Alternative Kulturpraktiken und Räume im Exil: Szenen, Bewegungen und Subkulturen jenseits des Mainstreams.
Auftakt-Workshop für die Gründung eines wissenschaftlichen Netzwerkes für Exilforschung, organisiert von Anna Sophia Messner, Helene Roth und Finja Zemke
8. Mai 2025, 10-13 Uhr
Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main, im Rahmen der Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Exilforschung vom 08.05. – 09.05.2025
Deadline der Bewerbung: 01.04.2025
Zielgruppe: Der Call richtet sich an fortgeschrittene PhD-, PostDoc- und Junior Researcher.
Dass sich Kunst- und Literaturschaffende im Exil neu erfinden müssen und diese Prozesse durchaus kreative Potenziale besitzen und freisetzen, argumentierte bereits 1944 der nach Brasilien emigrierte Medienphilosoph, Kommunikationswissenschaftler und Fototheoretiker Vilém Flusser in seinem Aufsatz „Exil und Kreativität“ (1984). Er bezeichnete „die Exilsituation als Herausforderung für schöpferische Handlung“ (Flusser 1994, S. 103), denn Emigrierte wurden aus ihren gewohnten Umgebungen und Sprachen herausgerissen und mussten, um zu (über)leben, gleichermaßen in einen Dialog mit ihrem Exilort treten.
Flussers Thesen sind auf Praktiken, Medien, Netzwerke sowie Kontaktzonen emigrierter Kunst- und Literaturschaffender übertragbar. Hatte die Exilforschung in den 1980er-Jahren den Fokus insbesondere auf die Schicksale und Verluste von Emigrierten während der NS-Zeit gelegt, so findet Flussers Konzept in aktuellen Diskursen zur Exilforschung zunehmend Anerkennung (Bannasch/Rochus 2013; Bischoff et al. 2022; Bischoff/Komfort-Hein 2013; Dogramaci 2013; 2016; Krause 2010; Krohn/Winckler 2012).
Der Auftakt-Workshop für ein junges wissenschaftliches Netzwerk für Exilforschung möchte das kreative Moment des Exils aufgreifen und weiterdenken, mit Blick auf alternative Kulturpraktiken und Räume. Denn es lässt sich feststellen, dass emigrierte Kunst- und Literaturschaffende im Exil häufig mit alternativen Praktiken und Medien arbeiten, sich an urbanen Orten vernetzen und sich subkulturellen Bewegungen anschließen.
So entstanden in den Kreisen und Netzwerken exilierter Kulturschaffender der 1930er- und 1940er-Jahre etwa neue Zeitschriften, wie Über die Grenzen in der Schweiz. Erinnert sei weiterhin an Künstler:innengruppen wie Carpeta de los Dias in Buenos Aires, die Beggar Bar der emigrierten Tänzerin und Schauspielerin Valeska Gert in New York, die Ausstellung Allies inside Germany der Free German League of Culture in London oder die sonntäglichen Open-Houses von Käthe und Walter Langhammer in Mumbai (zu diesen Beispielen siehe das digitale Archiv des Forschungsprojekts METROMOD, metromod.net).
Dies sind nur einige Beispiele, die zeigen, auf welche Art und Weise sich Literatur- und Kunstschaffende im Exil zusammenfinden, vernetzen, kooperieren und produktiv werden. Heute dienen soziale Medien, Netzwerke und Blogs als Plattformen des Austauschs, bieten Möglichkeiten der Information und politischen Aktivität. Häufig findet auch eine Hinwendung zu künstlerischen Szenen statt, die sich den vor Ort etablierten Kulturpraktiken des Mainstreams bewusst widersetzen. Beispiele dafür sind das Wirken in Theaterräumen, die entgegen politischer Reglements Schaffensräume im Theater ermöglichen oder auch der Anschluss an die Graffiti-Szenen urbaner Zentren. Es sind meist alternative Räume und Praktiken, die parallel zu den bekannten etablierten Medien und Orten in den Exil-Städten bestehen und emigrierten Kulturschaffenden eine Möglichkeit und Plattform bieten, künstlerisch aktiv zu sein und sich auszutauschen.
In diesem Kontext setzt der Workshop das Augenmerk auf Szenen, Räume, Bewegungen und Subkulturen des historischen wie gegenwärtigen Exils, die jenseits der etablierten Kulturpraktiken des Mainstreams existieren. Dabei soll diskutiert werden, auf welche Art und Weise Verbindungen zwischen Exil und alternativen Kulturpraktiken und Orten sowie künstlerisch-literarischen Gruppierungen und Netzwerken bestehen. Befragt werden unterschiedliche künstlerische Medien und Praktiken, literarische Formen und Reflexionen sowie alternative Räume (Bars, kleine Cafés, Theater, öffentliche Orte) und Bewegungen/Gruppierungen. Weiterhin werden literarische und wissenschaftliche Texte in den Blick genommen, in denen alternative Kulturräume und -praktiken des Exils verhandelt werden sowie damit verbundene Begrifflichkeiten, Konzepte und Terminologien wie „Szene“, „Bewegung“ und „Subkultur“, die aus unterschiedlichen transkulturellen und interdisziplinären Perspektiven diskutiert werden.
Im Zentrum stehen dabei folgende Themenschwerpunkte und Fragestellungen:
- Welche alternativen Praktiken und Räume lassen sich für exilierte Kultur- und Literaturschaffende ausmachen? Gibt es Unterschiede mit Blick auf Alter, Gender, Herkunft? Wie lassen sich diese Praktiken jenseits des Mainstreams beschreiben? Wie wird über sie in Literatur, szenischen Künsten und anderen Medien des Exils erzählt?
- Wie werden unterschiedliche Begriffe, Konzepte und Terminologien (alternative Szenen, Bewegungen, Subkulturen) im Kontext des Exils verwendet, um Praktiken und Räume jenseits des Mainstreams zu beschreiben? Welche Rolle spielen diese Begriffe, Konzepte und Terminologien und wie verhalten sie sich zueinander?
- Inwiefern lässt sich in alternativen Kulturpraktiken und Räumen ein kreatives, politisches und widerständiges Potenzial mit Blick auf tradierte Vorstellungen und Normen des Mainstreams erkennen?
- Zeichnet sich ein Wandel in Bezug auf alternative Praktiken und Räume des historischen und gegenwärtigen Exils ab?
Der Workshop versteht sich als Auftakt zur Vorbereitung eines DFG- Netzwerkes, das Fragen aktueller wie künftiger Exilforschung perspektiviert und an die Gesellschaft für Exilforschung (https://www.exilforschung.de/) angeschlossen ist. Für die Teilnahme am Workshop sind Interesse und Bereitschaft, aktiv in einem solchen Netzwerk mitzuarbeiten, erwünscht. Unter folgendem Link finden sich nähere Informationen zu wissenschaftlichen Netzwerken der DFG: https://www.dfg.de/de/foerderung/foerdermoeglichkeiten/programme/einzelfoerderung/wissenschaftliche-netzwerke
Der Workshop findet am 08.05.2025 von 10 Uhr bis ca. 13 Uhr im Rahmen der Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Exilforschung statt, die vom 08.05.2025 bis 09.05.2025 tagt. Es besteht die Möglichkeit, an einer Führung durch die neu gestaltete Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 sowie an der Abendveranstaltung „Die Gegenwart des Exils“ mit Michel Friedman am 08.05.2025 teilzunehmen.
Hinweis:Der Workshop ist in Präsenz geplant. An- und Abreise sowie die Unterbringung erfolgen auf eigene Kosten. Falls Ihre Institution keine finanzielle Unterstützung anbietet, bitten wir mit der Einreichung der Abstracts um eine kurze Nachricht, damit wir ggf. die Teilnahme über Zoom oder eine finanzielle Unterstützung planen können.
Einreichung eines Abstracts / Ideenvorschlags (300 Wörter) inkl. eines kurzen CV bitte bis zum 01.04.2025 an:
Anna Sophia Messner (Anna.Messnerhhu.de), Helene Roth (helene.rothlmu.de), Finja Zemke (Finja.Zemkestudium.uni-hamburg.de)
Die Rückmeldung von Seiten der Organisatorinnen erfolgt bis zum 06.04.2025.
Literaturverzeichnis:
Bannasch, Bettina/Rochus, Gerhild (Hrsg.). Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Von Heinrich Heine bis Herta Müller. München: De Gruyter 2013.
Bischoff, Doerte et al. (Hrsg.). Exil, Flucht, Migration. Konfligierende Begriffe, vernetzte Diskurse?. Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 40. München: De Gruyter 2022.
Bischoff, Doerte/Komfort-Hein, Susanne (Hrsg.). Literatur und Exil. Neue Perspektiven. München: De Gruyter 2013.
Dogramaci, Burcu: Fotografieren und Forschen. Wissenschaftliche Expeditionen mit der Kamera im türkischen Exil nach 1933. Marburg: Jonas 2013.
Dogramaci, Burcu: Heimat. Eine künstlerische Spurensuche. Köln: Böhlau 2016.
Flusser, Vilém. „Exil und Kreativität“. In: Spuren – Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft, Nr. 7, 1984/85, S. 5–9.
Flusser, Vilém. Von der Freiheit des Migranten. Einsprüche gegen den Nationalismus. Düsseldorf: Bollmann 1994.
Krause, Robert. Lebensgeschichten aus der Fremde. Autobiografien deutschsprachiger emigrierter SchriftstellerInnen als Beispiele literarischer Akkulturation nach 1933. München: edition text + kritik 2010.
Krohn, Claus-Dieter/Winckler, Lutz. Exilforschungen im historischen Prozess. Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 30. München: edition text + kritik 2012.
Quellennachweis:
CFP: Alternative Kulturpraktiken und Räume im Exil (Frankfurt a. M., 8 May 25). In: ArtHist.net, 08.03.2025. Letzter Zugriff 03.04.2025. <https://arthist.net/archive/44768>.