Der Halberstädter Domschatz, seit 2020 Eigentum der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, besitzt den größten geschlossenen Bestand mittelalterlicher Textilien, der sich weltweit erhalten hat. Nirgendwo – an keiner französischen Kathedrale, an keiner römischen Basilika – haben sich mehr liturgische Textilien des Mittelalters erhalten, nur der Paramentenbestand der Danziger Marienkirche war mit dem Halberstädter vergleichbar.
Die Erhaltung so vieler Paramente des Halberstädter Domes hängt mit der späten und unvollständigen Einführung der Reformation am Halberstädter Domkapitel zusammen. Das Kapitel hatte bis zu seiner Auflösung im Jahr 1810 immer auch einige katholische Mitglieder, obwohl die Lutheraner in der Mehrheit waren. Aber auch diese pflegten eine Liturgie, die sich in ihrem äußeren Erscheinungsbild nur wenig von derjenigen der vorreformatorischen Zeit unterschied. Die liturgischen Gewänder und sonstigen Textilien blieben also vor allem aufgrund der „bewahrenden Kraft des Luthertums“ (Johann Michael Fritz) erhalten. Wäre der Dom katholisch geblieben, hätte man die alten Paramente zweifellos im Laufe der Zeit weitgehend durch neue Stücke ersetzt. Allerdings wurden auch in Halberstadt nach und nach einige neue Textilien angeschafft, die der neue Katalog ebenfalls vorstellt.
Und ebenso wie der Halberstädter Textilienbestand einmalig ist, ist es auch der im Oktober 2025 erschienene fünfbändige Katalog, bearbeitet von Barbara Pregla und Anja Preiß sowie von Evemarie Schaper, der die textiltechnischen Analysen zu verdanken sind. Es ist eine Publikation der Superlative: fünf Bände mit insgesamt 2227 Seiten, 1242 meist farbigen Abbildungen sowie 283 Schnitt- und Musterzeichnungen. Erschienen ist der Katalog im Verlag der Abegg-Stiftung im Schweizer Riggisberg. Um es bereits vorab zu sagen: Nicht nur die äußeren Daten sind beeindruckend, sondern auch der Inhalt. Es handelt sich um eine Arbeit auf höchstem Niveau – und um eine Publikation, die auch nach Maßstäben der Abegg-Stiftung herausragend ist. Nicht zuletzt bieten die fünf Bände ein einmaliges ästhetisches Vergnügen.
Genau 400 Katalognummern listet die monumentale Publikation auf. Der Katalog gliedert den Bestand nach Sachgruppen und entspricht damit dem Brauch vieler mittelalterlicher Inventare. Diese Gliederung bot sich auch deshalb an, weil zusammengehörende Ornate (Bd. 1, Kat.-Nr. 34, Bd. 2, Kat.-Nr. 71 und Bd. 3, Kat.-Nr. 144) in Halberstadt selten sind, auch wenn es mehrere Paare von Levitengewändern, also Dalmatiken und Tunizellen gibt.
Am Beginn stehen die liturgischen Obergewänder beginnend mit den Kaseln und einigen separat überlieferten Kaselkreuzen (Kat.-Nrn. 1–48). Diese Objekte werden – nach den einführenden Texten – im ersten Band behandelt. Im zweiten Band folgen die Dalmatiken (Kat.-Nrn. 49–74) sowie die Pluvialia und Pluvialbesätze (Kat.-Nrn. 75–100). Im ersten Teil des dritten Bandes sind weitere Ornatbestandteile (Kat.-Nrn. 101–177) enthalten: Gürtel und Schultertücher, Manipel und Stolen, auch die bedeutenden Mitren sowie die Pontifikalhandschuhe, ‑strümpfe und ‑schuhe, ebenso einige Grabfunde. Im zweiten Teil des dritten Bandes (Kat.-Nrn. 178–206) folgen dann eine textile Hostiendose und mehrere Korporalienbehälter sowie die Pallen und Kelchvelen, schließlich noch ein einzelnes Schultervelum. Der vierte Band ist den „Paramenten am Altar und im Kirchenraum“ gewidmet (Kat.-Nrn. 207–275). Unter diesen sind die kostbaren großen Bildteppiche sowie die Kirchenfahnen besonders bedeutsam. Außerdem finden sich hier Skulpturenbekleidungen sowie wenige „weitere Textilien“, bis hin zu einer Strickmütze (Kat.-Nr. 271), die wohl nur zufällig in den Bestand des Domschatzes gelangt ist. Der fünfte und letzte Band enthält einige nicht zuzuordnende Borten und Stoffe (Kat.-Nrn. 276–294) sowie über hundert Textilien, die der Reliquienverwahrung dienten (Kat.-Nrn. 295–400), darunter nicht wenige ausgesprochen rätselhafte Stücke. Am Ende des Bandes stehen fünf klug ausgewählte „resümierende Beiträge“.
Die Texte stammen von Barbara Pregla, die den Halberstädter Textilbestand seit 1995 betreut hat, sowie von Anja Preiß, die seit 2015 an dieser Arbeit mitwirkte. Sie hat die Bildteppiche, Altartücher und die spätmittelalterlichen gestickten Paramentenbesätze bearbeitet. Niemand als die Autorinnen wäre in der Lage gewesen, den Katalog zu schreiben, denn ein solches Werk kann nur aus sehr langer Vertrautheit mit den Objekten erwachsen. Die Informationen, die in die Texte eingeflossen sind, reichen aber noch weiter zurück. Schon im 19. Jahrhundert hat es Versuche gegeben, den Domschatz und seine Textilien zu inventarisieren. Im 20. Jahrhundert waren es vor allem Friedrich Bellmann und Friederike Happach, die an einem derartigen Inventar gearbeitet haben. Seit 1982 wurde Friederike Happach von Evemarie Schaper unterstützt, die die textiltechnischen Untersuchungen erarbeitet hat, die im nun vorliegenden Katalog enthalten sind. Die heutigen Autorinnen wollten vor allem die Leistung von Friederike Happach ehren und haben ihrem Andenken den vorliegenden Katalog gewidmet.
Die erste Stärke des Katalogs ist seine Vollständigkeit. Die Bestände wurden über Jahrhunderte für den Halberstädter Dom erworben, sie wurden hier genutzt und blieben immer am selben Ort erhalten. Und dieser historische Gesamtbestand wird nun erstmals in vollem Umfang abgebildet und kritisch untersucht. Diese Tatsache kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Es sind zwar mit Sicherheit im Laufe der Jahrhunderte liturgische Textilien verloren gegangen, schon allein auf Grund natürlicher Abnutzung, dennoch dürfte der Kern des Bestandes bewahrt worden sein, und zwar in seiner ganzen Vielfalt. Damit besitzt der Halberstädter Bestand eine exemplarische Bedeutung. Das gilt bereits für die breitgestreute Herkunft der Gewänder sowie der verwendeten Gewebe. In dieser Hinsicht wird im Katalog immer wieder auf Bischof Konrad von Krosigk (gestorben 1225) eingegangen, der – wenn auch unfreiwillig – am Kreuzzug von 1204 teilgenommen hat und der aus Konstantinopel eine Reihe von kostbaren byzantinischen Geräten und Textilien nach Halberstadt mitbrachte. Wie er 1208 in der Urkunde schrieb, mit der er der Domkirche wichtige Stücke überließ, habe er diese insbesondere von Kaiser Alexios IV., auf dessen Bitten der Kreuzzug nach Konstantinopel umgelenkt worden war, geschenkt bekommen. (Woran übrigens kaum zu zweifeln ist.) Leider ist von den byzantinischen Textilien, die die Urkunde von 1208 auflistet, nur sehr wenig erhalten. Die ausführliche Analyse der zweifellos von Konrad an den Dom übergebenen byzantinischen Velen (Band 4, Kat.-Nrn. 232 und 233) gehört zu den besonders lesenswerten Teilen des Katalogs.
Die meisten Gewebe, die sich heute im Bestand des Domschatzes befinden, dürften aus Italien stammen, auch wenn orientalische Stoffe ebenfalls vertreten sind. Entstanden ist die Mehrheit der erhaltenen Gewebe und Gewänder im späteren Mittelalter, es gibt aber auch aus nachreformatorischer Zeit viele Stücke, die durch diesen Katalog überhaupt zum ersten Mal bekannt werden und die für die konfessionellen Verhältnisse im Halberstadt der frühen Neuzeit sehr interessant sind. Bisher konzentrierte sich die Forschung auf Gewänder des Hochmittelalters, die tatsächlich besonders interessant sind. Erwähnt sei beispielsweise die berühmte rote Dalmatik aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts (Band 2, Kat.-Nr. 49) oder die etwas jüngere Mitra (Band 3, Kat.-Nr. 153). Die beiden Stücke zieren jeweils die Schutzumschläge ihrer Bände.
Anhand der Mitra sei ein typischer Katalogeintrag kurz vorgestellt. Nach allgemeinen Angaben zu Datierung und Material werden „Bestand und Bearbeitung“ vorgestellt. Hier wird das Objekt beschrieben, und es wird eine Rekonstruktion des Herstellungsprozesses gegeben. Danach werden die Bestandteile nochmals einzeln vorgestellt, in diesem Fall der cremeweiße Halbseidensamt und die Perlstickerei. Anschließend erfolgt eine ausführliche „Einordnung“, in der besonders auf die Ikonographie eingegangen wird, denn auf der Mitra sind vier recht bekannte, der Tierwelt entnommene Typologien des Opfertodes Christi sowie der Auferstehung dargestellt: Phönix, Adler, Löwe und Pelikan. Schließlich werden die Altinventare genannt und die Forschungsliteratur. Dank des hier vorgestellten Bearbeitungsschemas, das im Einzelfall variiert wird, erreichen die Autorinnen jeweils die sinnvollste Bearbeitungstiefe. Angesichts des jetzt schon sehr großen Gesamtumfangs des Werkes haben sie sich aber mehrfach spürbar zurückgehalten.
Einen besonders wichtigen Bestand innerhalb des Domschatzes bilden die Bildteppiche. Herausragende Werke sind der Abraham-Engel-Teppich (Bd. 4, Kat.-Nr. 241), der Christus-Apostel-Teppich (Bd. 4, Kat.-Nr. 242) sowie der Karlsteppich (Bd. 4, Kat.-Nr. 245). Sie stellen die übrigen Halberstädter Bildteppiche ein wenig in den Schatten, selbst den großen Wirkteppich mit Szenen aus dem Marienleben (Band 4, Kat.-Nr. 249), der zweifellos ebenfalls ein Meisterwerk ist. Der Katalog behandelt nun erstmals den im Domschatz erhaltenen Gesamtbestand der bildtragenden Teppiche, Antependien, Behänge usw. Dadurch wird exemplarisch erkennbar, wie bedeutsam diese Objekte waren. Eine Tatsache, die schon im 18. Jahrhundert zur Anfertigung mehrerer, teils recht genauer Kopien mittelalterlicher Teppiche führte. Auch diese Objekte (Band 4, Kat.-Nrn. 243 und 244) werden vorgestellt und gewürdigt.
Der Katalog legt notwendigerweise den Schwerpunkt auf die einzelnen Objekte. Im letzten Band gibt es dennoch fünf „resümierende Beiträge“, die tatsächlich sehr zur Abrundung beitragen. Besonders hervorgehoben seien die „Bemerkungen zum Überlieferungsumfang der Paramente sowie zur zeitlichen Verteilung und Schnittentwicklung der liturgischen Obergewänder“ (Band 5, S. 204–237). Bis heute werden bekanntermaßen die Vorstellungen über die Entwicklung der liturgischen Gewandung von den Schemata dominiert, die Joseph Braun SJ 1908 in seinem Standardwerk „Die liturgische Gewandung im Occident und Orient“ vorlegte und die tatsächlich in ihren Grundzügen absolut zutreffend sind. Wie man aber am Beispiel Halberstadts sieht, verlief die Entwicklung mancherorts etwas anders, genauer gesagt, langsamer, als Braun es darstellt. Das wird in diesem wichtigen Aufsatz, dem grundsätzliche Bedeutung zukommt, beispielhaft erkennbar.
Wie schon gesagt wurde, waren nur Barbara Pregla, Anja Preiß und Evemarie Schaper in der Lage, den Katalog zu erstellen, und nur die Abegg-Stiftung war in der Lage, dieses Werk zum Druck zu befördern, und zwar in einer herausragenden Qualität, die ihresgleichen sucht. Wie bei allen Publikationen der Stiftung müssen insbesondere die eigens angefertigten Aufnahmen erwähnt werden. Sie stammen von Reinhard Ulbrich, Gunar Preuß und Juraj Lipták. Doch nicht nur das. Offensichtlich haben die Gestalter großen Wert auf ein Papier gelegt, das den textilen Charakter der gezeigten Objekte gut zur Geltung bringt.
Es erübrigt sich fast, auf die Formalia einzugehen: Natürlich ist der Katalog bestens erschlossen. Es gibt ein Personen- sowie ein Orts- und Objektregister, außerdem eine Konkordanz der Inventar- und der Katalognummern sowie Verzeichnisse der Archivalien und der Literatur.
Das Resümee kann kurz ausfallen: Ein herausragendes Werk, das bleiben wird.
Pregla, Barbara; Preiß, Anja; Schaper, Evemaria: Die Textilien im Domschatz zu Halberstadt. Bestandskatalog, Riggisberg: Abegg-Stiftung 2025
ISBN-13: 978-3-905014-83-9, 5 Bände, 2227 S., 475.00 CHF, table of contents
Recommended Citation:
Christian Hecht: [Review of:] Pregla, Barbara; Preiß, Anja; Schaper, Evemaria: Die Textilien im Domschatz zu Halberstadt. Bestandskatalog, Riggisberg 2025. In: ArtHist.net, Jun 7, 2026 (accessed Jun 7, 2026), <https://arthist.net/reviews/52556>.
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