Blöcher, Heidi: Die Mitren des Hohen Mittelalters

Reviewed by: Jörg Richter, Universität Bern, Institut für Kunstgeschichte

Anfang 1603 erzwang Kurfürst Joachim Friedrich von Brandenburg, seit 1598 Herr über das säkularisierte Bistum Havelberg, eine Inventur der wenigen Kleinodien, die in den Händen des Havelberger Domkapitels verblieben waren. Wertvollstes mobiles Eigentum, das das Kapitel selbst in Krisenzeiten nicht veräußert hatte, war eine mit Hunderten von Perlen und Steinen besetzte Mitra. Das im frühen 15. Jahrhundert gefertigte Stück wurde vom Domkapitel an den jeweils amtierenden Bischof lediglich gegen eine erhebliche Kaution verliehen [1]. Die Begehrlichkeiten und Sicherungsvorkehrungen um die Havelberger Mitra machen deutlich, welch hoher Stellenwert Mitren innerhalb der symbolischen Kommunikation vom hohen Mittelalter bis in die Neuzeit hinein zukam. Umso erstaunlicher ist es, dass bislang keine Monographie zu dieser bedeutenden Insignie vorlag. Im Gegensatz zu den Herrscherkronen, von denen zumindest einige prominente Einzelstücke die Forschung seit Jahrzehnten beschäftigen, war es um die geistliche Mitra merkwürdig still. Joseph Brauns Klassiker „Die liturgische Gewandung im Occident und Orient“ von 1907 versammelte bis dato die umfangreichste Reihe von Beispielen, ohne freilich auf Einzelstücke näher einzugehen [2].

Zu den Ursachen für die auffällige Zurückhaltung dürfte die technische Komplexität dieser allansichtigen textilen Kunstwerke gehören, auf die häufig noch Goldschmiedearbeiten appliziert sind, so dass allein für die korrekte Beschreibung einer Mitra ein gehöriges Spezialwissen erforderlich ist. Dank ihrer Parallelausbildung als Textilrestauratorin und Kunsthistorikerin war Heidi Blöcher geradezu prädestiniert, um das anspruchsvolle Material fachgerecht zu erfassen und kritisch auszuwerten. Ihre 2006 an der Universität Koblenz-Landau angenommene Dissertation ist nun in einer äußerst ansprechenden Publikation zugänglich gemacht worden.

Aufgrund ihrer hohen identifikatorischen Bedeutung für das Selbstverständnis einer geistlichen Institution waren Mitren häufig über mehrere Jahrhunderte hinweg in Gebrauch, was vielfältige Reparaturen und Modifikationen nach sich ziehen konnte. Eine ganze Reihe von Stücken hat zudem eine Umdeutung zur Reliquie eines Bischofsheiligen erfahren (165-169), was Eingriffe zugunsten von Präsentation und Devotion mit sich brachte. Die solcherart geformte „Biographie“ eines Werkes ist integraler Bestandteil von dessen historisch begründeter Gestalt. Materialbasis und beeindruckende wissenschaftliche Leistung der Autorin zugleich ist folglich ein Katalog, der für 102 Mitren detaillierte Angaben zu den jeweils verwendeten Materialien und textilen Techniken, aber auch zu Veränderungen und zur Provenienz bietet. Für die meisten der Stücke sind diese Daten überhaupt erstmals erhoben worden! Vorschläge zur Lokalisierung und zur Datierung der Gewebe und Stickereien, Transkriptionen der Inschriften sowie Verweise auf ausgewählte ältere Literatur runden die Katalogtexte ab. Wer jemals versucht hat, an ein druckfähiges Foto von einem in einem italienischen Kirchenschatz verwahrten Werk zu gelangen, wird die Mühen zu würdigen wissen, die Heidi Blöcher, die Redaktion und die Gestalter unternommen haben, um jede Mitra in mindestens einer Abbildung präsentieren zu können.

Handhabbar macht das enorme Material eine kluge Beschränkung auf die aus dem Zeitraum vom 12. bis zum 14. Jahrhundert erhaltenen Mitren. Die nach wie vor in Kirchenschätzen befindlichen Stücke sind ebenso berücksichtigt wie die heute in musealen Sammlungen bewahrten, Schatzkammerstücke und Grabfunde. Auffällig ist, dass die Karte auf S. 176, die die untersuchten Mitren geographisch verortet, annähernd auch den Verlauf des Eisernen Vorhangs bis 1990 abbildet, obwohl sich die Autorin eine „europaweite Bestandsaufnahme“ (12) vorgenommen hatte. Abgesehen von den Mitren in Halberstadt und in Dresden (aus Meißen) scheint es Karte und Katalog zufolge im östlichen Mitteleuropa keine Mitren aus dem Untersuchungszeitraum zu geben. Stücke wie die sogenannte Mitra des hl. Eligius in Prag oder die sogenannte Mitra des hl. Stanislaus in Krakau widersprechen dieser Sicht. Doch wäre es vermessen, der Autorin vorzuwerfen, sie habe mit 102 Exemplaren zu wenige Mitren untersucht. Die Länder östlich der Elbe ganz selbstverständlich in die Schreibung einer europäischen Kunstgeschichte einzubeziehen bleibt eine Aufgabe für die Zukunft.

Ausgehend von den im Katalog in bislang noch nie gepflegter Tiefe dokumentierten Stücken gelingt es Heidi Blöcher, eine weitgehend neue Geschichte der Mitra im hohen Mittelalter vorzulegen, die die von Joseph Braun 1907 publizierte Entwicklungsreihe wohlbegründet zu einem Dokument der Forschungsgeschichte macht. Überzeugend lassen sich Gruppen von Mitren bilden, die durch gleichartige formale Merkmale gekennzeichnet sind. Diese Typen von Mitren tragen zur Differenzierung des Ornats je nach Rang des liturgischen Anlasses bei (mitra simplex, mitra aurifrisata, mitra pretiosa), können daneben aber auch von regionalen Traditionen oder von technisch besonders spezialisierten Zentren (opus anglicanum, italienische und französische Stickereien) geprägt sein. Geographisch weit gestreut und im Detail von großer stilistischer Vielfalt sind hingegen die Mitren mit Perlstickerei (144-155). Sonderfälle stellen die wenigen mit Emailappliquen verzierten sowie die bemalten Mitren dar (155-165).

Datierte Grabfunde sowie weitere, historischen Personen überzeugend zuzuordnende Mitren liefern Anhaltspunkte für die Datierung verwandter Stücke. Da für Circulus und Titulus von mitrae aurifrisatae im 12. und 13. Jahrhundert üblicherweise goldene Bandgewebe verwendet worden sind, ermöglicht das durch die Untersuchung der Mitren gewonnene chronologische und geographische Gerüst, diese sogenannten Palermitaner Borten erstmals zu differenzieren (57-73). Es ist kein geringes Verdienst der Autorin, den Mythos von der Herkunft all dieser Borten aus Palermo zu hinterfragen. Obwohl, wie Heidi Blöcher zeigt, die Datierung der betreffenden Mitren mit der politischen Geschichte des Königreichs Sizilien gut in Einklang zu bringen ist, bleibt die verblüffende Beobachtung, dass ausgerechnet in Süd- und Mittelitalien keine Mitren mit sogen. Palermitaner Borten erhalten geblieben sind (73). Zu Recht wird eine Bestandsaufnahme der auf Paramenten des hohen Mittelalters erhaltenen Goldborten als Desiderat der Forschung benannt. Deutlich von den sog. Palermitaner Borten zu unterscheiden sind Borten in Lampasbindung sowie die in kräftigen Farben geometrisch gemusterten Borten spanischer Provenienz (74-82). Erstmals von Heidi Blöcher beschrieben wird eine Gruppe von Brettchenborten, die stets in Kombination mit opus anglicanum anzutreffen ist (104-108).

Ergänzend zu den überkommenen Stücken wertet Heidi Blöcher Texte sowie bildliche Darstellungen von Mitren aus. Beginnend mit der alttestamentlichen Überlieferung zum priesterlichen Ornat über die Quellen zu den seit 1049 bezeugten päpstlichen Verleihungen von Mitren bis hin zu den Auslegungen der hochmittelalterlichen Symboliker, von Abt Bruno von Montecassino bis zu Durandus von Mende, werden die Referenzen ausgebreitet, die Form, Gebrauch und Bedeutung der Mitra innerhalb der Liturgie, aber auch im Rahmen politischer Akte wesentlich geprägt haben dürften (15-25). Dank einer sorgfältigen Analyse von Miniaturen und Fresken gelingt eine überzeugende Unterscheidung zwischen dem päpstlichen ´regnum´ und der bischöflichen Mitra, deren älteste bislang bekannte bildliche Darstellung Heidi Blöcher auf einer um 1087 für das Kloster Montecassino geschaffenen Exultetrolle nachweisen kann (30-31). Sowohl die erste überlieferte Verleihung einer Mitra im Jahre 1049 durch Papst Leo IX. an Erzbischof Eberhard von Trier, eine Reihe weiterer Verleihungen in der 2. Hälfte des 11. und zu Beginn des 12. Jahrhunderts als auch die frühe Darstellung in Montecassino legen einen Zusammenhang zwischen dem Aufkommen der bischöflichen Mitra und dem Investiturstreit nahe, eine Beobachtung, die Heidi Blöcher erstmals in dieser Klarheit formuliert.[3]

Kaum noch eigens erwähnt werden muss die gediegene Ausstattung, in der die von der Abegg-Stiftung Riggisberg herausgegebenen Bände erscheinen. Ein klassisches, in Leinen gebundenes und mit Titelprägung versehenes Hardcover hält 394 Seiten aus starkem Papier auf das schönste beieinander. Das großzügige Layout leitet den Nutzer angenehm unaufgeregt durch das Gefüge aus thematischen Kapiteln, Katalog, Glossar, Register und Literaturverzeichnis. Genau einen solchen Auftritt verdienen Standardwerke, denen man vier Zentimeter Regal in jeder kunsthistorischen Fachbibliothek wünscht, statt sie auf einem früher oder später nicht mehr erreichbaren Server untergehen zu lassen.

[1] Evelin Wetter: Domkirche Havelberg, in: Liturgische Gewänder und andere Paramente im Dom zu Brandenburg, hrsg. von Helmut Reihlen, Regensburg/Riggisberg 2005, S. 419-423.

[2] Joseph Braun: Die liturgische Gewandung im Occident und Orient nach Ursprung und Entwicklung, Verwendung und Symbolik, Freiburg i. Br. 1907.

[3] Theodor Klauser: Der Ursprung der bischöflichen Insignien und Ehrenrechte, in: Ders.: Gesammelte Arbeiten zur Liturgiegeschichte, Kirchengeschichte und christlichen Archäologie, hrsg. von Ernst Dassmann, Münster 1974, S. 195-211 (= Jahrbuch für Antike und Christentum, Ergänzungsband 3; Rede, gehalten beim Antritt des Rektorats der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn am 11. Dezember 1948) hatte lediglich flüchtig frühe Nachweise einer päpstlichen Kopfbedeckung erwähnt.
P. Bernhard Sirch OSB: Der Ursprung der bischöflichen Mitra und päpstlichen Tiara, St. Ottilien 1975 (= Kirchengeschichtliche Quellen und Studien, 8. Band) nennt zwar die Verleihung von 1049 (S. 30), verzichtet jedoch auf eine weitergehende historische Einordnung.
Jüngere Sammelbände zur Bischofserhebung gehen auf das Zeichen der Mitra nicht näher ein. Siehe dazu
Franz-Reiner Erkens (Hg.): Die früh- und hochmittelalterliche Bischofserhebung im europäischen Vergleich, Köln/Weimar/Wien 1998 (= Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, Heft 48).
Marion Steinicke u. Stefan Weinfurter (Hg.): Investitur- und Krönungsrituale. Herrschaftseinsetzungen im kulturellen Vergleich, Köln/Weimar/Wien 2005.

Editor: Philipp Zitzlsperger


Recommended Citation:
Jörg Richter: [Rezension zu:] Blöcher, Heidi: Die Mitren des Hohen Mittelalters, Riggisberg 2012. In: H-ArtHist, Jan 29, 2013 (accessed Sep 24, 2014), <http://arthist.net/reviews/4604>.

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Blöcher, Heidi: Die Mitren des Hohen Mittelalters, Riggisberg: Abegg-Stiftung 2012
ISBN-13: 978-3-905014-51-8, 394 S.

Review published: Jan 29, 2013

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