kritische berichte Heft 1/2010 Jahrgang 38
Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften Mitteilungsorgan des Ulmer
Vereins - Verband für Kunst- und Kulturwissenschaften e.V.
Das Politeske / The Politesque
Inhalt / Content
Joseph Imorde / Anne Röhl
Editorial 3
Marc Glöde
Über das Verhältnis von Politik und Ästhetik in den Künsten 5
Roland Meyer
Politik der Unbestimmtheit. Jacques Rancière und die Grenzen des
ästhetischen Regimes 19
Ursula Frohne
Paradoxa des Politischen 33
Jörg Scheller
Keine Angst, der will nur spielen!
Oder: Wie Jonathan Meese mit seiner Forderung nach einer Diktatur der Kunst
den deutschen Idealismus in die Postmoderne rettet 49
Lars Stamm
Julian Rosefeldts American Night 59
Sonja Lesniak
E-Gitarre und Maschinengewehr - das Politeske bei Daniel Richter 68
Magnus Schäfer
Enttäuschte Erwartungen - Politisch besetzte Motive in Martin Kippenbergers
Malerei der frühen 1980er Jahre 75
Susanne König
Sigmar Polkes Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen 87
Michaela Ott
Ästhetische Politiken 97
Anne Röhl
"As political as possible." - Überpolitisierung der Kunst zu sehen bei
Bata-ville 111
Anne Röhl
Interview mit Nina Pope und Karen Guthrie 121
Joseph Imorde / Anne Röhl
Das Politeske / Editorial
Das Heft "Das Politeske" geht zuerst einmal von der grundsätzlichen Annahme
aus, dass jedes künstlerische Werk seinen spezifisch politischen Ort hat und
dass sich dieser Ort definieren und kulturhistorisch beschreiben lässt. Auf
dieser sehr allgemeinen Grundlage wird das zerklüftete Gelände der
politischen Kunst des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts zuerst einmal
grobflächig kartiert (Marc Glöde), um in der Folge das Feld des politisch
Grotesken oder grotesk Politischen theoretisch und praktisch abzustecken.
Der Fokus des Heftes liegt vor allem auf einzelnen Positionen, Positionen,
die sich vermeintlich kritisch mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit
auseinandersetzen und/oder als "sozial engagierte" Kunst versuchen, in
irgendeiner Weise weltverbessernd auf diese Wirklichkeit ein- und
zurückzuwirken. Neben der Verortung der jeweiligen politischen Position
steht das Problem der Öffentlichkeitsbildung im Zentrum, das heißt die
Frage, mit welchen medialen Strategien die künstlerisch vorgetragene
Widerständigkeit immer wieder inszeniert und ihr damit der Markt bereitet
wird. Es geht um das problematische Wechselverhältnis von Kritik und
Affirmation, es geht aber auch um das dialektische Miteinander von
Verweigerungspathos und Aufmerksamkeitsgenerierung, um ein Miteinander also,
das sich heute nur zu oft in künstlerischen Arbeiten aufgehoben findet:
Schock, Albernheit, Absurdität alternative Lebensformen, Gruppenbildungen,
Retro-Nostalgie, eskapistische Überdetermination oder Überpolitisierung, all
das und noch viel mehr soll hier mit dem Begriff des Politesken umrissen
werden.
Von Interesse waren und sind die öffentlichen Hybridisierungen (ehemals
definierter) ideologischer Inhalte, die medialen Theatralisierungen modisch
gewordener Renitenzen, die künstlerisch-imitativen Akte politischer
Handlungsmuster, aber auch die sich als Revolution gerierenden Umarmungen
des Marktes von den gesellschaftlichen Rändern aus. Ziel des Heftes ist es,
die Heterogenität des Politischen auch in der gegenwärtigen Kunst zu
konturieren und das grotesk Politische oder politisch Groteske heutiger
Ansätze als Problem auszustellen.
Das Heft entstand in Zusammenhang eines Projektseminars der Universität
Siegen, das dem "Politischen in der Gegenwartskunst" gewidmet war. In dieser
Veranstaltung wurde sehr schnell deutlich, dass sich etwa die von Jacques
Rancière der Kunst zugewiesene Fähigkeit der "Neuaufteilung des Sinnlichen"
ideengeschichtlich als durchaus diskutierbares Wiedergängertum beschreiben
lässt (Roland Meyer), dessen gesellschaftliche Wirkmacht in heutiger Zeit
eher zu vernachlässigen wäre, an dessen Diskurs- und Marktwirksamkeit aber
in den letzten Jahren schwerlich vorbeizusehen und vielleicht noch schwerer
vorbeizudenken war. Den Reanimationen tradierter Vorstellungen in neuen und
neusten Versuchen, den Zusammenhang von Politik und Kunst zu theoretisieren,
kommt ja heute oft auch etwas konkret Groteskes zu. Das lässt sich
beispielhaft an dem albern kindlichen oder auch lächerlich clownesken
Jonathan Meese zeigen, dessen schockant spielerisches Gerede von der
"Diktatur der Kunst" womöglich wirklich nichts anderes ist, als eine sich im
Spektakel kaschierende Exhumierung Schillerscher Ideen (Jörg Scheller). Das
'schillernd' Provokante der Oberflächen bei Jonathan Meese 'moralin'
hingerüpelt, bei Julian Rosefeldt 'brechtig' aufpoliert (Lars Stamm)
erlaubt es, die künstlerischen Verfahrensweisen in ihrer ideologischen Ort-,
Harm- und Haltlosigkeit als politesk zu bestimmen. Dass diese sich ironisch
verwitzelnden Strategien eines sich engagiert gebenden Heraushaltens auch im
20. Jahrhundert nicht ohne wichtige Beispiele und Protagonisten waren,
machen Beiträge zu dem gerade als "Kleinbürger" gegenwärtigen Sigmar Polke
(Susanne König) oder auch zu dem als Erzironiker gehandelten Martin
Kippenberger (Magnus Schäfer) deutlich. Vor allem Kippenbergers Bilder der
frühen 80er Jahre - wie etwa 'Krieg böse' - strapazieren jeden Anspruch auf
Ernsthaftigkeit und weisen auf eine sich im klugen Witz camouflierende
Entfremdung von dem, was in jenen Jahren vielen Künstler/innen als
ideologisch konsensfähig und opportun erschien - also etwa ein auch medial
demonstriertes 'linkes' Engagement in der Friedens- oder
Antikernkraftbewegung.
Doch lassen sich dem damit angesprochenen Vorwurf der politesken Indifferenz
auch zeitgenössischer Kunst nun Praktiken entgegenhalten, in denen sich
politisches Handeln in spontanen, kurzlebigen Aktionen und in einer
flexiblen Programmatik manifestieren, in ästhetischen Politiken, deren
Potential sich etwa anhand der Leerung bekannter Codes, anhand der
differentiellen Modulierung überkommener Formen oder auch anhand der
Markierung bislang ungesehener Räume eröffnet (Michaela Ott). Eine
vermengende Neubewertung der Werte oder auch ein selbstverrätselndes
Zusammenbacken ehemals distinkter Codes lassen sich etwa in den Malereien
Daniel Richters ausmachen, dessen Bildsprache wie Ideologie irgendwo
zwischen E-Gitarre und Maschinengewehr angesiedelt sind und dem Glück einer
global vermarktbaren Privatheit nachzugeben scheinen (Sonja Lesniak). Die
fließend gewordenen Räume des Ideologischen wie auch die medial handhabbar
gemachten Märkte des Kritischen zeitigen heute kreative Widerständigkeiten
und bisher unbekannte Koalitionsbildungen, kurz gesagt unorthodox sich
positionierende Haltungen, wie etwa jene der britischen Künstlerinnen Karen
Guthrie und Nina Pope, die seit den 1990er als Künstlerkooperation Somewhere
Kunst produzieren (Anne Röhl). Der Name dieses Unternehmens kann dem
vorliegenden Heft gleichsam als Motto dienen, denn mit dem "Politesken" sind
die kritischen berichte - wieder einmal - auf der Suche nach einem heutigen
Ort des Politischen, einem Ort, der wohl in einem Irgendwo zwischen
Engagement und Affirmation, zwischen Widerstand und Markt aufzufinden wäre,
einem politischen Ort damit, den es durch die Kunst und ihre Theorie
offenbar immer wieder neu und immer wieder anders einzunehmen und zu
definieren gilt.
Quellennachweis:
TOC: kritische berichte 1.2010: Das Politesse / The Politesse. In: ArtHist.net, 29.03.2010. Letzter Zugriff 10.08.2026. <https://arthist.net/archive/32498>.