Lampugnani/Frey/Perotti (Hg.): Anthologie zum Städtebau

Reviewed by: Ulrike Sturm, Leibniz Universität Hannover

Seit einigen Jahren werden im Rahmen eines an der ETH Zürich beheimateten Forschungsprojektes Quellentexte zur Theorie des Städtebaus erschlossen. Bereits 2005 konnte das Herausgeberteam Lampugnani, Frey, Perotti den zeitlich letzten, dritten Band der „Anthologie zum Städtebau“ vorlegen, der von den 1940er Jahren bis zur Gegenwart reicht. 2008 ist nun der erste Band in zwei Halbbänden erschienen, welche die Entwicklung der Städtebautheorie thematisch „von der Stadt der Aufklärung zur Metropole des industriellen Zeitalters“ dokumentieren. Der noch ausstehende zweite Band wird, so Vittorio Lampugnani im Vorwort, Texte „von den Anfängen des theoretischen Urbanismus im 19. Jahrhundert [...] bis zur Stadt der Moderne des 20. Jahrhunderts“ umfassen (S. 3).

Ziel der Quellensammlung ist ein Überblick über „Theorien zum Städtebau“, die dezidierte Aussagen darüber treffen, wie Städte gebaut werden s o l l e n [1]. Als Theorie in diesem Sinne werden von den Herausgebern Texte verstanden, die „ein in sich durchdachtes und schlüssiges Gedankengebäude“ enthalten, auf „einer Kette von ineinandergreifenden Argumentationen [aufbauen], die mehrere Aspekte des vielschichtigen Phänomens Stadt abdecken“ und „ eine eindeutig erkennbare formale Vorstellung von Stadt“ entwickeln (S. 2). Als weiteres Auswahlkriterium tritt hinzu, dass die Texte „eine eigenständige und innovative Haltung“ zum Ausdruck bringen (ebd.), also als erste Formulierung einer bestimmten Idee gelten können.

Das Vorhaben ist insgesamt hervorragend gelungen. Wie die Einteilung der Bände zeigt, werden in den ersten beiden Halbbänden Texte versammelt, die der Ausbildung der Disziplin Städtebau, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt, voraus liegen bzw. parallel dazu entstehen. Es handelt sich also gewissermaßen um Städtebautheorien „avant la lettre“. So decken die beiden Halbbände zwar den Zeitraum vom frühen 18. bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert ab, sparen jedoch diejenigen Texte aus, die nach der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Entstehung der Disziplin beitragen. Zu nennen wären hier beispielsweise Reinhard Baumeisters „Stadt-Erweiterungen in technische, baupolizeilicher und wirthschaftlicher Beziehung“ (1876) oder Camillo Sittes Gegenschrift „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ (1889), die thematisch im zweiten Band der „Anthologie“ zu erwarten sind.

Die Zusammenstellung der Texte erfolgt entsprechend auch in den vorliegenden Bänden nicht chronologisch, sondern nach zehn Themenkomplexen, die jeweils einen längeren Zeitraum umfassen. Jedem Themenkomplex ist eine Einleitung vorangestellt, aus der Wesentliches zur zeitgenössischen Diskussion zu erfahren ist und grundlegende Literaturhinweise gegeben werden. Die einzelnen Texte entstammen unterschiedlichsten Kontexten [2] und werden durch kurze Einführungen mit Angaben zur Quelle und zum Autor erschlossen. Beiden Bänden ist zudem ein chronologisches Textverzeichnis sowie ein Autorenverzeichnis beigegeben, welche die Navigation durch die über 1500 Seiten erheblich erleichtern. Ein wenig zu kurz geraten ist vielleicht das Vorwort, dem man gerne die leitenden Ideen bei der Auswahl der Themenfelder entnommen hätte. Eine heuristische Vorbestimmung der Oberthemen – in diesem Fall der „Stadt der Aufklärung“ und der „Metropole des industriellen Zeitalters“ – hätte eine willkommene Hilfestellung für den Leser geboten.

Mit der „Stadt der Aufklärung“ und der „Metropole des industriellen Zeitalters“ sind bereits im Untertitel zwei unterschiedliche Stadtkonzepte benannt, deren Implikationen in den beiden Bänden beleuchtet werden. Dabei widmet sich der erste Teilband vorwiegend den von der Aufklärung beeinflussten Ideen zur Stadt, während Band 1,2 Theorien zur entstehenden Metropole in den Blick nimmt. Die Texte von Band 1,1 umfassen im Wesentlichen den Zeitraum von 1706 bis 1850; nur wenige Texte stammen aus späterer Zeit. Im zweiten Band stammt hingegen nur ein einziger Text aus der Zeit vor 1810 und die Dokumentation reicht bis 1899. Die Diskurse überschneiden sich in den Jahrzehnten vor 1850.

Aufgrund dieser beiden Bezugspunkte kehren die im ersten Band verhandelten Grundthemen im zweiten Band in veränderter Perspektive wieder. Dabei handelt es sich um die Formulierung eines städtischen Ideals („Ideale Stadtkonzepte“ – „Die Stadt als Verkehrs- und Kommunikationssystem“, „Fortschritt als Ideologie. Die technisierte Stadt der Zukunft“). Die entsprechenden Kapitel stehen an Anfang und Ende der „Anthologie“. Während im ersten Band eine große Zahl an Autoren zu Wort kommt, werden in Band 1,2 die Texte aufgrund der Reservierung des wissenschaftlichen Diskurses für Band 2 immer literarischer und visionärer. So überrascht es nicht, an dieser Stelle auf Jules Verne und andere Beispiele von Zukunftsliteratur zu stoßen. Bei den weiteren Themenkomplexen handelt es sich um eine dezidiert kritische Perspektive auf die Stadt („Der antiurbane Reflex“ – „Kritik der industrialisierten Stadt“), Ideen zur „bequemen und schönen“ Ausgestaltung der Stadt sowie deren technische Umsetzung („Architektur und Monument“, „Embellissement der europäischen Stadt“ – „Erneuerung, infrastrukturelle Ausstattung und Begrünung der bürgerlichen Stadt“) sowie die Bestimmung des Verhältnisses von Stadt, Gesellschaft und Politik („Gesellschaftsvisionen und die Neudefinition von Stadt“ – „Politisierung des Städtebaudiskurses. Wohnungsfrage und Arbeiterstadt“).

Das Spektrum der Themen wie auch der versammelten Texte ist sehr breit und lädt zu ausführlichen theoretischen Entdeckungsreisen ein. Zu allen zehn Themenbereichen wurden durchgehend relevante und spannende Texte ausgewählt, in denen die jeweiligen Stadtvorstellungen sehr greifbar werden. Die Fülle an Material lässt Nachforschungen zu verschiedensten Fragestellungen zu, die auch über das Gebiet des Städtebaus hinausreichen. Nicht nur Novizen in der Stadtforschung können hier viel Neues entdecken. Durch die vorangestellten Einführungen zu Text und Autor wird das Umfeld der Entstehung der einzelnen Texte konkret nachvollziehbar. In den Einleitungen zu den einzelnen Kapiteln wird ein Überblick über die Textauswahl und in Teilen auch über die weitere Erforschung des Themas gegeben. Die in ihrer unterschiedlichen Herkunft begründete Disparität der Texte wirft zahlreiche Fragen auf, doch macht dies gleichzeitig den Reiz der Zusammenschau aus, so dass davon auszugehen ist, dass sich hieraus neue Perspektiven auf den Gegenstand Stadt ergeben.

Schwierig bleibt meines Erachtens die Veröffentlichung sämtlicher Quellen in der Originalsprache – die Bände enthalten deutsche, englische, französische, italienische sowie einen portugiesischen Texte. Dies dürfte weniger dazu führen, dass die Leserschaft sich auf einen Spezialistenkreis beschränkt, als dazu, dass die Texte je nach Originalsprache sehr unterschiedlich zur Kenntnis genommen werden und sich daraus Verschiebungen in der Rezeption ergeben, gegen die die Anthologie mit ihrer breiten Textbasis doch gerade anarbeiten wollte - auch wenn nachvollziehbar ist, dass sowohl der Aufwand als auch die Tatsache, dass Übersetzungen zeitverhaftet sind, für eine polyglotte Anthologie sprachen.

Insgesamt liefert die „Anthologie zum Städtebau“ mit ihren Quellentexten und deren Kommentierung ausgezeichnetes Material für eine Debatte zum Stellenwert der Theorie im Städtebau und sei jedem ans Herz gelegt, der sich nicht nur für die Theorie, sondern für auch für deren Gegenstand Stadt interessiert. Sie wird sich – diese Prognose sei gewagt – sehr bald als unverzichtbares Standardwerk zur Entwicklung der Städtebautheorie seit dem frühen 18. Jahrhundert etablieren.

[1] Es handelt sich also, trotz der texthistorischen Herangehensweise, um eine „Anthologie zum Städtebau“ in praktischer Absicht. Versammelt werden Texte, die eine Haltung dazu formulieren, wie Städte gebaut werden sollen, nicht hingegen theoretische Texte über die historische Entwicklung von Städten o.ä.
[2] Es handelt sich, wie Lampugnani im Vorwort ausführt, um „Texte aus Literatur, Philosophie, Politik und Staatswissenschaft, Wirtschaft, Architektur, Kunstgeschichte, Journalismus, Pädagogik, Recht, Naturwissenschaften, Nachschlagewerke, Tagespresse, geschrieben von Sozialreformern, Medizinern, Schriftstellern, Unternehmern, Verwaltungsbeamten, Polizeipräfekten, Philanthropen, Gelehrten, Stadtplanern, Hochschulprofessoren, Historikern, Juristen, Militärangehörigen, Nationalökonomen, Geistlichen und sogar Erfindern und Amateuren.“ (S. 1)


Recommended Citation:
Ulrike Sturm: [Review of:] Magnago Lampugnani, Vittorio; Frey, Katia; Perotti, Eliana (Hrsg.): Anthologie zum Städtebau. Bände 1,1 und 1,2. Von der Stadt der Aufklärung zur Metropole des industriellen Zeitalters, Berlin 2008. In: H-ArtHist, Nov 12, 2009 (accessed Dec 18, 2014), <http://arthist.net/reviews/279>.

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Magnago Lampugnani, Vittorio; Frey, Katia; Perotti, Eliana (Hrsg.): Anthologie zum Städtebau. Bände 1,1 und 1,2. Von der Stadt der Aufklärung zur Metropole des industriellen Zeitalters, Berlin: Gebr. Mann Verlag 2008
ISBN-13: 978-3-7861-2522-8, XII S., S. 687 - 1259, EUR 128,00

Review published: Nov 12, 2009

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