VIII. Philipp-Hainhofer-Kolloquium:
Langweilig! Subversive und transformative Ästhetiken des Nichtstuns.
Zur Tagung:
Langeweile gilt zumeist als genuin modernes Phänomen, das erst durch die Vermarktung und Fragmentierung von Zeit im Zuge der Industrialisierung zu einem Begriff wurde. In einer essentialistischen Auffassung der Gefühlsgeschichte ließe sich jedoch davon ausgehen, dass Langeweile schon immer ein Teil menschlicher Empfindungen war. Es erscheint daher fruchtbar, Langeweile nicht nur als exklusiv moderne Erfahrung aufzufassen, sondern ihre Spuren auch in anderen Epochen zu suchen.
In frühneuzeitlichen Diskursen tritt die Langeweile selten als genuine Eigenform auf, sondern ist häufig verknüpft mit nahen Verwandten und Vorfahren aus der Emotionsgeschichte. Eine Aufgabe der kulturhistorischen Auseinandersetzung mit dem Begriff ist es daher auch, Differenzierungen zu anderen zeitgenössischen Terminologien vorzunehmen. So wurde etwa die unbeschäftigte Muße während der Aufklärung als Mutter der Langeweile bezeichnet, zugleich warnte das Zedlersche Universallexikon davor, Langeweile und Müßiggang gleichzusetzen. Insbesondere die moralische Determination von Tätigkeit und Untätigkeit durchleuchtet auch die Verwandtschaftsbeziehungen zu Acedia und Melancholie.
Die mediale Vermittlung des sprachlich schwer fassbaren und ambiguen Phänomens soll im Zentrum des VIII. Philipp-Hainhofer-Kolloquiums stehen.
Tagungsband:
Der Sammelband, der im März 2027 im Michael Imhof Verlag als 8. Band in der Hainhoferiana-Reihe erscheint, wird auch einen Aufsatz von Prof. Dr. Paula Muhr (Hamburg) „Operationalising Boredom: Visual Paradigms and Implicit Cultural Assumptions in Neuroimaging Research“ beinhalten; die Autorin wird ebenfalls Tagungsteilnehmerin sein.
Organisation:
Veranstaltet und finanziert vom DFG-Langfristvorhaben (HAB, Wolfenbüttel und Stiftung LEUCOREA, Lutherstadt Wittenberg) der kommentierten digitalen Edition von Philipp Hainhofers (1578–1647) Reise- und Sammlungsbeschreibungen (namentlich Prof. Dr. Dr. Andreas Tacke) und dem Institut für Europäische Kulturgeschichte (IEK) der Universität Augsburg (namentlich Prof. Dr. Günther Kronenbitter und Prof. Dr. Ulrich Niggemann) in Kooperation mit Dr. Lisa Hecht, Kunstgeschichtliches Institut der Philipps-Universität Marburg.
Tagungshaus:
Das evangelische Gemeindezentrum UlrichsEck liegt gegenüber den Kirchen St. Ulrich (ev.) und St. Ulrich und Afra (kath.) am Ende der Maximilianstraße:
Ev.Luth. Kirchengemeinde St. Ulrich
Ulrichsplatz 17
86150 Augsburg
Kontakt:
Trierer Arbeitsstelle für Künstlersozialgeschichte / TAK
Homepage: www.kuenstlersozialgeschichtetrier.de
EMail:HainhoferKolloquium8@ tonline.de
Institut für Europäische Kulturgeschichte / IEK
Universität Augsburg
Homepage: www.uniaugsburg.de/de/forschung/
einrichtungen/institute/iek/
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PROGRAMM:
FREITAG, 27. März 2025
18.00 Uhr
Prof. Dr. Günther Kronenbitter: Begrüßung
Prof. Dr. Dr. Andreas Tacke: Verstellen der Referentin sowie des 7. Bandes „Reisen ins Osmanische Reich. Interdisziplinäre Perspektiven“ der Schriftenreihe der „Hainhoferiana – Studien zur Kunst- und Kulturgeschichte Schwabens und Europas“
Abendvortrag: Dr. Lisa Hecht, Marburg
Zwischen Sünde und Vergeistung – Verkörperungen des ›Nichtstuns‹ in der visuellen Kultur der Vormoderne
Im Anschluss laden wir zu einem geselligen Umtrunk ein
SAMSTAG, 28. März 2026
9.00 Uhr
Eröffnungsvortrag: Prof. Dr. Michael Diers, Hamburg/ Berlin
Gähnend langweilig! Über mimische Indezenz in der bildenden Kunst
Prof. Dr. Ekaterini Kepetzis, Landau
Langeweile und soziale Differenz in der englischen Druckgrafik des 18. Jahrhunderts
10.30 Uhr
Kaffeepause
Sebastian Hölbling MA, Kassel/ Klagenfurt
Erdrückende Langeweile? Ästhetisierung, Empfindung und Sinn(-losigkeit) des Nichts-Tuns im Briefwechsel zwischen Niccolò Machiavelli und Francesco Vettori
Dr. Annika Hübner, Berlin
„Vor Kurzem mochte ich mich für langer Weile erschießen“ – Langeweile in der Korrespondenz Ewald Christian von Kleists (1715–1759)
12.30 – 14.30 Uhr
Mittagspause
14.30 Uhr
Susanne Ehlers M.A., Marburg
Charlet’s „Le vieux buveur“. Alkoholkonsum als Kompensation von Langeweile
Dr. Nursan Celik, Bielefeld
Ennuyierend und enervierend: Langeweilesubjekte in der deutschsprachigen Dramenliteratur des 19. Jahrhunderts (Brentano, Kleist, Büchner)
16.00 Uhr
Kaffeepause
16.30 Uhr
Dr. Aliena Guggenberger, München
„habitual idleness“ – Langweile als Katalysator für Mode-Ökonomie um 1900 und heute
Dr. Sebastian Lederle, Weimar
Wieder da? Langeweile als reine Zustandsbeschreibung zwischen Neutralisierung und Delirium in Georges Perec‘ Ein Mann der schläft
Tagungsende gegen 18 Uhr / Tagungsmoderation: Dr. Lisa Hecht
Reference:
CONF: Langweilig! (Augsburg, 27-28 Mar 26). In: ArtHist.net, Mar 16, 2026 (accessed Mar 16, 2026), <https://arthist.net/archive/51988>.