Durch die wechselseitige Bereicherung von Provenienz- und Kunstmarktforschung erscheinen in den letzten Jahrzehnten auch gelegentlich Biografien von Kunstmarktakteuren. Diese bilden in der historischen Forschung eine eigene Kategorie; sie sind von Bedeutung, weil sie individuelle Lebenswege und historische Ereignisse verschränken und letztere damit konkretisieren und erfahrbar machen.
Im Fall von Kunsthändlern und Kunsthändlerinnen kann eine biografische Annäherung nicht nur die jeweilige Person, sondern auch Marktmechanismen beleuchten und trägt damit wesentlich zur Forschung bei. Auseinandersetzungen mit Händlerinnen sind bislang eher selten, insbesondere im Kontext der NS-Zeit. Pionierinnen der Moderne wie Galka Scheyer, Erica Brausen oder Berthe Weill genießen deutlich größere Sichtbarkeit als Profiteurinnen des Kunsthandels im Nationalsozialismus. Hier soll ein Hinweis auf die Arbeit von Nadine Bauer zu Maria Almas-Dietrich nicht fehlen: ein wichtiger Beitrag zur Kunsthandelsforschung im Nationalsozialismus und zur Positionierung einer Händlerin in einer männerdominierten Branche.[1]
Nun erscheint eine aktuelle Publikation zu der Händlerin Andreina Schwegler-Torré, die eine Leerstelle in diesem Forschungsbereich füllen soll. Herausgegeben wird das Buch von der Koordinationsstelle für Provenienzforschung in Nordrhein-Westfalen (KPF.NRW) auf der Basis eines von Dagmar Thesing geleiteten Grundlagenprojekts, das durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert wurde. Die Sammlung von Beiträgen geht dabei allerdings weit über das geförderte Projekt im Bereich DDR/SBZ hinaus, weshalb auch die Bezeichnung „Werkstattbericht“ irreführend scheint.
Andreina Schwegler-Torré rückte in der Provenienzforschung zum NS-Kunstraub erstmals mit der Veröffentlichung von Thomas Buombergers Buch „Kunstraub-Raubkunst“ ins Blickfeld.[2] Zuvor war sie der Fachwelt vor allem als in der Schweiz ansässige Händlerin für Porzellan und Antiquitäten bekannt. Buomberger beschrieb ihre Ankunft in der Schweiz im Sommer 1944 mit sieben Lastwagen „Umzugsgut“. Der für fast eine halbe Million Schweizer Franken versicherte Inhalt wurde zur Grundlage ihrer Kunsthandelsaktivitäten. Zwar gab es in der Schweiz Untersuchungen und auch ein Gerichtsverfahren gegen sie, da die Herkunft der Objekte sehr fragwürdig erschien; diese blieben jedoch ohne Konsequenzen, nach Buomberger wohl aus rechtlichen wie auch politischen Gründen. Von dem vorliegenden Band erhoffte sich die Rezensentin weitere Aufklärung über diesen Fall, zumal in der Vergangenheit ihre eigenen Nachforschungen zu der lapidaren Provenienz „Schwegler“ im Dienste der Sorgfaltspflicht für den Kunsthandel immer prompt zu einem frustrierenden Stillstand gelangt waren.Entsprechend vielversprechend erscheint das Inhaltsverzeichnis: biographische Recherchen u.a. zu der Herkunft der Händlerin in Italien und eine Reihe von Kapiteln zu verschiedenen internationalen Netzwerkpartnern in Handel und Museen.
Einleitend stellen Jasmin Hartmann und Dagmar Thesing das Projekt vor, aus dem der Band hervorging, gefolgt von einer Kurzbiographie der thematisierten Händlerin. Danach widmen sich vier Kapitel den geographischen Stationen im Leben Andreina Torrés, beginnend mit Italien (frühe Jahre und Herkunft), Berlin (Begegnung mit dem späteren Ehemann Vassali), Schweiz (das o.g. Umzugsgut und die Folgen) und Dresden (Handelsaktivitäten mit den Dresdner Staatlichen Museen). Drei weitere Kapitel widmen sich Beziehungen zu Sammler:innen, Händler:innen und Museen aus dem Netzwerk Andreina Torrés, basierend auf Archivalien im Bayerischen Nationalmuseum, in der Schweiz und in Mainz. Abschließend folgen ein Fazit, tabellarische Biografien und Apparat.
Der Handels- und Sammelbereich Porzellan und Keramik war in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ein engmaschiges Netz, in dem sich alle Teilnehmer:innen kannten. Zwar bestand Konkurrenz, jedoch hatte man ein gemeinsames Basisinteresse: den Markt für Porzellan, Fayencen und Glas aktiv aufrechtzuerhalten und dafür zu sorgen, dass qualitätvolle Stücke zum Verkauf kamen und von solventen Käufer:innen erworben wurden, die dann am Ende ihres Sammlerlebens den Kreislauf erneuern sollten. Die Porzellanwelt traf und trifft sich entsprechend in den jeweiligen Gesellschaften, die ebenfalls zu einem kollegialen und fachkundigen Austausch zur gemeinsamen Leidenschaft einladen – der vorliegende Band enthält einleitende Worte von den jeweils nach dem 2. Weltkrieg gegründeten Gesellschaften der Keramikfreunde in Deutschland und der Schweiz.[3] Auch wenn sich beide durch ihre Unterstützung der Publikation zur Provenienzforschung als Teil der Expertise ihres Fachs bekennen, steht die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Branche vor 1945 weniger im Vordergrund der Vereinsaktivitäten.
Angesichts eines so eng verwobenen Biotops wäre in diesem Band ein ausreichender analytischer Abstand zum Gegenstand der Forschung wünschenswert. Allein der Titel vermittelt jedoch durch das Wort „Porzellanjongleuse“ eine gewisse Verspieltheit, vergleichbar einer fragilen und charmanten Meissner Figur, wie sie auch das Titelbild nahelegt. Hinzu kommt, dass bereits im Frontispiz zahlreiche Zitate aus dem Kreis des Porzellanhandels die Person vorstellen, um die es gehen soll. Zitiert wird u.a. aus Einleitungen zu Auktionskatalogen (S. 47) – einer Gattung, die literarisch zwischen Laudatio und Nachruf steht und in der jede kritische Distanz fehl am Platz wäre. Hier wird dann verwiesen auf „a legend in her own lifetime“, „weltbekannte Autorität[…]“, und eine „hochangesehene Person“. Auch der Untertitel „zwischen den Systemen“ kann den Eindruck eines eher reaktiven Lavierens zwischen unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vermitteln, statt einer aktiven Nutzung der sich bietenden Handlungsspielräume.
Ebenfalls im Frontispiz wird aus einem Interview von 2024 mit Elfriede Langeloh aus Köln zitiert, der Enkelin der Porzellanhändlerin und heutigen Inhaberin des Geschäfts: „Von all diesen schrecklichen Ereignissen […], hat ja niemand etwas gewusst.“ Dass niemand von dem gestohlenen Kulturgut der NS-Zeit und seinen Akteur:innen etwas gewusst hat, hätte in einem Band zur Provenienzforschung kontextualisiert werden müssen. Es gibt umfangreiche historische Forschungsliteratur zur vollständigen Ausplünderung deutscher Jüdinnen und Juden; zudem zeigt die Berliner „Topographie des Terrors“ aktuell eine Sonderausstellung zu dieser Frage.[4] Ein mehr oder weniger bewusstes Ausklammern der unangenehmen Herkunftsfragen zugunsten eines florierenden Marktes war ein weitverbreitetes Phänomen auf dem Kunstmarkt von 1945 bis mindestens 1998. Wenn im Text später gesagt wird, während des Projekts „konnte kein Objekt identifiziert werden, bei dem sich ein NS-verfolgungsbedingter Entzug oder ein Entzugskontext SBZ/DDR belegen ließ; bei vielen ihrer auf dem Kunstmarkt erworbenen Objekte[n, sic!] konnte ein Verdacht auf ein Unrechtskontext ausgeschlossen werden“ (S. 110), so sei die Frage nach dem Erkenntnisgewinn der Publikation gestattet. Rein rechnerisch sind sicher weniger Objekte vor 1945 unter fragwürdigen Umständen in die Hände der 1908 geborenen Andreina Torré übergegangen als in den folgenden Jahrzehnten bis zu ihrem Tod 1991.
Auch scheint es, dass Grundkenntnisse der Usancen des Kunsthandels manchen Autor:innen nicht bekannt waren. Wenn Frau Torré mit der Klage zitiert wird „[…] somit werden die gute[n, sic!] Stücke immer rarer“ und daraus der Schluss gezogen wird, dies „illustriere[…] die Marktentwicklungen und Schwierigkeiten, mit denen Kunst- und besonders Porzellanhändler:innen und Sammler:innen in dieser Zeit zu kämpfen hatten“ (S. 90), bleibt unreflektiert, dass diese Art von Aussage zu den Standardtopoi des Handelsdiskurses der mindestens letzten hundertfünfzig Jahre zählt und somit inhaltsfrei ist, unabhängig vom gehandelten Gegenstand. Ähnliche Unsicherheiten zeigen sich auch im Umgang mit Preisgestaltung und Handelsspannen in Torrés Geschäftsbeziehungen zu dem Sammler Peter Ludwig. Hier wird aufgrund der Dokumentation eine Verdreifachung des Einkaufspreises im Angebot festgestellt, gefolgt von der Annahme: „Naheliegender ist es jedoch, dass sie bei einem so bedeutenden Verkauf ihm preislich entgegengekommen sein wird.“ (S. 63) Für diese Vermutung wird kein konkreter Grund genannt. Eine Verdreifachung des Einkaufspreises für ein herausragendes Objekt bei einem sehr solventen Kunden wäre für diese offensichtlich sehr geschäftstüchtige Händlerin durchaus vorstellbar. Wie die Verhandlungen zwischen Ludwig und Torré verliefen und ob diese beispielsweise in den Archivalien belegt sind, bleibt offen.
Man hätte sich in diesem Band sicherlich auch der Frage widmen können, warum so wenige in der NS-Zeit geplünderte Gegenstände der angewandten Kunst zurückgegeben werden, obwohl zahllose umfangreiche Haushalte durch Versteigerungen, unrechtmäßige Aneignungen und Zwangsverkäufe in Umlauf kamen. Jede Wiedergutmachungsakte demonstriert das Versickern von Hausrat in einer unvorstellbaren Dimension. Unter den wenigen prominenten Fällen für Rückgaben im Bereich Porzellan ist die Sammlung Emma und Henry Budge, deren Verfolgungskontext sich in Kombination mit einem detaillierten Auktionskatalog so eindeutig darstellt, dass inzwischen Dutzende solche Objekte restituiert werden konnten. Andere große Sammlungen wie die der Familien Klemperer oder Arnhold (erkennbar als Herkunft des Objekts im Titelbild des hier besprochenen Bandes) hinterließen Provenienzspuren, da ihre Herkunft auch nach 1945 ein wertsteigernder Faktor blieb. Einzelne Porzellanrestitutionen sind darüber hinaus etwa im Rahmen österreichischer Sammlungsuntersuchungen der staatlichen Museen belegt, wobei diese auf Zugangsdokumentation der Institutionen und nicht auf Objektautopsien basierten.[5] Die besonderen Herausforderungen der Provenienzforschung zu angewandter Kunst, die hier ersichtlich werden, sind ein wesentlicher Faktor, warum Andreina Schwegler-Torré keine Provenienzen aus Unrechtskontexten nachgewiesen werden konnten.
Der heutige Kunsthandel leistet in vielen Fällen einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung der Herkunft und Restitution zahlreicher Kunstgegenstände. Seine historischen Akteure waren allerdings gleichzeitig wesentlicher Bestandteil des Entzugssystems und treibende Kraft des Verschweigens der Nachkriegszeit – auf ihnen soll das Augenmerk der Provenienz- und Kunstmarktforschung liegen. Der hier vorliegende „Werkstattbericht“ lässt sehr viele Fragen offen. Es liegt allerdings nahe, dass diese nach Aussagen vieler Weggenossen charismatische Händlerin eine Persona war – kultiviert, mondän, mit akademischem Titel fraglicher Herkunft (S. 23), exzellent vernetzt, wohlhabend –, die ihre Spuren, wie bereits Buomberger nahelegte, aus gutem Grund gut verwischte.[6] Der Provenienzforschung bieten sich hier nur gangbare Ansätze, wenn sie die Narrative hinterfragt, die durch die Tätergeneration geprägt und über Jahrzehnte etabliert wurden.
[1] Nadine Bauer: Kunstlieferantin des „Dritten Reichs“. Umkreis und Wirkungsradius von Maria Dietrich, Diss., TU Berlin, Berlin 2020.
[2] Thomas Buomberger: Raubkunst - Kunstraub: die Schweiz und der Handel mit gestohlenen Kulturgütern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs (1998), Zürich: Orell Füssli, 1998, S. 226ff.
[3] Mit Ausnahme des britischen English Ceramic Circle sind die meisten Porzellanvereine Nachkriegsgründungen (The American Ceramic Circle 1970, the French Porcelain Society 1984). Ob und inwiefern dies mit Marktentwicklungen zusammenhängt, wäre weiter zu untersuchen.
[4] „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“, Ausstellung Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Berlin, 25. März 2026–31. Januar 2027.
[5] Auf der Seite der österreichischen Kommission für Provenienzforschung siehe beispielsweise Beschlüsse zu Emma Schiff-Suvero 2002, Heinrich Rothberger 2003 und 2005 (in der Folge dann in Großbritannien am Fitzwilliam Museum 2008), Dr. Paul Cahn-Speyer 2014 sowie Ferdinand Bloch-Bauer und Alice Stein 2015.
[6] Buomberger zitiert beispielsweise entsprechende Erkenntnisse durch das Bezirksgericht Zürich und die schweizerische Verrechnungsstelle aus dem Jahr 1945 sowie Zeugenaussagen aus diesem Zusammenhang. Buomberger 1998 (op. cit.), S. 228ff.
Jasmin Hartmann, Dagmar Thesing (Hrsg.): Die Kunsthändlerin Andreina Schwegler-Torré. Eine „Porzellanjongleuse“ zwischen den Systemen des 20. Jahrhunderts. Ein Werkstattbericht, Heidelberg: arthistoricum.net 2026
148 S., open access, Open Access
Recommended Citation:
Susanne Meyer-Abich: [Review of:] Jasmin Hartmann, Dagmar Thesing (Hrsg.): Die Kunsthändlerin Andreina Schwegler-Torré. Eine „Porzellanjongleuse“ zwischen den Systemen des 20. Jahrhunderts. Ein Werkstattbericht, Heidelberg 2026. In: ArtHist.net, May 31, 2026 (accessed May 31, 2026), <https://arthist.net/reviews/52516>.
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