Steffen Krämer: Herrschaftliche Grablege und lokaler Heiligenkult

Reviewed by: Stephan Albrecht, Bamberg

Der König ist tot – es lebe der König! Dieser Spruch erschallte in Frankreich noch einmal 1824 beim Tod Ludwigs XVIII. und der Ausrufung seines Nachfolgers Karl X. Zum letzten Mal wurde hier eine Kontinuität mit den Vorgängern beschworen, eine allumfassende, Macht verleihende Autorität der Verstorbenen. Der im 19. Jahrhundert vollzogene Wandel in der Herschaftslegitimation veränderte die Situation so grundlegend, dass das Durchschreiten einer Ahnengalerie heute zum Inbegriff von Langeweile und verstaubter Geschichte geworden ist. In der Vormoderne, besonders im Mittelalter war die Bedeutung der verstorbenen Vorfahren und ihrer Inszenierung jedoch zentral. Nur die toten Ahnen konnten dem regierenden Herrscher Ehre verleihen, das entscheidende Kriterium im mittelalterlichen Gesellschaftssystem.

Dass die künstlerische Inszenierung herrscherlicher Grablegen in den letzten Jahren stärker in den kunsthistorischen Diskurs gelangt ist, ist angesichts der großen politischen Bedeutung dieser zum Teil sehr umfangreichen Anlagen also kein Wunder. In kurzer Folge erschienen neue Monographien zu mittelalterlichen Mausoleen in Italien, Spanien, Frankreich und England.[1]

Von diesen Arbeiten unterscheidet sich Steffen Krämers 2007 erschienenes, aus einer Habilitationsschrift hervorgegangenes Buch in der Auswahl des Materials und in der Fragestellung: Im Mittelpunkt steht nicht die Skulptur der Einzelmonumente, sondern die architektonische Gestaltung der von ihm als Grabkapellen oder Orte lokaler Heiligenkulte identifizierten Räume. Der Autor geht sogar noch einen Schritt weiter. Die spezifischen Anforderungen an die im 13. und 14. Jahrhundert vorherrschende Bauaufgabe Grablege und Heiligenkapelle hätten in England zur Ausprägung eines neuen Stils, des „Decorated Style“ geführt. Wilhelm Pinder hätte in so einem Fall wohl von Formgelegenheit gesprochen.

Das im Deutschen Kunstverlag erschienene Buch ist reich mit durchweg guten Schwarz – weiß Abbildungen illustriert, die den Text sinnvoll ergänzen. Die Abhandlung ist flüssig geschrieben, besonders die mustergültigen Architekturanalysen bestechen durch ihre Prägnanz. Nach einer methodischen Einleitung folgen vier exemplarische Studien, jeweils zwei zu Grablegen (Bristol und Tewkesbury) und zwei zu Orten des Heiligenkultes (Lincoln und Wells). Untereinander stehen diese Essays nur in einer losen Verbindung. Einige Exkurse, besonders zum mittelalterlichen Reliquien- und Heiligenkult wirken etwas akademisch bemüht. Sie bringen eine allgemeine Einführung in ein Feld, das dem fachlich vorgebildeten Leser weitgehend bekannt sein sollte. Für die inhaltliche Argumentation sind sie nicht zwingend erforderlich.

Am Anfang der Überlegungen steht die seit dem 18. Jahrhundert wiederholt geäußerte Beobachtung, dass die englische Architektur seit der Mitte des 13. bis zum Ende des 14. Jahrhundert von einer großen Vielfalt geprägt ist. Dieses Phänomen wurde seit Nikolaus Pevsner mit einer besonderen Freiheit individueller Künstlerpersönlichkeiten erläutert. Dies ist ein Erklärungsmodell, das sich übrigens auch für die Architektur des 14. Jahrhunderts auf dem Kontinent, allen voran für die Bauten der Parler, weitgehend durchgesetzt hat. Allerdings wissen wir in England von diesen Architektenindividuen praktisch nichts, so dass sich die Forschung seit Pevsner mit Notnahmen wie dem „Bristol – Meister“ begnügen muss. Steffen Krämer dreht den Spieß nun um: Er macht nicht den Architekten, sondern die Auftraggeber und die Bedingungen der Bauaufgabe für den individuellen Stil verantwortlich. Die Baugestalt ist nach Steffen Krämer „ein Ausdruck von Intentionen der Auftraggeber“. Er stützt sich dabei auf eine breite, gut aufgearbeitete Schriftquellenlage, aus der die Rolle adliger Familien als Geldgeber für kirchliche Erweiterungsprojekte vielfach hervorgeht. Allerdings sagen diese Quellen nichts über den Einfluss der Stifter auf die konkrete Gestaltung oder sogar deren inhaltlichen Absichten aus. Die Thesen des Buches stützen sich daher fast ausschließlich auf die stilistische Analyse der architektonischen Form.

Es erscheint in einer Rezension nicht sinnvoll, detailliert alle Beispiele gleichermaßen intensiv zu besprechen. Hier soll das Referat zweier Essays genügen, um einen Eindruck des umfangreichen Textes zu vermitteln und generelle Positionen vorzustellen. Als erstes Fallbeispiel des Buches dient die zwischen 1298 und 1322 errichtete Ostanlage der ehemaligen Stiftskirche St. Augustine in Bristol, die auch als Familiengrablege der Berkeley-Familie fungierte. Der Autor macht hier auf die eigenartige Tatsache aufmerksam, dass die ungewöhnlichen und aufwendig gestalteten Gewölbe von Mittelschiff und Seitenschiffen vollkommen unterschiedlich gestaltet sind. Während das moderne Liernengewölbe des Mittelschiffs als Nachfolger der Unterkapelle im königlichen Palast von Westminster zu verstehen ist, scheinen die skelettierten Rippen über den Spitztonnen der Seitenschiffe Neuerfindungen zu sein. Krämer erklärt die Divergenz der Schiffe mit der besonderen Funktion der Seitenschiffe als Grablege der Berkeley – Familie. Die zur Halle erhöhte Scheidarkade wirke wie ein Portal zum Mausoleum, die Quertonnen lenkten sodann den Blick auf die Gräber die in den reich dekorierten Nischen der Außenwände untergebracht sind. Die ungewöhnlichen Schwibbögen der Seitenschiffsgewölbe sowie die Maßwerkbrücken in den Fenstern seien – worauf bereits Günter Kowa hingewiesen hat – ein Zitat der Burgenarchitektur und somit ein Hinweis auf die Profanbaukunst und mithin die Herrschaft der Berkeleys. Die originelle Architektur der ehemaligen Stiftskirche in Berkeley, so die These des Autors, ist also unmittelbar auf die politische, historische und wirtschaftliche Situation am Ort maßgeschneidert und hätte andernorts nie so entstehen können. Mit dieser Deutung nimmt Steffen Krämer eine extreme Gegenposition zu Pevsner ein: Bei Pevsner entspringt die Form einer mehr oder weniger freien künstlerischen Idee, bei Krämer ist sie in erster Linie ein von kulturhistorischen Sachzwängen abhängiger Bedeutungsträger. Man darf sich fragen, ob der Autor den Bogen hierbei nicht etwas überspannt hat. Kein Zweifel kann an der wichtigen Funktion als Familiengrablege bestehen. Die mit Wappen versehene Ikonographie des bauzeitlichen Ostfensters und die für die Seitenfenster zu rekonstruierenden gemalten Ritterfiguren legen hierfür ein beredtes Zeugnis ab. Inwieweit die Quertonnen der Seitenschiffe tatsächlich zur Akzentuierung der Einzelgräber entwickelt worden sind, ist schwer zu entscheiden. Es ist aber zu bedenken, dass die Sicht vom Mittelschiff in die Seitenschiffe schon immer durch Schranken stark behindert war, so dass man kaum jemals Gewölbe und Monumente gleichzeitig sehen konnte. Hat „der Betrachter“ überhaupt das Mittelschiff betreten können? Es stellt sich die Frage, ob die Wahrnehmung des Betrachters bei der Konzeption einer Kirche relevant war, oder ob dies nicht eher eine moderne Vorstellung ist. Wir wissen es nicht. Die gleiche Skepsis regt sich auch bei der Deutung der Schwibbögen und der Maßwerkbrücken. Wird hier wirklich auf eine Burg, also die weltliche Regierung und damit die gesellschaftliche Stellung der Berkeleys angespielt? Dass es um 1300 in England einen engen Austausch von Kirchen- und Burgenbau gegeben hat, ist zweifellos richtig. Die Frage ist aber, ob die jeweiligen Formen dann auch noch semantisch zu verstehen ist, etwa nach dem Muster: offener Dachstuhl mit Schwibbogen = profan. Schon die Beispiele an mehrschiffigen Pfarrkirchen mit offenen Dachstühlen, die Günter Kowa in diesem Zusammenhang aufzählt, geben Anlass zu Zweifel.[2]

Der ab 1256 begonnene Engelschor der Kathedrale von Lincoln dient dem Autor als Beispiel für die architektonische Inszenierung eines lokalen Heiligenkultes, namentlich der Bischöfe Hugo v. Avalon und Robert Grosseteste. Es mag an der langwierigeren Drucklegung der bereits 2004 abgeschlossenen Habilitationsschrift liegen, dass die grundlegenden Erkenntnisse von Paul Binski zu diesem Thema nicht mehr berücksichtigt wurden. [3] Steffen Krämer sieht „die primäre Zweckbestimmung des Engelchores“ in der architektonischen Zurschaustellung der beiden Heiligenschreine. Sie wird für ihn zum Politikum: zu einer bewussten Abkehr von dem vom erfolgreichen Becket-Kult geprägten Canterbury und einem Wettstreit mit dem königlichen Westminster. Der Autor stützt sich auf ikonographische und stilistische Argumente. In der Darstellung des Königs Eduard I. mit seinen beiden Gattinnen als lebensgroße Skulpturen am Südportal sieht er zu Recht eine direkte Bezugnahme auf das Königshaus. Die Verbindungen sind auch vielfach historisch verbürgt, 1290 wurde die Königin in Lincoln begraben. An der vom Autor postulierten, von der Forschung immer schon betonten Abhängigkeit des Baus von Formen aus Westminster und Ely kann ebenfalls kein Zweifel bestehen. Schwieriger ist das schon für die Engelsfiguren in den Zwickeln der Emporen nachzuweisen, denn im 13. Jahrhundert waren Engelsdarstellungen in England geradezu inflationär. Allerdings haben diese Engel, wie Paul Binski überzeugend ausführt, in Lincoln im Gegensatz zu Westminster und Worcester kaum einen Bezug zum Schrein des heiligen Hugo. Vielmehr gehören die Himmelswesen zu einer eigenständigen Chor-Ikonographie, einem differenzierten Lobpreis des Paradieses.

Wie ist der deutliche Bezug auf Westminster und Ely zu erklären? Krämer unternimmt hier erneut eine politisch-inhaltliche Deutung: Lincoln habe bewusst den Umgangschor des Vorgängerbaus beseitigt und sich für den geraden Kastenchorschluss nach dem Vorbild Ely entschieden, um damit eine Abkehr von dem Modell in Canterbury zu demonstrieren. Ely und Westminster sind für Lincoln hingegen die wichtigsten Referenzpunkte, die es nicht abzulehnen, sondern zu übertreffen galt. Die Frage des Chorschlusses spielt im Buch noch in einer Reihe von weiteren Bauten eine Rolle. So z.B. in der Ostanlage von Tewkesbury (ab 1318), wo die Wahl des Umgangschores mit den Gräbern unter der Scheidarkade Krämer zufolge als Ausdruck eines beanspruchten königsgleichen Status zu lesen ist.

Es ist die wichtigste Leistung der Studie, erstmals umfassend auf die große Bedeutung von Grablegen und Heiligenkultstätten für die gotische Architektur in England aufmerksam gemacht zu haben. Dass die damit verbundene ungewöhnliche Prachtentfaltung mit einem Statusringen der beteiligten Institutionen verbunden war, leuchtet dem Leser unmittelbar ein. Wieweit dieser Wettstreit jedoch die konkrete Gestaltung geprägt und eine stilistische Erneuerung stimuliert hat, muss in vielen Fällen offen bleiben. Es wird schwer sein, eine zwingende Kausalität zwischen Funktion und Form festzustellen. Methodische Bedenken kommen dem Rezensenten aber dort auf, wo mit bestimmten Formen konkrete Inhalte verbunden werden. Werden hier die Möglichkeiten der Form nicht überstrapaziert? Diese Bedenken beziehen sich nicht nur auf die hier besprochene Studie, sie sind genereller Natur. Es erstaunt, dass in dem relativ umfangreichen methodischen Vorspann eine Reihe von Ansätzen diskutiert werden, aber dass das vielen Überlegungen des Textes zugrundeliegende Problem der Zitat-Theorie unreflektiert bleibt. Hierbei handelt es sich um eine Vorgehensweise, die in den 70er Jahren vor allem von Hans-Joachim Kunst in die Architekturgeschichte eingeführt und später von einer Reihe von Wissenschaftlern bis zu Dieter Kimpel und Robert Suckales Buch über die französischen Kathedralen weiterentwickelt wurde. [4] Der Ansatz entspringt dem verständlichen Bedürfnis, der Form einen konkreten Inhalt abzugewinnen. Dass Architektur, besonders mittelalterliche Architektur, einen Verweischarakter besitzen kann, ist seit langem bekannt.[5] Ein Gebäude vermag durch die Wahl des Grundrisses oder das Proportionssystem auf einen Referenzbau anspielen. Dieser Bezug wohnt dem Bau zwar inne, er ist aber nicht auf eine konkrete Wahrnehmung hin angelegt, er ist für den Betrachter kaum erkennbar: Man sieht dem Bamberger Dom nicht an, dass er sich vor allem auch liturgisch auf St. Peter in Rom beruft. Die Verbindung wird in erster Linie im liturgischen, sozialen Handeln hergestellt. Die Zitat-Theorie geht darüber hinaus: Sie postuliert, dass bestimmte Einzelformen – Maßwerke, Gewölbekonstellationen, Sockalarkaden usw. – ihre stilistische Herkunft gleichsam als Information mitüberliefern. Hier liegt zugleich das Grundproblem: Die vermeintliche Bedeutung ist nicht absolut, sie entsteht erst im Kopf des Betrachters und ist in besonderem Maße von der Wahrnehmung abhängig. Wie stark aber gerade Wahrnehmung historischen Veränderungen unterworfen ist, hat die Forschung der letzten Jahre eindrücklich aufgezeigt.[6] Wer sich der Zitat-Theorie bedient, darf nicht mit den Augen des Kunsthistorikers sehen, sondern er muss die historische Wahrnehmung rekonstruieren. Die Interpretation ist nur dann überzeugend, wenn dies gelingt. Leider fehlen hierzu jegliche Schriftquellen. Es reicht jedoch nicht aus, die politischen Intentionen der Auftraggeber zu rekonstruieren und diese in die Form hinein zu interpretieren. Es wäre schön, wenn die jüngste Untersuchung von Steffen Krämer nun eine längst überfällige Diskussion zu diesem methodischen Problem anstoßen würde,

Anmerkungen:

[1] Vgl. z.B. Enderlein, Lorenz: Die Grablegen des Hauses Anjou in Unteritalien: Totenkult und Monumente 1266 – 1343, Worms 1997; Abegg, Regine: Königs- und Bischofsmonumente : die Skulpturen des 13. Jahrhunderts im Kreuzgang der Kathedrale von Burgos, Zürich 1999. Michalsky, Tanja: Memoria und Repräsentation : die Grabmäler des Königshauses Anjou in Italien, Göttingen 2000; Fehrmann, Antje: Grab und Krone : Königsgrabmäler im mittelalterlichen England und die posthume Selbstdarstellung der Lancaster, München ; Berlin 2008; Leistenschneider, Eva: Die französische Königsgrablege Saint-Denis : Strategien monarchischer Repräsentation 1223 – 1461, Weimar 2008.

[2] Kowa, Günter: Architektur der Englischen Gotik, Köln 1990, S.186.

[3] Binski, Paul: Becket’s Crown. Art and Imagination in Gothic England 1170-1300, New Haven, London 2004. Das Buch verhandelt das Thema des Heiligenkultes insgesamt in genereller Weise, speziell zu Lincoln 268-282.

[4] Zuletzt zu diesem Thema Stil als Bedeutung in der nordalpinen Renaissance: Wiederentdeckung einer methodischen Nachbarschaft, hg. von Stephan Hoppe, Matthias Müller und Norbert Nussbaum, Regensburg 2008.

[5] Krautheimer, Richard: Introduction to an Iconography of Mediaeval Architecture, in: Journal of the Warburg ans Courtauld Institutes 5 (1942), S. 1-33.

[6] vgl. hierzu z.B.: Kunst, Geschichte, Wahrnehmung. Strukturen und Mechanismen von Wahrnehmungsstrategien, hg. von Stephan Albrecht, Michaela Braesel, Sabine Fastert, Andrea Gottang und Gabriele Wimböck, München 2008.

Editor: Philipp Zitzlsperger


Recommended Citation:
Stephan Albrecht: [Review of:] Krämer, Steffen: Herrschaftliche Grablege und lokaler Heiligenkult. Architektur des englischen "Decorated Style" (= Kunstwissenschaftliche Studien; 142), München [u.a.] 2007. In: H-ArtHist, Apr 10, 2009 (accessed Dec 21, 2014), <http://arthist.net/reviews/330>.

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Krämer, Steffen: Herrschaftliche Grablege und lokaler Heiligenkult. Architektur des englischen "Decorated Style" (= Kunstwissenschaftliche Studien; 142), München [u.a.]: Deutscher Kunstverlag 2007
ISBN-13: 978-3-422-06729-5, 456 S., ca. EUR 58.00, ca. sfr 91.50

Review published: Apr 10, 2009

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