Bericht im Auftrag der Veranstalter:innen.
Dass die Beschäftigung mit dem Thema Langeweile keineswegs langweilig ist, sondern sich im Gegenteil als produktives interdisziplinäres Austauschfeld erweisen kann, zeigte das VIII. Philipp-Hainhofer-Kolloquium, das vom 27. bis 28. März 2026 in Augsburg stattfand. Unter der organisatorischen Leitung von Prof. Dr. Dr. Andreas Tacke (Trier), Prof. Dr. Günther Kronenbitter und Prof. Dr. Ulrich Niggemann (IEK der Universität Augsburg) sowie Dr. Lisa Hecht (Kunstgeschichtliches Institut Marburg) widmete sich die nunmehr achte Austragung des Kolloquiums einem Phänomen, das gemeinhin als genuin modern erscheint: der Langeweile.[1]
Die Vortragenden näherten sich dem Thema aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven und fragten danach, inwiefern Langeweile bereits in frühneuzeitlichen und mittelalterlichen Bildwelten und Schriftquellen greifbar wird. Dass Langeweile hier nicht nur als literarisches oder ikonographisches Motiv, sondern ebenso als gesellschaftlicher Impulsgeber in Erscheinung trat, eröffnete grundsätzlich die Frage, ob Langeweile möglicherweise sogar als fester Bestandteil menschlicher Erfahrungshorizonte verstanden werden kann.
Zum Tagungsauftakt sprach Lisa Hecht (Marburg) über „Verkörperungen des ‚Nichtstuns‘ in der visuellen Kultur der Vormoderne“. Es gelang ihr, mithilfe des Disney-Pixar-Films „Alles steht Kopf 2“ (2024) auf ebenso amüsante wie anschauliche Weise, dem Phänomen der Langeweile nicht nur Bild und Stimme, sondern eine eigene körperliche Präsenz zu verleihen.
Unter dem Namen „Ennui“ erscheint Langeweile hier als Teil des Emotionsspektrums der Teenagerin Riley, dargestellt mit müdem Blick, gebückter Körperhaltung und dabei unentwegt auf ein Handy schauend. Ausgehend von diesem modernen Zugriff auf das Phänomen der Langeweile – und zugleich auf historische Traditionslinien zurückblickend – widmete sich der Vortrag insbesondere den kulturellen und ikonographischen Erscheinungsformen des „Nichtstuns“ in der Vormoderne. Neben einer anfänglichen begrifflichen Annäherung wurde deutlich gemacht, wie eng Vorstellungen von Trägheit, Melancholie, Acedia und Langeweile miteinander verwoben sind. Bereits hier eröffnete sich ein ikonographisches Grundproblem, das sich im Verlauf der Tagung als zentral erweisen sollte: Wie lässt sich etwas darstellen, das sich gerade durch den Entzug eindeutiger Ausdrucks- und Handlungsmarker definiert? Anhand von Werken unter anderem von Hieronymus Bosch, Albrecht Dürer und Pieter Bruegel dem Älteren wurde nachgezeichnet, wie sich bestimmte Körperhaltungen und Bildmotive über Jahrhunderte hinweg als Ausdruck geistiger Untätigkeit, kontemplativer Versenkung oder gesellschaftlicher Distinktion etablierten. Besondere Aufmerksamkeit galt der Verbindung von Acedia und Melancholie sowie der Geschlechterdimension allegorischer Darstellungen, in denen ursprünglich männlich codierte Konzepte bevorzugt durch weibliche Figuren personifiziert wurden, die als Verkörperungen von Trägheit und kontemplativer Versenkung fungierten.
Auch Michael Diers (Hamburg/Berlin) näherte sich in seinem Eröffnungsvortrag des zweiten Tages der Problematik der Darstellbarkeit von Langeweile sowie der Frage, wie sich diese visuell abgrenzen lässt. Im Zentrum stand das Gähnen als physischer Ausdruck und mimisches Spiel der Langeweile, dessen frühe bildliche Ausprägungen sich bereits bei Leonardo da Vinci finden lassen und das später um 1900 im Bereich der Karikatur- und Genremalerei – etwa bei William Hogarth oder Honoré Daumier – eine besondere Konjunktur erfuhr. Als bemerkenswert erwies sich außerdem die Beobachtung, dass das Gähnen als mimischer Ausdruck von Langeweile gerade kein „gelangweiltes“ Gesicht hervorbringt, sondern vielmehr ein entgleisendes Antlitz zeigt, das nicht selten bis zur grotesken Grimasse gesteigert wird.
Im anschließenden Vortrag widmete sich Ekaterini Kepetzis (Landau) der Darstellung von Langeweile im kirchlichen Raum, der gleichsam zum Dormitorium und damit zum Ort der Langeweile par excellence wurde. In ihrer eindrücklichen Analyse von William Hogarths „The Sleeping Congregation“ (1736) erscheint der Prediger als mechanischer Vorredner seiner Gemeinde, deren offensichtliche Ermüdung nicht einmal mehr im Gähnen Ausdruck findet. Vielmehr scheint beinahe die gesamte Kirchengemeinde angesichts der als unzeitgemäß kritisierten Predigt in einen regelrechten „Kirchenschlaf“ gefallen zu sein. Langeweile zeigt sich hier also nicht nur als visuelle, sondern zugleich als soziale Praxis.
Der Vortrag von Sebastian Hölbling (Kassel/Klagenfurt) behandelte schließlich die Darstellung und Wahrnehmung von Langeweile im Briefwechsel zwischen Niccolò Machiavelli und Francesco Vettori nach Machiavellis politischem Sturz von 1512. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie sich das erzwungene politische „Exil“ Machiavellis und seine daraus resultierende Untätigkeit in den Briefen niederschlagen. Dabei wurde herausgearbeitet, dass Langeweile weniger als positiv konnotierte Muße (otium), sondern vielmehr als belastende Unterbrechung produktiver Tätigkeit erscheint. Zugleich beleuchtete der Beitrag die Spannung zwischen otium und negotium im Rückgriff auf antike und humanistische Traditionen und zeigte, wie Machiavelli in dieser Phase mit seinem Hauptwerk „Il Principe“ (1532) das Ideal eines tätigen Menschen entwarf, der erzwungener Lethargie entgegensteht.
In ihrem Beitrag widmete sich Annika Hübner (Berlin) den literarischen Verhandlungen von Langeweile im Spannungsfeld von Ewald Christian Kleists Leben zwischen Militärdienst und Dichtkunst, anhand dessen sie vier Dimensionen der Langeweile herausarbeitete. So erscheint Langeweile bei Kleist zunächst insbesondere im Kontext seiner Militärzeit als räumlich gebundene Erfahrung, die sich im weiteren Verlauf jedoch transformativ sogar als produktiver Antrieb erweisen kann. Darüber hinaus tritt sie gleichermaßen als Ausdruck existenzieller Krisenerfahrungen wie auch als Symptom gesellschaftlicher Defizite hervor. Langeweile bleibt hier keineswegs ausschließlich negativ konnotiert, sondern wird als ambivalenter Erfahrungsraum sichtbar.
Anschließend wandte sich Susanne Ehlers (Marburg) in ihrem Vortrag mit Nicolas-Toussaint Charlets „Le vieux buveur“ dem tradierten Motiv des Trinkenden zu. Ausgehend von der Darstellung einer offenbar gemeinschaftlichen Feldarbeit wird hier insbesondere der Moment ihrer Unterbrechung beziehungsweise Beendigung visuell in den Fokus gerückt. Gerade im Übergang von der geleisteten Arbeit zum Zustand des Innehaltens stellte sich dabei zu Recht die Frage, ob eine sich anschließende Langeweile womöglich Anlass für den Konsum alkoholischer Substanzen bot. Dadurch erscheint Alkoholkonsum nicht allein als soziales oder motivisches Element, sondern zugleich als mögliche Reaktion auf entstehende Untätigkeit beziehungsweise als deren Kompensation.
Nachfolgend präsentierte Nursan Celik (Bielefeld) in ihren Ausführungen zu „Ponce de Leon“ (1801/1803), „Amphitryon“ (1803/1807) und „Leonce und Lena“ (1836) ausgewählte Beispiele deutschsprachiger Dramenliteratur des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum standen unterschiedliche Erscheinungsformen der Lebenslangeweile, die in allen drei Werken mittels verschiedener Formen der Maskerade und Rolleninszenierung eine Flucht aus der eigenen Lebensrealität hervorrufen. Langeweile erschien hierbei nicht lediglich als Gefühlszustand, sondern vielmehr als Impuls zur Selbstverstellung und Identitätsverschiebung.
Wie Langeweile auch als Katalysator der Modeökonomie vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart wirken kann, zeigte der Beitrag von Aliena Guggenberger (München). Im Zentrum stand das Frauenkleid des späten 19. Jahrhunderts, dessen körperbetonte Gestaltung den weiblichen Körper in nahezu bewegungsloser Posenhaftigkeit erscheinen ließ und Frauen symbolisch an den häuslichen Raum band. Demgegenüber erschien die Entwicklung des Reformkleides, unter anderem durch Anna Muthesius, als Gegenentwurf zur kapitalistisch geprägten Modeindustrie, der neue Formen weiblicher Beweglichkeit und Produktivität ermöglichte. Langeweile erschien dabei als Triebkraft von Modesucht und Statuskonsum. Kleidung und Mode erwiesen sich damit als ein Medium, in dem gesellschaftliche Entwicklungen stofflich sichtbar werden und sich soziale wie geschlechtsspezifische Ordnungsvorstellungen manifestieren.
Thematisch schloss die Tagung mit einem Beitrag von Sebastian Lederle (Weimar), der sich mit der literarischen Darstellung von Langeweile in „Ein Mann, der schläft“ (1967) von Georges Perec beschäftigte und damit zugleich einen abschließenden Versuch einer beinahe ontologischen Annäherung an das Phänomen der Langeweile unternahm. Im Zentrum der Erzählung steht ein Protagonist, der sich zunehmend aus gesellschaftlichen Zusammenhängen zurückzieht und dadurch in einen Zustand radikalisierter Passivität gerät. An die Stelle einer klassischen Handlung tritt hier vielmehr die Beschreibung eines Schwebe- und Zwischenzustands, in dem narrative Erwartungen bewusst unterlaufen werden. Gerade durch den Entzug hierarchischer Wertungen erhalten vermeintlich nebensächliche Beobachtungen besondere Aufmerksamkeit, wodurch bestehende Normen und Wahrnehmungsordnungen neu formatiert werden.
Die heterogenen und interdisziplinär ausgerichteten Beiträge und Diskussionen zeigten, dass Langeweile als liminale und prozesshafte Erfahrung zwischen Stillstand und möglicher Transformation verstanden werden kann. Insbesondere die kunst- und kulturwissenschaftlichen Schwerpunktsetzungen des Hainhofer-Kolloquiums erwiesen sich als großer Gewinn für die Konkretisierung des scheinbar schwer greifbaren Phänomens und vermochten zugleich die subversiven Potenziale des „Nichtstuns“ sichtbar zu machen.[2]
[1] Tagungsprogramm: https://arthist.net/archive/51988.
[2] Der aus der Tagung hervorgehende Band soll im März 2027 als 8. Band der Hainhoferiana-Reihe erscheinen.
Recommended Citation:
Hannah Budowsky: [Conference Report of:] Langweilig! Subversive und transformative Ästhetiken des Nichtstuns (Augsburg, ev. Gemeindezentrum "UlrichsEck", Mar 27–28, 2026). In: ArtHist.net, Jun 3, 2026 (accessed Jun 3, 2026), <https://arthist.net/reviews/52627>.
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