Forum Kunstgeschichte Italiens 2014 „Übersetzen als kulturelle,
künstlerische und wissenschaftliche Praxis“
Sektion:
Fragmentierung – Eine Übersetzungsstrategie der Reproduktionsgraphik
Eingabeschluss: 15.9.2013
Die Fragmentierung ist eine häufige Methode bei der Übersetzung von
Bauwerken und deren wandfester Ausstattung in die Druckgraphik. Wird
beispielsweise ein Freskenzyklus in das kleinformatige Medium des
Kupferstichs übersetzt, geschieht dies durch die Auswahl eines
Ausschnittes oder gar durch die Aneinanderreihung solcher Fragmente in
einer Serie.
Der Architekturstecher wiederum „zerlegt“ Großbauten, um eine
vollständige, detaillierte und maßstäbliche Darstellung zu
ermöglichen. Auf der Grundlage von Projektzeichnungen entstehen Serien
aus Aufrissen, Grundrissen und Querschnitten, d. h. eine sukzessive
Darstellung, die der Betrachter im Geist zusammensetzt. Das dabei
entstehende Bild entfernt sich zuweilen weit vom realen Bau.
In unserer Sektion soll die Wahl und Darstellung eines Ausschnittes
als künstlerische Strategie der Reproduktionsgraphik untersucht
werden. Wie funktioniert Fragmentierung als Übersetzung, d. h. als
Interpretation? Welche Instanzen und Belange bedingen die Auswahl und
Inszenierung der Fragmente? Und wie wirkt sich schließlich diese Art
der Übersetzung auf die Rezeption des „Originals“ aus?
Folgende Themen können als Anregung dienen:
- Christof Thoenes hat die Projektzeichnungen für St. Peter als
„Momentaufnahmen aus dem Entwurfsprozess“ bezeichnet. Die
druckgraphische Architekturdarstellung erfolgt häufig auf der
Grundlage solcher Fragmente aus der Planungsgeschichte, die in der
Regel auch nur einen geringen Teil des gesamten Baus betreffen. Wie
werden diese zu einem vermeintlich kohärenten Bild eines Baus
zusammengesetzt, wie Unstimmigkeiten und Lücken gefüllt? Welche
Interessen (z. B. des Bauherrn oder des Architekten, des Dedikanten
der Publikation oder des Verlegers) bedingen die Art der Darstellung?
- Das Phänomen der Fragmentierung beschränkt sich nicht auf Serien zur
gebauten Architektur und ihrer Ausstattung. Ebenso illustrierte
Architekturtraktate und Modellbücher sind zu berücksichtigen. Welche
Rolle spielen bei der druckgraphischen Architekturdarstellung des
16.-18. Jahrhunderts jene Parameter, die seit der Renaissance in der
römischen Architekturzeichnung erarbeitet wurden? Ein Beispiel wäre
dabei das bei perspektivischen Ansichten zu beobachtende Phänomen der
Aufbrechung von Mauern, um Einblick in das Gebäude-Innere zu gewähren.
- In Bezug auf Ornamentstiche und Modellbücher kann untersucht werden,
wie Ausstattungsdetails aus ihrem realen Kontext herausgenommen und
für die Verwendung als Modell aufbereitet werden. Inwiefern wird die
Erkennbarkeit des Vorbildes angestrebt? Welchen Parametern folgt seine
Verfremdung?
- Mittels welcher Strategien werden umfangreiche Dekorationsprogramme
oder großformatige Fresken in das kleinformatige Medium der
Druckgraphik übertragen? Welche Auswahl trifft der entwerfende, nicht
selbst stechende Künstler, um sein Bildprogramm und seine formale
Invention und Innovation angemessen repräsentiert zu sehen? Findet die
Auswahl durch den reproduzierenden Künstler statt, stellt sich die
Frage, wie er das Werk durch seine Selektion interpretiert.
Beispielsweise überträgt der Kupferstecher Marcantonio Raimondi die
von Raffael und seiner Werkstatt freskierten Zwickel der Loggia di
Psiche (Villa Farnesina) anhand der ihm zur Verfügung gestellten
zeichnerischen Entwürfe in eine ganze Reihe von Stichen, während er
aus Michelangelos Cascina-Schlacht eine Einzelfigur und eine kleinere
Figurengruppe auswählt, die sich besonders wirkungsvoll in kleinem
Format präsentieren lassen.
- Im Anschluss an solche Überlegungen stellt sich auch die Frage: Wie
wirkt sich die Interpretation des auswählenden, reproduzierenden
Künstlers auf die Rezeption des ursprünglichen Werkes durch wiederum
andere Künstler aus? In welche neuen Kontexte inhaltlicher und
formaler Art werden die Fragmente überführt?
- Die Fragestellung lässt sich über die Frühe Neuzeit hinaus
behandeln: Welche Rolle spielt die Fragmentierung für die technischen
Reproduktionsmethoden? Die druckgraphische und die fotographische
Interpretation von Kunstwerken können verglichen, Konstanten und
Entwicklungen von Übersetzungs- und Fragmentierungsstrategien
herausgearbeitet werden.
Wir bitten um Vorschläge für Vorträge (20 Minuten) in Form eines
maximal einseitigen Exposés plus Lebenslauf und Publikationsliste
(Word- oder PDF-Dokumente) bis zum 15.9.2013 an Dr. Kristina Deutsch
(kristina.deutschuni-muenster.de) und Dr. des. Anne Bloemacher
(annebloemacheruni-muenster.de). Beiträge von
NachwuchswissenschaftlerInnen sind ausdrücklich erwünscht.
Reference:
CFP: Fragmentierung in der Reproduktionsgraphik (FKI, Mainz, 3-5 Apr 14). In: ArtHist.net, Jul 13, 2013 (accessed Jun 11, 2026), <https://arthist.net/archive/5760>.