CFP Sep 15, 2021

Postphallische Männlichkeit? (Bochum, 16-17 Feb 22)

Ruhr-Universität Bochum, Feb 16–17, 2022
Deadline: Oct 31, 2021

Prof. Dr. Änne Söll

[English version below]

Postphallische Männlichkeit? Maskuline Körper in der Kunst seit 1970

Workshop im Rahmen des DFG-Projekts „Männlichkeiten im Umbau. Männerkörper zwischen phallischen und postphallischen Visionen in der Kunst seit 1970“
Marie-Jahoda-Center for International Gender Studies und Kunstgeschichtliches Institut der Ruhr-Universität Bochum

Organisatorinnen: Prof. Dr. Änne Söll, Katharina Boje, M. A. und Maike Wagner, M. A.

Seit den 1970er Jahren unterliegen Männlichkeiten im Zuge der Herausforderungen der Frauenemanzipation, der Sichtbarwerdung bzw. teilweisen Legitimierung queerer Lebensentwürfe sowie der zunehmenden Optimier- und Regelbarkeit männlicher Körper und ihrer Sexualität durch eine medikalisierte Körperpolitik drastischen Wandlungen: Was zuvor als ‚natürlich‘ männliche Eigenschaften gedacht wurde, steht nun zunehmend zur Disposition. Zu beobachten sind einerseits fluidere Männlichkeitsentwürfe, die auch als weiblich gedachte oder queere Eigenschaften inkorporieren können oder mit bisherigen Modellen von Männlichkeiten brechen, andererseits ist der Rückgriff auf traditionelle Männlichkeitskonzepte und deren Stärkung zu verzeichnen.
Vor diesem Hintergrund der kulturhistorischen und geschlechterpolitischen Dynamiken möchten wir im Workshop künstlerische Verfahren seit den 1970er Jahren diskutieren, die zwischen Dekonstruktion und Re-Etablierung phallischer Männlichkeit bzw. dem tradierten Konnex von Phallus und Penis changieren. Insbesondere möchten wir dabei auch ein Augenmerk auf kritische Aneignungen und Umdeutungen männlich konnotierter Potenz- und Kreativitätsvorstellungen sowie künstlerische Inszenierungen des Penis als Zeichen und Symbol phallischer Männlichkeit und männlicher Kreativität legen.
Wir gehen davon aus, dass nach einer dekonstruktiven Phase der 1970er und 80er Jahre, in der das männliche Glied als Zeichen männlicher Macht und künstlerischer Potenz v. a. durch feministische Künstler*innen aufgegriffen und demystifiziert wurde, der Penis nun im Sinne Paul Preciados als „Spielzeug“ künstlerisch neu definiert, instrumentalisiert und somit auch künstlerische Kreativität neu gedacht wird (Preciado, Paul: Kontrasexuelles Manifest, Berlin 2003 (2002), hier S. 56-67). So beschreibt Preciado die Replik des Penis in Form des Dildos aus queer-theoretischer Sicht als Mittel zur De-Naturalisierung des Penis, indem ihm das politische Potenzial inhärent sei, die heterosexuelle Geschlechterordnung und damit Maskulinität in Frage zu stellen. Ferner besteht nach Peter Rehbergs Forschungen zur „postphallischen“ Pornografieproduktion nunmehr gar die Möglichkeit, „Männlichkeit vom Regime der Maskulinität“ abzulösen (Rehberg, Peter: Hipstar porn. Queere Männlichkeiten und affektive Sexualitäten im fanzine butt, Berlin 2018, hier S. 162).

Um uns im Workshop an der Ruhr-Universität, der am Abend des 16. Februar mit einer online keynote lecture von Professor Amelia Jones (University of Southern California) starten wird, den künstlerischen Visualisierungen von Männlichkeit seit 1970 bis in die Gegenwart zu widmen, freuen wir uns auf Beiträge, die sich an bspw. folgenden Fragen orientieren, jedoch nicht auf diese beschränkt sein müssen:

- Welches kritische Potenzial haben künstlerische Visionen postphallischer Männlichkeiten? Wie sehen die künstlerischen Alternativen zu phallischer Männlichkeit aus? Wird diese gänzlich abgelöst, variiert oder transformiert?
- Wie wird die neuartige ‚Regelbarkeit‘ männlicher Körper, ihrer Sexualität und Potenz von Künstler*innen verhandelt?
- Wie wird dadurch männlich konnotierte Kreativität neu gefasst? Wie erscheint die Verbindung zwischen kreativer und männlicher sexueller Potenz im Kreativitätsimperativ in postmodernen Gesellschaften?
- Wie wird der Widerspruch zwischen dem Aufleben phallischer Männlichkeiten und postphallischen Alternativen künstlerisch aufgegriffen?
- Wie wandeln sich Vorstellungen männlicher Körper, Sexualität, Potenz und Kreativität unter den Vorzeichen queerer Identitätsentwürfe?
- Wie werden phallische Machtinsignien künstlerisch angeeignet und welche neuen Formen von Körperlichkeit und Gender entstehen dabei?
- Wie greifen postphallische Männlichkeitsentwürfe in der Kunst aktuelle soziokulturelle und politische Entwicklungen auf und reflektieren diese?
- Wie lassen sich künstlerische Entwürfe postphallischer Männlichkeiten intersektional betrachten?

Willkommen sind Beiträge aus den Kunst- und Kulturwissenschaften, der Geschlechterforschung, den Medienwissenschaften sowie fachverwandten Disziplinen. Bitte senden Sie bis zum 31. Oktober 2021 einen Abstract (ca. 300 Wörter) sowie einen kurzen CV an Katharina Boje, M. A. (Katharina.Bojerub.de). Rückmeldung erfolgt Ende November.

Die ausgesuchten Workshopteilnehmer*innen werden gebeten, einen etwa 20-minütigen Vortrag für den 17. Februar 2022 vorzubereiten und reichen bis zum 1. Februar 2022 ein englischsprachiges Paper von 5 bis 10 Seiten Ihres Vortrags ein, das allen Teilnehmenden vorab bereitgestellt wird, um eine intensive Diskussion zu ermöglichen. Arbeitssprachen während des Workshops sind Englisch und Deutsch.

Wir planen, den Workshop vor Ort an der Ruhr-Universität zu veranstalten. Sollte dies jedoch angesichts der Entwicklungen der COVID-19-Pandemie nicht möglich sein, wird der Workshop online über Zoom stattfinden. Reise- und Übernachtungskosten werden übernommen.

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Postphallic Masculinity? Masculine Bodies in Art since 1970

Workshop as part of the DFG project "Masculinities Under (Re)Construction. Male Bodies Between Phallic and Post-Phallic Visualizations in Art since 1970"
Marie-Jahoda-Center for International Gender Studies and the Art Historical Institute of the Ruhr-Universität Bochum

Organized by Prof. Dr. Änne Söll, Katharina Boje, M. A. and Maike Wagner, M. A.

Since the 1970s, masculinities have undergone drastic changes as they face the challenges of women's emancipation, the visibility and, to some extent, legitimization of queer lifestyles, as well as the increasing ability to optimize and regulate male bodies and their sexuality through a medicalized body politics: What were once considered "natural" male qualities are now increasingly a matter of debate. On the one hand, we see more fluid concepts of masculinity incorporating conventionally feminine or queer qualities, as well as concepts that reject earlier models of masculinity altogether; on the other hand, we see the resuscitation and reinforcement of traditional concepts of masculinity.
Against the backdrop of these cultural-historical and gender-political dynamics, we would like to discuss artistic practices since the 1970s that oscillate between the deconstruction of phallic masculinity – that is, of the traditional connection between phallus and penis – and its re-establishment. In particular, we would like to pay attention to critical appropriations and reinterpretations of masculine potency and creativity, as well as artistic renderings of the penis as a sign and symbol of phallic masculinity and male creativity.
We start from the premise that, after a deconstructive phase in the 1970s and 80s, in which the male member was taken up and demystified as a sign of male power and artistic potency, especially by feminist artists, the penis, now as a "toy" in the sense of Paul Preciado, is being artistically redefined and instrumentalized, so that artistic creativity is, in turn, being rethought (Preciado, Paul: Kontrasexuelles Manifest, Berlin 2003 (2002), hier S. 56-67). From the perspective of queer theory, Preciado thus sees the dildo, a replica of the penis, as a de-naturalizing force with the inherent political potential to undermine the heterosexual gender order and by extension masculinity. Moreover, Peter Rehberg's research on "post-phallic" pornographic production suggests there is now even the possibility of detaching "male identity from the regime of masculinity" (Rehberg, Peter: Hipstar porn. Queere Männlichkeiten und affektive Sexualitäten im fanzine butt, Berlin 2018, hier S. 162).

The workshop at Ruhr University revolves around artistic visualizations of masculinity from 1970 to the present and begins on February 16, 2022, with an online keynote lecture by Professor Amelia Jones (University of Southern California). We welcome contributions oriented on, but not necessarily limited to, the following questions:

- What is the critical potential of artistic visualizations of post-phallic masculinity? What do these artistic alternatives to phallic masculinity look like? Is it entirely supplanted, varied, or transformed?
- How do artists deal with the new ability to "regulate" male bodies, their sexuality and potency?
- How do they revise the notion of masculine creativity as a result? How does the connection between creativity and male sexual potency manifest itself within the creativity imperative in postmodern societies?
- What is the artistic response to the paradoxical resurgence of phallic masculinities alongside the emergence post-phallic alternatives?
- How do conceptions of male bodies, sexuality, potency, and creativity change in the context of queer identities?
- How are phallic insignia of power artistically appropriated and what new forms of corporeality and gender emerge in the process?
- How do postphallic concepts of masculinity in art take up and reflect on current socio-cultural and political developments?
- How can artistic conceptions of postphallic masculinities be viewed intersectionally?

Contributions are welcome from the fields of art and cultural studies, gender studies, media studies, and related disciplines. Please send an abstract (approx. 300 words) and a short CV by October 31, 2021 to Katharina Boje (Katharina.Bojerub.de). We will inform you of our selection by the end of November.

Selected participants are asked to prepare a presentation of approximately 20 minutes to be delivered on February 17, 2022. To ensure a rich and fruitful discussion at the workshop, we ask that participants submit an English-language text (approximately 5-10 pages from their presentation) by February 1, 2022, that will be distributed to all workshop participants in advance. We will speak both German and English at the event.

Presently, we plan to hold the workshop on-site at Ruhr University. However, if this is not possible given the developments of the COVID-19 pandemic, the workshop will be held online via Zoom. Travel and accommodation costs will be covered.

Reference:
CFP: Postphallische Männlichkeit? (Bochum, 16-17 Feb 22). In: ArtHist.net, Sep 15, 2021 (accessed Oct 18, 2021), <https://arthist.net/archive/34781>.

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