STIP 17.12.2009

2 Doktorandenstip. Wissensraeume, HKFZ Trier, Universitaet Trier

Im Rahmen der vom Land Rheinland-Pfalz geförderten Forschungsinitiative
2008-2011 sind am Historisch-Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrum
(HKFZ) Trier vorbehaltlich der Zuweisung der Mittel voraussichtlich zum
15. Februar 2010 zwei Doktorandenstipendien zu vergeben.

Das Stipendium ist zunächst auf ein Jahr befristet, in dessen Verlauf
entweder eine anderweitige Förderung eingeworben oder - vorbehaltlich
der Zuweisung der Mittel - maximal zweimal eine je einjährige
Verlängerung des Stipendiums beantragt werden kann. Eine Verlängerung
des Stipendiums setzt eine positive Evaluierung durch das HKFZ voraus.

Die beteiligten Fachgebiete, in denen die Möglichkeit zur Promotion
besteht, sind Germanistik, Geschichte, Jiddistik, Kunstgeschichte,
Medienwissenschaft, Philosophie und Romanistik.

Das Historisch-Kulturwissenschaftliche Forschungszentrum Trier (HKFZ)
bündelt Forschungsaktivitäten mit einer historischen Ausrichtung aus
verschiedenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Das historische
Forschungsinteresse geht von der Überlegung aus, dass Beiträge zum
Verständnis und zur Gestaltung aktueller gesellschaftlicher Strukturen
nur auf der Grundlage systematischer Untersuchungen ihrer historischen
Wurzeln geleistet werden können. Das Zentrum fördert eine arbeitsteilige
inter- und transdisziplinäre Forschung, um so zu Ergebnissen zu kommen,
die mit der konventionellen individuellen und einzelwissenschaftlichen
Forschungstätigkeit in den Historischen Kulturwissenschaften nicht zu
erzielen sind. Die Zusammenarbeit der beteiligten Forschungsprojekte und
Fächer erfolgt aufgrund methodischer oder inhaltlicher Verknüpfungen im
Sinne des formulierten inter- und transdisziplinären Anspruchs.
Weitere Informationen stehen auf der Homepage des Zentrums zur
Verfügung: www.hkfz.uni-trier.de

Gefördert werden im Rahmen des HKFZ Trier interdisziplinäre,
kulturhistorische Untersuchungen zum Thema "Wissensräume".

Besondere Schwerpunkte bilden dabei folgende Überlegungen:

Wissensräume: Orte, Ordnungen, Oszillationen
In segmentären, in stratifizierten wie auch in funktional
ausdifferenzierten Gesellschaften sind der Erwerb, die Vermittlung, der
Erhalt, die Umwertung und die Vernichtung von Wissensbeständen eigenen
Räumen zugewiesen. Die Koppelung von Wissen an Räume und
Raumvorstellungen erscheint nachgerade als Grundmodus okzidentalen
Denkens, der sämtliche denkbaren Kategorien des Wissens - also
kodifizierbares, propositionales, nicht-propositionales (Können,
Handeln), normatives oder alltägliches Wissen - betreffen kann.
Dabei wird der Begriff des 'Wissensraums' häufig mit in greifbaren
Gebäuden konkretisierten Orten wie denjenigen der Bibliothek, des
Archivs, des Museums, des Klosters, des Labors, der Universität, der
Schule, der Kanzlei, dem Gericht oder mit größeren topographischen
Entitäten wie der Stadt verbunden. Mit Blick auf aktuelle
Forschungsdebatten, zum Beispiel im Anschluss an Konzepte des
topographical turns im Sinne Sigrid Weigels, bzw. des topological turns,
wie er unter anderen von Stephan Günzel thematisiert wird, aber auch mit
Blick auf das alltägliche Allgemeinwissen wird hingegen deutlich, dass
der Begriff des 'Wissensraums' sowohl Orte umfasst, die in der
materiellen Welt topo- oder geographisch lokalisierbar sind, als auch
konstruierte Größen wie Herrschafts- oder Handlungs(spiel)räume.
Wissensräume sind somit verschiedenen, einander oftmals überlappenden
Modi der Verräumlichung unterworfen. Diese können eher statischer Natur
sein und sich in der Konfiguration von Räumen in Orten - verstanden als
real-and-imagined places im Sinne Edward Sojas, also gleichermaßen
sowohl als Möglichkeit eines konkreten sowie eines konstruierten Raums -
und in unterschiedlich inhaltlich gespeisten Ordnungen ausdrücken. Diese
Konfigurationen stehen zugleich in einem reziproken Verhältnis zu
prozesshaften Verräumlichungsmodi, die sich als dynamische, hybride und
häufig oszillierend gegenläufige Entwicklungen beschreiben lassen.
Solche Formierungen- und Transformierungen von Wissensräumen zeigen sich
beispielsweise in der Speicherung und/oder Löschung von Wissensbeständen
sowie in Prozessen der Hierarchisierung und/oder Heterarchisierung von
Wissen.

Wissen wird jedoch nicht nur vorgegebenen, von ihm unabhängigen Räumen
zugeordnet, sondern ist schon in seiner Formierung selbst an Prozesse
der Verräumlichung gebunden. Von besonderem Interesse sind in diesem
Zusammenhang gerade Verräumlichungen von Größen, die per se nicht schon
räumlich verfasst sind. Das HKFZ geht daher von drei Leitbegriffen aus:

Von dem Begriff des 'Orts' als zugleich räumlicher Konkretisation von
Wissensbeständen (Stadt, Kloster, Bibliothek, Archiv etc.) wie auch als
konstruierte Größe innerhalb des kulturellen Gedächtnisses einer
spezifischen Gruppe (ästhetische, virtuelle, entgrenzte Räume, contact
zones im Sinne Mary Louise Pratts, Schwellenräume im Sinne Homi Bhabhas,
Zeit-Räume etc.).
Von dem Begriff der 'Ordnung' als realer und/oder imaginierter
Systematisierung von Räumen und Wissensbeständen gleichermaßen, die sich
insbesondere in Form der einander bedingenden und überschneidenden
Wissenskulturen des Handlungs- und Spezialwissens emanieren, denen
wiederum das auf kulturelle und soziale Rudimente verweisende Allgemein-
und Alltagswissen gegenübersteht.
Sowie von dem Begriff der 'Oszillation' als Terminus zur Beschreibung
von (Trans)Formierungsprozessen, denen Wissensräume unterliegen können
und die in der Regel als Bewegung innerhalb einer dialektischen Struktur
erscheinen, also als konvergierende Prozesse der Auflösung und
Verfestigung, der Dynamisierung und Stabilisierung oder der Speicherung
und Löschung beschreibbar sind.

Aus den vorhergehenden Grundannahmen ergibt sich ein, selbstredend
erweiterbarer, Katalog denkbarer Fragen, an Hand derer im Rahmen
beispielhafter Einzelprojekte mittels kulturwissenschaftlicher
Raumtheorien eine historisch-systematische Herleitung der
Bedeutungsvarianten von 'Wissensraum' erarbeitet werden soll:
- Warum ist es sinnvoll, die Kategorie des Raums auch auf das an sich
körper- und raumlose Wissen zu applizieren?
- Warum weisen wir dieses Wissen Räumen zu?
- Gibt es nichträumliche Größen, deren Evidenz konstitutiv an
Raumvorstellungen und -bilder gebunden ist?
- Was für Konsequenzen hat diese Sicht von Wissen als Raum für die
Vollzüge, die mit Wissen, dessen Gewinn, Konservierung, Weitergabe
und
Vermehrung bzw. invers Verlust, Vernichtung, Unterdrückung und
Marginalisierung verknüpft sind?
- Inwiefern kann etwa Raum einen spezifischen Wissensbestand
stabilisieren oder dynamisieren und inwiefern im Umkehrschluss Wissen
einen Raum?
- In welchen Fällen sind die gegenteiligen Effekte von
Destabilisierung oder Stagnation zu beobachten?
- Welche gesellschaftlichen, kulturellen, mentalen oder künstlerischen
Hierarchisierungs- und Heterarchisierungsprozesse verbinden sich mit
Wissensräumen, deren Zugänglichkeit oder Unzugänglichkeit, deren
Tradierung oder Unterdrückung?
- Befördert die Anwendung der Raumkategorie auf Bestände des Wissens
immer zugleich eine Faktizität und Stabilisierung dieser Bestände,
oder sind andere, prozesshaftere, hybride oder gar gegenläufige
Entwicklungen denk- und beobachtbar?
- Kann die Legierung von Wissen und Raum auch zu einer Obliteration
des Raums führen, so wie die Zerstörung des spezifischen Raums eine
Obliteration - oder zumindest Fragmentierung - des Wissens nach sich
zieht?
- Welche anderen (nichträumlichen) Ordnungsformen von Wissen werden
durch die Konzentration auf den Raum als Ort der Strukturierung und
Archivierung von Wissen unterdrückt, marginalisiert oder schlicht
vergessen?

Prozedere für die Bewerbung
Folgende Unterlagen sind einzureichen:
- Lebenslauf mit detaillierter Darlegung des wissenschaftlichen
Werdegangs
- Kopien der Abschlusszeugnisse von Schulen und Hochschulen
- Exposé für ein Forschungsvorhaben, aus dem der Bezug zum Thema des
HKFZ ersichtlich sein soll (ca. 10-15 S. inklusive Zeitplan)

Das Exposé sollte sich an folgender Gliederung orientieren:
1. Einleitung
2. Stand der Forschung
3. Eigene Vorarbeiten
4. Fragestellung der Forschungsarbeit
5. Arbeitsplan mit Zeitplan
6. Zitierte Literatur

Höhe des Stipendiums
Die Höhe des Stipendiums beträgt monatlich EUR 1.100,-.
Die Stipendiatin/der Stipendiat muss sich verpflichten, keine
Nebenerwerbstätigkeit aufzunehmen, an den Aktivitäten des HKFZ
teilzunehmen sowie mehrere Zwischenberichte und einen Abschlussbericht
zu erstellen. Wohnsitznahme in Trier ist erforderlich.

Bewerbungen per Post sind bis zum 22.01.2010 zu richten an den
geschäftsführenden Leiter des HKFZ Trier, Prof. Dr. Martin Przybilski,
Universität Trier, Fachbereich II/ Germanistik, D-54286 Trier

Bitte beachten Sie: Die Bewerbungsunterlagen werden nicht zurückgesandt,
sondern nach Abschluss des Verfahrens vernichtet.

Weitere Informationen können bis zum 18.12.09 sowie ab dem 04.01.2010
auch bei Frau Kathrin Geldermans-Jörg eingeholt werden (Referentin der
Geschäftsführung HKFZ Trier, 0651/ 201-2318; E-Mail:
geldermansuni-trier.de)

Quellennachweis:
STIP: 2 Doktorandenstip. Wissensraeume, HKFZ Trier, Universitaet Trier. In: ArtHist.net, 17.12.2009. Letzter Zugriff 03.07.2026. <https://arthist.net/archive/32110>.

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