CFP Dec 2, 2022

archimaera #11: Angemessenheit – Appropriateness/Decorum

Aachen, Köln, München, Leipzig, Zürich
Deadline: Mar 1, 2023

Anke Naujokat, Redaktion archimaera

Verlängerte Frist!

[English version below]

Call for papers: archimaera #11: ANGEMESSENHEIT – APPROPRIATENESS/DECORUM.

In der Architektur gilt es, zahlreiche konkurrierende Belange in größtmöglichen Einklang zu bringen. Die Aufgabe und Kunst des Architekten/der Architektin besteht darin, diese gegeneinander abzuwägen und dabei das richtige Maß zu finden. Bei der Platzierung des Bauwerks in einem Kontext müssen Standortfaktoren wie Klimazone, Topografie, städtebauliches, architektonisches und sozial-ökonomisches Umfeld Beachtung finden. Bei der Konzeption des Baukörpers sind Fragen der Ökonomie und Funktionsverteilung, der Materialwahl, des konstruktiven Aufwandes und der Bestimmung des ästhetischen und repräsentativen Anspruchs einzubinden.

Seit der Antike ist der Topos und Begriff der ‚Angemessenheit‘ (lat. decorum) Ausdruck für die Komplexität architektonischen Schaffens. Decorum ist vom lateinischen Verb decere abgeleitet, das doppeldeutig ist. Es bedeutet zugleich ‚schmücken, zieren, kleiden‘ und ‚sich geziemen, gehören, schicklich sein‘. Als zentraler Schlüsselbegriff der Architektur thematisiert das decorum die Angemessenheit von Form und Inhalt und setzt damit letztlich die verschiedenen Kategorien und Aufgabenfelder der Architektur – firmitas, utilitas, venustas – in eine Beziehung zueinander.

Auf die Architektur bezogen und definiert wird der Begriff des decorum zuerst von Vitruv. Seine Wurzeln sind jedoch älter. Als Kontroll- und Maßstabsinstanz erschien das decorum in der Kunsttheorie der griechischen Antike, die das Schöne als πρέπων – das Angemessene oder Zweckmäßige, Gebührende, Passende, Würdige – zu bestimmen versuchte. Das decorum bildete auch das zentrale Regulativ der römischen Rhetorik. Laut den Rhetoriklehren hatte ein Redner bei der Einkleidung von Inhalten in Worte und bei der Auswahl des Redeschmucks das Prinzip der Angemessenheit zu beachten. Als wichtige Leitlinie diente ihm dabei die Dreistillehre, die in einer hierarchischen Stufenfolge festlegt, welcher Ausdrucks- bzw. Schmuckstil (genus subtile, genus medium, genus grande) für ein bestimmtes Thema, einen Adressaten oder eine Wirkungsabsicht (docere, delectare, movere) angemessen ist. Vitruv übernahm das decorum als Maßstabsinstanz in das Lehrsystem seiner Zehn Bücher über Architektur (Buch I, 2). Es sei erreicht, wenn der formale Ausdruck im richtigen Verhältnis zum Inhalt des Auftrags stehe (statio, θεματισμός), wenn alle Einzelteile und -formen aufeinander abgestimmt seien und eine Einheit bildeten (consuetudine) und wenn die Gestaltung des Bauwerks an die natürlichen Gegebenheiten und den „rechten Ort“ angepasst seien (natura).

Von Vitruv ausgehend ist das Ideal der Angemessenheit in der Architektur bis an die Schwelle der Gegenwart wirkmächtig. Im Verlauf der Architekturgeschichte durchläuft es jedoch einen stetigen Bedeutungswandel. In Renaissance und Barock war das decorum die allgemeine Gestaltungsgrundlage der Architektur. Der rhetorisch geschulte Humanist Leon Battista Alberti griff um 1450 den antiken Begriff in De re aedificatoria wieder auf. Er übertrug das System der drei rhetorischen Stillagen auf die Architektur, indem er die Gebäude hinsichtlich ihres Schmucks (ornamentum) in drei Gattungen einteilte: eine hohe (Sakralbauten), eine mittlere (öffentliche Profanbauten) und eine niedere (Privatbauten). Bei seinen eigenen Bauten achtete er stets auf die Kongruenz von Inhalt und sprachlicher Form, indem er etwa den Einsatz antiker Würdemotive wie Säulenbogenstellungen, Triumphbögen oder Tempelfronten gemäß den Vorgaben des decorum sorgfältig an die jeweilige Bauaufgabe anpasste.

Serlio ging im 16. Jahrhundert noch einen Schritt weiter. Er systematisierte und hierarchisierte die fünf Säulenordnungen und ordnete ihnen inhaltliche und ikonografische Bestimmungen zu. Seine Regole generali als Leitfaden benutzend konnte nun jeder Architekt die Säulenordnungen so verwenden, dass sein Gebäude dem Ideal des decorum genügte. Diese Aufgabe war durchaus komplex, denn zu beachten war sowohl die Angemessenheit der Ordnung für die Bauaufgabe insgesamt (äußere Angemessenheit) als auch für jedes einzelne Element gemäß seiner Stellung am Bauwerk (innere Angemessenheit). Darüber hinaus mussten auch die Hierarchie der Funktionen sowie die Eigenschaften, Tugenden und die soziale Stellung des Bewohners zum Ausdruck kommen.

Serlio begründete damit die Tradition einer ‚sprechenden Architektur‘, die bis ins 20. Jahrhundert hinein Bedeutung besitzt. Jacques-Francois Blondel erweiterte im 18. Jahrhundert den Begriff der Angemessenheit, indem er den einzelnen Bauaufgaben und Bautypen definierte Ausdrucksformen zuordnete, die er als „caractère“ bezeichnete. Höchster caractère ist das Erhabene (sublime), das Sakralbauten, öffentlichen Gebäuden und Grabmälern berühmter Persönlichkeiten vorbehalten ist. Die utopische Revolutionsarchitektur steigerte und überzeichnete diese Grundsätze schließlich in Maßstab und explizitem Ausdruck zu einer architecture parlante, deren immensité (Unermesslichkeit) das Ideal der Angemessenheit letztlich ad absurdum führte.

Unter völlig neuen Vorzeichen und mit einer Wendung, die in die Moderne weist, knüpfte man im 19. Jahrhundert an die Idee der sprechenden Architektur an. Die Form, als „zur Erscheinung gewordene Idee“ (Semper) sollte nun in Einklang mit Zweck, Konstruktion und Material entstehen und diese auf angemessene Weise zum Ausdruck bringen. Selbst die funktionale Ästhetik des frühen 20. Jahrhunderts schließt an das antike Ideal des decorum an. So klingen in Henry Van de Veldes Forderung, dass „der Bau und seine äußere Gestalt seinem eigentlichen Zweck und seiner naturgemäßen Form vollkommen angemessen seien“ die rhetorischen Tugenden des inneren und äußeren decorum an.

Heute drängen vor dem Hintergrund des Klimawandels, der Ressourcenknappheit und der Energiekrise neue Belange des Bauens in den Vordergrund, und es ist notwendig, die Frage nach dem decorum neu zu stellen und zu justieren. archimaera lädt daher zu einer Auseinandersetzung mit dem Topos der Angemessenheit in der Architektur aus architektonischer, architekturhistorischer, architekturtheoretischer und denkmalpflegerischer Sicht ein. Sehr erwünscht sind neben wissenschaftlichen Beiträgen auch künstlerische Reflexionen und Projekte, die eine neue Perspektive auf das Thema eröffnen:

Fehlt der aktuellen Architektur ein Angemessenheitsdiskurs? Falls ja: wie ließe sich Angemessenheit zeitgemäß definieren? Bieten reduktive Strategien wie das ‚kreative Unterlassen‘ oder die Forderung nach einem Abrissmoratorium Anknüpfungspunkte für einen neuen Angemessenheitsdiskurs mit der Betonung auf sufficiency (Hinlänglichkeit, Zulänglichkeit, Auskömmlichkeit)? Kann das Ideal der Angemessenheit einen Beitrag zur Entwicklung einer neuen Ästhetik der Nachhaltigkeit und des Re-Use leisten? Und inwiefern können wir an die sozialen und ethisch-moralischen Orientierungspunkte anknüpfen, die das Ideal der Angemessenheit beinhaltet, etwa vor dem Hintergrund der Achtung eines angemessenen Verhältnisses zwischen privatem und öffentlichem Leben oder einer neuen Architektur der Gemeinschaft? Welche Richtlinien müssen wir uns – ganz praktisch – auferlegen, um mit vorhandenen Ressourcen angemessen und maßvoll umzugehen? Müssen diese Richtlinien pauschal wirken oder gibt es gut begründete Ausnahmen? Verfolgen wir den Pfad von Hightech-Lösungen oder ist ein zukunftsweisender Lowtech-Gedanke zu entwickeln? Ist es die Architektur oder unser Lebensstil, den wir ändern müssen? Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob wir die Architektur bloß in technischen Details anpassen müssen oder ob Architektur unter dem Druck eines „alternativlosen“ Handelns grundsätzlich anders gedacht werden muss.

Bitte senden Sie Vorschläge für Beiträge in Form eines Exposés von max. 2.500 Zeichen bzw. einer Arbeitsprobe (max. 3 MB) bis zum 1. März 2023 an folgende Mailadresse:
angemessenheit(at)archimaera.de
Betreffzeile: archimaera No. 11

Die Auswahl der Beiträge erfolgt bis zum 18. März 2023.
Die ausgewählten Beiträge sind in ausgearbeiteter Form bis zum 11. Juni 2023 einzureichen.

Fristen:
1. März 2023 (Exposés)
11. Juni 2023 (Beiträge)

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Extended deadline!
[English version]

Call for papers: archimaera #11: ANGEMESSENHEIT – APPROPRIATENESS/DECORUM.

When conceiving buildings, architects are faced with the challenge of reconciling numerous and sometimes contradictory interests. It is both their task and art to weigh the individual concerns against each other and develop a project that strikes the right balance. When placing a new building on a site, they have to take into account the locality's climatic conditions and topography as well as its urban, social and architectural contexts. When designing the building's shape, architects must ask themselves how they can meet economic and functional requirements, select the right building material, conceive a suitable structure and satisfy their aesthetic aspirations and the client's desire for representation.

Since antiquity, the term and trope of decorum has addressed the complexity of architectural endeavours. Decorum derives from the Latin verb decere, which carries ambivalent meanings. It can be translated to 'to adorn, grace or dress' as well as to 'be decorous, proper or decent'. As a key term in the history of architecture, decorum refers to the appropriate relationship between form and content and eventually enables the architect to bring the various categories and requirements – firmitas, utilitias, venustas – into a meaningful relationship.

It was Vitruvius who first adopted the term for architecture and at the same time defined its meanings and connotations. However, the origins of decorum are much older. Already in the Greek writings on art theory, decorum appears as a means of evaluation and judgement. In these texts, the beautiful was equated with the Greek word 'πρέπων', which translates as purposefulness, decency, propriety, fitness and worthiness. Furthermore, decorum was an integral part of the set of rules of Roman rhetoric. According to the Roman teachers of rhetoric, decorum had to guide the speaker when he dressed up contents with words and embellished speeches with rhetorical figures. The genera dicendi (three-style system of speech) offered orators a hierarchical sequence of different styles of speech (genus subtile, genus medium, genus grande), each of which had to be chosen with care for certain topics, addressees or intended effects (docere, delectare, movere). All these notions are embodied in Vitruvius' concept of decorum (Ten books on architecture, book 1.2), which gave architects powerful criteria to measure the quality of their work. They had to find the right balance between formal expression and the actual purpose of a building project (statio, θεματισμός), by bringing all individual building elements and parts into a harmonious relationship so that they form a unity (consuetudine), and by conceiving a design that fits the natural preconditions of the site (natura).

Since the times of Vitruvius, the ideal of decorum has had a significant impact on the history of Western architecture right up to the present day. However, the understanding of decorum has changed over the past centuries. For Renaissance and Baroque architects, decorum provided a universal criterion for evaluating their designs. The rhetorically erudite humanist Leon Battista Alberti was the first to recall the ancient concept of decorum in his work De re aedificatoria. He introduced the three-style system of rhetorics into architecture by categorising buildings based on their decoration (ornamentum), listing a superior (sacred buildings), a regular (public buildings) and an inferior (private buildings) category. As an architect, Alberti always sought coherence between a purpose of a building and its linguistic expression, adopting ancient architectural motifs according to the nature of a given project, such as arcades with columnar orders, triumphal arches and temple facades.

In the sixteenth century, Sebastiano Serlio elaborated on Alberti's theorem. He systematically arranged the five orders into a hierarchy and determined iconographic and contextual connotations for each of them. According to Serlio's Regole Generali, every architect was now in a position to use the columnar orders in such a way that his buildings met the requirements of decorum. This was by no means a simple undertaking, for architects still had to consider the appropriateness of an order to a specific project (external appropriateness), as well as that of each part of a building according to the function it had to fulfil in the overall design of the building (internal appropriateness). Moreover, architects had to express the qualities, virtues and social rank of the client with their designs.

With his rule book for the orders, Serlio initiated the tradition of a 'speaking architecture' that continued to influence architects well into the twentieth century. Jacques-Francois Blondel expanded the idea of decorum in the eighteenth century by assigning specific expressions and forms to individual building tasks and types. He also divided this appropriation of decorum, which he called “caractère”, into hierarchically ordered categories, of which the sublime character was the most important and reserved for sacred, public and funerary buildings. The often utopian works of later eighteenth-century architects overcoloured Blondel's take on decorum by increasing the scale and exaggerating the expression of their designs to achieve an immensité (inscrutability) that ridiculed the decorum's ideal of appropriateness.

Architects of the nineteenth century embraced the idea of a 'speaking architecture', albeit starting from quite different premises and with a clear conceptual turn that eventually led to modernism. The form of a building was understood as the “manifestation of an idea” (Semper) and was to be in line with the purpose, construction and expression of a building. Even the functional aesthetics of the early twentieth century can be linked to the early-modern categories of decorum by reading Henry Van de Velde's proclamation that “a building and its external gestalt ought to be appropriate to its very purpose and natural form”.

Today, against the background of climate change, limited resources and the energy crisis, the building sector faces new challenges and it is therefore necessary to re-evaluate the meaning of decorum for contemporary architecture. archimaera thus invites architects, preservationists and architectural historians as well as theorists to explore the topos of decorum. We would be particularly pleased to receive not only scholarly papers, but also artistic contributions that provide new insights into our topic. With our new issue of archimaera, we would also like to ask whether there is a lack of discourse on appropriateness in architecture today.

If so, how might we redefine decorum in a more contemporary understanding? Could newer design strategies such as the conscious and creative discontinuation of common building practices or the call for a moratorium on the demolition of buildings serve as starting points, considering that both emphasise the aspect of sufficiency, which is already embodied in the general idea of decorum? Could the ideal of decorum inform the ongoing development of an architectural aesthetics of sustainability and re-use? And how might one tie in with social and ethical-moral standards already addressed by the ideal of decorum, such as consideration of an appropriate relationship between public and private life, and the virtue of community in architecture? What practical guidelines do we need to establish in order to arrive at an appropriate handling of our limited resources? Do these guidelines need to be universally binding or are exemptions necessary? Do we face our current crises with new technologies or do we need to propagate future-oriented low-tech solutions? Do we need to change architecture or our lifestyle? Not least, we need to ask ourselves whether we only need to change some technical details of our buildings or whether we have to fundamentally rethink architecture by recognising the necessity of a new conduct to which there are no alternatives.

Please send your proposals as an exposé of max. 2.500 characters or as a sample of work (max. 3 MB) by 1 March 2023 to the following e-mail address:
angemessenheit(at)archimaera.de
subject line: archimaera No. 11

The editorial board will evaluate submitted proposals until 18 March 2023.
Accepted exposés have to be submitted as full papers until 11 June 2023.

Dates:
1 March 2023 (Exposés)
11 June 2023 (Full Papers)

Reference:
CFP: archimaera #11: Angemessenheit – Appropriateness/Decorum. In: ArtHist.net, Dec 2, 2022 (accessed Mar 3, 2024), <https://arthist.net/archive/38078>.

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