Jahr der Geisteswissenschaften 2007
Aus den Feuilletons vom 16.-22.5.
Eine ereignisarme Woche wurde dominiert von enthusiastischen
Gratulationscouren zum 70. Geburtstag des Germanisten und
Literaturkritikers Peter von Matt. In der Wochenendbeilage der NZZ gab es
Essays von Geisteswissenschaftlern zum Lob der Langsamkeit im Denken, beim
Lesen und im Kino.
Einig wie selten zeigten sich mehr oder weniger alle großen Feuilletons in
dieser Woche darin, dass der Germanist und Literaturkritiker Peter von
Matt ein ganz Großer seiner Zunft ist – und ein wichtiger Autor dazu. Er
feierte am Wochenende seinen 70. Geburtstag. Die NZZ ließ hochkarätige
Geisteswissenschaftler wie den Kulturtheoretiker Hartmut Böhme und den
Komparatisten Christiaan Hart Nibbrig die Langsamkeit loben. Ganz
begeistert ist die SZ von einem Vortrag der Wissenschaftshistorikerin
Lorraine Daston über "besessene Forscher".
Im Blickpunkt
Glückwünsche für Peter von Matt
Anlass für Lobreden quer durch die Kulturseiten war der 70. Geburtstag
Peter von Matts, in dem die Feuilletonisten einen Germanisten ganz nach
ihrem Herzen gefunden haben. In der FAZ lobt der Literaturchef Hubert
Spiegel: "In all diesen Büchern findet sich ebenso wie in den
Literaturkritiken, die Peter von Matt schreibt (...) eine Mischung aus
Vernunft, Leidenschaft, enormem Wissen und großer Leichtigkeit und
Eleganz, die ihren Verfasser unverwechselbar gemacht hat."
In der SZ sekundiert Gustav Seibt: "Von Matt macht aus Literatur noch
einmal Literatur, aber bei ihm hat das wenig zu tun mit papierener,
postmoderner Spielerei. In Büchern wie 'Liebesverrat' oder 'Verkommene
Söhne, missratene Töchter' wird ein Roman der Menschheit geschrieben, der
seinen Lesern keine Ruhe lässt."
Nichts als Lob auch in der taz von Alexander Cammann, der in Elias Canetti
einen Wahlverwandten des Germanisten ausgemacht hat: "Aphorismus und
Anverwandlung statt Ismen-Definition und Systembastelei: Canettis Ästhetik
ähnelt dem Literaturdenken seines Interpreten. So wird bei Peter von Matt
Kritik zur Kunst, denn er weiß: 'Das Wort ist dauerhafter als Stein und
Eisen.'"
Nicht nur einen wichtigen Literaturwissenschaftler, sondern auch einen
bedeutenden Autor erkennt in der Welt Ulrich Weinzierl in Peter von Matt:
"Dass Peter von Matt der intellektuell anregendste eidgenössische Autor
ist und als glänzender Stilist keinen Vergleich - weder in Deutschland
noch in Österreich - scheuen muss, steht längst außer Zweifel."
FAZ, 19.5.2007
SZ, 19.5.2007
taz, 16.5.2007
http://www.taz.de/dx/2007/05/16/a0222.1/text
Welt, 19.5.2007
http://www.welt.de/welt_print/article881480/Das_Geschichten_erzaehlende_Tier.html
[Literaturwissenschaft]
Lob der Langsamkeit
Die NZZ-Wochenendbeilage Literatur und Kunst hatte die sehr schöne Idee,
Vertreter unterschiedlicher Disziplinen über die Langsamkeit in den
Künsten nachdenken zu lassen. Der Schweizer Literaturwissenschaftler
Christiaan Hart Nibbrig schreibt über den Genuss des langsamen Lesens:
"Man könnte schon fast süchtig werden auf den 'Stoff' einer Lektüre, die,
lento, das geduldige Warten - worauf? Ich hab's beim Lesen vergessen -
fast schon um seiner selbst willen einübt. Wie etwa bei Stifter. Und
seinem liebevollen Umkreisen scheinbar unscheinbarer Nebensächlichkeiten,
welche in besänftigender Langatmigkeit die Hauptsache überschwemmen."
Der in Berlin lehrende Kulturtheoretiker Hartmut Böhme beschreibt die
Diskrepanz zwischen Menschen- und Maschinenzeit: "Ein unheimlicher Abgrund
öffnet sich zwischen der Nano-Zeit, in der die Informationen fliessen, und
den Zeiträumen, die wir zu ihrer Verarbeitung benötigen. In unserem Denken
und Wahrnehmen sind wir alle Flaneure, während die Apparate, die uns 'zur
Hand' gehen, schon längst in transhumanen Dimensionen operieren."
Und über die Langsamkeit im Kino räsonniert der Philosoph Harry Tomicek:
"Bewegung durch filmische Verlangsamung begreifen, Filmeinstellungen
langsam werden lassen, sie einfrieren, sie wieder beschleunigen - ein
durch Film möglich gewordenes Spiel, aber auch ein in der Geschichte
völlig neuer Erkenntnisakt."
NZZ, 19.5.2007 – Haart Nibbrig
http://www.nzz.ch/2007/05/19/li/articleF587F.html
NZZ, 19.5.2007 – Böhme
http://www.nzz.ch/2007/05/19/li/articleF2LNV.html
NZZ, 19.5.2007 – Tomicek
http://www.nzz.ch/2007/05/19/li/articleF2SI4.html
[Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft, Philosophie]
Themen der Woche
Glückwunsch für Michael Wolfssohn
In der FAZ versucht Lorenz Jäger dem nicht unumstrittenen Historiker
Michael Wolfssohn zum 60. Geburtstag Gerechtigkeit widerfahrenzu lassen:
"Wenn er, was bei ihm seit zwei Jahrzehnten fast die Regel ist, einen
Streit provoziert, dann nur deshalb, weil er die beiden Griffe der
politischen Wünschelrute festhält, auch wenn er seine Sympathie mal der
einen, mal der anderen Seite des Widerstreits zuwandte."
FAZ, 16.5.2007
[Geschichte]
Nachruf auf den Philosophen Wolfgang Kluxen
In seinem in der FAZ erschienenen Nachruf auf den Philosophen und
Mediävisten Wolfgang Kluxen erinnert Oliver Jungen an einen der jüngsten
Texte des Autors: "Vor zwei Jahren erschien ein Aufsatz zur
'Weltverändernden Kunst'. Um einen erweiterten, ins Anthropologische
ausgreifenden Kunstbegriff ist es dem Autor dabei zu tun: 'Der Künstler
ist niemals das einsame Genie.' Immer ist er eingebettet in eine Kultur,
eine Tradition, eine Gesellschaft. Alles andere, die Autonomie-These oder
das Heroenbedürfnis, ist im harmlosesten Falle Kitsch."
FAZ, 16.5.2007
[Philosophie]
Geschichte der Palimpseste
Auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ referiert Melanie Möller einen
Aufsatz des Sprachwissenschaftlers Harald Weinrich über die Geschichte des
Palimpsests und stellt fest: "Die Geschichte der Palimpseste ist geprägt
von Gewalt, Verlustgefahr und Vergessen. Zugleich ist es eine Geschichte
der Achtsamkeit, der Phantasie und des Erinnerns. So konnte es kommen,
dass 'Palimpsest' alsbald zu einer für die europäische Geistesgeschichte
zentralen Metapher gesteuerten Vergessens wurde."
FAZ, 16.5.2007
[Kulturgeschichte]
Erinnerung an Historiker Hans Herzfeld
Das Kalenderblatt des Deutschlandradio erinnert an den nicht
unumstrittenen Historiker Hans Herzfeld, einen der Begründer
zeitgeschichtlicher Forschung in Deutschland: " Die Zunft der deutschen
Zeithistoriker dirigierte er nicht zuletzt über seine zahlreichen Schüler,
die sich, allen voran der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, nicht
scheuten, ihre akademische Haus- und Definitionsmacht, auch offensiv
auszuüben, zum Beispiel gegen den Hamburger Historiker Fritz Fischer, der
Anfang der 60er Jahre dem allgemeinen Konsens, wonach Deutschland in den
Ersten Weltkrieg rein defensiv hineingeschlittert sei, vehement widersprach."
Deutschlandradio, 16.5.2007
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kalenderblatt/623333/
[Geschichte]
Konferenzen und Tagungen
Lorraine Daston über besessene Forscher
In der SZ schwärmt Klaus Birnstiel von einem in München gehaltenen Vortrag
der Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston: "Der Vortrag von Daston,
die auch Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für
Wissenschaftsgeschichte ist, wurde zu einem faszinierenden Lehrstück über
wissenschaftliche Besessenheit, über die Figur des Forschers im Wandel von
vierhundert Jahren und darüber, was Wissenschaftsgeschichte uns Heutigen
über unser eigenes Dasein erzählen kann."
SZ, 18.5.2007
[Wissenschaftsgeschichte]
Bücher und Rezensionen
Für eine wichtige Studie hält Ahlrich Meyer in der NZZ Michael Wildts
"Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung", denn: "Das Buch widerlegt eine
ganze Reihe von milden Legenden. Mit der gängigen Erklärung, die Mehrheit
der Deutschen habe angesichts der von oben befohlenen Verfolgung der Juden
nur gleichgültig zu- oder weggesehen, gibt der Autor sich nicht zufrieden.
Zwischen der Täterseite der Nazi-Aktivisten und den jüdischen Opfern auf
der anderen Seite macht er nicht bloß passive Zuschauer aus, sondern
Komplizen, die auf die eine oder andere Weise zu Akteuren und Beteiligten
öffentlicher Diskriminierung und Gewaltanwendung wurden."
NZZ, 16.5.2007
http://www.nzz.ch/2007/05/16/fe/articleF3RLV.html
[Geschichte]
Der Soziologe Wolfgang Sofsky bespricht in der NZZ Otfried Höffes
fundamentalethischen Entwurf "Lebenskunst und Moral" – und befindet ihn
vor allem, wenn es um das Böse geht, als allzu voluntaristisch: "Böse ist
nach Höffe nur derjenige, der mit bösem Willen das Böse allein um des
Bösen willen exekutiert. Doch sowenig das Gute durch die freiwillige
Aufbietung aller guten Willenskräfte zu erreichen ist, so wenig beschränkt
sich das Böse auf die Gesinnung der Grausamkeit. Die schlimmsten
Verbrecher zeigen kein teuflisches Grinsen, wenn sie in den Spiegel sehen.
Sie sind gleichmütig, frei von Scham oder Schuld, und manchmal sogar ein
wenig stolz darauf, dass sie die größten Untaten verübt haben und trotzdem
'anständig' dabei geblieben sind."
NZZ, 22.5.2007
[Philosophie]
Der mit einer großen Studie über den Buchdruck bekannt gewordene
Literaturwissenschaftler Michael Giesecke verabschiedet sich nun in gleich
zwei Büchern von der "typografischen Kultur". Der Rezensent Johann
Schloeman hat in der SZ so seine Bedenken gegen die Pauschalthese des
Forschers: "Um die Opposition zur Buchkultur einzunehmen, simplifiziert
Giesecke diese, trotz seiner Kenntnisse, in unerträglicher Weise. So
schreibt er, in Schule und Universität führe die herkömmliche Buchkultur
zu 'identischer Reproduktion des Wissenskanons' und zur 'Gleichschaltung
der Erlebens-und Verarbeitungsformen der Kommunikatoren' - hat der Autor
jemals ein gelungenes Kolloquium erlebt, in dem gerade anhand gelesener
gedruckter Texte vielfältige Interpretation, Austausch und Diskussion vor
sich gehen?"
SZ, 22.5.2007
[Literaturwissenschaft]
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Reference:
WWW: Perlentaucher Presseschau (16-22 Mai 07). In: ArtHist.net, May 23, 2007 (accessed Sep 17, 2026), <https://arthist.net/archive/29352>.