Nachruf auf David Craven
Der Tod des amerikanischen Kunsthistorikers David Craven hat dem Fach eine Persönlichkeit genommen, die in besonderer Weise mit der deutschsprachigen Kunst- und Philosophiegeschichte verbunden war. Sein akademischer Lehrer war Donald Kuspit, ein Schüler Adornos.
Im Jahr 1979 an der University of North Carolina at Chapel Hill promoviert, war er seit 1993 als Professor für Kunstgeschichte University of New Mexico tätig. Craven hat rastlos in zahlreichen Ländern Vorträge gehalten, und er hat unter anderem an den Universitäten von Mexiko, Leeds, Bremen und an der Humboldt-Universität gelehrt. Er war Stipendiat hoch angesehener Stiftungen wie der Samuel H. Kress Foundation sowie der Rockefeller Foundation, und mehrfach hatte er die Ehre, als Gastfellow an Institutes for Advanced Study wie dem Collegium Budapest eingeladen zu werden. Zudem hat er zahlreiche Ausstellungen von Mexiko bis London kuratiert und mitveranstaltet.
Seine in fast zweihundert Artikeln und insgesamt zehn Büchern niedergelegten, in zwölf Sprachen übersetzten Forschungen bezogen sich wesentlich auf Lateinamerika. Craven war der Erste, der die Kunst der lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen systematisch erforscht, festgehalten, gedeutet und gefördert hat. Ein 1983 in den Kritischen Berichten veröffentlichter Artikel hat dies in einem frühen Stadium festgehalten. Zu seinen größten und persönlich wichtigsten Prägungen gehörte die Freundschaft zu Ernesto Cardenal, der ihn mehrfach durch eigene Beiträge ausgezeichnet hat. Mit "Art and Revolution in Latin America 1910-1990" (2002) hat Craven eine Summe seiner Forschungen vorgelegt.
Seinem aktiven Naturell gemäß hat er aus diesem Einklang mit der revolutionären Kunst Lateinamerikas historische und zeitgenössische Verbündete gesucht. Hiervon zeugen eine Reihe von Artikeln zur Geschichte der Kunstgeschichte, darunter über Max Raphael und Meyer Schapiro. Zudem war Craven ein Meister des Interviews. In einem legendär gewordenen Gespräch mit Barnett Newman hat er die dunkle, eher an Burke als an Kant orientierte Sicht von dessen "Sublime" ebenso erfragt wie jene radikalanarchische politische Überzeugung, die den Maler bewog, sich um das Amt des Bürgermeisters von New York zu bewerben.
Im Sinn dieser Rekonstruktion hat Craven zeigen können, dass die abstrakte Kunst der Nachkriegszeit in Lateinamerika als oppositionelle Malerei wahrgenommen wurde. Aus dieser Perspektive hat er sein wohl wichtigstes Buch vorgelegt: "Abstract Expressionism as Cultural Critique. Dissent during the McCarthy Period" (1999). Gegen den Mythos, dass der Abstrakte Expressionismus ein Stilmittel des Kalten Krieges gewesen sei, hat er in diesem mehrfach preisgekrönten Opus die Erkenntnis gesetzt, dass der Abstract Expressionism aus derselben Kultur kam, in der sich Meyer Schapiro bewegte: aus einer gegen den Kalten Krieg gerichteten Kultur.
Am 11. Februar 2012 ist David Craven ohne Vorwarnung während eines Tennisspiels im Alter von 60 Jahren gestorben. Wenige Kunsthistoriker haben sich um die Verbindung von Kunstgeschichte und Kritischer Theorie stärker verdient gemacht als dieser vor Energie und Eigenwillen sprühende Forscher.
Reference:
David Craven (1951-2012). In: ArtHist.net, Feb 18, 2012 (accessed Sep 16, 2026), <https://arthist.net/archive/2748>.