachtungen einer Barbarin (“Reflections of a Barbarian”, 2021) serves as a guiding text. In it, the author reflects on how the constant experience of othering leads those affected into a permanent state of involuntary self-observation and internalised otherness. Furthermore, however, Dardan also highlights the price a society pays for its dehumanising view of ‘the Others’ – a price that ultimately falls back on the perpetrators of othering themselves. In this panel, we aim to examine this dynamic more closely from a semiotic perspective.

A central role in this feedback scenario from the ‘Other’ to those who renders others into ‘Others’ is played by the reciprocal ‘embodied affectivity’ (Fuchs and Koch 2014) and, with it, the escalating sensations towards the ‘Other’ that become inscribed in the body. On both sides of this unequal power structure, those affected not only feel challenged but also threatened in their being or identity (Sauer 2023). Being part of a society of intensified mistrust (see El-Mafaalani 2025) changes everyone involved.

Othering, so the starting point for our panel, manifests itself semiotically in space, imagery, literature and other media – and not least in the bodies of the Othered and the perpetrators of Othering themselves: While those who are being Othered repeatedly experience their non-belonging through their encounters “with everyday bordering, social and symbolic boundaries, and the de-marcation of their bodies as ‘different’” (Yurdakul 2024: 121), the agents of Othering too are trapped in a semiotic feedback loop. The claim to dominance, repeatedly expressed through Othering, offers no lasting resort – even for those who belong to the supposed social majority – from (intersectional) marginalisation, repression, exhaustion and hardening within the hegemonic social order.

Experiences of Othering manifest themselves particularly clearly in the public sphere of postmigrant societies. Here, we see differentiated claims to these spaces and the associated inequalities that harbour the potential for conflict: welcoming and exclusionary spaces and zones of varying scales coexist, even if they occasionally overlap. The boundaries of these spaces are legible and recognisable to those who expect to be Othered. And this also applies to those who support the exclusion of others, whether deliberately or out of habit. Given this perspective, how can a space of community be established in which difference is possible without the power-structural mechanisms of Othering – in which, to quote Römhild (2018), there is room for conviviality and post-otherness? How can the perceived fears of loss, particularly within the respective dominant societies, and the feelings of threat and exclusion experienced by migrantised and racialised others be overcome? How might such a world, and how might such strategies of resistance, be conceived not only theoretically but – in a transdisciplinary manner – specifically through imagery, literature or spatial arrangements?

While partial aspects of Othering represent an essential dimension of contact between mutually alienated groups, countless situations arise in postmigrant societies in which the shared interests of those present take centre stage: forms of sign production that explicitly juxtapose diversity and difference, or indeed integrate and connect them, are of particular interest here.

Following Yildiz, the postmigrant idea can have a transformative effect here by making marginalised stories and forms of knowledge visible and aiming to overcome ingrained hegemonic patterns of thought. A postmigrant perspective enables a critical engagement with hegemonic knowledge production, a revision of what has been narrated and what has been omitted (Yildiz 2022: 1).

In light of the dilemma reflected in the current global situation – and thus in contrast to the reality of Othering as a fundamental power-structural dynamic of hegemonic societies – we welcome contributions on this topic from a variety of perspectives, whether:

• visual
• literary
• spatial and architectural
• cognitive science
• developmental psychology
• philosophy
• sociology
• and others.

LITERATURE
- El-Mafaalani, Aladin (2025). Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
- Fuchs, Thomas and Sabine C. Koch (2014). Embodied affectivity: on moving and being moved. Frontiers in Psychology 5, 508. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2014.00508.
- Römhild, Regina (2018). Konvivialität – Momente von Post-Otherness. In: Marc Hill and Erol Yıldız (eds.). Postmigrantische Visionen. Erfahrungen – Ideen – Reflexionen. Bielefeld: Transcript, 63–71.
- Sauer, Martina (2023). Marshall McLuhan in a New Light. Old and New Methods of Influencing Emotions in Communities of the Electronic Age. In: Lars Grabbe, Andrew McLuhan and Tobias Held (eds.). Beyond Media Literacy [Welt Gestalten 7]. Marburg: Büchner, 14–32. https://doi.org/10.11588/artdok.00009303.
- Spivak, Gayatri Chakravorty (1985). The Rani of Sirmur: An Essay in Reading the Archives. History and Theory 24, 3: 247–272.
- Yildiz, Erol (2022). Postmigrantisch. In: Inken Bartels, Isabella Löhr, Christiane Reinecke, Philipp Schäfer and Laura Stielike (eds.). Inventar der Migrationsbegriffe, 20.01.2022. https://www.migrationsbegriffe.de/postmigrantisch (Zuletzt aufgerufen am 29-06.2026).
- Yurdakul, Gökçe (2024). Postmigrant thinking: Definition, critiques and a new offer. International Migration 62: 120–123. https://doi.org/10.1111/imig.13269.

KEY WORDS
Post-migrant, Semiotics, Othering, ‘Making of the Other’, ´being made into the Other´, Hegemonic, media

ABLAUF INFORMATION REGARDING THE CONGRESS ORGANIZATION
The congress will be held from 28 September to 02 October 2027 at the University of Education Schwäbisch Gmünd, Germany.

Please send your proposals in German or English (20 minutes), along with a short academic CV, by email to Natalia Igl (natalia.iglhiof.no), Susanne Hauser (hauserudk-berlin.de), Martina Sauer (msauerbildphilosophie.de) no later than December 15, 2026. The document should include title, name of the author, summary of the topic (max. 400 words), affiliation, email address, short bio, and a short list of publications (max. 5).

Talks should not exceed 20 minutes. Selected contributions will likely be published. The panel languages are English and German; slides and discussions should be in English. Please note that some panels may be held in German only.

CONTACT
If you have any questions, please do not hesitate to contact us: Natalia Igl (natalia.iglhiof.no), Susanne Hauser (hauserudk-berlin.de), Martina Sauer (msauerbildphilosophie.de).

Conference conception and organization: Prof. Dr. Daniel Rellstab (Chair of the DGS). For additional information please visit https://www.semiotik.eu/Kongresse.

Reference:
CFP: Panel at DGS Kongress 2027 (Schwäbisch Gmünd, 28 Sep-2 Oct 27). In: ArtHist.net, Oct 2, 2026 (accessed Oct 2, 2026), <https://arthist.net/archive/54514>.

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