Gender & Denkmalpflege #1: Biografien - Netzwerke - Amt. Akteur:innen, Netzwerke und Ämter in den drei Ländern Deutschland, Schweiz und Österreich (D-A-CH) seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert.
Expert:innen-Workshop mit Kurzpräsentationen und biografischen Mappen des Bundesdenkmalamts Wien.
Organisiert von Dr. Sophie Stackmann (TU Wien), Dr. Carmen Enss (Universität Bamberg), Prof. Dr. Laura Hindelang (Universität Bern).
Wer sind die Frauen*, die in der Denkmalpflege tätig waren? Bisher ist im Fach und zahlreichen benachbarten Tätigkeitsfeldern in der Erhaltung der gebauten Umwelt wenig darüber bekannt, wie viele Frauen wo und wie in der Denkmalpflege arbeiteten. Es fehlt an Projekten und Forschung, die diese Fragen adressieren. Und das obwohl zahlreiche weiblich gelesene Personen m deutschsprachigen Raum in der Denkmalpflege tätig waren und die universitäre, amtliche wie auch zivilgesellschaftliche Denkmalpflege in Theorie und Praxis mitgestalteten. Beispiele sind etwa die Kunsthistorikerin Hiltrud Kier, die Denkmalpflegerin Eva Frodl-Kraft oder die Mäzenin und Künstlerin Marguerite Burnat-Provins. Noch weniger ist ein Bewusstsein in der Denkmalpflege verankert, inwiefern auch trans*, inter* und non-binäre Personen an ihrer institutionellen und informellen Geschichte teilhatten. Der geplante Expert:innen-Workshop nimmt sich dieses Desiderats an und diskutiert Fallbeispiele sowie theoretisch-methodische Ansätze, um die Tätigkeiten, Netzwerke und Handlungsspielräume von Frauen* sichtbar zu machen.
Zwar gibt es in den benachbarten Feldern Kunstgeschichte und Architektur(-geschichte) seit den 1980er Jahren umfassende Forschung zur Arbeit weiblich gelesener Personen im deutschsprachigen Raum, doch fehlt bisher ein gezielter Blick auf die Tätigkeiten von Frauen* im Umgang mit dem gebauten Bestand und Denkmalen. Mit diesem Themenfeld verbindet sich die Chance für Akteur:innen der Denkmalpflege, Gender als soziale Kategorie für das Fach methodisch zu erschließen und seine gesellschaftliche Relevanz zu steigern. Somit schließt der Workshop an ein hochaktuelles Themenfeld an, das bislang nicht ausreichend Aufmerksamkeit in der Denkmalpflege erhalten hat.
Der Workshop geht dabei von den Tätigkeiten von Frauen* in der institutionellen Denkmalpflege aus, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert als staatliche Behörden etabliert wurde. Ausgangspunkt ist ein umfangreicher Bestand von Personalmappen in den Beständen des österreichischen Bundesdenkmalamts, der im Workshop auf seine Potentiale und Herausforderungen bei der Sichtbarmachung von Frauen* diskutiert wird. Allerdings soll der Blick nicht ausschließlich auf die staatliche Denkmalpflege beschränkt bleiben, sondern die Bandbreite und Dynamik weiblicher Berufswege und Engagements im Umgang mit dem gebauten Bestand und Denkmalen adressieren. Dies kann einerseits vielfältige Orte und Räume umfassen, wie die staatliche Denkmalpflege, Vereine, Archive oder private Initiativen. Andererseits können Frauen* in unterschiedlichen Rollen und Feldern aktiv geworden sein, wie als Architekt:innen, Restaurator:innen, Bauforscher:innen, Nutzer:innen eines Gebäudes oder engagierte Lai:innen.
Der Workshop bildet den Auftakt einer dreiteiligen Serie rund um Gender und Denkmalpflege in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ziel des ersten Workshops in Wien ist es, zu reflektieren, welche methodischen und historiografischen Potentiale in der Sichtbarmachung der Biografien von Frauen* liegen. Über die in den Feldern der Denkmalpflege aktiven Akteur:innen hinaus möchten wir auch Teilnehmer:innen herzlich einladen, die mit der Bewahrung und Vermittlung von Archivbeständen zu Akteur*innen der Denkmalpflege betraut sind. In einem ersten Teil werden die Teilnehmenden im Workshop in Impuls-Vorträgen ihre aktuelle Forschung, Bezüge und Projekte zur skizzierten Thematik vorstellen. Anschließend können anhand ausgewählter Personalmappen aus den Beständen des Archivs des österreichischen Bundesdenkmalamts gemeinsam Fragestellungen und Herangehensweisen in der praktischen Auseinandersetzung mit Quellen herausgearbeitet werden. In einem dritten Teil werden Ergebnisse und Desiderate des Workshops durch die Teilnehmenden diskutiert.
Die Personalmappen bilden den Ausgangspunkt, um schwerpunktmäßig drei inhaltliche Dimensionen zu erörtern, die für die Sichtbarmachung von Frauen* in der Denkmalpflege relevant sein könnten:1) Biografie: Soziale Herkunft und Ausbildung
In einem ersten Schwerpunkt befasst sich der Workshop mit den Biografien und sozialen Herkünften von Frauen*. Das Feld der Denkmalpflege ist eine interdisziplinäre Schnittstelle, an der sich unterschiedliche Fächer wie Architektur, Archäologie, Naturwissenschaften und Kunstgeschichte treffen. Fraglich ist, wie Frauen* mit bestimmten disziplinären Hintergründen ihre Berufswege in die Denkmalpflege fanden und welche Rolle dabei ihre sozialen Herkünfte spielten. Solche Sozialstrukturen unterliegen möglicherweise zugleich zeitlichen und geografischen Konjunkturen. Beispielsweise stellte Harald Engler für die Berufswege von Architektinnen in der DDR die These auf, viele seien in vermeintlich ‚weiche‘ Tätigkeitsfelder der Architektur wie Denkmalpflege oder Landschaftsplanung gewechselt, während Männer diese anscheinend weniger prestigeträchtigen Bereiche tendenziell gemieden hätten.[1] Zugleich verstehen sich die unterschiedlichen Ausprägungen der denkmalpflegerischen Praxis in Ämtern und Vereinen oftmals als national oder regionalspezifisch geprägt. Daran schließen sich möglicherweise auch Fragen zur Mobilität und Migrationsgeschichten einzelner Akteur:innen an und wie diese sich biografisch auf Berufswege auswirkten.
2) Netzwerke: Tätigkeitsfelder und Rezeption
Der zweite Schwerpunkt des Workshops setzt sich über Einzelpersonen hinausgehend mit den Tätigkeitsfeldern und Netzwerken von Frauen* auseinander. In der Denkmalpflege gibt es unterschiedliche Tätigkeitsbereiche, die beispielsweise das zivilgesellschaftliche Engagement, die Inventarisation, Laboranalysen bis hin zur universitären Theoriebildung umfassen. In welchen Bereichen arbeiteten Frauen*? Mit welchen Objekten und Maßnahmen waren sie befasst? Gab es Tätigkeitsschwerpunkte von Frauen*? Nicht zuletzt sollen sich daraus auch Überlegungen zu den Netzwerken von Frauen* in der Denkmalpflege Deutschlands, Österreichs und der Schweiz nachvollziehen lassen. In welche Netzwerke waren Frauen* eingebunden? Welche Handlungsspielräume ergaben sich aus diesen Netzwerken? Zudem könnten sich über den D-A-CH-Raum hinaus auch Ansatzpunkte für die Beschreibung weiterführender internationaler Netzwerke ergeben. Aussagekräftig für dieses Themenfeld könnte auch die Analyse der Rezeption von Frauen* in der Denkmalpflege sein. In der Rückschau werden (Lebens-)Werke oftmals zu kohärenten Narrativen verdichtet, die beteiligte Akteur:innen einordnen. Genauso könnten Quellen aus der Rezeption Aussagen über die Bedeutung von Gender für das Wirken einzelner Akteur:innen geben.
In einem dritten Schwerpunkt sollen schließlich die Institutionen und Vereine in den Blick genommen werden, in denen Frauen* arbeiteten oder sich engagierten. In diesem Sinne fasst der Workshop unter der Begrifflichkeit „Amt“ die diversen Aufgaben, Funktionen und Rollen zusammen, die Frauen* in der Denkmalpflege an unterschiedlichsten Orten, auch über die öffentliche Denkmalpflege hinausgehend haben konnten. Astrid Swenson wies in ihrer Publikation Rise of Heritage auf die transnationalen und interdisziplinären Verflechtungen hin, die die Denkmalpflege seit dem 19. Jahrhundert als dynamisches Tätigkeitsfeld zwischen staatlichen Ämtern, Universitäten und zivilgesellschaftlichen Engagement prägten.[2] Anknüpfend an diese Forschung stellt der Workshop Fragen danach, an welchen Orten und in welchen Institutionen Frauen* zu unterschiedlichen Zeiten in der Denkmalpflege tätig waren. Von Bedeutung könnten dabei auch die unterschiedlichen Entstehungsgeschichten und gesellschaftlichen Verankerungen dieser Orte und Institutionen sein, um die Einbeziehung von Frauen* zu ermöglichen oder ihr Gender sichtbar oder unsichtbar zu machen.
Bewerbungsmodalitäten:
Der Workshop richtet sich an Wissenschaftler:innen (Doktorierende, Postdoktorierende, Professor:innen), Personen aus der denkmalpflegerischen Praxis (freischaffend, bei einer Behörde) sowie Archivar:innen, die mit der Bewahrung und Vermittlung von Archivbeständen zu Denkmalpflege-Akteur:innen betraut sind. Menschen, die sich für den Workshop bewerben möchten, reichen eine kurze Skizze ihres aktuellen Forschungsprojekts rund um Frauen* im interdisziplinären Feld der Denkmalpflege in Deutschland, Österreich oder der Schweiz ein (max. 1 DIN A 4 Seite + Bibliografie). Idealerweise schliesst die eigene Forschung an ein oder mehrere der genannten Workshop-Schwerpunkte an. Zudem bitten wir um einen kurzen CV (max. 2 Seiten). Wir hoffen, dass Reise- und Unterkunftskosten bezuschusst werden können.
als 1 PDF an: sophie.stackmanntuwien.ac.at
Einsendefrist bis: 25.09.2026
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[1] Harald Engler, “Between State Socialist Emancipation and Professional Desire: Women Architects in the German Democratic Republic, 1949–1990,” in Ideological Equals: Women Architects in Socialist Europe 1945–1989, ed. Mary Pepchinski and Mariann Simon (London: Routledge, 2017).
[2] Astrid Swenson, The Rise of Heritage: Preserving the Past in France, Germany and England, 1789–1914, New Studies in European History (Cambridge: Cambridge University Press, 2013).
Reference:
CFP: Gender & Denkmalpflege #1 (Wien, 30 Apr 27). In: ArtHist.net, Jul 13, 2026 (accessed Jul 14, 2026), <https://arthist.net/archive/53456>.