CFP Sep 3, 2026

Gesichter der Physiognomik 1750–1850 (Frankfurt a. M., 27-28 Nov 26)

Goethe-Universität Frankfurt, Nov 27–28, 2026
Deadline: Sep 30, 2026

Mechthild Fend

Seit der Veröffentlichung von Johann Caspar Lavaters Physiognomischen Fragmenten (1775–1778) wurde die Physiognomik oft als Sonderfall behandelt – als pseudowissenschaftliche Kuriosität, als peinlicher Vorläufer späterer rassistischer und eugenischer Entgleisungen. Seit den 1980er Jahren erlebte die Disziplin eine regelrechte historiographische Renaissance, zwischen Kunst, Literatur, Sozialwissenschaften und Neurowissenschaften, wobei sie zugleich untrennbar mit den Fragen verbunden bleibt, die ihre späteren Verwendungen aufwerfen, von den Rassentheorien des 19. Jahrhunderts bis zu den Verirrungen der NS-Zeit.

Diese Tagung möchte an diese Studien anknüpfen und die Geschichte der Physiognomik ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erneut untersuchen. Sie wird dabei schon vor Lavater einsetzen – angefangen bei den ersten in Frankreich veröffentlichten Texten, wie dem "Discours sur la physionomie et les avantages des connoissances physionomiques" von Antoine-Joseph Pernety (1769), sowie dem bislang noch wenig erschlossenen französischen Umfeld, das Melissa Percival (1999) und Martial Guédron (2001) in Ansätzen bearbeitet haben –, bis hin zu ihren vielfältigen Aneignungen im Verlauf des 19. Jahrhunderts.

Dabei gehen wir von der Feststellung Rüdiger Campes und Manfred Schneiders (1995–1996) aus, wonach die Physiognomik weniger als isolierte Disziplin, denn als übergreifende Denkweise zu begreifen ist. Sie wird hier im weiten Sinne verstanden, über ihre Formalisierung durch Lavater hinaus, als ein Ensemble begrifflicher, visueller und methodologischer Werkzeuge, das sich zugleich für die Oberflächen der Körper und für das interessiert, was diese angeblich über ihr Inneres offenbaren. Das bedeutet, die Physiognomik nicht als historisch und epistemologisch homogenen Gegenstand zu behandeln, sondern als eine Technik des Blicks, die je nach nationalem, institutionellem oder politischem Kontext unterschiedlich angeeignet wird. Wir schlagen vor, diese Plastizität als Ausgangspunkt zu nutzen, um den Stand des Wissens über den Menschen zwischen 1750 und 1850 in Europa zu kartieren – ein Moment, in dem mehrere Wissensfelder und künstlerische Praktiken gemeinsam die Frage der Lesbarkeit des Körpers verhandeln.

Diese Geschichte soll anhand von vier Themenschwerpunkten untersucht werden.

Themenschwerpunkt 1: Die Entstehungsbedingungen von Lavaters Physiognomik
Der erste Themenschwerpunkt befragt die Einheitlichkeit des Projekts der Physiognomischen Fragmente (1775–1778) und seine Entstehungsbedingungen: Weit davon entfernt, die gefestigte Formulierung einer Lehre zu sein, konstituiert sich das Werk als ein Verhandlungsraum. Lavaters kanonische Definition bestimmt die Physiognomik als „das Wissen, die Kenntnisse des Verhältnisses des Äußern mit dem Innern" (Physiognomische Fragmente, Bd. 1, S. 13). Goethe, zeitweilig einer der Hauptmitarbeiter, schlägt dagegen eine weitere, stärker sozialisierte Auffassung der Oberflächen vor, die das Auge des Physiognomen berücksichtigen muss. Es bleibt zu klären, was genau diese beiden Begriffe umfassen. Diese Anfechtung der Lavaterschen Physiognomik beschränkt sich im Übrigen nicht auf den Kreis der Mitwirkenden: Sowohl im Vorfeld als auch im Nachgang der Veröffentlichung lösen die Fragmente eine heftige Kontroverse aus. Lichtenberg stellt in Über Physiognomik wider die Physiognomen (1778) Lavater eine Alternative entgegen, die er Pathognomik nennt: Nicht die festen, messbaren Züge des Gesichts, sondern die Bewegungen, Gesten und der Ausdruck seien bedeutungstragend.
Welche Logiken sind in diesem Verhandlungsraum am Werk? Wenn die Physiognomik, wie Johannes Saltzwedel (1993) vorgeschlagen hat, eine diffuse mentale Kategorie einer ganzen Generation der Goethezeit ist – welche Rolle spielten dann die Akteure des Sturm und Drang bei dieser Ausrichtung? Welche Alternativen wären möglich gewesen? Dieser Themenschwerpunkt lädt somit dazu ein, die intellektuelle Landschaft, in der die Fragmente entstehen, neu zu zeichnen.

Themenschwerpunkt 2: Was offenbart die Physiognomik?
Was versucht der physiognomische Blick sichtbar zu machen? Eine moralische oder eine soziale Identität, einen Charakter oder eine Krankheit? Je nach anvisiertem Gegenstand ist nicht dieselbe Form von Wahrheit gefragt, wird nicht dasselbe Beweisregime aktiviert. Die Lavatersche Physiognomik, die auf eine stabile und dauerhafte Innerlichkeit abzielt, unterscheidet sich von einer älteren, auf die Leidenschaften und deren momentanen Ausdruck zentrierten Physiognomik, die auf Charles Le Brun zurückgeht und in Frankreich noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts lebendig ist. Zu diesen beiden Regimes tritt noch ein späteres hinzu, das einer medizinischen Physiognomik der Krankheitszeichen, die die Frage des moralischen Charakters zum somatischen Symptom hin verschiebt.
Diese Vielfalt epistemologischer Regime verweist im weiteren Sinne auf die verschiedenen Wissensfelder, die sich der Werkzeuge der Physiognomik bedienen oder von ihr beeinflusst werden und die beanspruchen, die Wahrheit des Menschen vom Kopf her zu bestimmen. Die auf das lebendige Gesicht zentrierte Physiognomik Lavaters wird bei dessen Zeitgenossen Petrus Camper durch ein auf der Schädelosteologie beruhendes Messkriterium, den Gesichtswinkel, konzentriert — was den Weg für eine ganze Familie von Wissensformen öffnet, die den Gegenstand der Lektüre auf andere Maßstäbe und andere Reliefs des Schädels verlagern (wie die Kraniologie Blumenbachs oder die Phrenologie Galls).
Es geht dann darum, den jeweils eigenen Zweck dieser Objektverschiebungen zu befragen: Dienen sie institutionellen Identifikationsapparaten, in denen das Gesicht zu einem Element wird, das innerhalb eines Verfahrens behandelt, verglichen und zum Funktionieren gebracht wird? Oder speisen sie eher diffusere, alltägliche Verwendungen, etwa als populäre Technik der Orientierung in einer sozialen Welt, die auf der Ebene der bloßen Begegnung von Angesicht zu Angesicht im Kontext der Urbanisierung und Industrialisierung des 19. Jahrhunderts unlesbar geworden ist? Dieser Themenschwerpunkt lädt somit dazu ein, die Spannungen zwischen diesen unterschiedlichen Enthüllungsregimes sowie die jeweils beanspruchten Formen von Expertise, Beweis oder Legitimität zu befragen, aber auch die individuellen oder kollektiven, vereinzelnden oder klassifizierenden Verwendungen, denen dieser Blick auf den Körper jeweils zugedacht ist. Schließlich ist diese Vielfalt an Wahrheitsregimes mit einem Ungedachten verbunden, das fast alle durchzieht: Die Physiognomik interessiert sich, sowohl in ihren Gründungsfiguren als auch in ihrem Beispielkorpus, zuallererst und vor allem für den Mann — das beobachtende Subjekt, das beobachtete Gesicht, der Bezugskanon ist überwiegend männlich. Was wird dann aus der physiognomischen Wahrheit, wenn sie auf Frauen angewandt wird? Wird sie einfach unverändert übertragen, oder mobilisiert sie andere Kriterien, andere Erwartungen, andere Grenzen?

Themenschwerpunkt 3: Die Materialien der Physiognomik
Der dritte Themenschwerpunkt widmet sich den Medien der Physiognomik: Porträt, Silhouette, Druckgraphik. Die Physiognomik stützt sich in einem Maße auf das Bild, dass vorgeschlagen wurde, sie eher als transmediale Kulturtechnik denn als geschriebene Lehre zu denken. Sie unterhält von Anfang an eine enge Beziehung zur Geschichte der Kunst, aus der sie zahlreiche Beispiele als Material bezieht, und insbesondere zur Porträtkunst. Im Übrigen sind öffnen sich die Physiognomik zu ästhetischen Theorien, die sich mit der Frage der Linien und Oberflächen und ihrer Bedeutung befassen. Die Reinheit der Linie ist bei Lavater, vermittelt durch die Silhouetten, die zuverlässigste und aufschlussreichste visuelle Entität für das Auge des Physiognomen.
Diese Verankerung im Porträt als Bildgattung versteht sich für Lavater jedoch keineswegs von selbst; er misstraut dem Bildnis fast ebenso sehr, wie er von ihm abhängt. Zutiefst skeptisch ist er gegenüber den Porträtisten, deren Arbeit er als zu abhängig von individuellem Talent, von Interpretation und somit von Verzerrung ansieht. Es ist eben dieses Misstrauen gegenüber der Hand des Künstlers, das ihn dazu bringt, die mittels einer „sicheren und bequemen Maschine" gewonnene Silhouette zu propagieren — eine Vorwegnahme des Physionotrace, einer mechanischen Vorrichtung, die die Geste des Zeichners zu automatisieren sucht, um einen Umriss zu erhalten, der als objektiver gilt als das, was die fehlbare, subjektive Hand hervorbringen kann. Doch genügt die beanspruchte Zuverlässigkeit der technischen Vorrichtung (Silhouette, Umrissmaschine), um die Wahrheit zu garantieren, die sie hervorbringen soll? Oder verlagert sie lediglich auf das Werkzeug eine Subjektivität, die sie doch aus der Hand des Künstlers zu eliminieren vorgab?

Themenschwerpunkt 4: Die anderen Physiognomiken
Die vier von Lavater zwischen 1775 und 1778 veröffentlichten Bände machen die Physiognomik, in Übereinstimmung mit der auf Pseudo-Aristoteles zurückgehenden Tradition, zu einer Wissenschaft, die sich ausschließlich mit den Gesichtern und ihrer Fähigkeit befasst, das Innerste der Seelen und den Charakter der Individuen zu offenbaren.
Dennoch betrifft die Physiognomik als Wissenstechnik weitaus vielfältigere Gegenstände:. Zumindest das Wort hat im 19. und noch im 20. Jahrhundert Konjunktur. Humboldt verwendet den Begriff in seinen Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (1806) und wendet ihn auf die Vegetation und die Landschaft an; Carl Gustav Carus wendet ihn in seinen Andeutungen zu einer Physiognomik der Gebirge auf die Berge an, später dann in seiner eigenen Konstitutionstheorie auf den menschlichen Körper (1841); Herder schließlich verwendet ihn in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784–1791) — insbesondere als Methode zum Vergleich der Sprachen selbst, fähig, den „Charakter" eines Volkes ebenso durch seine Sprache wie durch sein Gesicht zu erfassen.
Über die physiognomische Bezeichnung selbst hinaus hat die kritische Literatur gelegentlich Anleihen bei dieser Methode auch bei Autoren und Künstlern aufgezeigt, die selbst nicht deren Vokabular beanspruchen. Dieselbe Art rückblickender Lektüre lässt sich auf die Rassentheorien des ausgehenden 18. Jahrhunderts anwenden: Die Gesichtswinkeltheorie Petrus Campers oder die Kraniologie Johann Friedrich Blumenbachs werden von der Historiographie gewöhnlich als Verschiebungen der physiognomischen Geste analysiert — die Vorstellung einer Lesbarkeit des Charakters und der Intelligenz unmittelbar in der Form des Schädels oder des Gesichts — hin zu einem neuen Gegenstand, der „Rasse“.
Von welcher Physiognomik ist hier eigentlich die Rede? Verändert die Vielfalt der Gegenstände, auf die sie angewandt werden kann, den Blick, den sie auf sie richtet? Gibt es ein Wissensgebiet, das sich mit Linien und Oberflächen befasst, wie die Architektur oder die Geologie, das der Physiognomik eine Matrix liefern würde? Genügt eine Physiognomie, um eine Physiognomik zu bilden?

Veranstalterinnen: Léna Pican (EHESS / IFRA-SHS) und Prof. Dr. Mechthild Fend (Goethe-Universität Frankfurt, Kunstgeschichtliches Institut)
Einreichung: Bitte senden Sie bis zum 30. September 2026 ein Abstract (300–500 Wörter) sowie eine Kurzbiographie (max. 100 Wörter) an lena.picanehess.fr
Tagungssprachen: Deutsch und Französisch; Englisch ist bei Bedarf möglich.
Vorbehaltlich der Zusage beantragter Gelder, bemühen wir uns Kosten für Reise und Übernachtung zu erstatten.

Reference:
CFP: Gesichter der Physiognomik 1750–1850 (Frankfurt a. M., 27-28 Nov 26). In: ArtHist.net, Sep 3, 2026 (accessed Sep 4, 2026), <https://arthist.net/archive/53548>.

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