Textile Erwerbungen und Sammlungsstrategien europäischer Museen in der NS-Zeit

Krefeld, Deutsches Textilmuseum, 08.09.2017

Bericht von: Katharina Siefert, Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Auf Initiative des Deutschen Textilmuseums Krefeld stand erstmals eine Materialgruppe aus dem vielfältigen Bereich des sogenannten Kunstgewerbes im Fokus der Provenienzforschung. Auslöser ist ein bislang unbearbeiteter Sammlungszugang von rund 1.000 Objekten, überwiegend europäische Trachten, Kostüme und Accessoires, die mutmaßlich aus dem Besitz des Malers Paul Prött in das Textilmuseum gelangten. Sowohl die Vita des Künstlers als auch das Zustandekommen der Sammlung und vor allem die Erwerbungsumstände im Kriegsjahr 1943 werfen Fragen auf. Die mit diesem Forschungsprojekt verknüpfte Tagung fand im Rahmen der Schwerpunktförderung „Ans Licht!“ der Sparkassen-Kulturstiftung Krefeld (2017–2021) statt.

Das Textilmuseum eröffnet damit die Diskussion über eine spezifische Objektgruppe, die bislang nur fallweise in den Blick der Provenienzforschung gerät. Erstaunlich insofern, als auf Interieuraufnahmen bedeutender privater Kunstsammlungen immer Wandbehänge, Teppiche, hochwertige Polsterbespannungen und dekorative Textilien aller Art zu sehen sind. Oft bilden Paramente oder Spitzen Sammlungsschwerpunkte.

Die Vorträge der insgesamt neun ReferentInnen aus niederländischen und deutschen Museen stellten Überlegungen nach der Motivation der Sammler textiler Objekte an, der Ankaufspolitik der Museen und etwaigen Überschneidungen dieser Sammlungsstrategien. Untrennbar damit verbunden ist die Frage nach den Akteuren von Kunsthandel und Museen sowie der Finanzierung der Erwerbungen.

Alle Beiträge verwiesen auf die grundsätzlichen Herausforderungen, die Textilien hinsichtlich der Provenienzmerkmale mit sich bringen. Das empfindliche Material unterliegt in hohem Maße der Veränderung, wie zum Beispiel Tapisserien, die man durch Ergänzungen oder Abtrennungen den räumlichen Gegebenheiten anpasste. Kleidungsstücke wurden umgearbeitet, so dass sie nicht mehr den historischen Beschreibungen entsprechen. Textile Accessoires, in Serie gefertigt oder ohne standardisierte Bezeichnungen, sind nur mühsam in Auktionskatalogen oder Sammlungslisten zu identifizieren.
Festzustellen ist in der NS-Zeit eine Vorliebe für bestimmte Objektgruppen wie Trachten, die in Zusammenhang mit der „Blut und Boden“-Ideologie als Ausdruck der Identifikation mit einer Region im Sinne völkischer Verbundenheit galten. Am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums stehen Wandbehänge, die als repräsentativer Raumschmuck von der NS-Elite in besonderem Maße geschätzt wurden.

Die Tagung erbrachte folgende Desiderate: Erforderlich ist eine Zusammenstellung von Händlern (dazu gehören auch Produzenten und Kostümausstatter von Bühnen), Auktionen und Sammlern mit dem Schwerpunkt Textilien zum Verständnis des textilen (Sammler-)Marktes. Wichtige Akteure sind auch TextilrestauratorInnen an Museen und Werkstätten (beispielsweise die Münchener Gobelin-Manufaktur), die Wissen über Sammlungen und Provenienzen tradieren können; diese Personen gilt es zu benennen und deren Tätigkeiten zu dokumentieren.

Empfohlene Zitation:
Katharina Siefert: [Tagungsbericht zu:] Textile Erwerbungen und Sammlungsstrategien europäischer Museen in der NS-Zeit (Krefeld, Deutsches Textilmuseum, 08.09.2017). In: ArtHist.net, 31.01.2018. Letzter Zugriff 12.12.2018. <https://arthist.net/reviews/17268>.

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Bericht veröffentlicht am: 31.01.2018

Redaktion: Hans Georg Hiller von Gaertringen

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