Gleich und doch verschieden. Klösterliche Infirmarien und Hospitäler als Räume christlicher Nächstenliebe im Mittelalter.
Krankenpflege und Gastfreundschaft gehören, ausgehend von den Forderungen in Matthäus 25, zu den Sieben Werken der Barmherzigkeit. Als Grundpfeiler der tätigen christlichen Nächstenliebe finden beide Aufgaben nicht nur in den unterschiedlichen Regelwerken und Brauchtexten der klösterlichen, stiftischen und bruderschaftlichen sowie schwesternschaftlichen Gemeinschaften ihren Niederschlag. Ebenso legen auch zahlreiche bauliche Spuren eindrucksvoll Zeugnis ab vom karitativen Wirken geistlicher Gemeinschaften.
Im Rahmen einer im ehemaligen Zisterzienserkloster Eberbach stattfindenden internationalen Tagung sollen jene ehemals auf die Kranken- und Gästeversorgung ausgerichteten Einrichtungen der Klöster, Stifte und anderen geistlichen Einrichtungen in regional, diachron und institutionsvergleichende Perspektive gebracht werden.
Ein besonderer Fokus wird dabei auf topographische Dispositionen und die architektonische Ausgestaltung der Räume des karitativen Wirkens gelegt. Hierbei werden Fragen der cura corporis bzw. cura animae und Belange der Gastlichkeit religiöser Gemeinschaften der Zeit des 12. bis 16. Jahrhunderts in den Blick genommen werden. Die Betrachtungen werden auf die vita religiosa der Regularkanoniker und -kanonissen, benediktinischer und mendikantischer Gemeinschaften, aber auch Hospitalorden gerichtet, deren Erforschung vor allem in vergleichender Perspektive weiterhin ein Desiderat darstellt.
Eine wesentliche Herausforderung dieses Ansatzes liegt bereits darin, dass die Begriffe „Infirmarie“ und „Hospital“ in vielen modernen europäischen Sprachen weitgehend synonym für Krankeneinrichtungen verwendet werden. Insbesondere in benediktinisch geprägten Klosteranlagen sind jedoch Infirmarien und Hospitäler als Institutionen in hochmittelalterlicher Zeit voneinander zu scheiden. Die sich aus dem lateinischen Wortstamm ableitende Differenzierung spiegelt die zugrunde liegende Unterscheidung zwischen der Betreuung geschwächter Mitglieder der Gemeinschaften in Infirmarien und der Aufnahme von unterschiedlichen Besuchergruppen in Hospitälern wider. Dies lässt sich zum einen in Auseinandersetzung mit überlieferten Textquellen nachvollziehen wie im artefaktsensiblen Umgang mit den baulichen Überresten. Diese Funktionsbauten haben sich vielerorts erhalten und dokumentieren den Umgang mit Kranken und Gästen im Alltag.
Die Tagung wird abgerundet durch einen Einbezug der in Kloster Eberbach erhaltenen Infirmariehalle aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, die als erlebbarer Raum im gesamteuropäischen Vergleich als ein herausragendes Beispiel jenes Architekturtypus‘ betrachtet werden darf, der nicht nur in Zisterzienserklöstern verbreitet war.
Programm
Donnerstag, 24. September 2026
Einführung & Kloster Eberbach
13.00-13.30 Julius Wagner (Stiftung Kloster Eberbach), Doris Moos (Freundeskreis Kloster Eberbach): Einführendes Podiumsgespräch mit Vertretern aus Politik und Denkmalpflege
13.30-13.35 Mirko Breitenstein (Dresden), Gaby Lindemann-Merz (Karlsruhe): Begrüßung
13.35-14.00 Hartmut Heinemann (Wiesbaden): Das Eberbacher Hospital und seine Quellenlage
14.00-14.20 Gaby Lindemann-Merz (Karlsruhe): Infirmarie- und Hospitalbauten in Eberbach. Bauhistorische Anmerkungen zur Disposition und Nutzungsgenese
Sektion 1A: Raumtypen im internationalen Vergleich - Zisterzienser
Moderation: Jutta Maria Berger (Münster)
14.35-15.00 Jens Rüffer (Halle/Berlin): Hospes et infirmi. Allgemeine Überlegungen zum Personenkreis und dessen räumliche Verortung im Zisterzienserkloster bis ins ausgehende 13. Jahrhundert
15.15-15.45 Kaffeepause
15.45-16.10 Jean-Baptiste Vincent (Paris): The Reception of Lay People andCaring for the Sick. The Difficulties of Identifying Spaces in Archaeology in Norman Cistercian Abbeys and Neighbouring Monasteries
16.25-17.20 Radka Ranochova (Prag), Marcela Waldmannova (Prag): Die zisterziensischen Infirmarien in Böhmen mit besonderer Berücksichtigung der neuen archäologischen Ausgrabungen in Plasy
17.30-17.55 Eduardo Carrero Santamaría (Barcelona): Between Palaces and Founding Myths. Tracing the Medieval Infirmaries of Iberian Cistercian Monasteries
18.15 Möglichkeit der Begehung der ehem. Infirmariehalle und des Dachraums mit Nordquerbau und Hospitalstube; Weinverkostung
19.30 Möglichkeit zum Abendessen
Freitag, 25. September 2026
Sektion 1B: Raumtypen im internationalen Vergleich - Ordensübergreifend
Moderation: Jens Rüffer (Halle/Berlin)
9.00-9.25 Vera Henkelmann (Dresden): Licht in den Infirmarien und Hospitälern des Mittelalters
9.35-10.00 Eleonora Destefanis (Vercelli): Spaces and Buildings for Care and Hospitality in Medieval Italian Religious Communities
10.10-10.35 Jackie Hall (Peterborough): Health and Welfare across the Orders. Examples from England
10.45-11.15 Kaffeepause
11.15-11.55 Katalin Szende (Wien), Fanni Gazdag (Wien): From Monastic to Urban? Changing Patterns of Siting and Funding Hospitals in Northern Italy and Central Europe
12.10-12.35 Michel Pauly (Luxembourg): Hospitale pauperum, hospitale divitum und infirmarium. Klösterliche Empfangsstrukturen zwischen Rhein und Maas
12.45 Möglichkeit zum Mittagessen
Sektion 2A: Fürsorge als institutionelle Leitidee - Vita canonica als vita caritativa
Moderation: Gaby Lindemann-Merz (Karlsruhe)
14.00-14.45 Ingrid Ehlers-Kisseler (Bad Nauheim), Katrin Rösler (Dresden): Fürsorge und Gastfreundschaft bei den Prämonstratensern. Armen- und Krankenpflege im historischen Kontext
15.00-15.25 Elisabeth Clementz (Straßburg): Krankenpflege und Gastlichkeit bei den Antonitern
15.35-16.00 Kaffeepause
Sektion 2B: Ritterorden
Moderation: Mirko Breitenstein (Dresden)
16.00-16.25 Jürgen Krüger (Karlsruhe): Vom Hospiz zum Hospital. Von S. Maria Latina zum Johanniterorden. Krankenpflege anno 1182 in Jerusalem
16.40-17.05 Karl Borchardt (München): Hospitalität als Ausweg aus der Krise? Strategien der Johanniter im 14. Jahrhundert
Sektion 2C: Leprosorien
Moderation: Mirko Breitenstein (Dresden)
17.30-18.15 Marie Ulrike Jaros (Berlin), Alexandra Druzynski v. Boetticher (Cottbus): Meistens getrennt, aber nicht ganz isoliert. Die räumliche Organisation der Lüneburger Leproserie St. Nikolai
18.30 Möglichkeit zum Abendessen
Abendvortrag:
20.15 Bianca Frohne (Kiel): Körper, Raum und Institution. Infirmarien und Hospitäler aus Sicht der Disability History
Samstag, 26. September 2026
Sektion 2D: Zwischen Praxis und Ritual
Moderation: Klaus G. Beuckers (Kiel)
9.00-9.25 Roland Pieper (Münster): Mendikantenklöster in der Krankenund Altenpflege bis zur Reformation Gedanken zu einem – vernachlässigbaren? – Thema
9.35-10.00 Peter Murray Jones (Cambridge): English Mendicants and Spaces for Healing
10.10-10.35 Jörg Voigt (Hannover): Hospitäler und Pflegepraxis in norddeutschen Frauenklöstern und Beginengemeinschaften
10.45-11.15 Kaffeepause
11.15-11.40 Jörg Sonntag (Bielefeld): Zwischen Heilsaufgabe und Belastung. Zum rituellen Umgang mit kranken Mönchen und kranken Gästen im hochmittelalterlichen Benediktinertum
11.50-12.30 Mirko Breitenstein (Dresden), Gaby Lindemann-Merz (Karlsruhe): Resümee und Ausblick
12.30 Möglichkeit zum Mittagessen
Quellennachweis:
CONF: Klösterliche Infirmarien und Hospitäler (Eltville, 24-26 Sep 26). In: ArtHist.net, 26.06.2026. Letzter Zugriff 26.06.2026. <https://arthist.net/archive/52804>.