CFP 14.09.2026

Geschlechter und Geschlecht (Würzburg, 17-18 Jun 27)

Würzburg, 17.–18.06.2027
Eingabeschluss : 31.10.2026

Sigrid Ruby, Justus-Liebig-Universität Gießen, Institut für Kunstgeschichte

Geschlechter und Geschlecht. Heraldik, Genealogie und Gender vom 15. bis 21. Jahrhundert.

Bei der Repräsentation und Legitimation dynastisch strukturierter Herrschaft spielt das multimediale und multimodale Zusammenspiel verschiedener Zeichensysteme eine zentrale Rolle. Zu diesen gehört auch und insbesondere das der Heraldik. Wappen und andere heraldische Zeichen können abwesende Körper und Geschlechter sowohl bezeichnen als auch vergegenwärtigen, genealogisch verankern und konkretisieren, zueinander in Beziehung setzen und verbinden. Insofern heraldische Zeichen der Medialisierung eines „transkörperliche[n] Erbrecht[s]“ (Belting 2001, 121) dienen, geben sie der genealogischen Ordnung sichtbare Gestalt. Auf Schriftdokumenten, Bildern und kunsthandwerklichen Artefakten ebenso wie auf Gebrauchsgegenständen, in der Architektur und literarischen Texten kennzeichnen, umreißen und ordnen sie familiäre bzw. dynastische Herrschaftsräume. Heraldische Zeichen und bildhafte Porträts verweisen „kontrapunktisch aufeinander, wenn sie beide Male ein und dieselbe Person bezeug[en]“ (Belting 2001, 122; siehe dazu auch Schmidt-Voges 2026). Diese Person ist der leibhaftige body natural als temporärer Träger des Erbrechts, der mit einem fortdauernden Familienverband bzw. body politic verbunden ist. Heraldische Logiken können auch die relative Positionierung von Körpern im Raum bedingen und somit die Stände-, Geschlechter- und Genderordnung (de)stabilisieren. Infolge ihrer grundsätzlichen Mobilität verfügen heraldische Zeichen und Symbole über keinen primären Kontext. Sie können sich aber aus den ursprünglichen historischen Bezügen lösen und – gemeinsam mit den genealogischen Legitimationsmustern, mit denen sie korrespondieren – ein reiches, transmediales Nachleben führen, das sich von der Theaterbühne über den Roman bis zu Film- und Serienproduktionen der Gegenwart erstreckt (zur mittelalterlichen Literatur sowie allg. zur „literarischen Heraldik“ bzw. zu einem „heraldischen Code“ s. Hoder 2025; zu einzelnen Filmen und Serien des 20. und 21. Jh. siehe beispielhaft Birkle/Hergenhan 2026; Reiff 2026, 220–224).
Fragen der Repräsentation, Körperlichkeit und Medialität im Bereich von Heraldik und Genealogie haben bereits verschiedentlich das Interesse der Forschung auf sich gezogen. So beschäftigte sich jüngst etwa eine von der Historikerin Jenny Körber (Universität Hamburg) organisierte Tagung mit Medialen Ordnungen der Genealogie und Heraldik (Körber 2024). Innerhalb der Diskursformationen des Heraldischen sind deren binäres Ordnungssystem und korrespondierende Gendercodierungen bislang erstaunlich wenig beleuchtet worden, auch was ihre inter- und transmedialen Dimensionen und Transformationen nach dem Ende territorialer Fürstenherrschaft und monarchischer Staatsverfassungen angeht. Dabei stellen sich doch vielfältige Fragen hinsichtlich einer normativen Korrespondenz von Gender- und Zeichen- bzw. Bildordnung, der Möglichkeiten ihrer Kritik und Subversion, der anthropologischen Dimension und religiösen Verankerung von relativen, hierarchisch codierten Seitenzuordnungen usw.

Das Forschungsatelier des interdisziplinären Forschungsnetzwerks „Geschlecht · Macht · Staat“ befasst sich am 17. und 18. Juni 2027 mit solchen und anderen Fragen des Zusammenwirkens von Heraldik, Genealogie und Gender bei realer herrschaftlicher Repräsentation und in fiktionalen Darstellungen von Herrschaft:

• Welche Gender-Codes sind in heraldischen Ordnungslogiken wirksam?
• Wie verhandeln heraldische Zeichen und ihre Zurschaustellung das Verhältnis von Stand und Gender?
• Lassen sich im Wechselspiel von Gender und Geschlecht/Dynastie Modelle jenseits binärer Ordnungen feststellen? Gibt es Phänomene von „queerer“ Heraldik?
• Was bedeutet die „Professionalisierung“ der Heraldik im 14. Jahrhundert für die (ge-genderte) Ordnung und Repräsentation von Herrschaft?
• Wie verhalten sich der multimediale „Heraldik-Boom“ des späten 18. und 19. Jahrhunderts und der Aufstieg der Heraldik zur historischen Hilfswissenschaft zueinander ebenso wie zur tatsächlichen Präsenz heraldischer Zeichen in der öffentlichen, auch künstlerischen Inszenierung und Repräsentation von männlicher respektive weiblicher Herrschaft?
• Spielen heraldische und/oder genealogische Zeichen und Ordnungsmuster auch in demokratisch verfassten Gesellschaften noch eine Rolle? Sowohl in fiktionalen Darstellungen von Herrschaftsmacht als auch bei deren Repräsentation im öffentlichen Raum (Staatsoberhäupter, Präsident*innen etc.)?

Wir freuen uns über Beiträge aus allen geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Vorträge sollten für eine Dauer von 20 Minuten mit anschließender Diskussion von ebenfalls 20 Minuten konzipiert sein.

Bitte senden Sie ein Abstract im Umfang von max. 300 Wörtern und eine kurze Biografie in einer PDF per E-Mail an lea.reiffuni-wuerzburg.de und sigrid.rubyuni-giessen.de.

Deadline ist der 31. Oktober 2026.

Literatur:
Birkle, Carmen/Hergenhan, Jutta: Präsidentinnen in französischen und US-amerikanischen TV-Serien. In: Herrschaftsordnung als Geschlechterordnung. Normen – Praktiken – Medialisierung. Hrsg. von Sabine Mecking und Lea Reiff. Sulzbach am Taunus: Helmer 2026 (= Geschlecht zwischen Vergangenheit und Zukunft, Bd. 11), S. 233–260.
Belting, Hans: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft, München: Fink 2001. Heck, Kilian: Genealogie als Monument und Argument : der Beitrag dynastischer Wappen zur politischen Raumbildung der Neuzeit, München: Deutscher Kunstverlag 2002.
Hoder, Manuel: Wortgewandte Wappen. Inszenierungsformen des Heraldischen in der mit-telalterlichen Literatur. Wiesbaden: Reichert 2025 (= Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters, Bd. 155).
Körber, Jenny: [CfP] Mediale Ordnungen der Genealogie und Heraldik. In: H-Soz-Kult, 12.01.2024, https://www.hsozkult.de/event/id/event-141215 (14.08.2026).
Reiff, Lea: Weiblichkeit und Herrschaft in Stefan Zweigs Maria Stuart (1935) und Thomas Imbachs Mary Queen of Scots (2013). Herrschaftsordnung als Geschlechterordnung. Normen – Praktiken – Medialisierung. Hrsg. von Sabine Mecking und Lea Reiff. Sulzbach am Taunus: Helmer 2026 (= Geschlecht zwischen Vergangenheit und Zukunft, Bd. 11), S.199–231.
Ruby, Sigrid: Mit Macht verbunden. Bilder der Favoritin im Frankreich der Renaissance [2007], 2. Aufl., Heidelberg: arthistoricum.net 2017.
Ruby, Sigrid: Ein Modell von Ordnung, Sicherheit und Herrschaft: Gilles Corrozets Lobgedichte auf das ganze Haus, in: Haus - Geschlecht - Sicherheit. Diskursive Formierun-gen in der Frühen Neuzeit. Hrsg. von Sigrid Ruby und Inken Schmidt-Voges, Baden-Baden: Nomos 2023 (= Politiken der Sicherheit / Politics of Security, Bd. 12), S. 147-170.
Schmidt-Voges, Inken: Fürstenpaare. Politische und bildliche Anordnungen in der Frühen Neuzeit. In: Herrschaftsordnung als Geschlechterordnung. Normen – Praktiken – Medialisierung. Hrsg. von Sabine Mecking und Lea Reiff. Sulzbach am Taunus: Helmer 2026 (= Geschlecht zwischen Vergangenheit und Zukunft, Bd. 11), S. 175–198.

Quellennachweis:
CFP: Geschlechter und Geschlecht (Würzburg, 17-18 Jun 27). In: ArtHist.net, 14.09.2026. Letzter Zugriff 14.09.2026. <https://arthist.net/archive/54198>.

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