12.05.2011
18:30 Uhr
Akademievorlesung "Bildkulturen" Fluchtlinien der Bildkultur - Teil 1
Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, Einstein-Saal, Jägerstrasse 22/23, 10117 Berlin
Gewöhnlich herrscht die Vorstellung, für die neuzeitliche westliche Kunst sei die Zentralperspektive als Entdeckung einer vermeintlichen „richtigen“ Wiedergabe der Wirklichkeit charakteristisch. Ein Blick auf den mittelalterlichen Bischof, Theologen und Philosophen Nikolaus von Kues zeigt, dass es sich hierbei um eine Vereinfachung handelt. Horst Bredekamp und Christoph Markschies beschäftigen sich mit der Frage der Perspektive aus bildwissenschaftlicher und theologiegeschichtlicher Sicht.
In aktuellen Debatten wird zunehmend über die Virtualisierung der Bilder geredet, auch in der Annahme, Bilder verbürgen heute keinen kulturell abgesicherten Realitätsbezug mehr. Dies verwundert kaum in einer Zeit, in der allerorten künstliche Bildwelten entstehen und Bilder mit Hilfe von neuen digitalen Technologien so einfach zu arrangieren und zu manipulieren sind. Hinzu kommt eine im Rahmen einer gegenwärtigen Globalkultur schillernde Vielfältigkeit – die „Bilderflut“ – und die „wilde“ Zirkulation von Bildern aus verschiedensten kulturellen Verweisungszusammenhängen.
Dem Forschungsprogramm der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Bildkulturen“ entsprechend diskutiert die Vorlesungsreihe „Fluchtlinien der Bildkultur“ jene Aspekte, die der eher intuitiven Rede von der „Beliebigkeit“ und der „Entsicherung“ von Bildern entgegenlaufen und diese im Lichte kulturhistorischer und bildwissenschaftlicher Paradigmen relativieren. Die Vorträge stellen in unterschiedlichen Feldern die unauflösbare Rolle von Bildern für menschliche Orientierung und Sinnstiftung dar. Aufgezeigt werden aktuelle Einsichten der historischen oder theoretischen Forschung, die die tiefe Einbettung von Bildverweisen in kulturelle Räume und Praktiken anzeigt und dokumentiert. Einen Fokus bilden dabei alle Implikationen von „Perspektive“: von Fragen nach der Darstellung von Raum und seiner perspektivischen Konstruktion im Bild bis hin zu jenem zunehmenden transkulturellen Austausch von Bildern als Grundlage für die Selbstverortungen kultureller Akteure.
Die scheinbare Verselbständigung und Autonomie der Bilder und Bildwelten wird somit rückgebunden an „Bildkulturen“ und deren gesellschaftlichen und kulturellen Referenzräume, die weit in die Geschichte und die Grundverfassung des Menschen als Bilderproduzenten zurückreichen.
PROGRAMM
Der Grund der Pluri-Perspektive.
Nikolaus von Cues über den Bildraum
Christoph Markschies
Humboldt-Universität zu Berlin, Akademiemitglied
Horst Bredekamp
Humboldt-Universität zu Berlin, Akademiemitglied
Einführung und Moderation: Jochen Brüning
Humboldt-Universität zu Berlin, Akademiemitglied
Gewöhnlich herrscht die Vorstellung, für die neuzeitliche westliche Kunst sei die Zentralperspektive als Entdeckung einer vermeintlichen „richtigen“ Wiedergabe der Wirklichkeit charakteristisch. Ein Blick auf den gelehrten mittelalterlichen Bischof, Theologen und Philosophen Nikolaus von Cues (1401–1464) zeigt, dass es sich auch bei dieser Vorstellung um eine der vielen klassischen, aber problematischen Vereinfachungen über den Gang der Wissenschaftsgeschichte handelt. Da Nikolaus in seinen Schriften, insbesondere in „De visione Dei“, auch konkrete Bilder bespricht, wird sein auf eine Pluri-Perspektive hin orientiertes Denken sowohl aus bildwissenschaftlicher wie theologiegeschichtlicher Perspektive vorgestellt, im Gespräch mit der spätmittelalterlichen Diskussion kontextualisiert und in den Dialog mit gegenwärtigen Debatten gebracht.
09.06.2011
18:30 Uhr
Akademievorlesung "Bildkulturen" Fluchtlinien der Bildkultur - Teil 2
Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, Einstein-Saal, Jägerstrasse 22/23, 10117 Berlin
Im zweiten Teil der Akademievorlesungsreihe "Fluchtlinien der Bildkultur" erläutert Lambert Wiesing, warum die Fähigkeit des Menschen, etwas mit den Fingern zeigen zu können, für die Entwicklung seiner Kulturen eine so außerordentlich große Bedeutung hat. Bernd Mahr stellt dem allgemeinen Modell der Perspektivität kritische Fragen nach der kulturellen Gebundenheit unseres Weltbezugs gegenüber.
In aktuellen Debatten wird zunehmend über die Virtualisierung der Bilder geredet, auch in der Annahme, Bilder verbürgen heute keinen kulturell abgesicherten Realitätsbezug mehr. Dies verwundert kaum in einer Zeit, in der allerorten künstliche Bildwelten entstehen und Bilder mit Hilfe von neuen digitalen Technologien so einfach zu arrangieren und zu manipulieren sind. Hinzu kommt eine im Rahmen einer gegenwärtigen Globalkultur schillernde Vielfältigkeit – die „Bilderflut“ – und die „wilde“ Zirkulation von Bildern aus verschiedensten kulturellen Verweisungszusammenhängen.
Dem Forschungsprogramm der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Bildkulturen“ entsprechend diskutiert die Vorlesungsreihe „Fluchtlinien der Bildkultur“ jene Aspekte, die der eher intuitiven Rede von der „Beliebigkeit“ und der „Entsicherung“ von Bildern entgegenlaufen und diese im Lichte kulturhistorischer und bildwissenschaftlicher Paradigmen relativieren. Die Vorträge stellen in unterschiedlichen Feldern die unauflösbare Rolle von Bildern für menschliche Orientierung und Sinnstiftung dar. Aufgezeigt werden aktuelle Einsichten der historischen oder theoretischen Forschung, die die tiefe Einbettung von Bildverweisen in kulturelle Räume und Praktiken anzeigt und dokumentiert. Einen Fokus bilden dabei alle Implikationen von „Perspektive“: von Fragen nach der Darstellung von Raum und seiner perspektivischen Konstruktion im Bild bis hin zu jenem zunehmenden transkulturellen Austausch von Bildern als Grundlage für die Selbstverortungen kultureller Akteure.
Die scheinbare Verselbständigung und Autonomie der Bilder und Bildwelten wird somit rückgebunden an „Bildkulturen“ und deren gesellschaftlichen und kulturellen Referenzräume, die weit in die Geschichte und die Grundverfassung des Menschen als Bilderproduzenten zurückreichen.
PROGRAMM
Die Verbesserung des Zeigefingers
Über die Bedeutung der Zentralperspektive
Lambert Wiesing
Friedrich-Schiller Universität Jena, Mitglied der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Bildkulturen“
Das „Zeigen“ ist zum Objekt wissenschaftlicher Aufmerksamkeit geworden und dies in verschiedenen Disziplinen: Philosophen, Verhaltenswissenschaftler, Evolutionstheoretiker und Bildwissenschaftler beschäftigen sich in zunehmenden Maße mit den verschiedenen Spielarten des Zeigens, und es scheint in der gegenwärtigen Forschung so etwas wie eine gemeinsame Grundannahme zu geben, warum die Fähigkeit des Menschen, etwas mit den Fingern zeigen zu können, für die Entwicklung seiner Kulturen eine so außerordentlich große Bedeutung hat: Zeigen wird als ein erster Schritt des Menschen auf dem evolutionären Weg zur Entwicklung der Sprache gesehen – und dies scheint in der Tat überzeugend zu sein. Doch wenn man sich den Weg vom einfachen Zeigen hin zum komplexen kodierten Sprechen anschaut, so betrachtet man eine Entwicklung, bei der es zwar am Anfang, nicht aber mehr am Ende um Zeigen geht. Es gibt jedoch auch komplexe Formen des Zeigens: An erster Stelle steht das zentralperspektivische Bild, welches sich zum wahrscheinlich wichtigsten Medium entwickelt hat, das genau dann verwendet wird, wenn Menschen jemanden etwas zeigen möchten. Mit der Verwendung des Bildes verbessern sich die Möglichkeiten des Zeigens enorm. Weshalb es einen Versuch Wert ist, das zentralperspektivische Bild als ein Werkzeug zu beschreiben, das dem Zweck dient, eine elementare Fähigkeit des Menschen zu verbessern: nämlich etwas Intendiertes sehen zu lassen.
Die Perspektivität des Objektbezugs
Bernd Mahr
Technische Universität Berlin, Mitglied der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Bildkulturen“
Die von Alberti beschriebene zentralperspektivische Bildkonstruktion ist ein Mittel zur Darstellung von Räumlichkeit. Sie orientiert sich an der Geometrie des Lichts und am Modell der geometrischen Optik und ist von einem eigenen Bildbegriff getragen. Fragt man nach den Bedingungen ihrer Möglichkeit, Perspektivität zu realisieren, zeigt sich ihr paradigmatischer Charakter des Objektbezugs. Brentanos Konzeption der Intentionalität psychischer Phänomene und Freges Bedeutungstheorie folgen dem gleichen abstrakten Muster der Orientierung auf einen Gegenstand, dem sich auch die Zentralperspektive unterwirft. Der im Subjekt verankerte Inhalt des psychischen Phänomens einer Vorstellung, der objektiv existierende Sinn, der einem Zeichen gegeben ist, und das als Schnitt durch einen Kegel von Seh- oder Lichtstrahlen erzeugte zentralperspektivische Bild stehen in analogen epistemischen Beziehungen und haben die gleiche vermittelnde Funktion. Auf der Grundlage dieser Beobachtung lässt sich ein allgemeines Modell der Perspektivität entwickeln. Damit stellen sich aber sogleich auch kritische Fragen nach der kulturellen Gebundenheit unseres Weltbezugs mit Hilfe von Vorstellungen, Zeichen und Bildern.
Einführung und Moderation: Peter Deuflhard
Freie Universität Berlin, Akademiemitglied
30.06.2011
18:30 Uhr
Akademievorlesung "Bildkulturen" Fluchtlinien der Bildkultur - Teil 3
Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, Leibniz-Saal, Jägerstrasse 22/23, 10117 Berlin
Im dritten und letzten Teil der Akademievorlesungsreihe "Fluchtlinien der Bildkultur" gibt Karl-Heinz Kohl Einblick in die Intentionen melanesischer Künstler beim Anfertigen von Malanggan-Skulpturen. Diese weichen sehr stark von den Bestrebungen europäischer Künstlerinnen und Künstler ab. Melanie Trede untersucht alternative Raumdarstellungen in Malereien und Druckgrafiken aus dem vormodernen Japan und gibt Aufschluss über transkulturelle Auseinandersetzungen mit Perspektiven.
In aktuellen Debatten wird zunehmend über die Virtualisierung der Bilder geredet, auch in der Annahme, Bilder verbürgen heute keinen kulturell abgesicherten Realitätsbezug mehr. Dies verwundert kaum in einer Zeit, in der allerorten künstliche Bildwelten entstehen und Bilder mit Hilfe von neuen digitalen Technologien so einfach zu arrangieren und zu manipulieren sind. Hinzu kommt eine im Rahmen einer gegenwärtigen Globalkultur schillernde Vielfältigkeit – die „Bilderflut“ – und die „wilde“ Zirkulation von Bildern aus verschiedensten kulturellen Verweisungszusammenhängen.
Dem Forschungsprogramm der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Bildkulturen“ entsprechend diskutiert die Vorlesungsreihe „Fluchtlinien der Bildkultur“ jene Aspekte, die der eher intuitiven Rede von der „Beliebigkeit“ und der „Entsicherung“ von Bildern entgegenlaufen und diese im Lichte kulturhistorischer und bildwissenschaftlicher Paradigmen relativieren. Die Vorträge stellen in unterschiedlichen Feldern die unauflösbare Rolle von Bildern für menschliche Orientierung und Sinnstiftung dar. Aufgezeigt werden aktuelle Einsichten der historischen oder theoretischen Forschung, die die tiefe Einbettung von Bildverweisen in kulturelle Räume und Praktiken anzeigt und dokumentiert. Einen Fokus bilden dabei alle Implikationen von „Perspektive“: von Fragen nach der Darstellung von Raum und seiner perspektivischen Konstruktion im Bild bis hin zu jenem zunehmenden transkulturellen Austausch von Bildern als Grundlage für die Selbstverortungen kultureller Akteure.
Die scheinbare Verselbständigung und Autonomie der Bilder und Bildwelten wird somit rückgebunden an „Bildkulturen“ und deren gesellschaftlichen und kulturellen Referenzräume, die weit in die Geschichte und die Grundverfassung des Menschen als Bilderproduzenten zurückreichen.
PROGRAMM
Malanggan: Abbild und doppelter Tod
Karl-Heinz Kohl
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Akademiemitglied
Malanggan-Skulpturen von der melanesischen Insel New Ireland zählen zu den Glanzstücken ethnologischer Museen. In ihrer ästhetischen Ausgestaltung stehen sie den großen Werken der europäischen Kunst kaum nach. Doch waren die Intentionen, die melanesischen Künstler mit ihnen verbanden, ganz anderer Art. Während klassische europäische Kunst bestrebt ist, Vergänglichkeit zu überwinden, war das Vergessenmachen der Toten das Ziel der Rituale, für die die Malanggan-Figuren hergestellt worden waren. Sobald sie ihren Zweck erfüllt hatten, versteckte man sie im Wald, um sie dort verrotten zu lassen, oder versuchte, sich ihrer auf andere Weise zu entledigen. Paradoxerweise verdankt sich dieser Form des Umgangs mit dem Tod die Tatsache, dass in europäischen Sammlungen so viele Malanggan-Skulpturen erhalten geblieben sind.
Linearperspektive! – „Die aperspektivische Methode ist ‚wahrer‘ “
Japanisch-europäische Blickwechsel
Melanie Trede
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Mitglied der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Bildkulturen“
Flächig, dekorativ und mit viel Leere – so wird häufig in Europa japanische Malerei beschrieben. Diese Einschätzung hat viel mit der Prominenz japanischer Farbholzschnitte für die europäische Avantgarde des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu tun, wurden diese doch geschätzt wegen ihres experimentellen Umgangs mit Komposition, reduzierter Volumenwiedergabe und flächigem Pigmentauftrag. „Mit wahrer Pinsel-Methode hat das ganz und gar nichts zu tun: Solche Bilder mögen zwar gekonnt sein, bleiben aber im Handwerklichen stecken“, so lautet einerseits ein ostasiatisches Urteil des 18. Jahrhunderts über europäische Malerei. In spezifischen Intellektuellen- und Künstlerkreisen wurde gleichzeitig die „westliche Malerei“ allerdings auch gelobt als die Realität wirklicher abbildend und entsprechend adaptiert. Ausgehend von Malereien und Druckgrafiken insbesondere aus dem vormodernen Japan nimmt der Vortrag deren reichhaltige alternative Raumdarstellungen unter die Lupe. Malereitraktate und zeitgenössische Kommentare erhellen zusätzlich die transkulturelle Auseinandersetzung mit Perspektiven.
Einführung und Moderation: Margit Kern
Freie Universität Berlin, Mitglied der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Bildkulturen“
Quellennachweis:
ANN: Akademievorlesungen: Fluchtlinien der Bildkultur (BBAW, Berlin). In: ArtHist.net, 04.05.2011. Letzter Zugriff 16.10.2026. <https://arthist.net/archive/1321>.