4. Internationales Doktorandenforum Kunstgeschichte östliches Europa, HU Berlin

Humboldt-Universität zu Berlin, 28.04.2017

Bericht von: Jan Elantkowski / Orsolya Szender, Humboldt-Universität zu Berlin

Viertes Internationales Doktorandenforum Kunstgeschichte des östlichen Europas

Veranstalter: Michaela Marek; Katja Bernhardt, Jan Elantkowski
Institut für Kunst- und Bildgeschichte, Humboldt-Universität zu Berlin
Datum: 28. April 2017

[Tagungsbericht im Auftrag der Veranstalter]

Bereits zum vierten Mal trafen sich am 28. April 2017 junge Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler zum Internationalen Doktorandenforum Kunstgeschichte des östlichen Europas in Berlin. Eingeladen hatte, wie auch in den Jahren zuvor, die Professur für Kunstgeschichte Osteuropas der Humboldt-Universität zu Berlin. Viele der rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen ein wiederholtes Mal. Vier Themenblöcke, ein Block mit dreiminütigen Kurzpräsentationen von Dissertationsprojekten und anregende Diskussionen gaben erneut Einblick in die thematisch und methodisch breit gefächerte Nachwuchsforschung zur Kunstgeschichte des östlichen Europas. Entsprechend weit war auch der Bogen, der mit den Themenblöcken gespannt wurde. Er reichte von der Ikonografie hussitischer Bildwerke über die Präsentation von Schamanismus in Museen Sibiriens im Zarenreich bis zur Frage der Rekonstruktion von ‚Light Environments‘ im Ungarn der 1980er Jahre. Die in den neun Referaten vorgestellten Forschungsgegenstände regten aufgrund ihrer medialen Spezifik und ihrer engen Verzahnung mit anderen Fachdisziplinen zur Reflexion und Diskussion methodischer Probleme an.

In der Zusammenschau der Referate, der Kurzpräsentationen und der eingereichten Exposés, die mit Genehmigung der Autorinnen und Autoren auf den Seiten des Doktorandenforums veröffentlich wurden, zeigt sich eine große Bandbreite der Forschungsgegenstände und Herangehensweisen.[1] Grundlegende kunsthistorische Methoden und Fragestellungen werden mit neuen Perspektiven und analytischen Zugängen sowie Anregungen aus benachbarten Disziplinen erkenntnisreich verbunden. Dabei lassen sich thematische Schwerpunkte und favorisierte Untersuchungszeiträume erkennen. So ist das Interesse an den Strategien der Konstruktion nationaler Identität nach wie vor ungebrochen.[2] Zu der hier stark präsenten architekturgeschichtlichen Forschung treten Studien über Kunstsammlungen und das Mäzenatentum hinzu. Eine ähnlich große Aufmerksamkeit erfährt die Kunst des 20. Jahrhunderts. Das Themenspektrum ist hier stark differenziert, jedoch stehen nach wie vor die Neoavantgarden und die sogenannte ‚inoffizielle‘ Kunst der 1960er bis 1980er Jahre im Fokus. Das zunehmende Interesse an der Performancekunst ist mit einer hohen Sensibilität für die Spezifik der methodischen und quellenbezogenen Probleme verbunden, wovon die drei Referate des ersten Themenblocks Zeugnis ablegten. Sie präsentierten Dissertationsthemen, deren Bearbeitung aufgrund der Besonderheit des Untersuchungsgegenstandes nach einem gleichermaßen strengen wie kreativen Umgang mit dem methodischen Apparat verlangt. Alle drei Beiträge präsentierten gewissermaßen eine Spurensuche, die die Fragen nach der Rekonstruierbarkeit vergangener oder per se flüchtiger künstlerischer Phänomene provoziert.

JULIANE DEBEUSSCHER (Barcelona) sprach in ihrem Vortrag „The Circulation of Unofficial Art from Central Europe across the Iron Curtain: International Exhibitions and Transnational Networks between 1970 and 1989“ über die Präsenz und Wahrnehmung von Kunst aus dem sozialistischen Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen im westlichen Europa. Anhand der 10. „Biennale de Paris“ und der „Biennale del Dissenso“ in Venedig, beide 1977, problematisierte sie das Verhältnis der Künstler und Künstlerinnen zu ihren in diesen beiden Ausstellungen gezeigten Werken. Sie unterschied dabei zwischen den Begriffen „dissent“ und „dissident“, um die Verschiebung in der Rezeption und Bewertung der Kunstwerke kenntlich zu machen, die im Ausstellen der Werke im Westen beobachten werden kann.
Im Beitrag „Trace History of a Performance. The Transition by Siim-Tanel Annus 1987“ von LIIS KIBUSPUU (Tallinn) ging es um das Nachleben und die Transformationsgeschichte einer in Estland bis heute als ikonisch geltenden Performance von Siim-Tanel Annus. Die Referentin verband die materielle Dokumentation der Aufführung mit der Aufzeichnung von Erinnerungen, die die ursprüngliche Performance zu unterschiedlichen Zeiten und damit in unterschiedlichen Kontexten immer wieder neu reflektierten und kontextualisierten. Dementsprechend verstand die Referentin die Neuaufführung im Jahr 2007 als eine weitere Station eines sich beständig fortsetzenden Transformationsprozesses der einstigen Performance. In Perspektivwendung entstand so die Frage, in welchem Verhältnis die ursprüngliche Performance zu ihren eigenen Spuren und deren bspw. in der Neuaufführung sich artikulierender Rezeption steht.

Mit seinem Beitrag „A Proposal for the Methodology of Interpreting Light Environments“ präsentierte ENDRE LEHEL PAKSI (Budapest) ein in der Kunstgeschichte des östlichen Europa bis dato kaum berücksichtigtes Thema. Am Beispiel einiger Arbeiten des ungarischen Künstlers Attila Csáji zeigte der Referent, dass die historische Auseinandersetzung mit und die Interpretation von ‚Light Environments‘ bereits auf der Ebene der Gegenstandssicherung (recording) auf fundamentale Schwierigkeiten stößt. Eine Herausforderung bestehe in der Rekonstruktion der technischen Komponenten. Vor allem aber sei das Verständnis der Installationen durch den rückblickend kaum nachvollziehbaren Moment der zeithistorisch gebundenen, damaligen Wahrnehmung erschwert, deren Berücksichtigung bei der kritischen Beschäftigung mit dieser Kunstgattung jedoch von essentieller Bedeutung sei.

Trotz des großen zeitlichen Sprunges blieben wahrnehmungsspezifische Probleme auch im folgenden Themenblock, der der Kunst des späten Mittelalters gewidmet war, virulent. IRINA VON MORZÉ (Wien) stellte in ihrem Beitrag „Die Krumauer Sammelhandschrift aus der Bibliothek des Prager Nationalmuseums (Cod. III B 10) und die mit dieser Werkstatt in Verbindung stehenden Handschriften“ einen der deutschsprachigen Forschung nur wenig bekannten Codex aus den Jahren um 1420 vor. Vor dem Hintergrund ihres grundsätzlich stilkritisch orientierten, aber auch am Nutzungskontext von Codices interessierten Dissertationsvorhabens ging sie der Frage nach, inwiefern sich in den Motiven und Kompositionsschemata eine als hussitisch bestimmbare Bildsprache erkennen lässt oder ob eher von einer hussitischen Umcodierung gesprochen werden muss, die durch ikonografische Modifizierungen sowie durch den Entstehungs- und Nutzungskontext erfolgte.

In ihrem Beitrag „Großfigurige Skulpturengruppen der Passion Christi – Modalitäten religiöser Bildbetrachtung“ stellte ORSOLYA SZENDER (Berlin) lebensgroße, farbig gefasste Skulpturen des 15. und frühen 16. Jahrhunderts aus drei Kirchen der Stadt Breslau (Wrocław) vor. Die Referentin arbeitete den suggestiven Charakter und die expressive Gestaltung der Skulpturen heraus und verwies auf die Wechselwirkungen zwischen den Gestaltungsmodi der Bildwerke und ihren religiösen Funktionen. Mit Blick hierauf betonte sie die zentrale Bedeutung der ursprünglichen Standorte. Vorgestellt wurde ein methodischer Zugang, der die Analyse der Gestaltungsmittel, die Berücksichtigung der Ikonografie sowie rezeptionsästhetische Ansätze mit der frömmigkeitsgeschichtlichen Kontextualisierung der Skulpturen kombiniert.

Im Folgenden standen die Architektur und ihre mediale Rolle im Fokus. FRANK ROCHOW (Frankfurt/Oder) legte seinem Referat die These zu Grunde, dass nach den Aufständen von 1848/49 das habsburgische Herrscherhaus bemüht war, in den Städten des Reiches Macht zu demonstrieren und sich hierfür forciert des Baus militärischer Anlagen bediente. Am Beispiel der Stadt Lemberg (L’viv) fragte der Referent, inwieweit und in welcher Art die durch Größe, stilistische Mittel und die topografische Lage exponierten Neubauten die Erscheinung der Stadt veränderten und dabei die räumlichen Beziehungen derselben neu justierten.

Der nachfolgende Beitrag war auf die später einsetzende Suche nach einem nationalen Stil gerichtet, und zwar mit Blick auf das Königreich Rumänien. In seinem Beitrag „Europe in the Balkans: The Creation of a National Architectural Heritage in Modern Romania (1875–1918)” betonte COSMIN MINEA (Birmingham), dass die Aneignung der Baudenkmäler und die damit verbundene Ableitung eines rumänischen Stils wesentlich unter Rezeption, Anwendung und Kritik von architekturtheoretischen und -geschichtlichen Konzepten erfolgte, die ihren Ursprung in Frankreich oder in deutschsprachigen Gebieten hatten. Ziel sei es gewesen, eine gleichermaßen europäische wie nationale Architektur zu entwerfen. Auch wenn etwa französische Architekten unmittelbar an diesem Prozess beteiligt waren, so sei den Akteuren vor Ort dennoch die führende Rolle zugekommen.

Die beiden anschließenden Beiträge blieben in dem zuvor umrissenen Zeithorizont, wandten sich jedoch anderen Medien zu. In ihrem Vortrag „Syberian Shamanism in Late Imperial Russian Museums“ analysierte MARISA KARYL FRANZ (Toronto) anhand von Briefen, Archivalien, Fotos sowie religiösen Kleidungsstücken das Wechselverhältnis von Sammler und Artefakten. Sie schlug vor, das Sammeln indigener religiöser Artefakte in den Museen in der Provinz des Zarenreiches weniger als eine romantisierende Form der Auseinandersetzung mit dem ‚Primitiven‘ zu begreifen. Vielmehr habe es sich um Institutionen gehandelt, in denen in der sachlichen, wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Material die einheimische Kultur vermessen und angeeignet worden sei. In diesem Sinne hätten Modernisierung und Kolonisierung Sibiriens ineinandergegriffen.

Der abschließende Beitrag „The Emergence of Photographic Collecting as Knowledge Accumulation: ‘Latvian Types’ by Jānis Krēsliņš (1865–?)” von BAIBA TETERE (Riga/Greifswald) nahm den thematischen Faden unmittelbar auf, indem auch hier eine dem eigenen Anspruch nach wissenschaftliche Erfassung einheimischer Bevölkerung besprochen wurde. Dabei änderte sich die Perspektive jedoch insofern, als die vorgestellte Fotoserie „Lettische Typen“ (1896) ein Auftragswerk für die in Riga angesiedelte „Lettische Gesellschaft“ selbst war. Die Referentin diskutierte das Wechselverhältnis von ethnografischem Anspruch und den genutzten Bildformen respektive -konventionen und begriff hiervon ausgehend die so entstandenen fotografischen Arbeiten als Akkumulation des zeitgenössischen Wissens.

Die im Anschluss an das Tagungsprogramm im Rahmen eines Ausstellungsbesuches (Maria Nitulescu: „Capturing Emotions“) und Empfangs im Rumänischen Kulturinstitut Berlin rege fortgeführten Diskussionen zeigten erneut den Impuls, den das Veranstaltungsformat des Doktorandenforums dem wissenschaftlichen Austausch auf dem Fachgebiet der Kunstgeschichte des östlichen Europas zu geben vermag. Umso erfreulicher ist es, dass die Veranstaltung auch in diesem Jahr eine großzügige finanzielle Unterstützung durch das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderte Netzwerk CENTRAL sowie durch das Internationale Büro der Humboldt-Universität zu Berlin erhielt.

Das detaillierte Programm der Tagung findet sich unter:
https://arthist.net/archive/15145


Anmerkungen:

[1] Vgl. http://www.kunstgeschichte.hu-berlin.de/institut/lehrstuehle/lehrstuhl-fuer-kunstgeschichte-osteuropas/internationales-doktorandenforum/4-internationales-doktorandenforum-kunstgeschichte-des-oestlichen-europas/26805-2/

[2] Vgl. hierzu die Tagungsberichte zum Doktorandenforum 2015 und 2016: https://arthist.net/reviews/11573/mode=conferences, http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6701.

Empfohlene Zitation:
Jan Elantkowski / Orsolya Szender: [Tagungsbericht zu:] 4. Internationales Doktorandenforum Kunstgeschichte östliches Europa, HU Berlin (Humboldt-Universität zu Berlin, 28.04.2017). In: ArtHist.net, 20.11.2017. Letzter Zugriff 12.12.2017. <https://arthist.net/reviews/16785>.

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Bericht veröffentlicht am: 20.11.2017

Redaktion: Steffen Haug

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