Die Neue Tradition
Traditionalistischer Industriebau - industrialisierte Tradition
Tagung des Lehrstuhls für Baugeschichte und des
architekturhistorischen Projekts L des Sonderforschungsbereichs
804 "Transzendenz und Gemeinsinn" an der Technischen Universität
Dresden vom 8. bis 9. Oktober 2010
Mit der Industrialisierung, so beklagen es kulturkritische Kreise
im 19. Jahrhundert, ist eine durch Traditionen gefestigte Lebens-
und Arbeitswelt zu Grunde gegangen. Massenfabrikation,
Arbeitsteilung und Entfremdung werden zu Negativbildern für den
Traditionalismus, beginnend mit der Arts-and-Crafts Bewegung bis
zur Polemik gegen die Maschinenästhetik der progressiven Moderne
in den 1920er Jahren.
Dennoch sind es oft traditionalistische Architekten, die sich zu
dieser Zeit früher und zahlreicher als ihre Kollegen der
Avantgarde mit dem Bau von Hochhäusern, Kraftwerken und
Schleusenanlagen beschäftigen. Auch sie entdecken in den neuen
industriellen Bauaufgaben Urformen mit kompositorischer Kraft.
Sachlichkeit und Zweckform, das zeigen die "Ingenieurbauten" in
Paul Schultze-Naumburgs oder Werner Lindners Baufibeln, können
auch im Traditionalismus positiv konnotiert sein, werden dazu
jedoch aus einer Tradition der Architektur der Handwerksbetriebe
und Manufakturen hergeleitet.
Auf der anderen Seite steht auch der traditionalistische
Wohnungsbau unter dem Einfluss industrieller Fertigung. Das Gebot
nach schneller und möglichst günstiger Wohnbedarfsbefriedigung
der Massen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigte die
Grenzen einer handwerklich gestützten Architektur auf. Zwischen
den traditionalistischen Forderungen nach Geborgenheit,
geschichtlicher Verankerung und Landschaftsgebundenheit und der
andrängenden Industriealisierung entsteht ein Spannungsfeld, das
man mit alt-neuen Begrifflichkeiten, Materialien und
Konstruktionen bewältigen will.
Allgemein interessieren für diese Tagung Personen und Orte der
Begegnung von Traditionalismus und Industrialisierung. Gefragt
wird nach Kontextualisierungen technischer Einflüsse und
Produktionsmethoden in traditionalistischer Industrie als auch
industrialisierter Tradition. Welche Strategien entwickeln der
Traditionalismus und der Regionalismus im Umgang mit neuen
industriellen Fertigungsmethoden und Bauformen? Wie stellt sich
das Selbstverständnis traditionalistischer Architekten dar, die
im Industriebau tätig sind? Inwiefern kann hier Technik mit
übergeordneten Sinn und Bedeutsamkeit angereichert werden?
Ort der Veranstaltung:
Hörsaalzentrum der Technischen Universität Dresden,
Bergstraße 64, 01069 Dresden, Raum E 01, Erdgeschoss
PROGRAMM:
Freitag, 8. Oktober 2010
9:30 Hans-Georg Lippert, Dresden
Begrüßung
9:40 Kai Krauskopf, Dresden
Einführung in das Tagungsthema
Traditionalistischer Industriebau
10:00 Rudolf Fischer, München
Der Wettstreit um das Neue Bauen. Der Fabrikbau zwischen
Ingenieur und Architekt im Architekturdiskurs der Moderne
10:30 Meinrad von Engelberg, Darmstadt
"Im Rahmen des Konventionellen" - Paul Bonatz' Sektkellerei
Henkell in Wiesbaden-Biebrich 1907-1909
11:00 Kaffeepause
11:30 Thomas Gnägi, Zürich
Monumentalisierte Industriefassaden. Karl Mosers Planungen für
Fabrikationshallen der Aluminium, Stahl- und Eisenindustrie
12:00 Kai Holtin, Graz
Komposition des Vertrauten. Wasserkraftwerke an Mur und
Teigitsch
12:30 Diskussion
13:00 Mittagspause
Industrialisierte Tradition
14:30 Mary Pepchinski, Dresden
"Even at the expense of beloved, romantic memories of the
appearance/vision/guise of old farmhouses:" Industrialized
Tradition at the Berlin Building Exhibition 1931
15:00 Kerstin Arnold, Landau
Arbeitswelten - Lebenswelten. Leunawerke – Gartenstadt
15:30 Kaffeepause
16:00 Anke Blümm, Cottbus
Was ist Bodenständigkeit? - "Traditionelle Bauweise"
zwischen Wunsch und Wirklichkeit 1933-1945
16:30 Jennifer Meyer, Groningen
Tradition und Moderne in der niederländischen Architektur
am Beispiel des Architekten Johannes Fake Berghoef
Moderation: Kerstin Zaschke, Dresden
17:00 Hans-Georg Lippert, Dresden
Abschluss-Statement und Schlussdiskussion
Sonnabend, 9. Oktober 2010
9:30-14:00 Exkursion zu Hans Erlweins Schlachthof im Dresdner
Ostra-Gehege 1906–1910, Treffpunkt Hörsaalzentrum
Quellennachweis:
CONF: Die Neue Tradition (Dresden, 8-9 Oct 10). In: ArtHist.net, 03.09.2010. Letzter Zugriff 22.09.2026. <https://arthist.net/archive/32950>.