CONF Mar 28, 2010

Vergessen. Leerzeichen des Denkens? (Zuerich, 24 Apr 10)

Marie Theres Stauffer

Vergessen. Leerzeichen des Denkens?
L'art d'oublier. Signes-vides de la pensée?

Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturtheorie und Semiotik
SGKS (Studientag)

Datum: Samstag 24. April 2010
Veranstaltungsort: Universität Zürich, Ethikzentrum (Kutscherhaus),
Zollikerstrasse 117, 8008 Zürich

Programm

09.30
Christine Abbt, Zürich/Hans-Georg von Arburg, Lausanne
Begrüssung, Einleitung

10.00
Hubert Thüring, Basel
"Vergessen und Durchstreichen. Negation und Produktion im Denken und
Schreiben Nietzsches"

11.00
Kaffeepause

11.30
Anna Joss, Zürich
"Verlorene Geschichten, Sammlungslücken und unbekannte Objekte.
Überlegungen zum Vergessen in der Sammlungspraxis historischer Museen"

12.30
Mittagspause

14.00
Michael Schmid, Zürich
"Vergessen im Archiv"

15.00
Kaffeepause

15.30
Michael Hagner, Zürich
"Über die Zukunftsvergessenheit der Geisteswissenschaften"

16.30
Generalversammlung SGKS

Abstracts
Michael Hagner

Die zentrale These des Vortrags besteht darin, dass die
Geisteswissenschaften in dem Moment die Zukunft vergessen haben, als sie
sich das Gedächtnis zum neuen Leitparadigma auserkoren haben. Diese
Entwicklung wird im Kontext der politischen und kulturellen Entwicklungen
der 1970er Jahre dargestellt. Ich beschliesse den Vortrag mit einem Plädoyer
für die Wiederentdeckung der Zukunft als Forschungsfeld der Geistes- und
Kulturwissenschaften.

Anna Joss

Über die Lücken in ihrer Sammlung wissen die Sammlerinnen und Sammler immer
bestens Bescheid: Lücken gilt es zu schliessen. Die vergessen gegangenen
Dinge dagegen sind die unbewussten Leerstellen des Sammelns. Unbeachtet,
aber körperhaft-räumlich präsent, bergen sie permanent die Möglichkeit, auf
sie zu stossen. Wird man ihrer gewahr, so zeigt sich, dass die Dinge nicht
mehr dieselben sind wie zum Zeitpunkt, da sie in Vergessenheit gerieten.

Michael Schmid

Vergessen im Archiv kann zweierlei bedeuten: Zum einen gehen Dokumente, die
in die Archive eingehen, oftmals vergessen, sie verschwinden aus der
Erinnerung, obwohl sie gerade dafür aufbewahrt wurden. Sie werden von einem
Verwaltungsapparat verschluckt und sind diesem manchmal nur noch mit grosser
Mühe zu entreissen. Vergessen kann aber auch bedeuten, dass das Archiv das
Vergessen selber betreibt, indem es Dokumente gar nicht erst in seine
Sammlung aufnimmt und sie so für jede künftige Erinnerung a priori löscht.

Hubert Thüring

"Mensch vergiss! Mensch vergiss! / Göttlich ist des Vergessens Kunst!", so
dichtet Nietzsche 1888, und man kann annehmen, dass die Verse das, wovon sie
sprechen, zugleich vollziehen sollen. Das Paradox, dass Zeichen, die ’für
etwas stehenŒ, zugleich ihr Verschwinden ’bedeutenŒ können, soll anscheinend
über die Zeitlichkeit aufgelöst werden: Das Vergessen wird so als
Zeichenprozess fassbar. Dass sich das Vergessen nur als eine Art
Gedächtnisprozess denken lässt, hat sich Nietzsche seit Beginn seiner
philosophischen Arbeit Anfang 1870er Jahre von der antiken Philosophie und
Rhetorik über die Geschichtsphilosophie bis zur modernen Physiologie und
Psychologie erarbeitet. Das Vergessen ist aber, wie seine späte Dichtung
zeigt, von Anfang an nicht nur Gegenstand des Denkens in Begriffen, sondern
wird bis in den eigenen Schreibprozess hinein praktiziert und reflektiert.

Organisation: Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturtheorie
und Semiotik (www.sagw.ch/kultur_theorie_semiotik) Kontakt:

Dr. Christine Abbt Prof. Dr. Hans-Georg von Arburg
Universität Zürich Université de Lausanne
Philosophisches Seminar Faculté des lettres, Section d¹allemand
Zollikerstr. 117 Bâtiment Anthropole
CH-8008 Zürich CH-1015 Lausanne
abbtphilos.uzh.ch hg.vonarburgunil.ch

Reference:
CONF: Vergessen. Leerzeichen des Denkens? (Zuerich, 24 Apr 10). In: ArtHist.net, Mar 28, 2010 (accessed Aug 10, 2026), <https://arthist.net/archive/32463>.

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